Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
23. Dezember 1891 - 18. April 1966

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Passfoto von Hermann Hoffmann aus dem Antrag zur Anerkennung als "Verfolgter des Nationalsozialismus, Quelle: BLHA, Rep. 401, Nr. 2767.

Passfoto von Hermann Hoffmann aus dem Antrag zur Anerkennung als "Verfolgter des Nationalsozialismus, Quelle: BLHA, Rep. 401, Nr. 2767.

Hermann Hoffmann stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Er lernte Stereotypeur und diente im Ersten Weltkrieg als Eisenbahnpionier. Seit seiner Jugend war er politisch interessiert. Zunächst war er Mitglied der SPD, später der USPD, zuletzt der KPD. Er hatte Funktionen als Kassierer und Agitprop inne, arbeitete bei der „Roten Fahne“ und verteilte kommunistische Flugblätter. Im August 1933 kam er wegen des Verkaufs von Mitgliedsmarken der KPD in das KZ Oranienburg. 1934 verurteilte ihn das Kammergericht Berlin zu einer längeren Haftstrafe.

Von Lisa Dittrich

Am 23. Dezember 1891 wurde Hermann als zweites Kind der Familie Hoffmann geboren, die in Friedrichhagen im Kreis Niederbarnim wohnte. Der Vater Ernst Hoffmann war gelernter Zimmermann; ein Arbeitsunfall machte ihn jedoch zum Arbeitsinvaliden, so dass die fünfköpfige Familie von 10 Reichsmark wöchentlich leben musste. Als Schulkind und Jugendlicher verdiente Hermann daher mit kleineren Botengängen bereits selber Geld für die Familie.
Er hatte eine ältere Schwester, Frida, und einen jüngeren Bruder, Willy, der bereits im Alter von 12 Jahren auf Grund einer Behinderung starb.
Nach der Schule erlernte Hoffmann den Beruf des Stereotypeurs und Galvanoplastikers. Bereits in seiner Jugend las er die SPD-Parteizeitung „Vorwärts“ und führte politische Diskussionen mit seinem Vorgesetzten und Lehrmeister. Hoffmann war SPD-Mitglied, bis er 1914 auf Grund seines Missfallens über die Bewilligung von Kriegskrediten durch seine Partei aus dieser austrat.
Am 20. August 1914 heiratete Hermann Hoffmann die 21-jährige Hedwig Rodowski, nachdem bereits am 19. Oktober des Vorjahres die erste gemeinsame Tochter zur Welt gekommen war. Kurz darauf zog das Deutsche Kaiserreich ihn als Eisenbahnpionier für den Ersten Weltkrieg ein. Hermann Hoffmann blieb bis Kriegsende auf diesem Posten und kehrte dann zu seiner jungen Familie zurück. Am 6. März 1921 kam der erste Sohn des Paares, Günter, und am 24. Februar 1923 der zweite Sohn, Gerhard, auf die Welt.
Nach Kriegsende bereits war Hermann Hoffmann der USPD beigetreten, für die er in Friedrichshagen eine Funktion als Unterkassier ausübte. Doch schon bald wechselte er erneut die Partei: Im Anschluss an den Parteitag der USPD im Oktober 1920 trat Hoffmann wie viele seiner Genossen in die KPD ein.
Wegen revolutionären gewerkschaftlichen Engagements wurde Hoffmann im Jahre 1923 für 14 Tage inhaftiert. Daraufhin schloss ihn der Verband Deutscher Buchdrucker, dem Hoffmann angehörte, aus der Organisation aus. Später wurde er Mitglied der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO1).

