Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
17. September 1890 - 24. Juni 1985

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Diedrich Wagschal (Mitte) als Forstarbeiter (zwischen 1913 und 1917). Quelle: PA Bärbel Ortmann.

Diedrich Wagschal (Mitte) als Forstarbeiter (zwischen 1913 und 1917). Quelle: PA Bärbel Ortmann.

Von Astrid Radunski

Diedrich Wagschal, in vielen Dokumenten fälschlicherweise auch als Dietrich Wagschal bezeichnet, wurde am 17. September 1890 in Bremen geboren, wo er vom 6. bis zum 14. Lebensjahr die Volksschule besuchte. Über seine Eltern ist nichts bekannt. Im Anschluss an seine Schulausbildung erlernte er den Beruf des Fleischers, den er jedoch aufgrund einer Erkrankung aufgeben musste. Daraufhin begab sich Wagschal auf Wanderschaft und hielt sich unter anderem eine Zeit lang als Gehilfe auf einem Bauernhof auf, bis er im Jahre 1909 nach Mützlitz im Kreis Westhavelland kam. 1913 heiratete er dort Marie Wiedenhöft. Aus der Ehe gingen die beiden Söhne Hermann und Hans sowie die Tochter Margarethe hervor.
Im Westhavelland wurde Wagschal sowohl politisch als auch gewerkschaftlich aktiv. Von 1913 bis zum Verbot der Partei 1933 war er Mitglied der SPD. Von 1920 bis 1925 fungierte er als Vorsitzender des sozialdemokratischen Wahlvereins Mützlitz im Unterbezirk Rathenow/Westhavelland, gleichzeitig war er bis 1924 Bürgermeister der Gemeinde Mützlitz und Abgeordneter des Kreistags Westhavelland. Ebenfalls ab 1920 war Wagschal Gemeindevertreter von Mützlitz, bis er 1932 aus beruflichen Gründen nach Döberitz übersiedelte, um dort den gleichen Posten einzunehmen. Darüber hinaus gehörte Diedrich Wagschal der Freidenkerorganisation an.
Erste Kontakte zu Gewerkschaften bekam Wagschal 1913 als Mitglied des Verbandes der Land- und Forstarbeiter, in dem er jedoch keinerlei Funktionen ausübte. Mit der Aufnahme einer Tätigkeit als Hilfsmonteur in den Köln-Rottweiler Pulverfabriken in Premnitz im Jahr 1917 wechselte er zum Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands, war von November 1918 bis Januar 1919 Mitglied bzw. Vorsitzender des Arbeiterrates. Doch schon Anfang des Jahres 1919 erhielt Wagschal im Zuge der Demontage des Premnitzer Werkes seine Entlassung und arbeitete bis 1921 in einem Forst. Er trat in den Deutschen Landarbeiterverband ein und wurde in die Ortsverwaltung Brandenburg/Havel gewählt. Im Rahmen seines Engagements wurde er auch Mitglied des Schlichtungsausschusses für Land- und Forstwirtschaft im Kreis Westhavelland und war im gleichen Zeitraum Mitglied des Arbeitsgerichts Rathenow. Nach eigenen Angaben wurde er im März 1920 während des Kapp-Putsches als Organisator eingesetzt.
1921 wechselte Wagschal wieder in die chemische Industrie und nahm bis zu seiner Entlassung 1933 eine Beschäftigung bei der I.G. Farbenindustrie, Werk Premnitz sowie im Nebenbetrieb „Schwefelsäure Döberitz“ auf. In Premnitz war er bis 1924 Mitglied des Betriebsrats. Von 1924 bis 1933 war er dann Betriebsratsvorsitzender in der „Schwefelsäure Döberitz“. 1932 wurde er in einem Adressbuch von Mützlitz mit dem Beruf „Arbeiter“ vermerkt. In der Ortsverwaltung Brandenburg des Verbands der Fabrikarbeiter Deutschlands war er ehrenamtlich tätig.
Zu Wagschals Haft im Konzentrationslager Oranienburg im Jahr 1933 trugen verschiedene Ereignisse auf betrieblicher Ebene bei. Die Angaben zu den Vorkommnissen sind jedoch nicht immer übereinstimmend. So gibt Wagschal einmal an, dass er sich in seiner Funktion als Vorsitzender des Betriebsrats 1933 geweigert hätte, an der von den Nationalsozialisten organisierten Maifeier teilzunehmen, was den ersten Anstoß zu seiner späteren Verhaftung und der darauf folgenden Entlassung bei den I.G. Farben-Werken gab. An anderer Stelle notiert er hingegen, dass er bei dem Ereignis zusammen mit Karl Schufmann demonstrativ den Platz verlassen habe, als ein Kampflied der Nationalsozialisten angestimmt wurde. Als weitere Gründe für die Verhaftung führt er seine Weigerung an, die Geschäfte als Betriebsratsvorsitzender, die er auf Verfügung des Regierungspräsidenten in Potsdam niederlegen sollte, an einen ehemaligen Genossen zu übergeben, der mittlerweile zur NSDAP übergetreten war, sowie seinen Protest gegen das Verteilen von nationalsozialistischen Flugblättern im Werk. Als Reaktion hatte er schon Ende Juni 1933 die Auflage erhalten, sich täglich beim Gemeindevorsteher von Döberitz zu melden. Schließlich bezichtigte man ihn aufgrund seiner Haltung staatsfeindlicher Umtriebe, was seine Verhaftung und Einlieferung in das Konzentrationslager Oranienburg nach sich zog.
Bezüglich des Einlieferungsdatums in das KZ gibt es unterschiedliche Angaben, aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich um den 5. Juli 1933. Wagschal wurde in den Unterlagen des Konzentrationslagers mit dem Namen „Wageschal“ und unter der Häftlingsnummer 722 geführt. Nach circa zweieinhalb Monaten, am 22. September 1933, entließ man ihn aus der „Schutzhaft“. Über seine zweimonatige Haftzeit im KZ ist wenig bekannt. Seine Enkelin erinnerte sich, dass er wohl die meiste Zeit im Keller eingesperrt gewesen sei. Einmal zwang man ihn, für drei Tage unter Schlafentzug an einer Wand zu stehen.
