Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
21. Januar 1897 - 11. Juli 1955

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Zurückweisung der Beschwerde von Paul Walter gegen die Ausweisungsverfügung des Berliner Polizeipräsidenten, 17. August 1935. Quelle: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1.

Zurückweisung der Beschwerde von Paul Walter gegen die Ausweisungsverfügung des Berliner Polizeipräsidenten, 17. August 1935. Quelle: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1.

Von Siegfried Mielke und Peter Rütters

Familiärer Hintergrund

Paul Walter1 wurde am 21. Januar 1897 in Wien geboren. Über die familiären Verhältnisse, den sozialen Status etc. geben die vorliegenden Unterlagen und vorhandenen Zusammenstellungen in biographischen Handbüchern2 nur wenige Auskünfte. Die Eintragung der Geburt Paul Walters in das „Geburtenbuch der israelischen Cultusgemeinde in Wien“ bestätigt, dass er in einer jüdischen Familie aufwuchs3; er selbst löste sich 1924 aus den religiösen Bindungen und der Gemeindezugehörigkeit4. Bekannt ist, dass er drei Geschwister hatte, Hilde, Hans und Erna, die in der NS-Zeit in Konzentrationslagern umkamen5. Die Eltern, der Bankbeamte Sigmund Julius Walter und Maria, geborene Kronberger, starben bereits 1913 (Vater) bzw. 1914 (Mutter6).
Da Paul Walter erst ab 1923 die deutsche Staatsangehörigkeit erlangte und vorher – vermutlich – die tschechische besaß und 1933 oder 1934 aufgrund des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit vom 14. Juli 1933 ausgebürgert wurde7, ist anzunehmen, dass seine Eltern aus der Tschechoslowakei stammten8. Wann und warum sie mit ihren Kindern von Wien um die Jahrhundertwende nach Berlin umzogen, ist nicht bekannt. Doch besuchte Paul Walter, nach Angaben in einem nach 1945 selbstverfassten Lebenslauf, in Berlin-Charlottenburg die Volksschule und von 1907 bis 1913 die Oberrealschule9. Eine Banklehre bei der Commerz- und Diskonto-Bank vom 1. Oktober 1913 bis 31. März 1916 schloss sich an sowie die Anstellung bei dieser Bank bis Ende 1922. Unterbrochen wurde diese Beschäftigung durch den „Heeresdienst“ Paul Walters vom 12. Oktober 1916 bis 12. November 191810.
Er war vermutlich seit Anfang der 1920er Jahre mit Olga Amalia Wudicke verheiratet. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, Ruth (geboren 1923) und Wolfgang (geboren 192411). Doch ist unklar, wie sich Paul Walters Familienverhältnisse entwickelten12. Irgendwann zwischen 1935 und 1940 erfolgte die Scheidung. Im britischen Exil heiratete er am 21. Januar 1941 Frida Scholz13.

Berufliche Entwicklung, politisches und gewerkschaftliches Engagement in der Weimarer Republik

Beruflich nahm Paul Walter nach dem Ersten Weltkrieg seine Angestelltentätigkeit bei der Commerz- und Privatbank wieder auf, wechselte 1922 zur Tschechoslowakischer Bankverein AG mit Sitz in Berlin; er wurde jedoch im Zuge von Personalabbau zum 31. Oktober 1924 gekündigt14. Vom 18. November 1926 bis zu seiner Entlassung im Jahr 1933 war er schließlich bei der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten beschäftigt, war dort mehrere Jahre Betriebsratsmitglied und Betriebsratsvorsitzender15. Diese Funktion musste Paul Walter bereits wenige Wochen nach der so genannten Machtergreifung aufgrund wachsenden Drucks einer in der Arbeiter-Bank auftretenden NSBO-Gruppe aufgeben16. Vermutlich wurde er am 30. Juni 1933 aus politischen und rassischen Gründen von der Bank entlassen, nachdem die Deutsche Arbeitsfront die Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten nach der Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 2. Mai „übernommen“ und umbenannt hatte17.
Mit der Zerschlagung der freien Gewerkschaften endete auch die legale gewerkschaftliche Organisierung Paul Walters. Zu Beginn seiner Berufsausbildung trat Paul Walter dem 1913 gegründeten und während der Weimarer Republik dem sozialdemokratischen AfA-Bund angeschlossenen Allgemeinen Verband der Deutschen Bankangestellten bei18. Welche ehrenamtlichen Funktionen er im Bankangestellten-Verband innehatte, ist nicht bekannt. Auch eine Durchsicht der Jahrgänge 1927 bis 1933 der Zeitschrift „Der deutsche Bankangestellte“, Organ des Allgemeinen Verbandes der Deutschen Bankangestellten, führte zu keinem Ergebnis. Sein gewerkschaftliches Engagement zeigte sich – wie erwähnt – auf betrieblicher Ebene als Mitglied und Vorsitzender des Betriebsrats bei der „Arbeiterbank19“.
Parallel zu seinem gewerkschaftlichem Engagement wurde Paul Walter während der Weimarer Republik politisch aktiv. 1922 wurde er Mitglied der SPD und trat 1931 zur SAP über. Folgt man der Anklageschrift im Verfahren gegen Georg Pandura und andere, in dem auch Paul Walter wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt wurde, sowie der Urteilsschrift des Kammergerichts, wurde Paul Walter auf dem Berliner Bezirksparteitag der SAP im Dezember 1932 zum Kassenrevisor für die Bezirksleitung Berlin gewählt20. Dass Paul Walter in der SAP eine gewisse Bedeutung hatte, ergibt sich aus der Tatsache, dass er – nach Angaben der erwähnten Anklageschrift – Anfang Oktober 1933 zum „U[nter]B[ezirksleiter]-,Nord’“ im SAP-Bezirk Berlin mit den Ortsgruppen Mitte, Prenzlauer Berg und Wedding bestimmt wurde21. In einer Erklärung „unter Eides Statt“ vom 10. Januar 1951 datiert Paul Walter die Übernahme der Funktion „eines Unterbezirksleiters der neuen illegalen Organisation“ der SAP auf „Ende Mai 1933/Anfang Juni 193322“.
Die vorhandenen Informationen und auch die Selbstzeugnisse geben über das Leben Paul Walters bis 1933 nur geringe Auskünfte. Die vorhandenen Unterlagen enthalten Informationen über einige Stationen und Funktionen, ohne dass dadurch sein Handeln und Wirken und seine Positionen kenntlich würden.