In den Zwanziger Jahren zog Hermann Hoffmann mit seiner Familie von Friedrichshagen nach Bohnsdorf bei Berlin-Grünau, wo er seine politischen Aktivitäten fortführte. Er betätigte sich in verschiedenen Vorfeldorganisationen der KPD wie der Roten Hilfe, der Internationalen Arbeiterhilfe und dem Rotfrontkämpferbund. Ab 1928 arbeitete er in der Druckerei der KPD-Parteizeitung „Rote Fahne“ im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin. Hin und wieder schrieb er kleinere kritische Artikel über den Nationalsozialismus. Aus der Druckerei brachte er kommunistische Flugblätter mit. Seine Frau nahm diese dann am nächsten Tag mit zur Arbeit und verteilte sie auf ihrem Arbeitsweg an Parteikollegen, unter anderem auch an den späteren Mithäftling von Hermann Hoffmann, Hermann Gleuer.
1931 zog Hoffmann mit seiner Familie in das eigene Haus in die Waldpromenade nach Miersdorf2. Er übernahm dort Parteifunktionen als Hauptkassierer und Agitprop der KPD-Ortsgruppe und unterhielt Kontakt zu Parteikollegen aus Wildau. Häufige Treffpunkte der Kommunisten in Zeuthen-Miersdorf waren der Dorfkrug in Miersdorf, die Gaststätte am Miersdorfer See und die Gaststätte Grahl in der Oldenburgerstraße in der Nähe des Bahnhofs von Zeuthen. Die ganze Familie Hoffmann nahm oft an Parteitreffen teil und fuhr teilweise bis nach Rauchfangswerder über den Zeuthener See. Dort sprach von Zeit zu Zeit der KPD-Funktionär Ernst Thälmann anlässlich politischer Versammlungen und Ereignisse.

Seine Tätigkeiten führte Hoffmann nach der Machtergreifung Hitlers illegal weiter. Er blieb als Kassierer der Ortsgruppe im Amt, sammelte Gelder von den Parteikollegen und bezog Mitgliedsmarken. Am 8. August 1933 verhaftete ihn die Polizei auf seiner Arbeitsstelle im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin. Seine Familie erfuhr zunächst nichts von der Verhaftung. Erst als Hedwig Hoffmann am nächsten Tag zur Arbeitsstelle ihres Mannes nach Berlin fuhr, erfuhr sie: “Hoffmann ist nach Oranienburg gebracht worden3“.
Im Konzentrationslager Oranienburg war Hoffmann wie die anderen Gefangenen Prügeln und Misshandlungen der SA ausgesetzt, die teilweise so schwer waren, dass er einen Herzriss erlitt. Mitte September 1933 wurde der Gefangene in das KZ Sonnenburg überführt, aus dem er an Heiligabend 1933 freikam. Nach seiner Entlassung stand Hoffmann unter Polizeiaufsicht und musste sich zweimal täglich in Wildau bei der Polizeistation melden. Während seiner Lagerhaft hatte die Polizei mehrmals die Wohnung des „Schutzhäftlings“ durchsucht. Mitgliedsausweise und weiteres kommunistisches Material hatte seine Frau bereits vorsorglich verbrannt. Die Ortspolizisten nahmen keine Rücksicht auf die Familie und hinterließen die Wohnung nach den Durchsuchungen immer völlig verwüstet. In der Schule wurden seine Kinder von Mitschülern geschlagen, Pöbeleien der Mitbürger erfolgten fast täglich.
Am 2. Mai 1934 kam Hoffmann wieder für vier Tage in Haft4. Das Berliner Kammergericht verurteilte ihn schließlich am 8. Februar 1935 wegen “Vorbereitung zum Hochverrat” zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis. Der Hauptangeklagte im ersten Prozess gegen die Kommunisten aus Zeuthen und Umgebung, Paul Mehlis, war bereits im Frühjahr 1934 zu Gefängnishaft verurteilt worden; in dem Prozess im Februar 1935 war Hermann Hoffmann gemeinsam mit Alfred Purann und Hermann Gleuerangeklagt worden.
Die “Schutzhaft” von vier Monaten und zwei Wochen wurde Hoffmann auf das Strafmaß angerechnet. Man entließ ihn bereits nach sechs Monaten Haft im Oktober 1935 wieder aus dem Gefängnis in Tegel, wo er in der Schneiderei gearbeitet hatte und bei Erdarbeiten eingesetzt worden war. Nicht nur Hermann Hoffmann kam auf Grund guter Führung früher aus dem Gefängnis frei, auch die beiden mit Mitverurteilten Purann und Gleuer erhielten nach einigen Monaten im Gefängnis Bewährung wegen guter Führung5. Während der anschließenden Bewährungsstrafe wurden Hoffmann und andere Kommunisten aus Zeuthen und Miersdorf unter Aufsicht der SA im Ort zum Bau einer Straße zum Sportplatz verpflichtet6. Außerdem bekam Hoffmann die Auflage, sich vier Wochen lang zweimal täglich und weitere vier Wochen einmal täglich bei der Polizei zu melden.
Nach der Haft verschlechterte sich die Beziehung Hermann Hoffmanns zu seiner Mutter und seiner Schwester, da die Mutter sich den Nationalsozialisten annäherte und ein Hitlerbild in ihrer Stube aufhängte. Anlässlich eines Besuchs entdeckte der Sohn das Bild und beschloss daraufhin, nicht mehr zu seiner Mutter zu fahren. Diese fürchtete ihrerseits auf Grund der Aktivitäten ihres Sohnes sei der Ruf der Familie in Gefahr7. Ähnlich erging es Hoffmann mit seinem Schwager. Nach seiner Entlassung aus dem KZ hatte er Probleme, Arbeit zu finden und bat deshalb seinen Schwager, der einen Bootsverleih am Müggelsee besaß und eine Tankstelle betrieb, um Hilfe. Dieser lehnte es jedoch ab, Hoffmann eine Arbeit zu geben8. Ein Angebot vom Arbeitsamt, bei einer Druckerei zu arbeiten, schlug er aus – die Arbeit in dem „regimetreuen“ Betrieb sollte, nach damals gängiger Praxis, seiner Kontrolle dienen. Hoffmann fand schließlich eine Anstellung bei der Firma Linde.
Seine Parteiaktivitäten setzte er trotz seiner Erfahrungen als „Schutzhäftling“ bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft illegal fort. Nach eigener Aussage sammelte Hermann Hoffmann gemeinsam mit Otto Richter9 bei den Kommunisten im Ort Geld für Reise und Verpflegung der örtlichen Juden, damit diese in die Schweiz fliehen konnten. Die jüdischen Mitbürger waren damals in einem Schuppen, nahe der Kirche in Zeuthen, untergebracht10.

