Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
22. Oktober 1889 – 20. Februar 1945

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Willy Scholz im Anzug (Quelle: Heimatmuseum Luckenwalde)

Willy Scholz im Anzug (Quelle: Heimatmuseum Luckenwalde)

Willy Scholz war Mitbegründer und von 1921 bis 1933 Vorsitzender der KPD in Luckenwalde. Daneben gehörte er der Stadtverordnetenversammlung und dem Kreistag an. 1924 gründete er die Luckenwalder Ortsgruppe des Rotfrontkämpferbundes und 1930 des Kampfbundes gegen den Faschismus. Ab 1932 gab er die KPD-Zeitung „Der Industrieprolet“ heraus. Seit 1933 wurde Scholz mehrfach, u.a. im KZ Sachsenhausen, inhaftiert und kam 1945 im KZ Bergen-Belsen um.

Von Sebastian Bödeker

Schon früh kam der spätere KPD-Vorsitzende und Multifunktionär Willy Scholz mit Politik in Berührung. Seine Eltern besaßen bis 1920 eine kleine Gaststätte in Luckenwalde, in der regelmäßige Treffen der Hutmachergewerkschaft stattfanden. Sein Vater war außerdem Mitbegründer des Sozialdemokratischen Wahlvereins1.

Nach der Schule begann der am 22. Oktober 1889 geborene Willy Scholz zunächst mit einer Lehre als Möbelpolsterer und Sattler, die er jedoch aufgrund einer Augenkrankheit aufgeben musste. Anschließend wurde er Hutmacher und trat 1908 dem Deutschen Hutarbeiterverband bei. Luckenwalde war lange Zeit eine Hochburg des Hutmacherhandwerkes mit zahlreichen Firmensitzen und Manufakturen. Scholz’ Arbeitsbiographie war von zahlreichen Unterbrechungen und Unternehmenswechseln gekennzeichnet. Als Hutmacher arbeitete er u.a. für die in Luckenwalde bekannte Hutfabrik „Hermann und CO.“, wo er 1926/27 die Funktion des Betriebsrates übernahm.
Zwei Jahre nach seinem Einritt in den Hutarbeiterverband trat Willy Scholz dem Sozialdemokratischen Wahlverein in Luckenwalde bei. 1913, mit 24 Jahren, heiratete er und ein Jahr später kam sein Sohn Erich zur Welt2.

Willy Scholz war scharfer Kritiker des Ersten Weltkrieges und engagierte sich in einer Friedensgruppe rund um Alex Seiler. In den letzten Kriegsjahren wurde der Kriegsgegner Scholz trotz Protestes zum Heimatdienst eingezogen.

1918 gehörte Willy Scholz zu den Mitbegründern der USPD-Ortsgruppe in Luckenwalde, mit der er 1921 geschlossen zur KPD übertrat. Gleichzeitig übernahm er den Vorsitz der KPD-Ortsgruppe in Luckenwalde.
1924 wurde er als einziges KPD-Mitglied zum Stadtverordneten in Luckenwalde gewählt, was er bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten bleiben sollte. 1929 bekam er auch noch ein Mandat als Kreistagsabgeordneter3.
Während seiner Zeit als Kreistagsabgeordneter war Scholz als scharfer Kritiker der sozialdemokratischen Sozial- und Wirtschaftspolitik bekannt und lieferte sich zahlreiche Wortgefechte mit Vertretern der SPD. Er wurde mehrfach aus dem Sitzungssaal entfernt. In einer Debatte kritisierte er die Sozialpolitik der SPD mit den Worten:
„Jedem aufrechten Menschen widerstrebt es, diese Bettelbrocken anzunehmen. Es ist eben nur die Elendslage der Arbeitslosen, die sie zwingt, von dieser ‘Wohlfahrt’ Gebrauch zu machen. Wir sind der Auffassung, dass jeder Arbeiter das Recht hat auf ausreichende Unterstützung, wie das ja selbst in unserer ‘demokratischen’ Reichsverfassung Art. 163 vorgesehen war4.“

Willy Scholz setze sich als Stadtverordneter für die Belange der Erwerbslosen und Industriearbeiter ein und wurde 1929/30 Sprecher des Erwerbslosenausschusses5.

Neben seiner Tätigkeit als Stadtverordneter gab er zusammen mit Bruno Hill ein Organ der revolutionären Arbeiterschaft heraus, den „Industrieproleten“. Die Zeitschrift bestand aus ca. zehn doppelseitig beschriebenen Schreibmaschinenbögen und wurde für 5 Pfennig in Luckenwalde und Umland verkauft6.

