Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
29. Dezember 1875 - 17. August 1935

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Hugo Jacoby 1875 - 1935, (Quelle: BLHA, Rep 35 G KZ Oranienburg Nr. 3/16 Bl. 83)

Hugo Jacoby 1875 - 1935, (Quelle: BLHA, Rep 35 G KZ Oranienburg Nr. 3/16 Bl. 83)

Hugo Jacoby wurde am 29. Dezember 1875 geboren. Er war verheiratet mit Berta Jacoby, geborene Goldstein, geschiedene Bernstein. Sein Einkommen bestritt er mit einem kleinen Bücher- und Zeitungsladen in der Dessauer Franzstraße 27. Als Kommunist und Jude gehörte er im Nationalsozialismus zu den besonders gefährdeten Personen.

Von Andreas Möller

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs war Jacoby als Reservist in einer der drei Kasernen in der Heidestraße in Dessau stationiert. Es ist nicht bekannt, ob er an Kampfhandlungen beteiligt war. Während der Novemberrevolution 1918 war er Mitglied des Soldatenrates der Garnison Dessau. Am 9. November 1918 erhielt Jacoby den Auftrag, die Rote Fahne auf dem Herzoglichen Palais in der Kavalierstraße in Dessau zu hissen. Nachdem die Fahne am nächsten Morgen entfernt wurde, hisste er sie erneut. Als man sie wieder entfernte, drohte er den Palaisangestellten, sie zu erschießen, sollten sie die Fahne erneut abhängen. Daraufhin blieb die Rote Fahne als Symbol des Machtwechsels hängen. Dies zeigt, dass Jacoby bereits zu diesem Zeitpunkt für seine Überzeugungen einstand und diese mit allen Mitteln durchsetzte.

Zwei Jahre später, im Jahre 1920, begann Jacoby, sich aktiv in der Kommunistischen Partei Deutschlands zu engagieren. Die KPD-Ortsgruppe Dessau wählte ihn noch im selben Jahr zum Ersten Vorsitzenden1. Die anhaltinischen Kommunisten wandten sich entschieden gegen jede Form von Kriegstreiberei und versuchten, den militanten Organisationen aktiv entgegenzuwirken. Nach dem Zusammenschluss des linken Flügels der USPD und der KPD in Dessau im Dezember 1920 agierten nun auch die Abgeordneten der USPD im anhaltinischen Landtag als Abgeordnete der KPD. Durch die Fusion konnte nun mehr Druck auf den Landtag ausgeübt werden. Im Juni 1922 forderte die KPD im Landtag Maßnahmen gegen die Kriegsvereinsveranstaltungen von „Stahlhelm“ und „Hakenkreuzlern2“.

In den Jahren von 1920 bis 1923 musste Jacoby mit ansehen, wie die wirtschaftliche und soziale Not breiter Bevölkerungsschichten um sich griff. Sehr viele Existenzen wurden während dieser Zeit ruiniert. Die ständig fortschreitende Inflation schien kein Ende zu nehmen. Einerseits erlebte Dessau einen nie da gewesenen Aufschwung durch die Junkerswerke, das Bauhaus und das Siedlungswesen. Andererseits griff eine breite Verelendungswelle in den Reihen der Arbeiter um sich, was immer häufiger zu Protesten und bewaffneten Aufständen seitens der Arbeiter führte. Da die KPD diese Aufstände tatkräftig unterstützte, ließ sie Reichspräsident Friedrich Ebert am 23. November 1923 verbieten. Jacoby musste erleben, dass wenige Tage nach dem Verbot einigen lokalen KPD-Vorsitzenden und -Mitgliedern, wegen des Verteilens von Flugblättern, der Prozess gemacht wurde. Doch nicht zuletzt auf Grund des Drucks seitens der lokalen KPD-Mitglieder auf die Prozessführung sprach man die Angeklagten frei3. Das Verbot der KPD und die damit verbundenen Repressionen hielten die Mitglieder der Partei nicht davon ab, sich weiterhin für die notleidende Bevölkerung stark zu machen.