Als Kommunist und ehemaliger KZ-Häftling stand Hermann Hoffmann mit seiner Familie unter ständiger Beobachtung. Der direkte Nachbar war Mitglied der SA und beobachtete die Geschehnisse bei der Familie Hoffmann genau. Besonders die Kinder Charlotte, Günter und Gerhard hatten oft Schwierigkeiten in ihrem sozialen Umfeld. Die beiden Söhne durften nicht im örtlichen Fußballverein mitspielen, weil sie nicht in der Hitlerjugend waren – später mussten alle drei Hoffmann-Kinder in die NS-Jugendorganisation eintreten. Der jüngste Sohn Gerhard berichtete dazu, sein Lehrer sei nach einer Auseinandersetzung mit einem Mitschüler aus einer nationalsozialistisch gesinnten Familie zu seiner Mutter gegangen und habe gesagt: „Ich werde sie dahin bringen, wo Sie hingehören11“.
Charlotte Hoffmann wurde schließlich bei Hermann Göring in Karinhall in der Schorfeide12 dienstverpflichtet. Die Söhne mussten in der Wehrmacht dienen. Günter nahm am Afrikafeldzug teil. Dort erkrankte er an Malaria und starb nach seiner Rückkehr an den Folgen der Krankheit. Gerhard wurde zur Luftwaffe verpflichtet und erlebte als Fallschirmjäger unter anderem die Invasion der US-Soldaten in der Normandie.

