Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
19. Mai 1881 - 19. Dezember 1958

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Albert und Klara Voß in den 1920er Jahren.
Quelle: GDW

Albert und Klara Voß in den 1920er Jahren. Quelle: GDW

Als es ab Herbst 1933 in Berlin zu Verfolgungswellen gegen illegal arbeitende Sozialdemokraten kam, die 1934 in mehreren Kammergerichtsprozessen zur Verantwortung gezogen wurden, war in der alten Berliner Arbeiterhochburg Wedding-Gesundbrunnen lediglich ein SPD-Funktionär erfasst worden. Es handelte sich dabei um den Gewerkschafter Albert Voß. Er hielt den Belastungen mehrerer brutaler Verhöre stand und machte keine belastenden Aussagen über die Aktivitäten anderer illegal tätiger Sozialdemokraten. Wer war dieser Mann, der zahlreiche Mitverschwörer seines Bezirks und Wirkungskreises – er selbst nennt die Zahl von 50 Personen – vor der Inhaftierung bewahrte?

Von Hans-Rainer Sandvoß

Albert Voß wuchs wie viele Anhänger der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen auf. Er fand durch die Not der sozialen und politischen Verhältnisse des deutschen Kaiserreichs früh Anschluss an die proletarischen Emanzipationsbewegungen. Am 19. Mai 1881 im Kreis Leobschütz (Oberschlesien) geboren, nahm er – dem eigenen Lebenslauf aus dem Jahre 1949 zufolge – mit elf Jahren erstmals an einer Maifeier teil. Festredner war der SPD-Vorsitzende Paul Singer, der während seines Vortrags unter anderem die Kinderarbeit anprangerte und bessere Schulgesetze forderte1. Bereits 1898 beteiligte sich der Heranwachsende an einer Flugblattaktion der Sozialdemokraten zur Reichstagswahl. 1902 trat Albert Voß dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) bei, ein Jahr später der SPD.

Der gelernte Werkzeugmacher machte sich als engagierter Landagitator im Kreis Landsberg-Soltin schnell einen Namen – wie sich bald zeigte, auch beim politischen Gegner. Als der Funktionär trotz „obrigkeitsfeindlicher“ SPD-Tätigkeit zum Landsturm eingezogen und sogar als einziger Angehöriger seiner „Hundertmanngruppe“ zum aktiven Dienst eingesetzt wurde, redeten ihn alle militärischen Vorgesetzten des Infanterieregiments 151 in Allenstein ausnahmslos mit „Sie“ an, da er „der bekannte Voß“ war. Im Jahr 1905, als er wieder ins Zivilleben zurückgekehrt war, engagierte er sich als Vertrauensmann in seiner Partei. Was er im Rückblick als „heroisches Zeitalter der SPD“ charakterisierte, war eine schwierige Zeit, die von sozialem Protest, Antikriegskundgebungen und Wahlrechtsdemonstrationen geprägt war2. Trotz einiger Rückschläge strömten der Partei und den Gewerkschaften scharenweise neue Mitglieder zu, die sich eine Befreiung von der Klassengesellschaft und dem Militarismus erhofften. Voß, der sich in seinem Lebenslauf von 1949 zur Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD ausschweigt, wurde nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum Militärdienst eingezogen. Zunächst blieb er in der Garnison stationiert, wurde dann 1915 reklamiert, anschließend wieder eingezogen und Ende 1916 durch einen Rüstungsbetrieb in Berlin-Spandau erneut reklamiert. Als es im Januar 1918 unter dem Einfluss der USPD-nahen „Revolutionären Obleute“ zu einer massiven Streikbewegung in Berlin kam, zeigte sich Albert Voß äußerst skeptisch. Er versuchte, eine ähnliche Entwicklung in seinem Betrieb zu verhindern, was ihm jedoch misslang. Kurioserweise wählten ihn die Beschäftigten – wohl aufgrund seines allgemeinen Ansehens – in die lokale Streikleitung. Daraufhin wurde er als vermeintlicher Rädelsführer entlassen und erneut zum Wehrdienst einberufen. Voß blieb bis zum Kriegsende im Elsass stationiert und gelangte dort schließlich in einen Soldatenrat. Zurück in Berlin, engagierte er sich in seinem Heimatbezirk Friedrichshain, einer Hochburg der USPD, an der Seite seines Freundes Eduard Bernstein für eine Wiedervereinigung der seit 1917 getrennten sozialdemokratischen Parteien3.