Widerstand, Verfolgung, Haft

In seinem Lebenslauf von 1945, der seine SAP-Mitgliedschaft unerwähnt lässt, erklärte Paul Walter: „From the first day after Hitler came to power I have been working in the undergroundorganisation of the trade-union and the SPD23.“ Es ist anzunehmen, dass sich sein illegales Engagement vor allem im Rahmen der SAP bewegte, deren Unterbezirksleiter für Berlin „Nord“ er vermutlich ab Mai/Juni 1933 war24.
In der Nacht vom 28. auf den 29. November 193325 wurde Paul Walter in Berlin verhaftet, da es der Gestapo seit Sommer 1933 gelungen war, allmählich die meisten Mitglieder der Berliner Bezirksleitung der SAP ,aufzurollen26’. Eine Odyssee durch verschiedene Inhaftierungsorte folgte in den nächsten eineinhalb Jahren: Zunächst wurde Paul Walter zwei Tage „im sogen. Maikowsky-Keller in Charlottenburg, Rosinenstrasse (früheres Volkshaus)“ festgehalten, vom 1. Dezember 1933 bis 5. Januar 1934 folgte ein Aufenthalt im Konzentrationslager Columbia-Haus, anschließend vom 5. Januar 1934 bis 20. März 1934 die Verbringung in das Konzentrationslager Oranienburg. Vom 20. März 1934 bis 28. September 1934 wurde Paul Walter im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit festgehalten27. In dem Prozess gegen Georg Pandura und andere, in dem 11 SAP-Mitglieder angeklagt wurden und der am 26. September 1934 vor dem 1. Strafsenats des Kammergerichts stattfand, wurde Paul Walter wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer 18-monatigen Gefängnisstrafe verurteilt28. Unter Anrechnung der Untersuchungshaft wurde er bis zum 29. Mai 1935 im Zuchthaus Tegel gefangen gehalten29. – In der Wiedergutmachungsakte wird nur an wenigen Stellen und sehr zurückhaltend auf die erlittenen Misshandlungen hingewiesen. In einem Fragebogen für den „Antrag [...] auf Notstandsbeihilfe“ findet sich die Rubrik „Angaben über sonstige Verfolgung (Erwerbsbeschränkung, Entlassung, Misshandlung pp.)“, die bemerkenswerte zwei Zeilen für eine Antwort zur Verfügung stellte; Paul Walter hatte hier eingetragen: „Während der Zeit im Gestapogefängnis und im Konzentrationslager Oranienburg war ich des öfteren Misshandlungen ausgesetzt30.“ Nicht annähernd wird die Dimension der „Misshandlungen“ umschrieben, wenn Paul Kronberger erst 1954 in einer Ergänzung zu seinem Widergutmachungsantrag („Anlage zu Ziffer IV Abs. 2“) anführt: „Während meiner Haftzeit im Columbiahaus in Berlin und Konzentrationslager in Oranienburg wurde mir ein Teil meiner Zähne ausgeschlagen31.“ Es ist Ausdruck einer enormen Selbstblockade, die erlittene Marter zu benennen und nach außen zu kommunizieren, wenn sich deutlichere Formulierungen nicht von Paul Kronberger, sondern – allerdings auch nur in Ansätzen und allgemeinen Wendungen – von seiner Frau Frida Walter in den Wiedergutmachungsunterlagen finden, allerdings erst nach dessen Tod: „Seine jüdische Abstammung hat ihm besonders bei seiner Verhaftung und später im Konzentrationslager Oranienburg sehr geschadet, und [er] war deshalb dauernden Misshandlungen ausgesetzt. Im Lager wurde er Leiter der Judenkompanie32.“

Emigration, Mitarbeit in der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Grossbritannien

