Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. März 1904 - 5. November 1980

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Porträtfoto von Paul Hitze aus einem Fragebogen der SED (Quelle: Barch, DY30/IV2/11/V/3562, Bl.1)

Porträtfoto von Paul Hitze aus einem Fragebogen der SED (Quelle: Barch, DY30/IV2/11/V/3562, Bl.1)

Der Betonbauer und Multifunktionär Paul Hitze beteiligte sich in unterschiedlichen Funktionen und Tätigkeiten am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Als KPD-Mitglied und Rot-Front-Kämpfer wurde Paul Hitze mehrfach verfolgt, misshandelt und u.a. im KZ Oranienburg inhaftiert. Er war maßgeblich an der Arbeit der Luckenwalder Widerstandsgruppe „Sparverein Großer Einsatz“ beteiligt, die rassisch Verfolgten Unterschlupf gewährte und dadurch mehrere Leben rettete. Später war Hitze an führender Stelle mit Entnazifizierungsmaßnahmen in der DDR betraut und wurde für seine antifaschistischen Aktivitäten mehrfach geehrt.

Von Sebastian Bödeker

„Gemeinschaft für Frieden und Aufbau
(Gewidmet allen Kämpfern dieser Organisation)

Aktiv gegen Faschismus und Krieg,
Aktiv vorwärts der stetige Blick,
Aktiv, war der Weg noch so weit,
Aktiv zum Wege der Freiheit
Sie scheuten nicht die böseste Zeit.
Sie waren für alles und immer bereit.
Sie trugen den Kampf in Deutschland umher.
Sie kämpften und wurden immer mehr.
Sie halfen den Menschen, welche in Not.
Sie wehrten auch ab von manchem den Tod.
Sie hatten sich dies zur Aufgabe gemacht.
Sie hatten den Kampf zur Lohe entfacht.
Sie bangten nicht um ihr eigenes Leben,
Sie hatten ihr Blut für andere gegeben,
Sie kämpften trotz Verfolgung schon
verbissen in ihrer Organisation.
Teuerste Opfer sie sanken,
Sie starben ohne zu wanken.
Helden sind von uns geschieden.
Helden sind auf dem Schlachtfeld geblieben.
Der Kampf war mutig bewegt und rauh,
Jawohl ihr Genossen
von Frieden und Aufbau1.”

E. Koslowski

Paul Hitze kam am 18. März 1904 als Sohn des Maschinisten und Heizers Wilhelm Hitze und dessen Ehefrau Pauline, geborene Tietz, in Trebbin auf die Welt. Er besuchte die Volksschule bis zur achten Klasse. Aufgrund der sozialen Verhältnisse der Familie verdingte sich Paul Hitze nach dem Besuch der Schule als Landarbeiter. 1918 arbeitete er in Luckenwalde in einem Metallbetrieb. Danach nahm Hitze in Berlin eine Tätigkeit im Bauhandwerk auf und erlernte den Beruf eines Betonbauers. Zwischen 1922 und 1924 war er bei der Firma „Kallenbach, Mayer und Franke“ als Jugendobmann tätig. Bis zu seiner Einberufung zum Militärdienst wurde Paul Hitze in einem Rüstungsbetrieb in Luckenwalde dienstverpflichtet.

Seine politische Tätigkeit begann mit dem Kapp-Putsch. Bereits 1920, 16-jährig, wurde er Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes und trat schon 1922 der KPD bei, in der er die Funktion eines Zehnerkassierers und Literaturobmanns ausübte2.

Durch seine politische Tätigkeit entwickelte er sich zum politischen Leiter des Roten Frontkämpferbundes der Ortsgruppe Trebbin bis zu dessen Verbot 1929. Seit 1920 war Paul Hitze außerdem Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes, der Roten Hilfe, des Friedensverbandes und gehörte dem Arbeiter-Turn- und Sportbund sowie dem Arbeiter-Radfahrerbund „Solidarität“ an3. Paul Hitze war verheiratet, seine Ehefrau Lucie gehörte ebenfalls der KPD an und war Arbeiterin4. Seine Tochter Sonja wurde 1931 geboren und erlernte nach dem Besuch der Volksschule den Beruf einer Verwaltungsangestellten beim damaligen Landratsamt Luckenwalde5.