Im Verlauf der revolutionären Unruhen (Dezember 1918/Januar 1919) fand sich Albert Voß mit Gleichgesinnten in der Reichskanzlei zur Verteidigung der Politik von Friedrich Ebert ein. Die SPD-Führung schickte Voß Anfang 1919 als Parteisekretär nach Königsberg, wo er bis Ende Juli 1920 blieb und zuvor daran mitgewirkt hatte, dass der Kapp-Putsch in Ostpreußen ohne größeres Blutvergießen niedergeschlagen wurde. Von Dezember 1920 bis März 1921 ging der Parteisekretär als Agitationsredner nach Oberschlesien, wo es damals zu heftigen Abstimmungsdebatten in Folge des Versailler Vertrages kam. Anschließend kehrte der Funktionär nach Berlin-Friedrichshain zurück, wo er sich erneut als SPD-Abteilungsvorsitzender und schließlich als stellvertretender Kreisvorsitzender betätigte4. Diese Aufgabe übte er nach der 1922 erfolgten Wiedervereinigung mit dem „rechten“ USPD-Flügel bis 1928 aus. In diesen Jahren war Voß an den Auseinandersetzungen mit der KPD beteiligt, deren Mitglieder wiederholt Straßenaktionen und Versammlungen der SPD sprengten. Die Situation beruhigte sich erst, nachdem 1924 die Republikschutzorganisation „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ gegründet worden war und ein Gegengewicht im politischen Alltag bildete5.

Nach dem Ende seiner Tätigkeit als Parteisekretär arbeitete Voß von 1921 bis 1926 als Werkmeister bei der Firma „Knorr-Bremse“ in Berlin-Lichtenberg. Danach ging er für ein Jahr einer Tätigkeit als „Arbeitsvorbereiter“ bei der Firma „National-Krupp-Registrierkassen-GmbH“ nach. Das Jahr 1928 bildete eine Zäsur im Leben von Albert Voß: Mit seiner Frau Klara, geborene Reiß, zog er vom Osten in den Norden Berlins und eröffnete in der Antwerpener Straße 6 ein Schanklokal. Hier erlebte er die Zuspitzung der politischen Ereignisse in der Endphase der Weimarer Republik und die nationalsozialistische Machtübernahme. Sein Weddinger Lokal galt als vertrauenswürdig und sicher genug, um dem Vorstand der SPD-Reichstagsfraktion vor der Abstimmung über das sogenannte Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 als konspirativer Tagungsort zu dienen6. Der Abgeordnete und Groß-Berliner SPD-Vorsitzende Franz Künstler hatte seine Parlamentskollegen zu dem vom Stadtzentrum abgelegenen Ort geführt.

Im Frühjahr 1933 übertrugen die im Wedding ansässigen Partei- bzw. Gewerkschaftsfunktionäre Otto Frank (1874-1936) und Max Urich ihrem Genossen Voß den Auftrag, für Wedding und Gesundbrunnen die zentrale Verteilungsstelle für illegale Schriften aufzubauen und zu betreuen7. Obwohl Voß im Juni 1933 kurzzeitig durch die SA verschleppt wurde, entzog er sich der ihm übertragenen Aufgabe nicht. Im Oktober 1933 begann die Geheime Staatspolizei (Gestapo), den illegalen Apparat der Berliner SPD „aufzurollen“. Ein Kurier, Heinz Thiel, brach bei einem Verhör zusammen und benannte Voß als Koordinator für die Schriftenverbreitung in Berlin-Wedding. Am 16. Dezember 1933 kam es bei ihm zur Hausdurchsuchung8. Die Gestapo beschlagnahmte etwa 150 Bücher und Broschüren, illegales Material wurde jedoch nicht gefunden. Umso heftiger wurde dem Sozialdemokraten in der Haft zugesetzt: Zunächst stundenlanges Stehen mit dem Gesicht zur Wand und schließlich die berüchtigten „verschärften“ Vernehmungen. Albert Voß berichtete im Jahr 1949 im Lebenslauf seiner Entschädigungsakte: „Trotz Anwendung von Ochsenziemer, Gummiknüppel, Lederpeitsche und dergleichen, konnte ich mich an keinen Namen erinnern und kein Foto erkennen9.“ Auch andere Genossen und spätere Mit- bzw. Hauptangeklagte wie Theo Wiechert (1910-1946) wurden misshandelt.