Die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft (1933 oder 1934) sollte nach der Entlassung aus dem Tegeler Gefängnis 1935 zur unmittelbaren Ausweisung Paul Walters führen. Er konnte sie jedoch vorübergehend verzögern, indem ihm die Regelung familiärer Angelegenheiten zugestanden wurde und er Beschwerde gegen den Ausweisungsbeschluss mit Schreiben vom 16. Juli 1935 einlegte. Die Beschwerde wurde jedoch Mitte August 1935 mit Hinweis auf seine „staatsfeindliche“ Betätigung abgelehnt33. Für kurze Zeit tauchte Paul Walter nach diesem Bescheid in Berlin unter; flüchtete dann jedoch Ende August 1935 in die Tschechoslowakei34 (Prag). Dort erhielt er unmittelbar den Status eines politischen Flüchtlings und wurde von dem damaligen tschechischen Bankangestellten-Verband materiell unterstützt. Das „Münchner Abkommen“ veranlasste ihn im November 1938 weiter nach Großbritannien (London) zu emigrieren; als „einer der politisch Gefährdetesten“ wurde er „sofort für die weitere Verschickung nach England nominiert35“.
Die Zeit der Emigration war eine Phase sehr geringer individueller Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Die Tschechoslowakei verfügte zwar über ein sehr liberales Asylrecht, verbot jedoch den Emigranten zu arbeiten, so dass diese im wesentlichen von sehr kargen Unterstützungen von Hilfsorganisationen, befreundeten Parteien und Gewerkschaften abhingen. Das änderte sich auch in Großbritannien nicht. Auch dort bestand bis 1941 ein Arbeitsverbot und damit die (lähmende) Abhängigkeit von Unterstützungsleistungen. Erst mit der Dauer und Ausweitung des Krieges und dem dadurch wachsenden Arbeitskräftebedarf sowie der Beendigung der Internierung veränderten sich die Möglichkeiten. Paul Walter konnte von Mitte 1941 bis 1945, wenn auch nicht durchgehend, in verschiedenen Berufen tätig werden und „so viel verdienen“, dass er „davon leben konnte36“.
Während über Paul Walters politische oder gewerkschaftspolitische Aktivitäten in der tschechoslowakischen Emigration nichts bekannt ist37, finden sich, vor allem gestützt auf die Studien über das politische Exil in Großbritannien von Werner Röder38, einige Hinweise auf seine Funktionen und Positionen im britischen Exil. Dass Paul Walter in der SAPD-Landesgruppe Großbritannien bereits seit 1938/39 als Nachfolger von Hans Schuricht die Funktion des Landesleiters einnahm39, verweist auf eine nicht unerhebliche innerparteiliche Position, die er sicherlich auch in der Tschechoslowakei hatte. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Paul Walter vom 16. Mai bis zum 18. Dezember 194040 fast die gesamte Zeit auf der Isle of Man interniert. Er war aber seit 1940 an den Diskussionen der Exilgewerkschafter und der sozialistischen Parteien beteiligt. Er war Mitglied der im Februar 1941 gegründeten Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien, in deren Arbeitsauschuss, der die Gesamtaktivitäten der Landesgruppe lenkte, er die SAP vertrat. Ab Juni 1941 war der ebenfalls SAPD-Vertreter im Exekutivkomitee der Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien, deren Bildung möglich wurde, nachdem sich die Splittergruppen nach dem Hitler-Stalin-Pakt nachdrücklich von der KPD und der UdSSR distanziert hatten41. Paul Walter nahm an den Diskussionen und der Planung für eine sozialdemokratische Einheitspartei im Rahmen der Union teil, die die SPD und die verschiedenen Splittergruppen (SAP, ISK, Neu Beginnen) nach Kriegsende zusammenführen sollte, und war Mitglied der im Dezember 1942 eingesetzten Programmkommission zur Ausarbeitung von Organisationsrichtlinien42 (Kommission II).
In den Diskussionen um die Neugestaltung der deutschen Gewerkschaften votierte Paul Walter bereits Anfang 1940 gegen Vorstellungen, wie sie u. a. in der von Fritz Tarnow geprägten Gruppe deutscher Exilgewerkschaften in Schweden vertreten wurden, die für die Anfangsphase nach Überwindung des NS-Regimes die Übernahme der Organisationsstrukturen der DAF und eine Zwangsmitgliedschaft propagierten, um Richtungskämpfe und Konkurrenzorganisationen zu vermeiden und einen möglichst großen Einfluss der Gewerkschaften zu erreichen43. Während Paul Walter 1942 für eine Öffnung der Landesgruppe auch für Mitglieder der KP eintrat, sofern sie sich nicht gewerkschaftsschädigend verhalten hätten44, unterstützte er in der Programmdebatte zwischen 1942 und 1945 nachhaltig die Mehrheitsposition um Hans Gottfurcht45, auch wenn er als SAP-Vertreter in der Union nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion für eine begrenzte Kooperation mit der KPD eintrat46.
Im Frühjahr 1945 gehörte Paul Walter zu den Mitherausgebern der Programmschrift der Landesgruppe „Die neue deutsche Gewerkschaftsbewegung. Programmvorschläge für einen einheitlichen deutschen Gewerkschaftsbund47“.

