Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
21. Juni 1891 - 26. September 1964

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Paul Mehlis, Quelle: Passfoto aus OdF Ausweis, 
LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. A 3843.

Paul Mehlis, Quelle: Passfoto aus OdF Ausweis, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. A 3843.

Paul Mehlis war gelernter Maurer. Er trat zunächst der SPD bei, wechselte später zur USPD und schließlich zur KPD. An seinem Wohnort Zeuthen betätigte er sich als politischer Leiter der KPD. Im März 1933 stieg er zum Unterbezirksleiter von Königs Wusterhausen auf und arbeitete illegal für die KPD weiter, bis er im August 1933 in das KZ Oranienburg eingeliefert wurde. Als „Haupt“ der kommunistischen Gruppe in Zeuthen und Umgebung verurteilte die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ihn wegen Hochverrats zu eineinhalb Jahren Gefängnis.

Von Lisa Dittrich

Paul Mehlis kam am 21. Juni 1891 als Sohn von Wilhelm Mehlis und seiner Ehefrau Wilhelmine (geb. Ganthe) in Glasow, Kreis Teltow, zur Welt. Sein Vater war zu dieser Zeit als Arbeiter bei der Gemeinde Glasow beschäftigt.
Im Frühjahr 1897 schulten die Eltern ihn in der Gemeindeschule in Glasow ein, die er erfolgreich bis zur ersten Klasse durchlief und aus der er 1905 entlassen wurde1. Anschließend begann er in Waßmannsdorf eine Lehre als Maurer, die er nach drei Jahren im Oktober 1909 mit dem Prädikat „gut“ abschloss.
Wie damals in Handwerksberufen üblich, ging Paul Mehlis kurz darauf auf Wanderschaft und kehrte 1912 nach Glasow zurück. Hier heiratete er 1914 Minna Hagen, geboren am 18. August 1892, aus Neukenzlin (Kreis Demmin). Seine Frau brachte den am 15. Dezember 1911 geborenen Sohn Walter Hagen mit in die Ehe.
Im gleichen Jahr zog die Familie nach Zeuthen, wo Paul Mehlis begann, sich in der Arbeiterbewegung zu engagieren. Er war zunächst Mitglied der SPD, des Deutschen Baugewerksbunds und der Roten Hilfe Zeuthen. Kurz bevor man ihn zum Kriegsdienst einzog, wurde am 11. August 1915 sein einziges leibliches Kind, Tochter Gerda, geboren. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges diente Mehlis als Soldat. Nach seiner Rückkehr trat er 1919 aus der (evangelischen) Kirche aus und wechselte von der SPD zur USPD. Als es im Oktober 1920 zu Spaltungen innerhalb der USPD kam, entschloss er sich für den Übertritt zur KPD.
1929 wurde Paul Mehlis politischer Leiter der Ortsgruppe Zeuthen und ihr zweiter Vorsitzender. Im gleichen Jahr wählten ihn die Bürger als Gemeindevertreter der KPD für zwei Jahre in den Gemeinderat2. Auch außerhalb von Zeuthen und Miersdorf stand Mehlis in Verbindung mit Kommunisten. Er war häufig in Berlin, hatte Kontakte zur Bezirksleitung in Königs Wusterhausen und brachte von dort oft Material für die Kommunisten im Ort mit3.
Nach der Machtergreifung Hitlers im März 1933 führte er seine Arbeiten als politischer Leiter der KPD im Ort illegal weiter und stieg zum politischen Leiter für den Unterbezirk Königs Wusterhausen auf. Er wurde Verbindungsmann nach Berlin und verteilte Druckschriften und Parteimaterial an seine Mitglieder4. An Ostern 1933 traf sich Mehlis mit dem Kommunisten Paul Brüning aus Berlin. Dieser ermutigte ihn, weiter für die KPD aktiv zu sein. Daraufhin nahm Paul Mehlis einige Tage später den Kassierer der KPD in Schulzendorf, Hermann Gleuer, zu einem Treffen mit Paul Brüning in Berlin-Schöneberg mit. Die beiden kauften Mitgliedsmarken im Wert von 40 Mark, die sie aus Gründen der Sicherheit zu einem späteren Zeitpunkt erhalten sollten. Zwei Wochen später traf sich Mehlis erneut mit Brüning an einer Bahnschranke zwischen Grünau und Eichwalde, um die Mitgliedsmarken, circa 200 Stück, entgegen zu nehmen. Hermann Gleuer verteilte die Marken illegal – die KPD war damals bereits verboten – in den Dörfern der Umgebung von Zeuthen. Alfred Purann und Hermann Hoffmann, die Kassierer der KPD aus Zeuthen und Miersdorf, erhielten ebenfalls Marken von Hermann Gleuer5.