Nach seiner Rückkehr nach Döberitz stand Wagschal bis zum 8. Mai 1945 unter Polizeiaufsicht. Er fand ab Anfang 1934 zunächst eine Beschäftigung im Staatsforst Grünaue, Revier Döberitz, wo er nach eigenen Aussagen in einer Brigade eingesetzt wurde, die nur aus Nationalsozialisten bestand. Außerdem arbeitete er bis zum Ende des Faschismus an verschiedenen Stellen als Dienstverpflichteter, ab 1939 unter anderem wieder bei den I.G. Farben, Werk Ludwigshafen. Wagschals Angaben zufolge war es ihm während dieser Zeit durch persönlichen Kontakt möglich, die im Betrieb beschäftigten Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion und aus den Niederlanden mit zusätzlichen Nahrungsmitteln wie Brot und Kartoffeln zu versorgen und ihnen Nachrichten vom Radiosender Moskau zu übermitteln. „Dadurch konnte ich ihre Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende stärken.“ (Lebenslauf von 1965, PA Bärbel Ortmann) Als Zeugen für die in seinem VVN-Aufnahmeantrag gemachten Angaben über seine Haftzeit benennt Wagschal Karl Gehrmann und Wilhelm Möhle aus Rathenow sowie Paul Nita aus Plaue. Nita war Mitglied in der KPD und wurde nach der Durchsuchung seiner Wohnung und der Beschlagnahmung von Belastungsmaterial Ende Juli 1933 ebenfalls in das KZ Oranienburg eingeliefert.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Wagschal sogleich wieder politisch aktiv und war zunächst als Mitglied in der SPD-Kreisleitung tätig. Mit der Zwangsvereinigung der Arbeiterparteien 1946 wurde er auch in die neue SED-Kreisleitung Rathenow/Westhavelland gewählt. Er gehörte außerdem von der ersten beratenden Versammlung 1945 bis zur Reorganisation der Kreise 1952 dem Kreistag Rathenow/Westhavelland an. Im Anschluss daran war er bis 1957 Abgeordneter im Kreistag Brandenburg-Land und übernahm zeitgleich als Angehöriger der Kreisleitung Brandenburg-Land bis 1960 Funktionen in verschiedenen Kommissionen. Des Weiteren war er vom 1. März 1952 bis zum 31. Dezember 1959 Bürgermeister in Pritzerbe.
Beruflich war Wagschal nach Kriegsende ab Mai 1945 kurzzeitig Betriebsobmann bei der Agfa-Seide Werksleitung Döberitz und trat noch 1945 in den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), Verband der chemischen Industrie, ein. Auf seiner Mitgliedskarte ist er mit dem Beruf „Arbeiter“ eingetragen, auf seinem Sozialversicherungsausweis aus demselben Jahr wird seine Beschäftigung hingegen mit „Vertreter“ angegeben. Anfang 1946 erfolgte seine Wahl zum Zweiten Vorsitzenden des FDGB-Kreisvorstands Rathenow/Westhavelland. In einer Neuwahl des Kreisvorstandes am 23. März 1947 wurde er schließlich zum Ersten Vorsitzenden gewählt und behielt diesen Posten bis mindestens 1951. Vom 1. März 1951 an arbeitete Wagschal beim Rat des Kreises Westhavelland in der Abteilung Bauwesen, bevor er ein Jahr später seinen Bürgermeisterposten in Pritzerbe antrat und sich gleichzeitig zur Gewerkschaft Verwaltungen, Bauten, Versicherungen (VBV) ummeldete. In der VBV wurde Wagschal für die Zeit von 1953 bis 1955 in den Kreisvorstand in Brandenburg gewählt.
Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich Diedrich Wagschal durch ein großes ehrenamtliches Engagement in vielen Bereichen aus. Beispielhaft sei er hier als Mitbegründer und Leitungsmitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und als Gründer eines angesehenen Spielmannszuges in Pritzerbe genannt, der nach Auskunft seiner Enkelin Bärbel Ortmann auch zu Ehren seines 90. Geburtstag spielte. Wagschal erhielt diverse Auszeichnungen von der SED, dem FDGB, vom Staat und von anderen Organisationen, unter anderen 1975 den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze. Seine Enkeltochter hat ihn als Mann mit festen Grundsätzen in Erinnerung.
Nach dem Tod seiner Frau Marie am 8. Juli 1976 zog Wagschal zunächst innerhalb von Döberitz um, ab 1981 war er in Rathenow gemeldet. Dort verstarb er im Alter von 94 Jahren am 24. Juni 1985 in einem Pflegeheim.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 126.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/42, Blätter 181-183 („Schutzhaft namentlich genannter Häftlinge Buchst. V-W“).
  • BLHA, Rep. 333, SED-Landesvorstand Brandenburg, Nr. 1178 (Aufnahmeantrag in die VVN).
  • Kreis- und Verwaltungsarchiv Friesack, Adressangaben sowie Todesdaten von Wagschal und Ehefrau Marie.
  • PA Bärbel Ortmann, Enkelin von Diedrich Wagschal.
  • Adreßbuch/Einwohnerbuch Kreis Westhavelland einschließlich der Kreisstädte Friesack, Plaue, Pritzerbe, Rhinow und sämtlicher Gemeinden aus dem Kreise, 1932, Liegnitz-Lennep o.J.
  • Beiträge zur Geschichte der Kreisparteiorganisation Rathenow, Westhavelland im Zeitabschnitt von 1945 – 1952, hrsg. vom Kreiskomitee zur Erforschung der örtlichen Arbeiterbewegung bei der Kreisleitung der SED Rathenow, Rathenow o.J.
  • Gespräch mit Herrn Brömme, Amt Premnitz am 7. Dezember 2003.
  • Interview mit Paul Drömber (Bekannter von Hans Wagschal, Diedrich Wagschals jüngerem Sohn) am 26. Januar 2004.
  • Gespräch mit Hans Wagschal, dem jüngsten Sohn von Diedrich Wagschal und dessen Ehefrau am 9. September 2004.
  • Westhavelländische Tageszeitung, 27.7.1933 und 31.7.1933.

