Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
15. Oktober 1878 - ?

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Von Philip T. Auf

Otto Warneke wurde am 15. Oktober 1878 geboren. Nach dem Schulbesuch absolvierte er eine Lehre als Mechaniker. Wann er dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) beitrat, konnte nicht ermittelt werden. Der Geschäftsbericht der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow von 1921 weist ihn als Vorsitzenden des Betriebsrates der Firma Nitsche & Günther, später Emil Busch AG, einem Unternehmen der optischen Industrie, aus. In dieser Funktion gehörte er als Mitglied bzw. Vorsitzender der Gruppenkommission der Betriebsräte in Rathenow an. Zu deren Aufgaben gehörte es, die DMV-Verwaltungsstelle in allen Betriebsrätefragen zu beraten. Diese Funktion übte er bis Mitte der 1920er Jahre aus. Bis 1926 war Otto Warneke als Betriebsrat auf Orts-, Bezirks- und Reichsebene engagiert.
Anfang der 1920er Jahre war er als Vertreter der Betriebsräte ehrenamtliches Vorstandsmitglied der DMV-Ortsverwaltung von Rathenow.
Am 23. März 1922 trat das Gesetz zur Entsendung von Betriebsratsmitgliedern in den Aufsichtsrat von Aktiengesellschaften in Kraft. Demnach waren zwei Betriebsratsmitglieder, in kleineren Betrieben nur ein Mitglied, in den Aufsichtsrat zu entsenden und hatten dort volles Stimmrecht. Zu dieser Zeit wurde vor allem in den Gewerkschaften die Diskussion über Fragen der Wirtschaftsdemokratie und stärkeren Mitbestimmung in Betrieben vertieft. 1922 übernahm Warneke in der Firma Emil Busch AG die Funktion eines Aufsichtsratsmitglieds. Wie aus dem Geschäftsbericht des DMV von 1924 hervorgeht, bestätigte die Generalversammlung der DMV-Ortsgruppe ihn in dieser Funktion. Zu Beginn der 1920er Jahre gehörte Otto Warneke zu den führenden Betriebsratsmitgliedern der Provinz Brandenburg. 1921 vertrat er als Delegierter den Ortsverband Rathenow auf der Generalversammlung des DMV in Jena.
Im Juni 1925 wurde Otto Warneke bei der Bezirksrätekonferenz des Bezirks Brandenburg in Berlin, als Mitglied des Aufsichtsrates der Busch AG, in den Betriebsrätebeirat gewählt.
Die Betriebsräte der in der optischen Industrie Beschäftigten vertrat Otto Warneke im Reichsbeirat der DMV-Gesamtorganisation. Dieser war gebildet worden, um bei Fragen, die für alle Betriebsräte von Bedeutung waren, den Vorstand zu beraten. Er konnte vom Vorstand bei Bedarf berufen werden.
1922 vertrat er als Mitglied des Reichsbeirates der Betriebsräte in der Außenhandelsstelle für Feinmechanik und Optik die Interessen des DMV. Die Außenhandelsstelle sollte Aufschlüsse über den Export optischer Waren erbringen.
Seit Beginn der 1920er Jahre nahm er bis 1926 als Mitglied des Reichsbeirates der Betriebsräte auch an Reichsbetriebsrätekongressen des DMV in Leipzig und Stuttgart teil.
Das Jahr 1926 markierte das Ende der Betriebsratsaktivitäten von Otto Warneke in der Busch AG. Otto Warneke musste ausscheiden, da er als Betriebsratsvorsitzender der Firma Busch AG nach einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Direktor Willi Martin fristlos entlassen wurde. Die eingereichte Klage wurde schließlich mit einem Vergleich beendet. Mit Bedauern nahm der DMV das Ausscheiden zur Kenntnis und bemerkte: „Der Kollege Warneke hat jahrelang mit Umsicht und Geschick die Interessen der Betriebsräte und Kollegen in der Verwaltung vertreten, so daß sein zwangsweises Ausscheiden nur zu bedauern ist1.“ Sein Nachfolger wurde das Betriebsratsmitglied Otto Seeger.
Während der 1920er Jahre betätigte sich Otto Warneke nicht zuletzt im Interesse der DMV-Mitglieder als Richter beim Arbeitsgericht in Rathenow. Das Adressbuch für Rathenow von 1929 weist ihn als Angestellten im Arbeitsamt, wohnhaft am Emil-Busch-Platz 3, aus. Die Bestrebungen eines Teils der SPD, mit der KPD zusammenzugehen, äußerten sich zu Beginn der 1930er Jahre durch die Teilnahme von SPD-Genossen an Versammlungen und Veranstaltungen der KPD.
Otto Warneke gehörte mittlerweile zur Führung der SPD in Rathenow, die diese Tendenzen unterband, indem sie den SPD-Mitgliedern die Teilnahme an den Versammlungen der KPD verbat. Unter der Federführung von Otto Warneke wurde zum Beispiel Hermann Schneider am 19. März 1931 seitens des Parteivorstandes wegen Teilnahme an Veranstaltungen der KPD aus der SPD ausgeschlossen.
Der Ausschuss für die Wahlen zum Brandenburgischen Provinziallandtag hatte in seiner Sitzung am 2. März 1933 unter anderem Otto Warneke als Vertreter der SPD auf Listenplatz 39 zu den Wahlen des Brandenburgischen Provinziallandtages am 12. März 1933 zugelassen. Bei der Stadtverordnetenwahl, die am selben Tag stattfand, wurde Warneke mit der Mehrheit der Stimmen als neuer Stadtverordneter auf Platz 1 gewählt.
Bei der ersten Sitzung des am 22. März gewählten Stadtparlaments verließen die SPD-Stadtverordneten, darunter auch Otto Warneke, geschlossen den Saal. Die SPD wollte neben dem Stellvertretenden Vorsteher auch den Stellvertretenden Schriftführer stellen. Die Stadtverordneten der NSDAP und ein Großteil der übrigen Stadtverordneten lehnten dies ab.
Nach dem Verbot der SPD am 22. Juni 1933 wurde Otto Warneke zusammen mit zahlreichen anderen Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitgliedern verhaftet und am 27. Juni 1933 im KZ Oranienburg interniert. Dort blieb er bis zum 14. August 1933 inhaftiert.
Weitere Informationen über den Lebensweg von Otto Warneke sind nicht bekannt.

