Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
7. April 1897 - ?

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Der 1897 geborene Kommunist Georg Thiele war Mitglied des illegalen Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB). Wegen seiner Widerstandsaktivitäten wurde er Mitte Dezember 1933 verhaftet. Anfang 1934 war er im Konzentrationslager Oranienburg inhaftiert. Im Juni 1934 wurde Georg Thiele zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dem Ende der Haftzeit arbeitete er in seinem erlernten Beruf als Werkzeugmacher. Ab 1946 war er Mitglied der SED und lebte in Berlin (West), wo sich seine Spur verliert.

Von Siegfried Mielke

Georg Thiele wurde am 7. April 1897 in Mariendorf, seinerzeit Kreis Teltow, geboren. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er den Beruf des Werkzeugmachers und wohnte 1933 in Berlin-Neukölln, Knesebeckstraße 18/19. Über seine Familienverhältnisse ist lediglich bekannt, dass Georg Thiele verheiratet war. In der Weimarer Republik war er seit 1924 Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV). Politisch engagierte er sich seit 1920 in der KPD. Über seine gewerkschaftlichen Aktivitäten vor 1933 ist wenig bekannt. Nach Darstellung von Barricelli und anderen war er bereits vor 1933 Gewerkschaftsfunktionär, vermutlich des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB), was er jedoch 1934 im Prozess vor dem Kammergericht Berlin gegen die EVMB-Funktionäre bestritt. Bei den vorgezogenen Wahlen im März 1933 wurde Thiele für die KPD in die Stadtverordnetenversammlung von Berlin gewählt. Wie allen anderen kommunistischen Abgeordneten wurde auch ihm sein Mandat entzogen.

Er konzentrierte sich nun darauf, im AEG-Werk Oberschöneweide den inzwischen verbotenen EVMB neu zu organisieren. Georg Thiele, der von Wilhelm Lentzsch, dem Bruder von Rudolf Lentzsch – Leiter der illegalen Widerstandsgruppe des EVMB Berlin – angeworben wurde, übernahm im Oktober 1933 die Funktion eines Verbindungsmannes. Die Verbindungsmänner (Kassierer) in den Betrieben und Stempelstellen waren „in der Regel personengleich mit den Verbindungsmännern des Funktionärskörpers“. (Anklageschrift vom 28.3.1934, BArch, NJ 15 0 18) Zu ihren Aufgaben gehörte unter anderem „die Verbreitung des Informationsmaterials des EVMB in dem von ihnen geleiteten Bezirk“ und der Verkauf von Beitragsmarken. (Ebd.)

Folgt man der Anklageschrift des Generalstaatsanwaltes beim Kammergericht Berlin gegen Willi Schulz, Georg Thiele und andere EVMB-Mitglieder und ‑Funktionäre, dann erhielt Thiele wöchentlich zum Weiterverkauf 20 bis 30 Beitragsmarken. Der EVMB, der nach eigenen Angaben im Januar 1933 noch 9.000 allerdings überwiegend arbeitslose Mitglieder „erfasst“ hatte, rechnete im Juni 1933 noch 1.200 Mitglieder ab – eine Zahl, die trotz des Werbeeinsatzes von Thiele und anderen Funktionären stetig abnahm. Den von der KPD angestrebten Aufbau „unabhängiger Klassengewerkschaften“ vermochte der EVMB nur rudimentär umzusetzen.

Wenige Monate nach Beginn des Aufbaus des illegalen EVMB gelang den Verfolgerbehörden der entscheidende Schlag gegen diese kommunistische Gewerkschaftsorganisation. Fast der gesamte Leitungskörper der Organisation wurde im Dezember 1933/Januar 1934 verhaftet. Die meisten führenden Mitglieder dieser Widerstandsgruppe wurden vom 5. bzw. 6. bis zum 19. Januar in das Konzentrationslager Oranienburg eingewiesen. Aufgrund des Haftbefehls vom 22. Januar 1934 kamen sie bis zum Prozess in das Untersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit. Am 26. Juni 1934 verurteilte das Kammergericht Berlin Georg Thiele zu zwei Jahren Gefängnis, wobei fünfeinhalb Monate der Untersuchungshaft angerechnet wurden. Den Rest der Strafe verbüßte er im Strafgefängnis Berlin-Tegel. Nach seiner Entlassung bildete er trotz Polizeiaufsicht einen neuen illegalen Kreis mit Verbindungen zu ausländischen Zwangsarbeitern.

Nach seiner Entlassung aus dem Strafgefängnis Tegel arbeitete er wieder als Werkzeugmacher. Nach Kriegsende arbeitete Thiele im Bezirksamt Neukölln. Zunächst wurde er Mitglied der KPD, später der SED. Er blieb jedoch im Westteil Berlins und bemühte sich um eine Anerkennung als Verfolgter des Nationalsozialismus nach dem Berliner Entschädigungsgesetz. Der Antrag wurde 1953 abgelehnt, weil Thiele Kommunist war. Zu dieser Zeit arbeitete er in Westberlin bei der Bahn. Der weitere Lebensweg von Georg Thiele ließ sich nicht rekonstruieren.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 121.
  • BArch, NJ 15 0 18 (Anklageschrift, 28.3.1934, des Generalstaatsanwaltes beim Kammergericht Berlin gegen Willi Schulz, Georg Thiele und andere; Urteil des Kammergerichts Berlin, 26.6.1934, gegen Willi Schulz, Georg Thiele und andere).
  • BArch, NJ 13 3 22 (Urteil des Kammergerichts Berlin, 8.8.1934, gegen Rudolf Lentzsch, Walter Kautz und andere).
  • BArch, R 58/3329 („Schlußbericht“ der Gestapo, 13.1.1934).
  • Barricelli, Michele u.a., Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 – 1945. Ein Biographisches Lexikon, Bd. 8, Berlin 2004, S. 35.
  • Mielke, Siegfried/Frese, Matthias (Bearb.), Die Gewerkschaften im Widerstand und in der Emigration 1933-1945, Frankfurt/M. 1999 (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, hrsg. von Siegfried Mielke und Hermann Weber, Bd. 5).
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Neukölln, Berlin 1990, S. 34.
  • Ders., Widerstand in Pankow und Reinickendorf, 2. Aufl., Berlin 1994, S. 19.
  • Verein Aktives Museum e.V., Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933 bis 1945, Berlin 2007, S. 356 f.

Soziale/Regionale Herkunft: Mariendorf

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum Werkzeugmacher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1924: Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: März 1933: für die KPD als Stadtverordneter gewählt, Mandat wurde entzogen

Widerstandsaktivitäten: Verbindungsmann der illegalen Widerstandsgruppe des EVMB Berlin

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 15. Dezember 1933: Festnahme und anschl. Inhaftierung im "Hausgefängnis" der Gestapo; 6. bis zum 19. Januar 1933: Konzentrationslager Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz; anschl. Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit; anschl. Strafgefängnis Berlin-Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: KPD, SED

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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