Engagement beim Gewerkschaftsaufbau nach 1945

Bereits Ende Mai 1945 kehrte Paul Walter, mit einer Zwischenstation in Maastricht vom 15. April bis Ende Mai 1945, nach Deutschland zurück, um sich in Frankfurt und Hessen am Neuaufbau der Gewerkschaften aktiv zu beteiligen. Ab Dezember 1945 war er als Sekretär der Gewerkschaft Banken und Versicherungen für Hessen angestellt.
Zwar trat Paul Walter bzw. Paul Kronberger48 noch 1945 der neu gegründeten SPD bei, doch lag sein Handlungsschwerpunkt in den Nachkriegsjahren in der Beteiligung am Gewerkschaftsaufbau in Hessen. Qualifiziert durch seine lange Mitgliedschaft und Mitarbeit in einer Bankangestellten-Gewerkschaft bis 1933, wurde er bald zum führenden Organisator des Aufbaus einer Gewerkschaft der Bank- und Versicherungsangestellten in Hessen. Mit diesem fachlichen Zuschnitt einer Angestelltengewerkschaft wurde versucht, die Erwartung von Angestellten an Statusrücksichten mit den konzeptionellen Forderungen nach der Bildung von Industrieverbänden zu kombinieren, während gleichzeitig eine allgemeine Angestelltengewerkschaft, wie sie mit der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG) in Hamburg bzw. in der britischen Zone geschaffen wurde, abgelehnt wurde49. – Paul Kronberger brachte hier sicherlich seine langjährigen Erfahrungen in einer statusgruppenbezogenen Branchengewerkschaft ein, der er bis 1933 angehört hatte. – Da die amerikanische Militärregierung zunächst nur lokale Gewerkschaftsgründungen zuließ, beschränkten sich die Aktivitäten anfangs auf den Aufbau einer „Gewerkschaft der Angestellten für Banken und Versicherungen“, die dem Freien Gewerkschaftsbund Frankfurt/Main angeschlossen war50. Als die amerikanische Militärregierung im Laufe des Sommers die Gründung landesweiter Fachgewerkschaften erlaubte, erfolgte am 11. August 1946 auch die Gründung der Landesgewerkschaft Banken und Versicherungen. Auf der Gründungskonferenz wurde Paul Kronberger zum Vorsitzenden gewählt und behielt diese Position bis zur Verschmelzung mit der DAG im April 194951.
Als führender Funktionär einer Branchengewerkschaft hatte Paul Kronberger auch am Aufbau und der Politik des Freien Gewerkschaftsbundes Hessen (FGB) Anteil. Er nahm an der Konferenz der Vertreter der Gewerkschaften von Groß-Hessen teil, die am 24. März 1946 in Frankfurt/Main stattfand und für die Vorbereitung der Gründung eines landesweiten Gewerkschaftsbundes einen dreißigköpfigen Ausschuss des FGB Groß-Hessen wählte, dem Paul Kronberger als „Vertreter der Gewerkschaften“ ebenso angehörte wie dem kleineren „Vorbereitenden Vorstand des FGB Groß-Hessen52“. Als Vorsitzender einer Landesgewerkschaft gehörte er mit der Gründung des FGB Hessen am 24./25. August 1946 als Beisitzer dem Bundesvorstand an; und auf dem zweiten Bundestag des FGB vom 10. bis 12. Oktober 1947 wurde er als einer der Vertrauten Willi Richters zum zweiten stellvertretenden Vorsitzenden gewählt53.
Die vorhandene Organisationserfahrung Paul Kronbergers und die Bedeutung der Angestelltenfrage für den Neuaufbau der Gewerkschaften nach 194554 ließen ihn zum Teilnehmer verschiedener überzonaler Gewerkschaftsgremien werden. So wurde er bereits am 14. April 1946 als Mitglied für den zu bildenden Zonenausschuss der Gewerkschaften der US-Zone vorgeschlagen; er nahm am 13. März 1947 an einer Konferenz von Gewerkschaftsvertretern der britischen und der amerikanischen Zone teil, die sich über die Einrichtung eines bizonalen Büros verständigten, für dessen Aufgabenzuschnitt er die Beschränkung auf bizonale Wirtschaftsfragen vorschlug und die Befassung mit Organisationsfragen ausdrücklich ablehnte. Im Zug der Vorbereitung des trizonalen Zusammenschlusses der Gewerkschaften und der Gründung des DGB wurde er auf der Sitzung des Organisationsausschusses des Gewerkschaftsrates am 8./9. September 1948 als Mitglied für eine Kommission vorgeschlagen, die Vorschläge für eine Neuordnung des Beitrags- und Unterstützungswesens erarbeiten sollte55.
Als führender Gewerkschaftsfunktionär des FGB Hessen und der Landesgewerkschaft Banken und Versicherung beteiligte sich Paul Kronberger an der Ausgestaltung der Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Unternehmervereinigungen. Er gehörte zu einer vierköpfigen Vertretung hessischer Gewerkschafter, die am 8. Mai 1946 mit Vertretern der Militärregierung und der IHK Möglichkeiten der sozialen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit und der Bildung eines gemeinsamen Ausschusses erörterten56, und er war Mitglied eines 1947 eingerichteten Gemeinschaftsausschusses Wirtschaft und Arbeit, der jedoch aufgrund der zunehmenden inhaltlichen Differenzen zwischen den Gewerkschaften und den Unternehmensvertretern zu keiner praktischen Arbeit kam und Ende 1947 faktisch eingestellt wurde57. Im Kontrast dazu konnten beispielsweise Anfang 1946 noch gemeinsame Positionen von FGB-Vertretern, zu denen Paul Kronberger gehörte, und Repräsentanten der Arbeitsgemeinschaft der Industrie- und Handelskammern und der Handwerkskammern für eine Neuordnung des Geldwesens erarbeitet werden. Vorgeschlagen wurde u.a., dass „eine hohe progressive Vermögensabgabe [...] den notwendigen Lastenausgleich herbeiführen, zugleich die innere Verschuldung verhindern und der Beseitigung des Geldüberhanges dienen“ sollte und dass „der Vermögenszuwachs der Nutznießer des Dritten Reiches zum gleichen Zwecke heranzuziehen“ sei58.
Die „Angestelltenfrage“, d.h. die Frage, in welcher Form die Angestellten gewerkschaftlich organisiert werden sollten – in eigenen Angestelltengewerkschaften wie sie vor allem die in Hamburg gegründete DAG praktizierte, in branchenbeschränkten Statusverbänden für Banken, Versicherungen und Handel, während die Industrieangestellten den jeweiligen Industriegewerkschaften angehören sollten, oder unter Verzicht auf die Statusgruppen-Besonderheit in Industriegewerkschaften –, zählte zu den zentralen Organisationsfragen, die den Gewerkschaftsaufbau nach 1945 belasteten. Wie erwähnt, präferierte Paul Kronberger in dieser Debatte die Organisationsform, die sich im FGB Hessen durchgesetzt hatte: die Landesgewerkschaft Banken und Versicherung war ein branchenbeschränkter Statusgruppenverband. Bereits Mitte 1947, nachdem sich der so genannte Interzonen-Organisationsausschuss der Gewerkschaften in der „Frankfurter Entschließung“ vom 12. März 1947 für eine ziemlich bruchlose Durchsetzung des Industrieverbandsprinzips und somit gegen die Bildung von eigenständigen Statusgruppenverbänden ausgesprochen hatte59, sah er auf der 1. Interzonenkonferenz der Angestelltengewerkschaften, die am 3. Juli 1947 in Kornwestheim bei Stuttgart stattfand, „die Unvermeidlichkeit des Austritts [der Angestelltengewerkschaften] aus dem Bund als letzte Konsequenz60“. Da die „Angestelltenfrage“ innerhalb des zu gründenden DGB nicht gelöst werden konnte, kam es im April 1949 zu einer Verschmelzung der DAG der britischen Zone mit den Angestelltengewerkschaften der amerikanischen und der französischen Zone; den Verschmelzungsvertrag unterzeichnete Paul Kronberger für die hessische Landesgewerkschaft Banken und Versicherung61. Schon vorher hatten die Angestelltengewerkschaften der drei Westzonen in einer „Erklärung“, die Paul Kronberger für die Landesgewerkschaft Banken und Versicherungen mittrug, es abgelehnt, „sich in dem trizonalen Gewerkschaftsbund nur als eine Gewerkschaft der Banken, Versicherungen und des Handels zu konstituieren62“. Paul Kronberger hatte damit seine Position in der Angestelltenfrage zugunsten einer umfassenden Organisation aller Angestellten als Statusgruppe in einer Gewerkschaft verändert. Auf dem Verschmelzungskongress der Angestelltengewerkschaften am 12./13. April 1949 in Stuttgart-Bad Cannstatt machte Kronberger jedoch deutlich, dass dies eher eine pragmatische Anpassung an die unterschiedlichen Organisationsformen der Angestellten in den einzelnen Zonen und an tarifpolitische Anforderungen bedeutete, aber keinen programmatischen Wechsel darstellte63.
Mit der Verschmelzung der Angestelltengewerkschaften wurde für Paul Kronberger zwar eine Außenstelle der Fachgruppe Banken und Versicherungen mit Sitz in Frankfurt am Main eingerichtet64, die er von 1949 bis 1953 leitete. Er erhielt jedoch weder eine relevante Position in den zentralen Entscheidungsgremien der DAG (Vorstand, Beirat), noch wurde ihm die Leitung der Fachgruppe Banken und Versicherungen oder die Landesleitung der DAG in Hessen überantwortet. Das war vermutlich nicht zuletzt eine Reaktion auf seine auf dem Verschmelzungskongress im April 1949 vorgetragene kompromissbereite Position: Im Unterschied zu den maßgebenden DAG-Vertretern sah er den Bruch mit dem zu gründenden DGB nicht als endgültig und zwangsläufig an. Es war vielleicht auch eine Ausgrenzung eines ehemaligen SAP-Vertreters, der im politischen Spektrum, das in der DAG überwiegend vertreten wurde, kaum unterzubringen war. Ob diese Ausgrenzung auch Ausdruck eines latent vorhandenen Antisemitismus in jenen Teilen der DAG, die vom Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband kamen, war, lässt sich auf der verfügbaren Materialgrundlage nicht beantworten.
Im April 1953 übernahm Paul Kronenberger die Leitung der Vermögensverwaltung der Deutschen Beamtenversicherung (DBV) für das Bundesgebiet und übersiedelte nach München. Mit der DBV war er seit 1948 verbunden, da er vom 17. Februar 1948 bis 10. April 1953 als Mitglied und stellvertretender Vorsitzender deren Verwaltungsrat angehörte65. Am 11. Juli 1955 starb Paul Walter unerwartet.

