Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
14. Dezember 1874 - 7. Juli 1954

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Friedrich Thiele.
Quelle: PA David Frechenhäuser.

Friedrich Thiele. Quelle: PA David Frechenhäuser.

Von David Frechenhäuser

Friedrich Thiele wurde am 14. Dezember 1874 als Sohn des Landwirts Friedrich Thiele in Bliesendorf bei Werder (Havel) geboren. Nach Abschluss der Volksschule im Jahre 1889 suchte er vergeblich eine Lehrstelle als Maurer. So verdiente Thiele sein erstes Geld als Arbeiter im Tonabbaugebiet bei Glindow. Erst 1891 erhielt er die ersehnte Stelle als Maurerlehrling bei einem Glindower Bauunternehmer. Nach bestandener Gesellenprüfung arbeitete Thiele dort weitere vier Jahre, bevor er 1898 beschloss, auf Berliner Baustellen seinen Lohn zu verdienen. Im gleichen Jahr heiratete er die 24-jährige Wilhelmine Heese und zog in ihr Heimatdorf Göhlsdorf bei Werder (Havel). In den folgenden Jahren sah sich das Ehepaar jedoch nur selten, da der Maurergeselle werktags in Berlin arbeitete.
Wahrscheinlich trat er auch in dieser Zeit in die SPD und den Deutschen Baugewerksbund ein, für den er als Vertrauensmann in Göhlsdorf an mehreren regionalen Sitzungen teilnahm. Die aktive Gewerkschaftsarbeit beendete Thiele, als er sich Ende 1908 entschied, ein kleines Bauunternehmen zu gründen.
Im Oktober des ersten Kriegsjahres 1914 wurde das einzige Kind, eine Tochter, geboren. Aufgrund eines Herzleidens zog man Thiele erst 1916 zum Kriegsdienst ein. Er konnte jedoch schon frühzeitig das Militär verlassen, da er in die Zementfabrikation Bergerdamm bei Nauen abkommandiert wurde: Obwohl schon mehrere Jahre erfolgreich als Bauunternehmer tätig, gab er sich als Maurergeselle aus, weil diese dringend gesucht wurden. Nach Kriegsende kehrte Thiele zu Fuß nach Göhlsdorf zurück und zog sich dabei eine Nervenentzündung zu. Eine deshalb zwei Jahre später erfolgte Operation führte zu lebensbedrohlichen Komplikationen und hinterließ eine Gehbehinderung. Diese hielt ihn jedoch nicht davon ab, seine Tätigkeit als Bauunternehmer wieder aufzunehmen und sich parteipolitisch zu engagieren: 1919 wurde der Sozialdemokrat Mitglied des Kreistags von Zauch-Belzig, und 1921 wählte ihn die Gemeinde von Göhlsdorf einstimmig zum Gemeindevorsteher. Diese beiden Ämter hatte er bis zum März 1933 inne.
Am 21. März 1933, dem so genannten „Tag von Potsdam“, an dem der neue Reichstag durch einen Staatsakt feierlich eröffnet wurde, sagte Friedrich Thiele nach Aussagen der Tochter wörtlich im Kreise seiner Familie: „Da mache ich nicht mehr mit.“ Noch am selben Tag diktierte er seiner Tochter einen Brief, der an den Landrat von Zauch-Belzig adressiert war. Darin bat er um Entlassung aus seinem Amt als Gemeindevorsteher. Des Weiteren bat er, dass die Gemeindekasse überprüft und abgeholt werden solle. Dieser mutigen Tat folgte eine weitere: Thiele suchte im Mai 1933 eine Ortsversammlung der NSDAP auf und fragte nach, ob eine offene Diskussion zugelassen sei. Er wurde sofort des Saales verwiesen. Thiele löste mit seinem Verhalten eine Reihe von Anschuldigungen aus, die ihn später in das Konzentrationslager bringen sollten. Die erste Reaktion war ein Artikel in einer lokalen Tageszeitung vom Mai 1933. Darin hieß es unter anderem: „Bei allen vorhergegangenen Versammlungen richtete sich nämlich alles nach dem allmächtigen Führer und König von G. [Göhlsdorf, D. F.]. Wenn dieser es für richtig hielt, gab er von der Gaststube aus einen Wink, wodurch dann alles in den Saal strömte [...]. So manche Versammlung wurde [...] in der Gaststube abgehalten, wodurch dann seine Leute zum Anhören des Redners gezwungen wurden. Nun ist diese Zeit endgültig vorbei, und wir werden es zu verhindern wissen, dass dieser allmächtige Herr Th. [Thiele, D. F.] jemals wieder eine Versammlung der NSDAP betritt.“ (PA der Tochter Friedrich Thieles). Im Juni 1933 enthob der zuständige Landrat Thiele seines Amtes als Gemeindevertreter und entband ihn seiner Mitgliedschaft im Kreistag. Dabei ignorierte er zum einen, dass Thiele schon im März zurückgetreten war, zum anderen degradierte er ihn in dem Entlassungsschreiben vom Gemeindevorsteher zum einfachen Gemeindevertreter.
