Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
26. August 1884 - ?

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Der Dreher Albert Schamedatus wurde am 26. August 1884 geboren. Am Umsturz während der Novemberrevolution 1918 war er aktiv beteiligt. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der KPD, wandte sich aber von der Partei ab, als diese ihre ultralinke Ausrichtung relativierte. Für den EVMB kandidierte Schamedatus als “roter Betriebsrat”. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war er in den illegalen “Kurier-Apparat” des Verbandes eingebunden.

Von Stefan Heinz

Albert Schamedatus kam am 26. August 1884 zur Welt. Nach dem Besuch der Volksschule lernte er das Dreherhandwerk. Im Jahr 1907 trat Schamedatus in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) ein und wurde Mitglied der SPD. In dieser Zeit heiratete er seine Frau Else, geborene Hanke. Am 28. Dezember 1912 wurde der gemeinsame Sohn Heinrich geboren.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges schloss sich Albert Schamedatus der USPD an und wurde im Zuge der Novemberrevolution Mitglied des provisorischen Arbeiter- und Soldatenrates in Berlin, der sich auf Initiative der „Revolutionären Obleute“ gegründet hatte. Unter dem Vorsitz von Emil Barth (USPD) rief dieses Gremium am 9. November 1918 zum Generalstreik auf und erklärte, dass nunmehr alle gesetzgebende Gewalt in den Händen der Arbeiter- und Soldatenvertreter liege. Schamedatus setzte große Hoffnungen in die Revolution. Auf einer Versammlung im „Zirkus Busch“ wurde am 10. November 1918 ein 28köpfiger Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte gewählt, dem zur einen Hälfte Soldaten, zur anderen paritätisch Vertreter von SPD und USPD angehörten. Die Versammlung bestätigte die kurz zuvor erfolgte Bildung des „Rates der Volksbeauftragten“. Albert Schamedatus sah, wie der Vollzugsrat, der in seiner Mehrheit die Politik der SPD unterstützte, zwar formal die oberste Staatsgewalt innehatte, sein realer Einfluss jedoch begrenzt blieb, da die alten Behörden weiter arbeiten konnten. Der Ende Dezember 1918 tagende Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte endete mit dem Beschluss, Wahlen zur Nationalversammlung durchzuführen. Eine Entscheidung, die Schamedatus ablehnte.

Der eingeschlagene Weg zur parlamentarischen Demokratie verursachte auch den Bruch zwischen USPD und SPD. Die Mitarbeit in einem für die Übergangszeit eingesetzten Zentralrat, der die Überwachung des Parlaments ausüben sollte, wurde von den Anhängern des Rätegedankens wie Schamedatus boykottiert. Er war enttäuscht über die Ergebnisse der Revolution und schloss sich dem radikalen „Spartakusbund“ an, der die Frage der Fortführung der Revolution klar mit „ja“ beantwortete und für den jede Form von Rätedemokratie mit einer Vergesellschaftung der Schwerindustrie und des Großgrundbesitzes einherging.

Nach der Anfang 1919 vollzogenen Trennung des „Spartakusbundes“ von der USPD und der Gründung der KPD, hoffte Schamedatus darauf, dass seine neue Partei die unvollendete Revolution weiterführen werde. Die KPD propagierte zeitweise sehr offen, sie wolle durch einen Umsturz an die Macht kommen. Als die Kommunistischen Internationale (KI) im August 1925 die erst wenige Wochen zuvor gewählte „ultralinke“ Parteiführung absetzte und eine gemäßigtere Politikrichtung forderte, setzten interne Kämpfe in der Partei ein. Eine „unrevolutionäre“ KPD hatte sich offenbar auch nach Ansicht von Schamedatus von Vorstellungen des „Spartakusbundes“ entfernt, so dass er nur den Austritt als persönlich zu ziehende Konsequenz ansah. Die KI beklagte zudem gewerkschaftsfeindliche Tendenzen und verlangte einen besseren strategischen Umgang mit der Sozialdemokratie. Im Unterschied zu früheren Schwankungen in der Parteilinie, als jeder Wechsel mit der Stimmung in der KPD-Mitgliedschaft korrespondierte, war der Kurswechsel 1925 zu einem Zeitpunkt gekommen, als sich lediglich in den führenden Gremien der KPD eine Mehrheit für die realpolitischere Linie der KI abzeichnete. Insbesondere in Berlin gab es starke oppositionelle Tendenzen gegen die neue Ausrichtung, mit deren Umsetzung auch Schamedatus nichts mehr zu tun hatte.