1 Mit der Rückkehr nach Deutschland 1945 nahm Paul Walter den Geburtsnamen seiner Mutter, Kronberger, an und führte diesen nach 1945 weiter, vgl. Schreiben von Frida Walter vom 9.1.1986, in: PA S. Mielke. – Verbunden mit dem Namen Paul Kronberger waren gelegentlich auch variierende biographische Angaben über Geburtsort und Geburtsdatum. 

2 In erster Linie ist hier zu nennen: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd. 1, Politik, Wirtschaft, öffentliches Leben, Leitung und Bearbeitung Werner Röder und Herbert A. Strauss, München 1980, S. 793. 

3 Vgl. Schreiben Magistrat der Stadt Wien, Magistratsabteilung 8, 22.5.1985, in: PA S. Mielke; ferner Abschrift des Geburts-Zeugnisses, ausgestellt vom Matrikularamt der israelischen Kultusgemeinde in Wien, 7.9.1921, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1 (Akte der Wiedergutmachungsstelle), Bl. 80. 

4 Vgl. die Angaben in: Röder, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 793. 

5 Vgl. ebd.; Frida Walter erwähnt in einem Schreiben an die Entschädigungsbehörde beim Regierungspräsidenten in Wiesbaden vom 17.1.1956: „Seine [Paul Walters] gesamte in Deutschland lebende Familie wurde bereits 1941 verschickt (2 Schwestern, Schwager, Schwägerin und Neffe) und sind nicht mehr zurückgekehrt“, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 124. 

6 Angaben von Frida Walter, Schreiben vom 9.1.1986, in: PA S. Mielke. 

7 RGBl. I, S. 480; generell zu diesem Gesetz vgl. Lehmann, Hans Georg, Einleitung: Acht und Ächtung politischer Gegner im Dritten Reich, in: Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933 – 45 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen, 3 Bde., hrsg. von Michael Hepp, München 1985, S. IX-XXIII. In den offensichtlich nicht vollständigen Listen gibt es keinen Hinweis auf Paul Walter. 

