Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
1. Mai 1902 - ?

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Paul Sellin wurde am 1. Mai 1902 in Torgelow (Kreis Ückermünde) als Sohn eines gewerkschaftlich organisierten Fabrikarbeiters geboren. Ab 1928 war Sellin für die RGO und ab 1930 für den EVMB aktiv. In mehreren Betrieben war Sellin Basisfunktionär in den Sektionen des Verbandes. Ab Mitte 1933 betätigte er sich als Kurier für den illegalen Verband. Daher wurde Sellin im Dezember 1933 festgenommen und kam in das KZ Oranienburg. Im Juni 1934 wurde er zu einer Haftstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt. Nach seiner Entlassung war er weiter im illegalen kommunistischen Widerstand aktiv. 1945 wurde Sellin Mitglied der SED und des FDGB. Er arbeitete zeitweise in seinem gelernten Beruf als Dreher.

Von Stefan Heinz

Nach dem Besuch der Volksschule erlernte Paul Sellin das Dreherhandwerk und trat 1918 in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) ein. Ab 1925 war er Mitglied der KPD und des Roten Frontkämpferbundes (RFB). Ein Jahr später heiratete er die zwei Jahre jüngere Gertrud Richter. Nachdem 1927 die gemeinsame Tochter Ilse zur Welt gekommen war, zogen Paul und Gertrud Sellin nach Berlin. Dort bezogen sie eine Wohnlaube in der Nähe der Landsberger Allee in Berlin-Lichtenberg. Als überzeugter Kommunist hisste Paul Sellin auf dem Dach des bescheidenen Holzhäuschens eine rote Fahne und handelte sich dadurch Ärger mit dem Verwalter der Laubenkolonie ein. Schließlich musste die Familie ihren Wohnort verlassen und zog in den benachbarten Stadtteil Prenzlauer Berg. Dort war Paul Sellin „Straßenzellenleiter“ der KPD in der Christburger Straße. Zudem betätigte er sich in der Dreherbranche des DMV. In dieser Branche übten Kommunisten seit 1919 einflussreiche Funktionen aus. Sellin engagierte sich ab 1928 für die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) und gelangte über die vom Berliner DMV abgespaltene RGO-Drehervereinigung zum Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB). Für den EVMB übernahm Sellin mehrfach Aufgaben als Basis-Funktionär in verschiedenen Metallbetrieben.

Unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 hatte Sellin unter dem Terror der Nationalsozialisten zu leiden. Seine Frau erinnerte sich später: „Mein Mann wurde flüchtig und lebte illegal. Nachts brachte ich meinem Mann dann Material, Lebensmittel […]. Im selben Jahr wurde er noch einige Male in Haft genommen, daraufhin wurde unsere Wohnung oftmals untersucht und ich in gemeiner Weise beschimpft. Ich wurde auch einige Male mit meinem Mann zum Präsidium bestellt, dort wurde ich in grober Weise verhört und bedroht. […] In der illegalen Zeit tauschten wir die Wohnung und zogen in die Forsterstraße 55 [in Berlin-Kreuzberg – S.H.].“ (Lebenslauf von Gertrud Sellin, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 22283)

Paul Sellin wurde am 11. Dezember 1934 mit dem Vorwurf einer Beteiligung an den Aktivitäten des illegalen EVMB festgenommen. Nach Verhören der Gestapo im „Hausgefängnis“ kam Sellin in das Konzentrationslager Columbia-Haus. Anschließend (vom 5. bis 14. Januar 1934) verbrachte er kurze Zeit im Konzentrationslager Oranienburg und ab 22. Januar 1934 befand er sich bis zur Verhandlung vor dem Berliner Kammergericht im Untersuchungsgefängnis Moabit. Sellin wurde angeklagt, weil er sich als Kurier der „Weiterleitung illegalen Materials“ schuldig gemacht hätte, das – wie das Gericht allen Angeklagten vorhielt – die „Aufpeitschung der Arbeiter gegen ihre Volksgenossen“ bezweckt habe.