Der politische Weg von Albert Schamedatus führte ihn erst 1930 wieder zurück in die KPD, gerade weil diese ab 1928 wieder auf eine offen „ultralinke“ Politik umgeschwenkt war. Mit der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) und ihrem heftig geführten Kampf gegen die angeblich „sozialfaschistische Gewerkschaftsbürokratie“ war die Partei aus Sicht von Schamedatus wohl wieder auf den richtigen revolutionären Weg zurückgekommen. Für die RGO und den Ende 1930 gegründeten Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) war Schamedatus „roter Betriebsrat“ im AEG-Apparatebau (Brunnenstraße). Auch der Sohn Heinrich organisierte sich in einer Jugendsektion der „Kampfgewerkschaft der Berliner Metallarbeiter“, die in einzelnen Abteilungen der AEG-Betriebe zeitweise über erheblichen Anhang verfügte.

Ende 1932 übte die KPD im Zuge stärkerer Bemühungen um eine „Einheitsfront von unten“ Kritik an der „Sektiererei“ des EVMB gegenüber Freigewerkschaftern und Sozialdemokraten. Die Partei verlangte, dass sich der Verband vor allem auf die Organisierung der Opposition innerhalb des DMV konzentrieren solle. Nun betrachtete sich Schamedatus nicht mehr zur KPD zugehörig. Walter Ulbricht hatte zuvor auf der Fraktionskonferenz der Kommunisten im Reichskomitee der RGO die Arroganz des Verbandes als ein negatives Beispiel revolutionärer Gewerkschaftsarbeit angeprangert und festgestellt: „Sehen wir uns den EVMB in Berlin an, wenn die Genossen nicht so abgeschlossen wären, dann würden sie die Fraktionsarbeit im DMV erkennen, aber weil der Einfluss auf die Mitglieder der reformistischen Gewerkschaften fehlt, deshalb verstehen die Genossen auch nicht, warum sie mit der RGO zusammenarbeiten sollen, sie verstehen nicht, warum eine Gewerkschaftsopposition im reformistischen Verband nötig ist. […] Ich habe in Berlin kontrolliert, dass die Funktionäre des Metallarbeiterverbandes seit Monaten nicht die reformistischen Zeitungen gelesen haben. Sie haben keinen Dunst, wie man die reformistischen Gewerkschaftsmitglieder gewinnen soll.“ (Protokoll der Fraktionssitzung der Kommunisten im Reichskomitee der RGO, 23.11.1932, SAPMO-BArch, RY I 4/6/5, S. 62 ff.)

Wie zahlreiche andere Mitglieder des „roten Verbandes“ fühlte sich Schamedatus von der Partei im Stich gelassen, da sie den als „Sektierer-Haufen“ deklarierten EVMB kaum noch unterstützte und de facto eine Politik seiner Selbstaufgabe vorantrieb. Schließlich überließ die Partei den zum organisatorischen Ballast gewordenen Verband ab Anfang 1933 sich selbst. Die Mitglieder hinderte dieser Umstand aber nicht daran, nach dem Verbot kommunistischer Organisierung seine Substanz erhalten zu wollen.