Am Abend des 27. August 1933 wurde Thiele vom örtlichen Polizeihauptmann in Handschellen abgeführt. Die erste Nacht verbrachte er im Göhlsdorfer Spritzenhaus, bevor ihn die Gestapo am folgenden Tag in das Konzentrationslager Oranienburg einlieferte. Dort beschuldigte man ihn, Gelder aus der Gemeindekasse veruntreut und Hitler als „Pollacke“ beschimpft zu haben. Nach Schilderung der Tochter soll er die Anschuldigungen entschieden von sich gewiesen haben: Er verwalte fremde Gelder gewissenhafter als sein eigenes und bestritt ebenfalls, Hitler beleidigt zu haben. Sein Protest half ihm wenig: Am 8. September 1933 wurde er in das Konzentrationslager Sonnenburg überführt. Seine Tochter wollte sich mit der Inhaftierung ihres Vaters nicht abfinden: Soeben den Führerschein erworben, fuhr sie am Tag nach Thieles Verhaftung zur Staatspolizeistelle nach Potsdam und bat den dort zuständigen Beamten der Gestapo um die Freilassung ihres Vaters. Dieser informierte sich über Thiele bei dem wachhabenden Polizeihauptmann in Belzig. Nach einem längeren Gespräch entschied er sich, ein Gesuch im befürwortenden Sinne an das Konzentrationslager Sonnenburg weiterzuleiten: Da er Friedrich Thiele nicht für gemeingefährlich halte, könne man ihn auch anders bestrafen, als ihn im Konzentrationslager, beziehungsweise im Zuchthaus zu inhaftieren.
Tatsächlich wurde Friedrich Thiele am 23. September 1933 aus dem Konzentrationslager Sonnenburg entlassen. Einzige Auflage war, sich nach der Freilassung einmal in der Woche auf der Polizeistelle Göhlsdorf zu melden. Mitgenommen von den Erlebnissen im Konzentrationslager, war er anfangs fest entschlossen, wegzuziehen oder gar zu emigrieren. Er entschied sich jedoch, in Göhlsdorf zu bleiben, da eine Flucht einem Schuldeingeständnis gleichgekommen wäre. Thiele wurde 1939 aufgrund seiner Behinderung und seines Alters nicht mehr zum Kriegsdienst eingezogen. Neben seinem Baugeschäft ging er noch ein paar Jahre der Arbeit als Bauschätzer bei der Feuersozietät der Provinz Brandenburg nach. 1945 wurde er noch einmal politisch aktiv, als er sich für mehrere Bauern aus der Gemeinde Göhlsdorf einsetzte, die nach dem Krieg enteignet werden sollten. Seine sozialdemokratische Einstellung verbat es ihm, sich der SED anzuschließen. Friedrich Thiele starb am 7. Juli 1954 in Göhlsdorf.

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Quellen:

  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Akte 3/4, Bl. 140-143.
  • Interview mit der Tochter Friedrich Thieles vom 13.9.2003 (Name bleibt auf Wunsch ungenannt).
  • PA der Tochter von Friedrich Thiele (Zeugnisse, Ausweise, Briefe und KZ-Unterlagen von Friedrich Thiele und Zeitungsartikel).

Soziale/Regionale Herkunft: Bliesendorf bei Werder (Havel); Sohn des Landwirts Friedrich Thiele

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Maurer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Deutscher Baugewerbsbund; Vertrauensmann

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1919: Mitglied des Kreistags von Zauch-Belzig; 1921: Gemeindevorsteher von Göhlsdorf

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 28. August 1933: KZ Oranienburg; 8. September 1933 - 23. September 1933: KZ Sonnenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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