Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. April 1903 - 6. Mai 1959

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Das Selbstbild der RGO. Zeichnung aus einem Flugblatt der Berliner RGO, das 1931/32 verbreitet wurde.
(Quelle: US-National Archives and Records Adminstration, Washington (NARA), T 175, Roll 320)

Das Selbstbild der RGO. Zeichnung aus einem Flugblatt der Berliner RGO, das 1931/32 verbreitet wurde. (Quelle: US-National Archives and Records Adminstration, Washington (NARA), T 175, Roll 320)

Der Zahnradfräser Paul Schmidt wurde am 18. April 1903 geboren. Ab 1928/29 betätigte er sich für die RGO-Metall. 1931 wurde er Mitglied des EVMB. Im EVMB-Widerstand betätigte sich Schmidt als Kurier. Nach einer kurzen Haftzeit im Konzentrationslager Oranienburg und im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit wurde Schmidt zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Moinaten Haft verurteilt. Nach 1945 war Schmidt Mitglied des FDGB und der SED. Er starb am 6. Mai 1959 in Berlin (Ost).

Von Stefan Heinz

Paul Schmidt wurde am 18. April 1903 als Sohn der ledigen Anna Borkaum, geborene Kaufmann, in Greifswald geboren. Im Jahr 1910 kam Schmidt nach Berlin, wo er die Volksschule besuchte. Nach der Heirat seiner Mutter, adoptierte deren neuer Ehemann den inzwischen 14-jährigen Jungen. Schmidt erklärte später: „Nach meiner Schulausbildung wandte ich mich der Metallindustrie zu, in der ich als Zahnradfräser in den verschiedensten Autofabriken arbeitete.“ (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 9075) 1924 heiratete Paul Schmidt seine 1901 geborene Freundin Erna Erdmann. Zwei Jahre später kam der Sohn Hans zur Welt.

Die politische Laufbahn von Paul Schmidt begann 1926 bei der „Müller und Könige Zahnräderfabrik“. Er beteiligte sich an Streikaktivitäten und führte nach eigenen Angaben die gesamte Belegschaft 1929/30 in die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO). Auch wenn Schmidt kein Mitglied der KPD war, stand er der revolutionären Partei nahe. Paul Schmidt gehörte zur Gruppe radikalisierter Arbeiter, die auch von einer Gewerkschaft „revolutionäre Arbeit“ verlangte. Deshalb entschloss er sich 1931, dem „roten Metallarbeiterverband“ beizutreten. Da in seinem Betrieb zahlreiche Kommunisten ähnlich dachten wie er, sah Schmidt dort eine Chance, den Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) zu einer starken Interessensvertretung auszubauen. Während sich die Kommunisten vor allem durch die exzessive Streikpolitik des Verbandes insgesamt von den Arbeitermassen isolierten und gerade aus Großbetrieben herausgedrängt wurden, konnte der EVMB mit seiner klassenkämpferischen Theorie und Praxis bei den Kollegen von Schmidt, die hoch qualifizierte Facharbeiter waren, Sympathien sammeln.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten arbeitete Schmidt illegal als Kurier für den EVMB. Allerdings machte er bei einem Verhör der Gestapo die Aussage, dass die Arbeit des EVMB in den ersten Monaten nach Januar 1933 geruht habe. Erst im Mai 1933 sei der Plan gefasst worden, die Tätigkeit für den EVMB wieder aufzunehmen. (Auszug Anklageschrift B, 28.03.1934, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 9075) „Ende August 1933 hat er sich dann, wie er zugibt, dem Brennig gegenüber bereit erklärt, größere Mengen Flugblätter entgegen zu nehmen und weiterzuleiten. Ihm sind dann […] im September und Oktober 1933 illegale Flugblätter gebracht worden, die von Kurieren auch wieder abgeholt worden sind. […] Dass bei dem Angeschuldigten Schmidt eine Kurierstelle für den illegalen EVMB war, ergibt sich auch aus der Tatsache, dass die Haussuchung bei ihm mehrere illegale Flugblätter (Der rote Metallarbeiter, Informationsmaterial des EVMB und Gewerkschaftszeitungen) zu Tage förderte.“ (Ebd.)