Am 26. Juni 1934 verurteilte der Strafsenat Paul Sellin zu eineinhalb Jahren Gefängnis. In der Urteilsbegründung hieß es: „Mitte November 1933 traf der Angeklagte Sellin einen Arbeitskollegen, der ihm unter dem Namen ‚Wilhelm’ bekannt war. Dieser Wilhelm überredete ihn, kommunistisches Material als Kurier fortzubringen. Der Angeklagte Sellin, der sich darüber klar war, dass er sich durch die Annahme des Auftrages strafbar machte, lehnte zunächst ab, erklärte sich aber bei einem neuen Treff mit Wilhelm schließlich bereit, den Kurierdienst zu übernehmen. In der Folgezeit traf er sich mehrmals mit Wilhelm an einem bestimmten Treff. Wilhelm übergab ihm Päckchen mit illegalem Material, die der Angeklagte Sellin auftragsgemäß an ihm von Wilhelm mitgeteilte Adressen beförderte. Als der Angeklagte Sellin wieder einmal zu befördern im Begriff war, wurde er verhaftet. 2 Päckchen mit der kommunistischen Hetzschrift ‚Der rote Metallarbeiter’ wurden, im Hosenbund versteckt, bei ihm vorgefunden.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018)

Während der Haftzeit von Paul Sellin unterstützte dessen Frau illegal lebende Kommunisten mit Lebensmitteln und Geld. Nach der Haftentlassung arbeitete Sellin in einer Neuköllner Maschinenfabrik. 1942 wurde er erneut verhaftet, weil er Personen in seinem Umfeld von der „Unsinnigkeit des Zweiten Weltkrieges“ zu überzeugen versucht hatte und offenbar denunziert worden war. (Unterlagen des MfS, BStU, P, 9643/65) Er wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnisstrafe wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilt.

Nach seiner Haftentlassung im Jahr 1944 nahm er die illegale Arbeit in einer kleinen kommunistischen Gruppe bis zum Kriegsende wieder auf. 1945/46 arbeitete Sellin in den Bezirksverwaltungen Berlin-Kreuzberg und -Mitte. Anschließend übte er Tätigkeiten im Strafvollzugswesen aus, vorwiegend in Luckau. Ab 1948/49 war Sellin im Justizwesen von Berlin (Ost) beschäftigt. In dieser Zeit studierte er Jura und arbeitete als angehender Staatsanwalt. Sellin wurde jedoch bereits 1950 von dieser Tätigkeit entbunden, da er die Abschlussprüfung nicht bestanden hatte. Anschließend arbeitete er zunächst als Sachbearbeiter für Rechtsfragen beim Magistrat von Berlin (Ost). Da diese Stelle 1955 gestrichen wurde, nahm er eine Arbeitsstelle als Dreher und technischer Assistent an. Bis in die 1960er Jahre war Sellin im VEB-Werk für Signal- und Sicherungstechnik in Berlin-Treptow beschäftigt, wo er nun mit seiner Frau lebte. Seit 1945 war Sellin Mitglied der SED und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Der weitere Lebensweg von Paul Sellin konnte nicht rekonstruiert werden.

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Quellen:

  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BStU, MfS, P 9643/65 (Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/3, Bl. 428; Nr. 3/30, Bl. 169; Nr. 3/31, Bl. 79 f. (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 22283 (OdF-Akte von Gertrud Sellin).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 231.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 7, Berlin 2002-2005, S. 227.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Kreuzberg, Berlin 1997, S. 108 f.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 191.

Soziale/Regionale Herkunft: Torgelow

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; Lehre als Dreher; tätig als Dreher; nach 1945: Verwaltungsangestellter u.a.

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1918-1929: DMV-Mitglied; 1930-1933: EVMB-Mitglied; 1930-1933: EVMB-Basisfunktionär

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1925-1933: KPD-Mitglied und zeitweise Straßenzellenleiter; 1925-1929: RFB-Mitglied u.a.

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: 1933: Betätigung für den illegalen EVMB als Kurier, Weitergabe von Propagandamaterialien; 1935-1942/1944-1945: mit Unterbrechungen in kleinen kommunistischen Zirkeln aktiv

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 11. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 12. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar bis 14. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 26. Juni 1934; Juni 1934 - Mitte 1935: Strafgefängnis Tegel; 1942-1944: erneute Inhaftierung

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED- und FDGB-Mitglied u.a.

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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