Nach dem Krieg erhielt Hermann Hoffmann eine Anstellung in der Verwaltung der Gemeinde von Miersdorf. Auch sonst war er weiterhin sehr aktiv. Er engagierte sich in der Gewerkschaftsleitung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in Miersdorf und in der Veteranenkommission des FDGB13.
Für seine Dienste erhielt er eine Ehrennadel der SED und des FDGB sowie Aufbaunadeln der Nationalen Front in Silber und Bronze.
Hermann Hoffmann starb am 18. April 1966 in Zeuthen.

1 Vgl. Angaben von Hermann Hoffmann in seinem Antrag als Verfolgter des Naziregimes; BLHA, Rep. 401, Nr. 2767. 

2 Zeuthen und Miersdorf waren bis 1957 zwei Gemeinden. 1957 wurde Miersdorf eingemeindet; die Gemeinde wurde offiziell in „Zeuthen“ umbenannt, wobei nach 1957 seitens der Bevölkerung oft von Zeuthen-Miersdorf gesprochen wurde. Zeuthen, das die „reichere“ Gemeinde war, beherbergte viel Prominenz und Wissenschaft aus Berlin. Die Lage am Zeuthener See trug dazu bei, ein betuchteres Klientel aus Berlin anzulocken. Miersdorf wurde als das „rote Miersdorf“ bezeichnet, da es hier bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche kommunistische Aktivitäten gab. Vgl. http://www.zeuthen.de/a_gemeinde/gemgesch02.html, aufgerufen am 30. Januar 2008. 

3 Interview der Verfasserin mit Gerhard Hoffmann, Sohn von Hermann Hoffmann, am 22. Januar 2008. 

4 Vgl. Aus dem Urteil vor dem Berliner Kammergericht, in: BArch, NJ 14647, Bd. 1-3. 

5 Vgl. ebd. 

6 Vgl. Interview mit Gerhard Hoffmann. 

7 Vgl. ebd. 

8 Vgl. ebd. 

9 Vgl. Angaben von Hermann Hoffmann in seinem Antrag als Verfolgter des Naziregimes. 

10 Es ist hier von einer einmaligen Aktion auszugehen, da es keinen weiteren Nachweis für eine Geld- und Lebensmittelsammlung gibt. Im örtlichen Archiv ließen sich keine Akten dazu finden und ein Gespräch mit dem “Dorfältesten” Willy Elsner im März 2008 ergab ebenfalls keinen weiteren Hinweis. 

11 Aussage Gerhard Hoffmann, der damals gerade aus der Schule kam und an der Seite seiner Mutter stand, in: Interview vom 22. Januar 2008. 

12 Karinhall in der Schorfheide liegt circa eine Autostunde von Berlin entfernt in Brandenburg. Karinhall war der private Wohnsitz von Hermann Göring, ein riesiges Anwesen mit eigener Einflugschneise und eigenen Flaktürmen.  

13 Vgl. Angaben von Hermann Hoffmann in seinem Antrag als Verfolgter des Naziregimes. 

Soziale/Regionale Herkunft: Zweites Kind des Zimmermanns Ernst Hoffmann/geboren in Friedrichshagen, Kreis Niederbarnim

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum Stereotypeur (Galvanoplastiker)

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Verband der Deutschen Buchdrucker, 1930 RGO

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1918 USPD-Mitglied und Unterbezirkskassierer/1920 KPD-Mitglied und Kassierer/Rote Hilfe, Internationale Arbeiterhilfe (IAH), Rotfrontkämpferbund

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Weiterführung der KPD

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 10. August 1933 – September 1933 KZ Oranienburg/September 1933 - 24. Dezember 1933 KZ Sonnenburg/Mai 1935 - Oktober 1935 Gefängnis Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Ortsgewerkschaftsleitung des FDGB/Veteranenkommission des FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: Ehrennadel für langjährige Mitgliedschaft in SED und FDGB/Aufbaunadeln der Nationalen Front in Silber und Bronze

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