Die Gestapo verhaftete Schmidt am 10. Dezember 1933. Einen Tag später kam er ins „Hausgefängnis“ der Berliner Gestapo-Zentrale. Seine Haftdauer in der Prinz-Albrecht-Straße war jedoch nur kurz und auch bei anderen Festgenommenen in der Regel davon abhängig, wie lange die Vernehmungen dauerten. Das „Hausgefängnis“ war für die meisten festgenommenen EVMBler die erste Station eines langen Leidensweges durch andere Strafanstalten und Konzentrationslager. Paul Schmidt kam zunächst in das Konzentrationslager Columbia-Haus, wenig später in das Konzentrationslager Oranienburg. Doch auch dort blieb er nur kurze Zeit, da er etwas später erneut zum Verhör in das Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz gebracht wurde. Nach einer weiteren Haftzeit als Untersuchungsgefangener in Berlin-Moabit verurteilte ihn das Kammergericht wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu einem Jahr und neun Monaten Haft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass drei bis vier Mal ein Paket mit illegalen Druckschriften in seine Wohnung (Puttbusser Straße 48) gebracht und von dort wieder abgeholt wurde. Ferner sahen die Richter die hochverräterischen Bestrebungen noch durch weitere Umstände erfüllt: „Der Angeklagte Schmidt gibt zu, auch Beitragsmarken des illegalen EVMB gekauft zu haben, und zwar eine von Brennig und eine angeblich von einem Unbekannten in einer Gastwirtschaft. Er zahlte hierfür jedes Mal 10 Pfennig und will angenommen haben, dass aus dem Erlös der Marken gemaßregelte Kollegen unterstützt würden.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018) Die Strafe musste Paul Schmidt in der Haftanstalt Berlin-Tegel absitzen. In der Haft arbeitete er zeitweise als Schlosser oder wurde zum „Tütenkleben“ verpflichtet.

Nach der Entlassung konnte er eine berufliche Tätigkeit in der Firma „Müller und König“ wieder aufnehmen. Hier bestanden offenbar informelle Strukturen unter ehemaligen Freigewerkschaftern und Kommunisten. „In der weiteren Widerstandsbewegung beteiligte ich mich im Rahmen der Möglichkeiten […] und im Wohngebiet.“, schrieb Schmidt kurz nach Kriegsende in seinen Lebenslauf. (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 9075) Im Jahr 1940 schloss ihn die Wehrmacht vom Kriegsdienst aus und Ende 1944 wurde Schmidt wegen seiner politischen Vergangenheit sogar vom Volkssturm zurück gestellt. Die Befreiung vom Nationalsozialismus erlebte er in Berlin.

Paul Schmidt beteiligte sich nach Kriegsende am Neuaufbau, er arbeitete zunächst im Straßenkomitee im Wohngebiet (Puttbusser Straße) und übernahm die Funktion des „Hausvertrauensmannes“. Unmittelbar nach der Neugründung der KPD trat er der Partei bei und arbeite für sie in seinem Wohngebiet. Im Herbst 1945 trat in den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) ein und übernahm eine Basisfunktion als Kassierer. Dann meldete sich Schmidt zum Aufbau einer neuen Verkehrspolizei in Berlin. Er stellte rückblickend fest: „Ende 1948 wurde ich auf Anweisung der französischen Besatzungsbehörde aus dem Dienst der Polizei des französischen Sektors entlassen und nach Absolvierung der Parteischule in Kaulsdorf von der Volkspolizei des demokratischen Sektors übernommen und begann meinen Dienst in der […] Verkehrsbereitschaft.“ (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 9075)

Paul Schmidt siedelte 1950 in den Bezirk Weissensee nach Ostberlin um und beteiligte sich neben seiner Tätigkeit für die Polizei am Parteileben der SED. Er verstarb am 6. Mai 1959.

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Quellen:

  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 9075 (OdF-Akte).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch KZ Columbia-Haus).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/32/1, Bl. 332; Nr. 3/34, Bl. 143 ff. (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 231.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 7, Berlin 2002-2005, S. 97.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 133.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 188.

Soziale/Regionale Herkunft: Greifswald

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; Lehre als Zahnradfräser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1928/29: RGO-Basisfunktionär; 1930-1933: EVMB-Basisfunktionär; 1933: Kurier für den illegalen EVMB

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: nicht bekannt

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: 1933: Kurier für den illegalen EVMB

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 10. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 11. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis zum 26. Juni 1934; anschl. bis 1935: Strafgefängnis Berlin-Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Basisfunktionen in KPD, SED, FDGB u.a.

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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