Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
2. September 1892 - 10. Februar 1956

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Am 2. September 1892 wurde Georg Adolf Albert Walter in Berlin-Köpenick als Sohn eines Arbeiters geboren. Im EVMB war er Leiter einer Betriebssektion. Ab Mitte 1933 arbeitete Walter im illegalen EVMB mit. 1934 wurde er zu 18 Monaten Gefängnisstrafe verurteilt, da er sich nach Ansicht des Berliner Kammergerichts der Förderung eines “hochverräterischen Unternehmens” schuldig gemacht hatte. Nach Kriegsende lebte Georg Walter in Berlin (Ost). Er starb am 10. Februar 1956.

Von Marie-Carolyn Hars

Georg Walter wuchs in einer politisch engagierten Familie auf, der Vater war SPD-Mitglied. Von 1898 bis 1906 besuchte Georg Walter die Vierte Volksschule in Köpenick bis zur ersten Klasse, anschließend erlernte er von 1906 bis 1910 das Werkzeugmacher-Handwerk. Als Lehrling kam er 1907 zur Arbeitersportbewegung, der er bis zu ihrer Auflösung 1933 angehörte. Im Alter von 17 Jahren wurde er zum Leiter der Jugendabteilung der Arbeitersportbewegung gewählt und bekleidete bis 1933 diesen Funktionärsposten im Bezirk und im Sportkartell. An der Gründung der „Märkischen Fußballvereinigung“ war er maßgeblich beteiligt. Er gehörte ebenfalls den „Freidenkern“ an. Als Jugendlicher trat er der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) und der „Metallarbeiter-Jugend“ bei, Organisationen, von denen aus er zur SPD und zum Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) kam.

1917 aus dem Felde zurückgekehrt, trat er zunächst zur USPD über. Nach dem Hallenser Parteitag im Jahr 1920, bei dem sich der linke Flügel der Partei abspaltete und der KPD anschloss, stieß auch Georg Walter zu der kommunistischen Partei. Obwohl er auch in der Genossenschaftsbewegung mitarbeitete, lag seine Haupttätigkeit vor dem 1. Januar 1933 bei der Arbeitersportbewegung und in der Betriebsarbeit. 1930 wurde er, damals Betriebsrat in der Firma „Wolf Netter“ und in den „Jacobi-Werken“ in Berlin-Adlershof, wegen seiner oppositionellen Einstellung aus dem DMV ausgeschlossen. Zudem soll er gegen den Vorstand gearbeitet haben.

Georg Walter wurde Mitglied des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB) und übernahm dort die Leitung einer neu gegründeten Betriebssektion des Verbandes. Der EVMB war 1930 im Zuge eines Metallarbeiterstreiks von oppositionellen Mitgliedern des DMV gegründet worden, denen die Führungsspitze des DMV nicht entschieden genug gegen die Unternehmer vorging. Der EVMB stand in naher Beziehung zur KPD, der zahlreiche seiner Mitglieder angehörten.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Mitte 1933 der alte Apparat des EVMB illegal wieder aufgebaut, der bis Dezember gleichen Jahres Hunderte von alten Mitgliedern vereinigte. Am 20. Juni 1933 erfolgte Walters erste Verhaftung wegen Teilnahme an einer Funktionärs-Sitzung des mittlerweile illegalen EVMB. Am 15. Dezember desselben Jahres wurde Walter am Arbeitsplatz wegen der illegalen Weiterführung des EVMB abermals verhaftet. In der Anklageschrift vom 28. März 1934 wurde Walter und anderen Beschuldigten vorgeworfen, „1) das hochverräterische Unternehmen, die Verfassung des Deutschen Reiches gewaltsam zu ändern, vorbereitet zu haben, 2) in Tateinheit hiermit es unternommen zu haben, den organisatorischen Zusammenhalt einer anderen politischen Partei als der NSDAP aufrecht zu erhalten“. (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934, BArch, NJ 15018)

Bei Mitangeklagten von Walter wurden Schriften und Informationsmaterialien, unter anderem des EVMB vom 10. September 1933, gefunden, in denen es heißt: „Wir müssen diesen Prozess der Zersetzung der faschistischen Front dadurch beschleunigen, indem wir im Betrieb und an der Stempelstelle mit den Nazi-Anhängern diskutieren, um ihnen klar zu machen, dass Adolf Hitler nicht die Arbeiter zum Sozialismus, sondern sie nur in die Barbarei führen wird.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018).