Voß durchlitt mehrere Haftorte, darunter die Konzentrationslager Oranienburg und Columbia-Haus. Danach begann die vergleichsweise „zivile“ Untersuchungshaft10. In der Anklage des Generalstaatsanwaltes beim Berliner Kammergericht vom 10. März 1934 wurde Albert Voß „Vorbereitung zum Hochverrat“ vorgeworfen. Der einzige Name, der im Zusammenhang mit den Aussagen von Voß auftaucht, ist der des Kuriers Heinz Thiel. Dieser hatte sich ohnehin durch sein Geständnis bei der Gestapo erheblich selbst belastet. Ansonsten werden lediglich „Unbekannte“ erwähnt, mit denen Voß Kontakt gehabt haben wollte11. Laut seiner Aussage habe er sämtliche illegalen Schriften verbrannt, die nicht abgeholt worden seien. Darunter sollen auch Exemplare der betont revolutionären „Arbeiterzeitung“ gewesen sein, deren politische Ausrichtung Voß ohnehin nicht genehm gewesen sein soll. Diese Aussage erscheint durchaus glaubwürdig, da der Inhalt mancher in Berlin produzierter sozialdemokratischer Schriften zwar einer realen Tendenz zur politischen Radikalisierung unter jüngeren Parteimitgliedern entsprach, allerdings alten Republikanern und Reformern wie Voß missfiel. Dennoch wurde Voß am 14. Juli 1934 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt, die er im Gefängnis Tegel verbrachte. Zeitweise war sein Zellen- bzw. Traktgenosse der frühere stellvertretende Chefredakteur des „Vorwärts“, Franz Klühs, der kurz nach seiner Entlassung aufgrund der Entbehrungen in der Haftzeit verstarb.

Am Tag der Entlassung von Voß im Januar 1936, die ein heimlich aufgenommenes Foto festhielt, war seine Schankstube von Pflanzentöpfen und Schnittblumen gefüllt, berichtete seine Frau Klara bei einem Gespräch im September 198112. Franz Künstler kam sogar mit roten Nelken, obwohl diese im Winter schwer zu kaufen waren. Erst nach einiger Zeit fand der nun politisch vorbestrafte Weddinger Albert Voß wieder einen Arbeitsplatz als Werkzeugmacher in der Firma „Benzinuhren GmbH“, in der er vor Bespitzelung relativ sicher war. Es spricht für die Gesinnungstreue von Voß, dass sein Lokal nach wie vor ein wichtiger Treffpunkt von Weddinger Sozialdemokraten blieb. Jeden Anschein von vorsätzlicher Konspiration meidend, kam man regelmäßig als „Skatclub“ oder „Sparverein“ zusammen. Doch die Innenansicht auf die scheinbar harmlosen Runden verweist auf den politischen Charakter der Versammelten. Darunter waren ehemalige Angehörige des „Reichsbanner“ wie Ernst Voß (1887-1982), Erich Wienig (1897-1979) und Rudolf Schierz (1902-1981), ehemalige „Schutzhäftlinge“ wie der Parteisekretär Adolf Holz oder der Gewerkschaftssekretär Emil Barteleit und Albert Voß’ guter Freund Max Urich. Letzterer war im April 1939 aus dem Konzentrationslager entlassen worden und wohnte mit seiner Frau und seinem Sohn Werner nur etwa einhundert Meter entfernt in der Seestraße 38. Das Ehepaar Voß und andere Weddinger Genossen hatten Urichs Familie während dessen mehrjähriger Inhaftierung unterstützt13.