Nach Angaben seiner Frau war Albert Schamedatus von Beginn an in die Widerstandstätigkeiten des EVMB involviert. Im Gegensatz zu vielen arbeitslosen Mitgliedern konnte Schamedatus weiterhin seiner beruflichen Tätigkeit als Dreher im AEG-Werk (Brunnenstraße) nachgehen. Hier kassierte er als Mitglied des „Kurier-Apparates“ Beiträge und Spenden für den illegalen Verband. Vielmehr noch war er aber ein wichtiger „Verbindungsmann“. Aus Gerichtsunterlagen geht hervor, dass ihn im September 1933 ein „Herr Meier“ im Auftrag von August Bolte bat, an die in Betrieben beschäftigten Arbeiter heranzutreten, um diese für den illegalen EVMB zu gewinnen: „Der angebliche Meier traf dann öfter mit Schamedatus zusammen und machte ihn einmal mit einem gewissen ‚Fritze’ bekannt. Im November 1933 brachte Meier einmal 10 Marken zu Schamedatus und beauftragte ihn, diese zu Fritze zu bringen, der sie in seinem Betrieb umsetzen sollte. Der Angeklagte Schamedatus führte den Auftrag aus und übergab dem Fritze bei vorher verabredeten Treffs zweimal je 5 Marken. Beim zweiten Treff zahlte Fritze an Schamedatus 1,35 RM, die den Erlös der ersten 5 Marken, die zu je 30 Pfennig verkauft worden waren, abzüglich von 10 % für Fritze, darstellten. […] In der Wohnung des Angeklagten Schamedatus wurde auch ein ‚Informationsblatt des EVMB’ vorgefunden.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018)

Zudem fanden in der Reinickendorfer Wohnung von Schamedatus (Breitkopfstraße 138) mehrfach Besprechungen zur Planung von Widerstandsaktivitäten statt. Als ein Großteil der Führungsfiguren des illegalen Verbandes im Dezember 1933 festgenommen wurde, waren auch Albert Schamedatus und sein Sohn Heinrich unter den Betroffenen. Albert Schamedatus wurde bei der Verhaftung derart misshandelt, dass später eine Erblindung beider Augen eintrat. Vater und Sohn kamen am 12. Dezember 1933 zum Verhör in das „Hausgefängnis“ der Gestapo, anschließend überstellte die Gestapo beide EVMBler in das Konzentrationslager Columbia-Haus. Danach lieferten sie die Verfolger in das Konzentrationslager Oranienburg ein. Nach kurzer Haftzeit im Lager (5. bis 19. Januar 1934) folgte eine Untersuchungshaft in Berlin-Moabit bis Ende Juni 1934. Während die Gestapo Heinrich Schamedatus keine „Tatbeteiligung“ beim illegalen Wiederaufbau des EVMB nachweisen konnte, verurteilte das Kammergericht den Vater zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe, die er in den Strafanstalten Plötzensee und Tegel absaß.

In der Haftzeit verstärkten sich seine gesundheitlichen Probleme. Über die Umstände seines Todes ist nichts bekannt. Der Sohn Heinrich verstarb am 23. Mai 1972 in Berlin-Wedding.

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Quellen:

  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch KZ Columbia-Haus).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/32/1, Bl. 219 f., 324 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • SAPMO-BArch, RY I 4/6/5 (Protokoll der Fraktionssitzung der Kommunisten im Reichskomitee der RGO, 23.11.1932).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 8840 (OdF-Akte der Ehefrau Else Schamedatus).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 229.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 7, Berlin 2002-2005, S. 38.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1992, S. 109.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 184 f. (mit fehlerhafter Namensangabe des Sohnes).

Soziale/Regionale Herkunft: Wahrscheinlich Berlin; sozialistisches Arbeitermilieu

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; Lehre als Dreher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Ab 1907: DMV-Mitglied; 1928/29: RGO-Anhänger; 1930-1933: EVMB-Mitglied und "roter Betriebsrat"

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: KPD: von 1919-1925 und 1930-1932

Politische Mandate/Aktivitäten: 1918: Arbeiterrat

Widerstandsaktivitäten: 1933: Verbindungsmann und Kurier im illegalen EVMB

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 12. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 13. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 26. Juni 1934; anschl. bis Ende 1935 Strafgefängnisse Berlin-Plötzensee und Berlin-Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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