1923/24 wurde zeitweilig die KPD verboten, Paul Hitze jedoch setzte sein politisches Engagement fort, für ihn begann die illegale Tätigkeit. Als die Parteizeitung „Die Rote Fahne“, das Organ der KPD, verboten wurde, arbeitete Paul Hitze mit an der selbsthergestellten Zeitung „Die Rote Rakete“. Bereits 1924 wurde Paul Hitze wegen eines Zusammenstoßes mit einem SA-Mitglied zum ersten Mal inhaftiert6. Wegen einer erneuten Auseinandersetzung mit der SA in seinem Heimatort Trebbin wurde er 1932 ein weiteres Mal für fünf Monate, vom 14. Juli 1932 – 13. Dezember 1932, in Untersuchungshaft in Berlin-Moabit genommen.

Zur Zeit der Machtübernahme der NS wohnte Paul Hitze in Trebbin. Mit der Machtübernahme begann der Terror gegen die Kommunisten. Auch Paul Hitze blieb nicht verschont. In seiner Wohnung wurden zahlreiche Hausdurchsuchungen vorgenommen.
Man nahm Paul Hitze schließlich fest und inhaftierte ihn zwischen Juli und November 1933 im KZ Oranienburg und von Januar bis Oktober 1934 in Berlin-Tegel. Paul Hitze berichtete später davon, dass er im KZ Oranienburg durch Schläge und Dunkelarrest misshandelt wurde und nannte dabei die Namen der Obersturmbannführer Krüger und Stahlkopf7.

Nach seiner Entlassung aus der Haft gab Paul Hitze die Widerstandsaktivitäten gegen das NS-Regime keineswegs auf. Er nahm Kontakt zum ehemaligen Genossen Rißmann auf, der von Beruf Kellner war. Zusammen mit ihm druckte er Handzettel, die sie verteilten.
Des Weiteren traf er sich mit Winkler, Justizangestellter beim Amtsgericht, der auch bei seiner Vernehmung dabei gewesen war und der sich ihm anschloss. Winkler hatte ihm bei seinem Verhör Hinweise gegeben, was die Nazis bereits wussten und Hitze somit durch sein Verhör geholfen.
Das Papier für die Flugblätter besorgte Winkler. Die Umschläge kamen aus dem Wehrmeldeamt Jüterbog von Henry Lange. Ein weiterer Kontaktmann lieferte die Adressen und Namen von Bewohnern der Elsässer-Straße in Berlin, die er von einem Straßenobmann bekam8.

Die illegalen Widerstandsaktivitäten, die Hitze weiterhin betrieb, fanden im Rahmen seines Engagements für die Widerstandsgruppe „Sparverein Großer Einsatz“ statt, die später unter dem Namen „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ aktiv war.
Die Widerstandsgruppe bestand im Jahre 1944 aus ca. 100 Mitgliedern. Diese wohnten in Berlin, München, Luckenwalde, Jüterbog, Kappahn und Reichenberg. Die Verbindungen gingen auch zu Truppenteilen der Wehrmacht und ins Kriegsgefangenenlager Stalag III A in Luckenwalde. Ein Verbindungsmann zur illegalen KPD in Berlin war Erdmann Meyer. Die politische Leitung der Luckenwalder Widerstandsgruppe übernahm zum Jahreswechsel 1943/44 Werner Scharff.
Die Gruppe druckte und verteilte Flugblätter und schaffte es dabei sogar, Flugblätter bis nach München zu transportieren und Kontakte zur Anton-Saefkow-Gruppe zu knüpfen.
Die Mitglieder der Widerstandsgruppe brachten außerdem rassisch Verfolgte unter und unterstützten diese mit dem Nötigsten zum Leben. Zeitweilig beherbergten unterschiedliche Leute bis zu acht Personen, die immer hin- und hergetauscht wurden. Zu den Unterstützern zählten u.a. die Familien Leonhardt, Rißmann, Naumann, Winkler und Hitze9.

Im Frühjahr 1944 wurden der jüdische Zahnarzt Dr. Joachim und seine Frau durch die Widerstandsgruppe von Berlin nach Luckenwalde gebracht. Sie erhielten gefälschte Papiere und kamen bei den Familien Hitze und Rißmann unter. Bei Hitze wohnte auch der fünfzehnjährige „Bubi“, der ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammte10.