Soziale/Regionale Herkunft: Bremen

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Fleischer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1913: Mitglied des Verbandes der Land- und Forstarbeiter; 1917: Wechsel zum Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands; November 1918 bis Januar 1919: Mitglied bzw. Vorsitzender des Arbeiterrates; 1921: Wechsel zum Deutschen Landarbeiterverband; 1921: Ortsverwaltung Brandenburg/Havel des Deutschen Landarbeiterverband; Betriebsrat; 1924 bis 1933: Betriebsratsvorsitzender in der „Schwefelsäure Döberitz“

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; 1920 bis 1925: Vorsitzender des sozialdemokratischen Wahlvereins Mützlitz im Unterbezirk Ra-thenow/Westhavelland

Politische Mandate/Aktivitäten: Ab 1920: Gemeindevertreter von Mützlitz; Bis 1924: Bürgermeister der Gemeinde Mützlitz und Abgeordneter des Kreistags Westhavelland

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 5. Juli 1933 - 22. September 1933: KZ Oranienburg (Häftlingsnummer 722)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mitglied in der SPD-Kreisleitung; SED-Kreisleitung Rathenow/Westhavelland; Kreistag Rathenow/Westhavelland; Bis 1957 Abgeordneter im Kreistag Brandenburg-Land; 1. März 1952 bis zum 31. Dezember 1959: Bürgermeister in Pritzerbe; FDGB; 1946: Zweiter Vorsitzender des FDGB-Kreisvorstands Rathenow/Westhavelland; 1947: Erster Vorsitzender des FDGB-Kreisvorstands Rathenow/Westhavelland; 1953 bis 1955: Mitglied im Kreisvorstand-Brandenburg der Gewerkschaft Verwaltungen, Bauten, Versicherungen (VBV)

Erinnerungskultur/Ehrungen: diverse Auszeichnungen, unter anderen 1975 den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze

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