Im Juni 1933 fand ein weiteres Treffen zwischen Mehlis und einem Parteifreund von Brüning statt, bei dem kommunistische Flugblätter weiter gereicht wurden. Im Juli 1933 erhielt Paul Mehlis erneut ein Flugblatt, das er jedoch nicht mehr vervielfältigen und verteilen konnte6.
Am 6. August 1933 wurde er an seiner Arbeitsstelle von der Polizei verhaftet und zunächst in den Wildauer Rathauskeller gebracht, der als provisorisches Gefängnis diente. Dort traf er auf seinen Parteikollegen Hermann Gleuer, mit dem er gemeinsam Mitgliedsmarken von einem Verbindungsmann aus Berlin gekauft hatte. Wenig später überführte man Paul Mehlis in die Zentrale der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8. Auf Grund von Hausdurchsuchungen bei den Kommunisten Hermann Gleuer, Wilhelm und Karl Müller in Schulzendorf und Wildau war Mehlis Name bekannt geworden. Bei der Polizei verhörte man Paul Mehlis, der jedoch nicht verriet, von welchen Personen er illegales Material erhalten hatte.
Am 10. August 1933 kam Mehlis schließlich in das Konzentrationslager Oranienburg. Dort blieb er fünf Monate in „Schutzhaft“, bis man ihn am 23. Dezember 1933 im Rahmen einer Amnestie7 entließ.
Kurz nach seiner Entlassung zog Paul Mehlis Ende April 1934 mit seiner Familie in die Bödickerstraße nach Berlin. Er folgte damit der Aufforderung der Polizei, den ehemaligen Wohnort zu verlassen. Die Polizei befürchtete damals, dass ehemalige Häftlinge in ihren alten Netzwerken und Strukturen weiter tätig sein würden, was sie durch Schaffung räumlicher Distanz zu verhindern suchte. Der ebenfalls verurteilte Kommunist und Parteikollege Max Seidel musste nach seiner Haft ebenfalls Zeuthen verlassen.
Am 5. Mai 1934 wurde Paul Mehlis erneut festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis nach Moabit gebracht, da ihm ein Prozess vor dem 6. Strafsenat des Berliner Kammergerichts bevorstand. Er war Hauptangeklagter einer Gruppe von Kommunisten aus Zeuthen, Wildau und Schulzendorf. Wegen “Vorbereitung zum Hochverrat” verurteilte das Gericht Mehlis am 15. August 1934 zu zwei Jahren Gefängnis. Die bereits erfolgten Hafttage im Konzentrationslager und die Untersuchungshaft wurden auf die Haftdauer angerechnet8.
Am 9. Februar 1935 bezeichnete die Berliner Börsenzeitung Paul Mehlis in einem Artikel als „das Haupt dieser Hetzerbande9“.
In der Haftanstalt Tegel, in der er seine Haftstrafe verbüßte, erledigte Mehlis Zellenarbeit und war in der Bauabteilung tätig. Während der Abwesenheit des Vaters ging es der Familie Mehlis finanziell oft sehr schlecht. Ein Freund von Paul Mehlis, der Kommunist Max Seidel aus Zeuthen, verhalf dem Sohn Walter Hagen deshalb zu einer Stelle als Wachmann in der Bank und Kreditanstalt Ost. Paul Mehlis wurde Mitte 1936 aus dem Gefängnis entlassen und von der Polizei wie die meisten politischen Häftlinge unter Aufsicht gestellt10.
Nach seiner Entlassung aus der Gefängnishaft fand Mehlis Arbeit in Berlin als Maurer, Putzer und Polier bei verschiedenen Großbaufirmen. Er berichtete später, er habe trotz Polizeiaufsicht immer wieder Regimegegnern und Juden mit Lebensmitteln ausgeholfen und sie mit Quartieren versorgt. Paul Mehlis kämpfte nie im Zweiten Weltkrieg, auch nicht im Volkssturm11.
Laut eigener Aussage verlor Paul Mehlis „durch die Faschisten alles“; nach dem Krieg wohnte er in einer möblierten Wohnung in Berlin-Schöneberg (West-Berlin). Er fand eine Anstellung als Bauleiter beim Magistrat der Stadt Berlin im Baubüro 1 in der Freiherr-vom-Stein-Straße 5. Im Jahr 1946 wurde er als Opfer des Faschismus (OdF) anerkannt12.
Paul Mehlis starb am 26. September 1964 in Berlin-Pankow (Ost-Berlin). 1965 gab seine Frau Minna Mehlis ihren OdF-Ausweis zurück, den sie als tatkräftige Unterstützerin ihres Mannes erhalten hatte, und zog nach West-Berlin.