Hitze beteiligte sich außerdem an einer spektakulären Aktion, bei der Todesurteile an den gesamten Führungsstab der NSDAP verschickt wurden. Die Briefumschläge bekamen sie vom Heereszeugamt in Jüterbog, Original-Todesurteile vom Amtsgericht Luckenwalde, Briefpapier von nationalsozialistischen Organisationen. Die Todesurteile wurden mit dem Originalstempel versehen, bei dem der Wortteil „Lucken“ weggeklebt wurde, so dass die Nationalsozialisten in allen Orten mit „walde“ am Ende nach den Urhebern der Aktion fahnden mussten. Sie setzten die Namen Hitlers und seiner Komplizen per Schreibmaschine in die Vordrucke ein und trugen als Begründung die „Ermordung von Kommunisten und Arbeitern in Konzentrationslagern und Zuchthäusern“ ein. Es waren insgesamt 50 Todesurteile11.

Bereits 1942 war Hitze für wehrwürdig erklärt und nach Mainz eingezogen worden. Von dort aus wurde er dann an die Ostfront versetzt. Er hielt über seine Frau und Tochter Kontakt zur Gruppe und verteilte auf dem Weg zur Ostfront nach eigenen Angaben sogar weiterhin Flugblätter und sammelte andere, die er in die Hände bekam.
Flugblätter, die von Freunden über der Ostfront abgeworfen wurden, schickte Paul Hitze im Frontkämpferpäckchen, versteckt im doppelten Boden, an seine Familie12.

Die gesamte Gruppe „Frieden und Aufbau“ flog kurz vor der Niederlage der Nationalsozialisten im Dezember 1944 noch auf. Vor der Durchführung eines Verfahrens konnten die Mitglieder jedoch von den sowjetischen Truppen rechtzeitig befreit werden13.

Paul Hitze kommentierte später in einem Interview die Arbeit der Widerstandsgruppe:

„Wir hatten, wie man so sagt, etwas Glück, aber was für Nervenarbeit das gekostet hat, das vermag nur derjenige zu beurteilen und einzuschätzen, der selbst am Widerstandskampf aktiv teilgenommen hat. Wir haben es gern getan, denn wir taten es für den siegreichen Sozialismus und Kommunismus. Wir taten es für unsere Kommunistische Partei Deutschlands, die es fertiggebracht hat, in einem Teil Deutschlands den Zusammenschluß aller revolutionären Klassen zur Einheit zu führen in unsere stolze Sozialistische Einheitspartei Deutschlands14.“

Während seines Einsatzes an der Ostfront geriet Paul Hitze in Kriegsgefangenschaft, aus der er am 11. September 1945 nach Luckenwalde zurückkehren konnte15.

Paul Hitze war vom 15. Oktober 1945 bis zum 15. Oktober 1948 beim Landratsamt in der Abteilung Handel und Versorgung, Landwirtschaft und Forsten als Sachbearbeiter tätig. Er war dort zusammen mit vier Genossen (Noack, Ziegler, Franz Metz, und Rudolf Franz) in einer Gruppe tätig.
„Unsere Aufgabe war es, die Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln, Gemüse usw. [sicherzustellen]. Pro Kopf je Tag 350 Gramm Kartoffeln, daß hieß jede Woche 70 Tonnen für den Kreis Jüterbog, Luckenwalde zu beschaffen. [...] Mein Hauptaufgabenbereich erstreckte sich in einzelne Orte im Bereich und die Auseinandersetzung mit den Bauern. Der überwiegende Teil der Bauern war nicht bereit auf freiwilliger Grundlage zusätzliche Mengen an Kartoffeln und Gemüse abzugeben. Bei hartnäckiger Weigerung wurden die Genossen der sowjetischen Kommandantur miteingeschaltet. Die fast immer Erfolg hatten16.“