Im Umfeld des Lokals wohnten außerdem mehrere illegal tätige Metallgewerkschafter, so Erich Lübbe in der Genter Straße und Erich Bührig in der Lüderitzstraße14. Und mitten in diesem Netzwerk von Sozialdemokraten und Metallarbeitern befand sich das Lokal von Albert und Klara Voß, das jahrelang als Anlaufpunkt diente. Kein Wunder, dass dieser Ort nach der Befreiung von Krieg und Gewaltherrschaft erneut zum politischen Zentrum wurde. Voß erklärte 1949: „Ende Mai 1945, bevor die Bildung von politischen Parteien erlaubt wurde, begann ich, die alten Parteigenossen listenmäßig zu erfassen. Am 15 Juni waren es bereits 180. Mein Lokal war dann längere Zeit die Zentralwerbestelle für die SPD. Als von der K.P.D. die sogenannte Einigung proklamiert wurde, setzte ich mich dagegen ein. Bei mir war dann ein [Ur-]Abstimmungslokal15.“ Völlig anders verhielt sich dagegen sein Freund Max Urich, der sich – wie Klara Voß noch 1981 vorwurfsvoll kommentierte16 – in Thüringen zunächst der SED angeschlossen hatte, nach Verfolgung und Inhaftierung jedoch nach Berlin (West) flüchtete und dann in die SPD zurückkehrte.

Albert Voß stieg noch einmal in die Parteiarbeit ein und wurde Landesdelegierter der Weddinger SPD. 1953 konnte er voller Freude sein 50-jähriges Parteijubiläum begehen. Doch bereits im folgenden Jahr erlitt er einen Herzinfarkt. Auf Anraten des Arztes gab er sein Lokal auf. Am 19. Dezember 1958 verstarb Albert Voß in Berlin (West). „Mein Mann war immer für die Allgemeinheit gewesen, doch leider haben manche andere Genossen, sobald sie etwas geworden waren, den kleinen Mann nicht mehr geachtet17“, erklärte seine Witwe 1981.

1 Vgl. Bahout, Chadi, Albert Voß, in: Mielke, Siegfried (Hrsg.) i.V. mit Morsch, Günter, Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen, Bd. 3, Berlin 2005, S. 561-562; vgl. LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 9940, Lebenslauf und andere Unterlagen; vgl. LABO Berlin, Entschädigungsakte Nr. 21613, Lebenslauf und andere Unterlagen; vgl. GDW-Berlin, Interview des Verfassers mit Klara Voß (1893-1983), 01.09.1981. 

2 Vgl. ebd. 

3 Vgl. ebd.  

4 Vgl. ebd. 

5 Vgl. ebd. 

6 Vgl. GDW-Berlin, Interview des Verfassers mit Klara Voß (1893-1983), 01.09.1981. 

7 Vgl. zu Details Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 55 ff. 

8 Vgl. ebd., S. 58. 

9 LABO Berlin, Entschädigungsakte Nr. 21613, Lebenslauf; vgl. auch LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 9940, Lebenslauf. 

10 Vgl. ebd. 

11 Vgl. BArch, NJ 17574, Prozess Hodapp und Genossen; vgl. auch SAPMO-BArch, RY 1/I2/3/149. 

12 Vgl. GDW-Berlin, Interview des Verfassers mit Klara Voß (1893-1983), 01.09.1981. 

13 Vgl. ebd. 

14 Vgl. dazu auch Sandvoß, Hans-Rainer: Die „andere“ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945, Berlin 2007, S. 136 f. 

15 LABO Berlin, Entschädigungsakte Nr. 21613, Lebenslauf. 

16 Vgl. GDW-Berlin, Interview des Verfassers mit Klara Voß (1893-1983), 01.09.1981. 

17 Ebd. 

Soziale/Regionale Herkunft: Leisnitz, Kreis Leobschütz (Oberschlesien); Kind einer alleinerziehenden Mutter; sozialistisches Milieu

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Werkzeugmacher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1902 bis Juni 1922: DMV; 1923: Übertritt zum Deutschen Werkmeisterverband; Vertrauensmann

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; Bezirksleiter; 1919: SPD-Parteisekretär in Königsberg; 1923 bis 1928: Zweiter Vorsitzender der SPD-Kreisorganisation Friedrichshain

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Illegale SPD

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Juni 1933: Kurzzeitige Verschleppung durch die SA; 16. Dezember 1933: Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Str. 8; im Anschluss im KZ Columbia-Haus; 1. Januar 1934: KZ Oranienburg; 16. Januar 1933: Polizeipräsidium Alexanderplatz; Anfang Februar 1933: Untersuchungsgefängnis Moabit; anschließend Gefängnis Tegel bis Januar 1936

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SPD

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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