8 Daten nach Röder, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 793. Aus den verschiedenen Quellen lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren, wann Paul Kronberger ausgebürgert wurde. Im Urteil des Kammergerichts findet sich der Hinweis, dass ihm „durch die Gesetzgebung der Regierung Hitler die bereits erlangte Einbürgerung in Deutschland verloren ging“, was mit zu seinem illegalen Engagement 1933 beitrug (BArch, Bestand NJ 141/2 – Urteil des Kammergerichts (J 417.34) vom 26.9.1934, in der Strafsache gegen Georg Pandura u.a., Bl. 23, S. 10). In einer eidesstattlichen Erklärung vom 10.1.1951 gibt Paul Walter allerdings als Zeitpunkt der Ausbürgerung seine Haftzeit an, vgl. Schreiben Paul Walter an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden, 10.1.1951, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 43. 

9 Vgl. Angaben in Paul Kronbergers selbstverfassten Lebenslauf, in: HHStAW, Bestand OMGH, Abt. 649; in diesem Lebenslauf wird noch als Geburtsdatum der 21.1.1895 angegeben. 

10 Vgl. Lehrzeugnis für Paul Walter der Commerz- und Disconto-Bank bzw. Commerz- und Privat-Bank AG, Berlin, 30.10.1920, sowie Zeugnis für Paul Walter der Commerz- und Privat-Bank AG, Berlin, 26.7.1922, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 115, 116. 

11 Vgl. Angaben in: Röder, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 793. 

12 Die Anklageschrift des Generalstaatsanwalts beim Kammergericht Berlin vom 4.7.1934 erwähnt als Familienstandsangabe „verheiratet“, BArch, Bestand FBS 110/3046 – Akte NJ 16089, „Anklageschrift“, S. 1. 

13 Vgl. Röder, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 793; ferner Certified Copy of an Entry of Marriage, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 80. 

14 Vgl. Schreiben (Zeugnis) Tschechoslowakischer Bankverein AG, Berlin, 31.10.1924, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 117. 

15 Vgl. ebd., Bl. 118; ferner Schreiben Gertrud Herrmann, Berlin-Reinickendorf-Ost, 23.2.1951, in: ebd., Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 53. 

16 Vgl. ebd. 

17 Vgl. Paul Walters „Anmeldung von Ansprüchen gemäß Gesetz zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ vom 5.12.1949, in: ebd., Bl. 16. Hier heißt es: „Wurde zum 30. Juni 1933 entlassen, da Nichtarier in diesem Betrieb nicht mehr beschäftigt wurden.“ In späteren Selbstangaben, z.B. im „Verfolgungsvorgang“ von 1954 findet sich die Angabe, dass er von November 1926 bis Dezember 1933 bei der Arbeiterbank gearbeitet habe und dass er „bei der Bank (...) entlassen“ wurde, weil er „Volljude war“ (ebd., Bl. 106). Ein Arbeitszeugnis der Bank der Deutschen Arbeit AG vom 23.2.1934 scheint diesen Sachverhalt soweit zu bestätigen, als ein „Ausscheiden am 31. Dezember 1933“ festgestellt wurde (ebd., Bl. 118). – Vermutlich ist mit dem 31.12.1933 nur das Ende der regulären Kündigungsfrist und der Gehaltszahlungen gemeint, während die Beschäftigung in der Bank bereits am 30.6.1933 endete. 

18 Zum Allgemeinen Verband der deutschen Bank-Angestellten vgl. Aufhäuser, Siegfried, in: Heyde, Ludwig (Hrsg.), Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftslebens, Band 1, Berlin 1931, S. 40. 

19 Vgl. die Angaben im selbstverfassten Lebenslauf von Paul Kronberger sowie in Röder, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 793. 

20 BArch, Bestand FBS 110/3046 – Akte NJ 16089 – Anklageschrift des Generalanwalts beim Kammergericht Berlin, Berlin 4.7.1934, S. 5; ferner Urteil des Kammergerichts (J 417.34) vom 26.9.1934, in der Strafsache gegen Georg Pandura u.a., in: BArch, NJ 141/2 –Bl. 23, S. 10. – Vgl. auch Urteilsprotokoll in der Strafsache gegen Max Köhler u.a, in: Widerstand als Hochverrat, MF 13f., Az 8J 1713/33 – Strafsache gegen Max Köhler u.a. vom 26.11. bis 1.12.1934, S. 51. 

21 Vgl. die Angaben in der voranstehenden Anmerkung. 

22 Schreiben Paul Walter, Frankfurt/Main, 10.1.1951, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 43. 

23 Selbstverfasster Lebenslauf von Paul Kronberger, in: HHStAW, Bestand OMGH, Abt. 649.  

24 Vgl. die Hinweise auf die Untergrundarbeit im Norden Berlins (Charlottenburg, Wedding) in: Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand 1933 – 1945. Bd. 1: Widerstand in einem Arbeiterbezirk, Berlin 1983, S. 43; ders., Widerstand 1933 – 1945. Bd. 14: Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 84; Wörmann, Heinrich-Wilhelm, Widerstand 1933 – 1945. Bd. 5: Widerstand in Charlottenburg, 2. Aufl., Berlin 1998, S. 82. 

25 Vgl. Schreiben Paul Walter, Frankfurt/Main 10.1.1951, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 43; ferner die erwähnte Urteilsschrift des Kammergerichts. 