Während des Prozesses räumte Walter ein, von 1930 bis 1931 Mitglied der KPD und gewerkschaftlich im DMV organisiert gewesen zu sein. Als Begründung für seinen Austritt aus der KPD gab er fehlende Beitragszahlungen, für den Ausschluss aus dem DMV seine oppositionellen Einstellungen an. Nach anfänglichem Leugnen gab er schließlich zu, im Oktober 1933 dem Mitangeklagten Willi Schulz 20 rote EVMB-Marken für zwei Reichsmark abgekauft zu haben. Er hätte sie jedoch nicht vertrieben, sondern verbrannt. Nach eigenen Angaben habe er die Marken nur gekauft, um seine Zustimmung zur illegalen Weiterführung des EVMB zu bekunden, unter anderem weil dieser die Familien der politischen Häftlinge unterstützte. Der Mitangeklagte Schulz gestand jedoch, Walter in drei- bis vierwöchigen Abständen mit 20 bis 30 illegalen Beitragsmarken versorgt zu haben. Er habe schließlich auch mit ihm Beiträge abgerechnet, da Walter als Verbindungsmann des illegalen EVMB fungierte. Dass Georg Walter Verbindungen zum illegalen EVMB hatte, wurde auch durch den Angeklagten Wilhelm Lentzsch eingeräumt.

Vor der Erhebung der Anklage verbüßte Walter eine Haftzeit im Konzentrationslager Columbia-Haus am Columbiadamm und rund zwei Wochen Haft im frühen Konzentrationslager Oranienburg. In der anschließenden Untersuchungshaft in Berlin Moabit wurde er mit Schlägen auf den Kopf misshandelt, um „Mitschuldige“ preiszugeben. Er verriet jedoch niemanden. Bei allen Angeklagten handelte es sich um Personen, die sich der Staatsanwaltschaft zufolge der Förderung der „hochverräterischen Ziele“ des illegalen EVMB schuldig gemacht hätten. (Ebd.) Mit weiteren Genossen wurde Georg Walter am 26. Juni 1934 vom Vierten Strafsenat des Kammergerichts Berlin wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, die er in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit und anschließend in der Haftanstalt Berlin-Tegel verbrachte. Die schlechte Versorgung im Gefängnis Moabit führte zu einer schweren Gallenentzündung und zu einem Herzschaden, der Georg Walter nach eigenen Angaben zwang, seinen Beruf als Werkzeugmacher aufzugeben.

Nach seiner Entlassung aus der Haftanstalt wurde er bei seinem früheren Arbeitgeber (nun „Mannesmann-Stahlblechbau“ in Berlin-Adlershof) eingestellt und nahm sofort wieder Verbindung zu ehemaligen Genossen auf. Nach Kriegsende erwirkte er, dass bei der Neueröffnung des Betriebs nach dem Einmarsch der Roten Armee sofort ein Betriebsrat gewählt wurde, dessen Obmann er schließlich wurde. 1950 beantragte Walter erfolgreich die Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ (OdF). Er lebte in Berlin-Köpenick und wurde Mitglied der SED, des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Georg Walter starb am 10. Februar 1956.

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Quellen:

  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/42, Bl. 226 ff.; Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/8/2, Bl. 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 10645 (OdF-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 233.
  • Müller, Werner: Lohnkampf, Massenstreik, Sowjetmacht. Ziele und Grenzen der „Revolutionären Gewerkschafts-Opposition“ (RGO) in Deutschland 1928 bis 1933, Köln 1988, S. 150 ff., 305 ff.

Soziale/Regionale Herkunft: Sozialistisches Arbeitermilieu; Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Werkzeugmacher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DMV; 1930-1933: EVMB-Mitglied und Basisfunktionär

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SAJ; 1917-1920: USPD; 1920-1933: KPD u.a.

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: 1933: Betätigung für den illegalen EVMB

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 15. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 15. Dezember 1933 - 6. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 6. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 26. Juni 1934; anschl. Strafgefängnis Berlin-Tegel bis Mitte 1935

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED- und FDGB-Mitglied u.a.

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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