1 DMV-Geschäftsbericht 1926, S. 13. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 127.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6, S. 481 (Einlieferungsliste der „Schutzhaftgefangenen“ aus Rathenow, Ortspolizeibehörde Rathenow, 26.6.1933).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/2 („Schutzhäftlinge“, die zur Entlassung vorgeschlagen werden).
  • Geschäftsberichte 1921, 1922, 1924 bis 1930, 1932, hrsg. von der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow, [Brandenburg bzw. Rathenow], o.O. o.J.
  • Adreßbuch für Rathenow sowie die Orte Neufriedrichsdorf und Neue Schleuse, hrsg. von der Stadt Rathenow, o.O. 1929.
  • DMV in Zahlen, hrsg. von der Verlagsgesellschaft des Deutschen Metallarbeiterverbandes, Berlin 1932, S. 17.
  • Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften, Berlin 1920/1921, Bd. II, S. 714.
  • Kommission zur Erforschung der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung (Hrsg.), Die Arbeiterklasse im Kampf um ihre Befreiung, Rathenow 1959, S. 66-67.
  • Protokoll der Konferenz des Reichsbeirates der Betriebsräte und Vertreter größerer Konzerne der Metallindustrie in Stuttgart, abgehalten vom 28. – 30.12.1924, Stuttgart 1924.
  • Protokoll des Reichsbetriebsrätekongresses des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Leipzig, abgehalten vom 12. – 13.3.1926, Stuttgart 1926.
  • Protokoll der 15. ordentlichen Generalversammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Jena, abgehalten vom 12. – 18.9.1921, Stuttgart 1921.
  • Protokoll des 16. ordentlichen Verbandstages des Deutschen Metallarbeiterverbandes Kassel, abgehalten vom 18. – 23.1.1924, Stuttgart 1924.
  • Scherm, Johann, Deutscher Metallarbeiterverband (DMV), in: Heyde, Ludwig (Hrsg.), Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftslebens, Band 2, Berlin 1932, S. 375-380.
  • Westhavelländische Zeitung, 4.3.1933, 13.3.1933 und 23.3.1933.

Soziale/Regionale Herkunft: nicht bekannt

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Mechaniker

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Vorsitzender des Betriebsrates der Firma Nitsche & Günther, später Emil Busch AG; Anfang der 20er: Ehrenamtliches Vorstandsmitglied der DMV-Ortsverwaltung von Rathenow; 1922: Aufsichtsratsmitglied in der Firma Emil Busch AG; Mitglied im Reichsbeirat der DMV-Gesamtorganisation, 1922: Mitglied in der Außenhandelsstelle für Feinmechanik und Optik

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Mitglied der Führung der SPD in Rathenow

Politische Mandate/Aktivitäten: 1933: Stadtverordneter in Rathenow

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Juni 1933 - 14. August 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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