Vom 28. Januar bis zum 21. März 1947 besuchte Paul Hitze die Verwaltungsschule Beelitz, um sich weiterzubilden. Im Oktober 1947 wurde er dann mit der Leitung des Büros zur Durchführung des Befehls 201 betraut. Der Befehl 201 war eine Entnazifizierungsmaßnahme, die auf Grund der Direktiven des Alliierten Kontrollrats durchgeführt wurde. Es handelte sich hierbei um Maßnahmen gegen Mitglieder der NSDAP, vor allem gegen Kriegs- und Naziverbrecher17.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagierte sich Paul Hitze in unterschiedlichen ehrenamtlichen Zusammenhängen18:

Es ist bekannt, dass sich Paul Hitze der Jugendarbeit widmete und sich aktiv für die Gründung eines Jugendverbandes in seinem Landkreis einsetzte. Er war außerdem aktives Leitungsmitglied im Kreiskomitee der antifaschistischen Widerstandkämpfer.

Als SED- und FDGB-Mitglied war er außerdem im Kreisvorstand des FDGB und der Kreisleitung der Partei aktiv.

Paul Hitze wurde aufgrund seines antifaschistischen und gesellschaftlichen Engagement mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet19:

Er wurde Ehrenbürger der Stadt Luckenwalde und Träger des „Vaterländischen Verdienstordens“ in Silber. 1955 erhielt er das „Ehrenzeichen der VP“, 1958 wurde ihm die „Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus“ in Silber verliehen und 1962 die Ehrenurkunde und die Nadel für 40-jährige Parteizugehörigkeit. Die „Ernst Thälmann Plakette“ erhielt Paul Hitze für seine 60-jährige Parteimitgliedschaft.

Mehrfach ausgezeichnet und als „Kämpfer gegen den Faschismus“ geehrt, verstarb Paul Hitze am 5. November 1980 im Alter von 76 Jahren in Luckenwalde20.

1 Zit. nach BLHA, Rep. 530, Bezirksleitung Potsdam, Nr. 9662, Berger, Brigitte: Das Lebensbild des antifaschistischen Widerstandskämpfers Paul Hitze, Abschlussarbeit an der Kreisparteischule Luckenwalde, o.O., 1982. 

2 Vgl. ebd. 

3 Vgl. BLHA, Rep 401, VdN, Nr. 4558, VdN-Akte Hitze. 

4 Vgl. ebd. 

5 Vgl. Berger: Das Lebensbild des antifaschistischen Widerstandskämpfers Paul Hitze. 

6 Vgl. ebd. 

7 Vgl. VdN-Akte Hitze.  

8 Vgl. BLHA, Rep. 530, Bezirksleitung Potsdam, Nr. 8592, Befragungsprotokoll von Paul Hitze vom 3.10.1975 im Parteierholungsheim Gildenhall, geführt von Joachim Weber. 

9 Vgl. ebd. 

10 BLHA, Rep. 530 SED, Bezirksleitung Potsdam, Nr. 9869, Paul Hitze, Die illegale Tätigkeit der Gruppe „Sparverein großer Einsatz“ in Luckenwalde 1933, 1975, S. 91 ff. 

11 Vgl. Befragungsprotokoll von Paul Hitze vom 3.10.1975. 

12 Vgl. ebd. 

13 Vgl. ebd. 

14 Ebd. 

15 Vgl. Berger: Das Lebensbild des antifaschistischen Widerstandskämpfers Paul Hitze. 

16 Befragungsprotokoll von Paul Hitze vom 3.10.1975. 

17 Vgl. ebd. 

18 Vgl. Berger: Das Lebensbild des antifaschistischen Widerstandskämpfers Paul Hitze. 

19 Vgl. ebd. 

20 Vgl. ebd. 

Soziale/Regionale Herkunft: Trebbin; Arbeiterfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Betonbauer; Unterschiedliche Anstellungen in der Landwirtschaft und in Betrieben

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Ab 1920: Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Ab 1920: KJV; Ab 1922: KPD; Rote Hilfe

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: Widerstandsgruppe „Sparverein Großer Einsatz“

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Juli – November 1933: KZ Oranienburg; Januar - Oktober 1934: Berlin Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Kreisvorstand SED und FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: Ehrenbürger der Stadt Luckenwalde; „Vaterländischer Verdienstorden“ in Silber; „Ernst-Thälmann-Plakette“ für seine 60-jährige Parteimitgliedschaft

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