Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
17. Januar 1906 - 23. Oktober 1944

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Helmut Podgorsky wurde am 17. Januar 1906 in Berlin geboren. Er besuchte die Volksschule und arbeitete mehrere Jahre als angelernter Dreher in verschiedenen Metallbetrieben Berlins. Für den illegalen EVMB betätigte sich Podgorsky als Kassierer. Gleichzeitig verteilte er verbotene Flugschriften. Nach einem Aufenthalt im KZ Oranienburg und in Untersuchungshaft wurde er zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Später musste er im “Strafbataillon 999” dienen. Er kam beim Kriegseinsatz 1944 ums Leben.

Von Stefan Heinz

Ende 1930 trat er in den Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) ein und organisierte sich zudem in der KPD. Für den EVMB übte er die Funktion eines Kassierers im Weißenseer Betrieb „Jaroslaw“ aus. Im Umfeld dieses Werkes blieb er auch nach dem 30. Januar 1933 aktiv. Bis Dezember 1933 soll er alle zwei Wochen Spendenmarken erhalten haben, die er zum Vertrieb bei „Jaroslaw“ weitergab. Vom Erlös behielt Podgorsky zehn Prozent, um für sich selbst Beitragsmarken zu erwerben.

Am 15. Dezember 1933 wurde Podgorsky in seiner Wohnung (Heinersdorfer Straße 4/6) festgenommen.
Nach Aufenthalten im „Hausgefängnis“ der Gestapo (15. Dezember 1933), im Konzentrationslager Columbia-Haus, im Konzentrationslager Oranienburg (6. bis 19. Januar 1934) sowie im Polizeipräsidium Alexanderplatz (19. bis 22. Januar 1934) kam Podgorsky in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit. Am 26. Juni 1934 wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Berliner Kammergericht sah es als erwiesen an, dass er von Rudolf Wilhelm zweimal zwölf Exemplare des „EVMB-Informationsmaterials“ erhalten und dieses zur Verteilung weitergereicht hätte. Die Richter konstatierten: „Podgorsky war sich, wie er zugibt, darüber im klaren, dass die Kassierung von Geldern für den illegalen EVMB verboten und strafbar und dass der Inhalt des von ihm weitergegebenen ‚Informationsmaterials des EVMB’ revolutionär war.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018).

Nach Ende der Gefängnisstrafe, die Podgorsky in den Strafanstalten Plötzensee und Tegel verbüßen musste, arbeitete Podgorsky wieder als Dreher. Er stand noch einige Zeit unter Polizeiaufsicht. Seine drei Jahre jüngere Ehefrau Erna, geborene Hülse, brachte am 15. Januar 1943 den gemeinsamen Sohn zur Welt. Doch die Freude über die Geburt währte nicht lange. Am 4. Februar 1943 zog die Wehrmacht Podgorsky in das „Strafbataillon 999“ ein, obwohl er zuvor mit dem Status „wehrunwürdig“ belegt worden war. Am 17. Oktober 1944 erhielt Erna Podgorsky eine letzte Nachricht von ihrem Mann. Helmut Podgorsky befand sich zu diesem Zeitpunkt in Ostpreußen, wo er seit 23. Oktober 1944 als vermisst gilt.

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Quellen:

  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/3, Bl. 177; Nr. 3/26, Bl. 148, 183 ff.; Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/8/2, Bl. 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 15053 (OdF-Akte von Erna Podgorsky).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 227.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 6, Berlin 2002-2005, S. 67.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1992, S. 19.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Prenzlauer Berg und Weißensee, Berlin 2000, S. 120.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 182.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Schulbesuch; angelernter Dreher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1930-1933: EVMB-Mitglied

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1930-1933: KPD-Mitglied

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: 1933: Betätigung im illegalen EVMB; Vertrieb von Beitragsmarken

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 15. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 15. Dezember 1933 - 6. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 6. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis zum 26. Juni 1934; anschl. bis Ende 1935: Strafgefängnisse Plötzensee und Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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