26 Vgl. Wörmann, Widerstand in Charlottenburg, S. 82; generell zur SAP: Drechsler, Hanno, Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung am Ende der Weimarer Republik, Meisenheim/Glan 1965, zu den Widerstandsaktivitäten der SAP, S. 330-337; ferner BArch, Bestand FBS 110/3046 – Akte NJ 16089 – Anklageschrift des Generalanwalts bei Kammergericht Berlin, Berlin 4.7.1934, S. 1. 

27 Vgl. Schreiben Oberreichsanwalt, Leipzig, den 14.3.1934, an den Preußischen Ministerpräsidenten, Geheime Staatspolizei, Abteilung III B 2 in Berlin, in: BArch, NJ 141/2, Bl. 3 f; ferner Paul Walters „Antrag aufgrund (...) Notstandsbeihilfe“ vom 9.3.1950, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 27. 

28 Vgl. BArch, NJ 141/2 – Urteil des Kammergerichts (J 417.34) vom 26.9.1934, in der Strafsache gegen Georg Pandura u.a., Bl. 20, 29, S. 3, 21. 

29 Vgl. Schreiben Generalstaatsanwalt bei dem Kammergericht, D.J.417.34, Berlin, den 12.12.1934, an den Oberreichsanwalt, Leipzig, in: BArch, NJ 141/2, Pl. 30. Angaben bei Wörmann, Widerstand in Charlottenburg, S. 82; Röder, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 793. 

30 HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 27.  

31 Ebd. Bl. 105. – In dieser Anlage fuhr Paul Walter mit zurückhaltend formulierter Bitterkeit fort: „Auch habe ich bisher an diesem Zustand noch keine Veränderung vorgenommen, so daß durch persönliche Augenscheinnahme man sich von den Schädigungen, die ich erlitten habe, überzeugen kann.“ Paul Walter war von seiner Antragstellung bis zu seinem Tode mit einem außerordentlich bürokratisch agierenden Amt für Entschädigungsfragen konfrontiert (und nach seinem Tode seine Frau Frida Walter), das die Tendenz hatte, die Angaben des Antragstellers in Zweifel zu ziehen und abzuwehren und von ihm immer neue Belege und Unterlagen einzufordern, ohne dass in irgendeiner Weise die Sensibilität zu erkennen ist, die berücksichtigt, was nach den Erfahrungen von politischer Verfolgung, KZ- und Gefängnishaft, Emigration noch an Ereignissen und Fakten, die häufig mehr als anderthalb Jahrzehnte zurücklagen, erinnert oder nachgewiesen werden konnte. Die Forderung nach Genauigkeit der Angaben weist einen bürokratischen, verständnislosen Zynismus auf, wenn nicht sogar einen fortgesetzten Antisemitismus und eine Fronde gegen die Emigration und Vertreter der Linksparteien, die sich nicht durch den Nationalsozialismus korrumpieren ließen bzw. in ihm ihre Heimat nicht fanden. 

32 Schreiben Frida Walter, München, 17.1.1956, an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 27. 

33 Vgl. Abschrift Schreiben Staatskommissar der Hauptstadt Berlin, Berlin, 17.8.1935, in: ebd., Bl. 12; ferner Schreiben Paul Walter, Frankfurt a.M., an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden vom 10.1.1951, in: ebd., Bl. 43. 

34 Vgl. „Antrag … Notstandsbeihilfe“, in: ebd., Bl. 27. 

35 Schreiben Paul Walter, Frankfurt/Main, an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden vom 10.1.1951, in: ebd., Bl. 44. 

36 Vgl. eidesstattliche Erklärung (Februar 1951), in: Schreiben Paul Walter, Frankfurt/Main, an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden vom 10.1.1951, in: ebd., Bl. 49; ferner Schreiben Paul Walter, Frankfurt/Main, an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden, 28.3.1952, in: ebd., Bl. 69. – Paul Walter war u.a. als Barmann, Kellermeister und Angestellter in einer Londoner Bank tätig. 

37 Zur tschechoslowakischen Emigration vgl. Becher, Peter/Heumos, Peter, Drehscheibe Prag. Zur deutschen Emigration in der Tschechoslowakei 1933 – 1939, München 1992; die Dissertation von Bremer, Jörg, Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Untergrund und Exil 1933 – 1945, Frankfurt/Main 1978, behandelt das tschechoslowakische Exil nur beiläufig. Vgl. ferner Eckert, Rainer, Emigrationspublizistik und Judenverfolgung: Das Beispiel Tschechoslowakei, Frankfurt/Main 2000. 

38 Vgl. Röder, Werner, Die deutschen sozialistischen Exilgruppen in Großbritannien 1940 – 1945. Ein Beitrag zur Geschichte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, 2. verb. Aufl., Bonn-Bad Godesberg 1974. 

39 Vgl. die Angaben bei ebd., S. 43, ferner Röder, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 793. 

40 Vgl. die eidesstattliche Erklärung (ohne Datum, Januar/Februar 1951), aber mit unzutreffendem Datum für den Beginn der Internierung („16.5.39“), in: Schreiben Paul Walter, Frankfurt/Main, an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden vom 10.1.1951, in: HHStAW, Abt. 518, Pak. 1387, Nr. 1, Bl. 49. 

41 Vgl. Drechsler, S. 355. 

42 Vgl. Röder, Exilgruppen in Großbritannien, S. 232f.; ferner Röder, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 793. 

43 Vgl. Mielke, Siegfried/Frese, Matthias (Bearb.), Die Gewerkschaften im Widerstand und in der Emigration 1933-1945, Frankfurt/M. 1999 (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, hrsg. von Siegfried Mielke und Hermann Weber, Bd. 5), S. 65, 889. 