1 Anfang des 20. Jh. zählte man die Klassenstufen anders als heute. Man begann damals in der zahlenmäßig höchsten Klassenstufe und konnte dann bis zur ersten Klasse aufsteigen.  

2 Königswustenhausener Zeitung vom 8. März 1933.  

3 Vgl. Zeitungsausschnitt aus dem Heimatspiegel, in: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. A 3843.  

4 Vgl. Berliner Börsenzeitung, Februar 1935, in: ebd.  

5 Alle genannten Personen wurden 1934 wegen Hochverrats zu Gefängnisstrafen verurteilt.  

6 Vgl. Aussage von Paul Mehlis vor dem Kammergericht, in: BArch, NJ 14647, Bd. 1-3.  

7 Vgl. Oranienburger Generalanzeiger vom 20. Dezember 1933.  

8 Vgl. Urteil des Berliner Kammergerichts, in: BArch, NJ 14647, Bd. 1-3.  

9 Berliner Börsenzeitung, Ausgabe 9. Februar 1935, in: Archiv der Heimatfreunde Zeuthen e.V.; Seine Mitkämpfer aus Zeuthen und Umgebung wurden wenige Tage später ebenfalls vor dem Kammergericht schuldig gesprochen: Hermann Gleuer (Schulzendorf), Hermann Hoffmann (Zeuthen), Alfred Purann (Zeuthen), Wilhelm und Karl Müller (Wildau), Emil Augart, Walter Brichmann, Karl Gläser, Richard Röhle und Max Wolff. Vgl. BArch, NJ 14647, Bd. 1-3. 

10 Polizeiaufsicht: Für die Betroffenen bedeutete dies, sich regelmäßig – zum Teil täglich – bei der Polizei zu melden. Zusätzlich standen sie unter besonderer Beobachtung der Polizei. Gerade in kleineren Gemeinden, in denen die Ortspolizei meist ihre Gemeindemitglieder kannte, mussten die ehemaligen Häftlinge politisch sehr vorsichtig vorgehen.  

11 Aufgrund seiner Verurteilung wegen Hochverrats wurde er als „Wehrunwürdiger“ von der Wehrmacht ausgeschlossen.  

12 Vgl. OdF-Antrag von Paul Mehlis, in: LA Berlin, C-Rep 118-01, Nr. A 3843. 

Soziale/Regionale Herkunft: Kind des städtischen Arbeiters Wilhelm Mehlis und seiner Frau Wilhelmine, geb. Ganthe/geboren in Glasow, Kreis Teltow

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1907- 1909 Lehre zum Maurer/Ab 1914 Position als Bauleiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied Deutscher Baugewerksbund

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Politischer Leiter der KPD-Ortsgruppe in Zeuthen /Mitglied der Roten Hilfe Zeuthen

Politische Mandate/Aktivitäten: um 1930 Gemeindevertreter (KPD) in Zeuthen-Miersdorf

Widerstandsaktivitäten: Politischer Leiter im Unterbezirk Königs Wusterhausen (Anfang 1933 bis Mitte 1933)

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Verhaftung am 6. August 1933/ 10. August 1933 – 23. Dezember 1933 KZ Oranienburg /Mitte 1934 – Mitte 1936 Strafanstalt Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: unbekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: unbekannt

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