Als Vorsitzender der KPD hatte Willy Scholz außerdem zahlreiche Kontakte zu anderen Funktionären und beteiligte sich an vielen Sitzungen und Schulungen der KPD im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin7.

Neben seiner Parteikarriere engagierte sich Scholz auch für den Sport und war Betreuer der Fußballmannschaft in der Abteilung V des Luckenwalder Turnvereins. 1924 beteiligte sich Scholz am Aufbau des Rotfrontkämpferbundes (RFB) in Luckenwalde. Seine Frau gehörte in dieser Zeit der Frauengruppe des RFB, dem „Roten Frauenbund“, an. In seiner Freizeit zeichnete Willy Scholz gerne und kümmerte sich um seine Goldfische8.

Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde Willy Scholz verhaftet und seine Wohnung durchsucht. Willy Scholz kam nach Beschluss des Landrates des Kreises Jüterbog-Luckenwalde als “Schutzhäftling” in das KZ Oranienburg. Scholz wurde anschließend wegen Landes- und Hochverrats zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt und kam in die Haftanstalt Berlin-Lichterfelde. Dort wurde er aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig in ein Krankenhaus entlassen9.

Nach seiner Freilassung litt Willy Scholz weiterhin unter einer Magendarmerkrankung und den Folgen seiner Haft. Aufgrund seiner politischen Vergangenheit fand er keine Anstellung mehr und musste fortan von einer kleinen Wohlfahrtsunterstützung leben. Seine Frau arbeitete zwangsverpflichtet in einer Munitionsfabrik in Frohnsdorf bei Jüterbog10.

Im Rahmen der Aktion „Gewitter“ wurde Scholz erneut verhaftet und zusammen mit anderen Gefangenen in einem Lastauto zur Gestapo-Leitstelle nach Potsdam und anschließend ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo er die Häftlingsnummer 10.396 bekam.

Im Januar 1945 wurde Willy Scholz nach Bergen-Belsen verlegt, wo er am 20. Februar 1945 ermordet wurde11.

In Luckenwalde wurde Willy Scholz später zum festen Bestandteil der Erinnerungskultur der DDR und als Kämpfer gegen den Faschismus geehrt. Am Rathaus der Stadt installierte man eine Gedenktafel, auf der er zusammen mit anderen KPD-Mitgliedern namentlich erwähnt wurde. Außerdem wurde eine Straße nach ihm benannt. Die Gedenktafel musste mittlerweile einer neuen Tafel weichen und die Straße wurde nach dem Zusammenbruch der DDR umbenannt12.

1 Vgl. BLHA, Rep. 401, Bezirkstag und Rat des Bezirkes Potsdam, VdN, Nr. 726, VdN-Akte Willy Scholz. 

2 Vgl. BLHA, Rep. 530, SED – Bezirksleitung Potsdam, Nr. 9869, „Über das Leben, Kämpfen und Sterben des Kommunisten Willy Scholz”, Luckenwalde um 1965. 

3 Vgl. BLHA, Rep. 2A, Regierung Potsdam, I Pol., Nr. 1189, Bl. 228-230, Schreiben über die Inschutzhaftnahme von Willy Scholz von der Polizeistelle Potsdam an die Gestapo Berlin. 

4 „Über das Leben, Kämpfen und Sterben des Kommunisten Willy Scholz“.  

5 Vgl. ebd. 

6 Vgl. ebd. 

7 Vgl. ebd. 

8 Vgl. ebd. 

9 Vgl. VdN-Akte Willy Scholz.  

10 Vgl. „Über das Leben, Kämpfen und Sterben des Kommunisten Willy Scholz“.  

11 Vgl. ebd. 

12 Vgl. ebd. 

Soziale/Regionale Herkunft: Luckenwalde; Eltern besaßen ein kleines Gasthaus, Vater war Sozialdemokrat

Ausbildung/Berufstätigkeit: Hutmacher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im Deutschen Hutarbeiterverband; 1926/27: Betriebsrat

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1918: USPD; 1921: Vorsitzender der KPD in Luckenwalde; 1924: RFB

Politische Mandate/Aktivitäten: 1924-1933: Stadtverordneter in Luckenwalde; 1929-1933: Kreistagsabgeordneter

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 1933: KZ Oranienburg; 1933: Haftanstalt Berlin-Lichterfelde; 1944: KZ Sachsenhausen („Aktion Gewitter“); Januar 1945 – 20. Februar 1945: KZ Bergen Belsen (im KZ umgekommen)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Willy-Scholz-Straße in Luckenwalde (existiert heute nicht mehr); Gedenktafel am Rathaus der Stadt Luckenwalde (existiert heute nicht mehr)

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