44 Vgl. ebd., S. 907. 

45 Vgl. ebd., S. 954, 971f. 

46 Vgl. Röder, Exilgruppen in Großbritannien, S. 109, 197. 

47 Vgl. Mielke/Frese, Quellen, Bd. 5, S. 982-1008, ferner Röder, Exilgruppen in Großbritannien, S. 242. 

48 In der Nachkriegszeit nannte sich Paul Walter fast nur noch Paul Kronberger (vgl. Anm. 1). Unter diesem Namen ist er meistens in den Dokumenten und Protokollen zu finden und soll daher auch im folgenden mit diesem Namen bezeichnet werden. 

49 Vgl. die Ausführungen von Paul Kronberger, in: Protokoll des Gewerkschaftstages der Angestellten-Gewerkschaften der amerikanischen und der britischen Zone am 12. und 13. April 1949 in Stuttgart-Bad Cannstatt, Hamburg-Wandsbek 1949, S. 68f. 

50 Vgl. „Mitteilungsblatt Nr. 1“ der Gewerkschaft der Angestellten für Banken und Versicherungen, angeschlossen dem Freien Gewerkschaftsbund Frankfurt/Main, von Anfang Januar 1946. – Unterzeichner eines Appells, der u.a. die Mitglieder zu aktiver Beteiligung an der Gewerkschaftsarbeit aufforderte, waren Hans-Georg Hausmann, Eduard Klinke und Paul Kronberger, vgl. Mielke, Siegfried (Bearb.), Die Gewerkschaften und die Angestelltenfrage 1945-1949, Köln 1989 (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, hrsg. von Hermann Weber und Siegfried Mielke, Bd. 8), S. 78ff. 

51 Vgl. Potthof, Heinrich/Wenzel, Rüdiger, Handbuch politischer Institutionen und Organisationen 1945-1949, Düsseldorf 1982, S. 410; Mielke, Quellen, Bd. 8, S. 423-426. 

52 Vgl. Rundschreiben des Vorbereitenden Vorstandes des FGB Hessen vom 8.6.1946, in: Mielke, Siegfried (Bearb.),Organisatorischer Aufbau der Gewerkschaften 1945-1949, Köln 1987, unter Mitarbeit von Peter Rütters, Michael Becker und Michael Fichter (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, hrsg. von Hermann Weber und Siegfried Mielke, Bd. 6), S. 553f. 

53 Vgl. Anne Weiß-Hartmann, Der Freie Gewerkschaftsbund Hessen 1945-1949, Marburg 1977, S. 159, 372. 

54 Vgl. grundsätzlich hierzu: Mielke, Quellen, Bd. 8: Einleitung, S. 9-42. 

55 Vgl. Mielke, Quellen, Bd. 6, S. 655, 807, 870. 

56 Vgl. Mielke, Siegfried/Rütters, Peter (Bearb.), Gewerkschaften in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft 1945-1949, Köln 1991, unter Mitarbeit von Michael Becker (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, hrsg. von Hermann Weber und Siegfried Mielke, Bd. 7), S. 291ff. 

57 Vgl. ebd., S. 315-322. 

58 Vgl. ebd., S. 1084ff., Zitat S. 1086. 

59 Vgl. Mielke, Quellen, Bd. 8, S. 174f. 

60 Ebd., S. 192-195, hier S. 194. 

61 Vgl. den Verschmelzungsvertrag vom 12./13.4.1949 in: ebd., S. 423-426. 

62 Ebd., S. 362ff., hier S. 362. 

63 Vgl. Protokoll des Gewerkschaftstages der Angestellten-Gewerkschaften der amerikanischen und der britischen Zone am 12. und 13. April 1949 in Stuttgart-Bad Cannstatt, Hamburg-Wandsbek 1949, S. 68f. 

64 Vgl. Schreiben von Paul Becker, Heppenheim-Scheuerberg, vom 19.7.1983 an den DAG-Bundesvorstand, Hamburg, in: PA S. Mielke. 

65 Vgl. Schreiben der DBV + Partner Versicherung, Zentraldirektion, Wiesbaden, vom 17.1.1986, in: ebd. 

Soziale/Regionale Herkunft: Wien; Sohn des Bankbeamten Sigmund Julius

Ausbildung/Berufstätigkeit: Banklehre bei der Commerz- und Diskonto-Bank; Unterschiedliche Anstellungen als Bänker

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im Allgemeinen Verband der Deutschen Bankangestellten; Mitglied und Vorsitzender des Betriebsrats bei der „Arbeiterbank“

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1922: Mitglied der SPD; 1931: Übertritt zur SAP; Unterbezirksleiter im SAP-Bezirk Berlin mit den Ortsgruppen Mitte, Prenzlauer Berg und Wedding

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Unterbezirksleiter für die illegale SAP

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 29. November 1933: "Maikowsky-Keller" in Charlottenburg; 1. Dezember 1933 bis 5. Januar 1934: KZ Columbiahaus; 5. Januar 1934 bis 20. März 1934: KZ Oranienburg; 20. März 1934 bis 28. September 1934: Untersuchungsgefägnis Berlin-Moabit; bis 29. Mai 1935: Zuchthaus Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945: Sekretär der Gewerkschaft Banken und Versicherungen für Hessen; 1946: Vorsitzender der Landesgewerkschaft Banken und Versicherungen in Hessen; Beisitzer im Bundesvorstand des FGB-Hessen; 1953: Leitung der Vermögensverwaltung der Deutschen Beamtenversicherung (DBV) für das Bundesgebiet

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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