In Moskau wurde 1924 eigens für die Unterstützung der Notleidenden die Internationale Rote Hilfe gegründet. In Deutschland entstand im selben Jahr die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) als selbstständige und legale Organisation. Ihre bekanntesten Vertreter waren Wilhelm Pieck und Clara Zetkin. Die RHD machte es sich zur Aufgabe, den Familien politischer Gefangener zu helfen. Sie bot Rechtsschutz und unterstützte Notleidende. Etwa die Hälfte der KPD-Mitglieder waren auch Mitglieder der Roten Hilfe4. So entstand auch in Dessau ein Ortsverein der RHD mit Hugo Jacoby als Vorsitzenden. Ab 1925 verkaufte er in seinem Buchladen in der Franzstraße 27 die Zeitung der RHD „Der Rote Helfer“, das Blatt „Tribunal“ und die KPD-Zeitung „Rote Fahne“. In seiner Funktion als Vorsitzender der RHD Dessau, unterstütze er auch die Wahlkämpfe der KPD und forderte die Freilassung politischer Gefangener wie Erich Mühsam.

Die Arbeit der RHD gestaltete sich mit dem Aufkommen faschistischer Kräfte in den Folgejahren zunehmend schwerer. Am 24. April 1932 wurde die NSDAP bei den Landtagswahlen mit 41,6 % der Wählerstimmen zur stärksten Kraft im Landtag des Freistaates Anhalt. Zusammen mit der DNVP, der DVP und der Vereinigung der Hausbesitzer konnte sie eine rechte Mehrheit im Landtag bilden. Es zeigt sich, dass Dessau bereits vor der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 fest in der Hand der Rechten war. Dies erschwerte die Arbeit Hugo Jacobys und seiner Genossen erheblich. Bereits Ende 1932 nahmen die Überfälle von Nationalsozialisten auf Juden auf offener Straße zu.

Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verhaftete die SA zahlreiche Kommunisten und Sozialdemokraten, misshandelte und sperrte sie ohne jede Rechtsgrundlage ein. Die Dessauer KPD-Funktionäre Richard Krauthause, Otto Holz, Willi Pippig und Paul Kmiec gehörten zu den ersten Verhafteten5. Am 14. Juni 1933 wurden 42 Gegner der Nationalsozialisten aus Anhalt in das KZ Oranienburg verschleppt6. Hugo Jacoby geriet einen Tag später in Gefangenschaft. Die NS-Zeitung „Anhalter Anzeiger“ schrieb am 16. Juni 1933 in ihrer Beilage: „In Schutzhaft genommen. Gestern wurde der bekannte Hugo Jacoby in der Franzstraße in Schutzhaft genommen. Eine Durchsuchung förderte bei ihm eine Menge marxistischer Druckschriften zutage. Eine Schreibmaschine und ein Vervielfältigungsapparat, der der Vervielfältigung kommunistischer Nachrichten diente, wurde beschlagnahmt7.“ Es folgten regelrechte Hetzjagden auf Kommunisten. Am 5. Juli 1933 lieferte die SA Jacoby in das KZ Oranienburg ein, wo er schwerste Qualen und Demütigungen über sich ergehen lassen musste. Sein Mithäftling Max Abraham berichtete, dass die Juden der sogenannten „Judenkompanie“ stundenlang auf das Grauenhafteste geschlagen und zu Geständnissen, dass sie sich kommunistisch betätigt hätten, gezwungen wurden. Man zog sie zudem zu schweren körperlichen Arbeiten heran. In der „Judenkompanie“ befanden sich unter anderen der Sozialdemokrat Ernst Heilmann, Fraktionsvorsitzender der SPD im Preußischen Landtag, der kommunistische Autoschlosser Leopold Moses aus Bernburg und auch Hugo Jacoby aus Dessau8. Abraham berichtete von einem nächtlichen Vorfall: „Um vier Uhr wurden wir durch Lärm aus dem Schlaf geweckt. Sturmführer Stahlkopf war im Schlafsaal der Judenkompanie aufgetaucht. Wie wir bald feststellten, war er eben erst, vollkommen betrunken, aus dem Wirtshaus heimgekehrt. Er macht halt an der Koje des inhaftierten Jacoby aus Dessau. Jacoby, der sich ohne Behelf nicht fortbewegen konnte, hatte an seiner Koje einen Stock hängen. Das wurde von Stahlkopf zunächst unter Gebrüll beanstandet. Greimann war so unvorsichtig, dazwischenzurufen: „Jacoby ist doch krank, der braucht doch einen Stock!“ Darauf Stahlkopf: „Welcher Jude wagt es hier, seinen Schnabel aufzusperren?“ Er stürzte sich auf Greimann, zerrte ihn aus seiner Koje und misshandelte ihn mit dem Stock aufs grauenhafteste9...“

Am 1. Oktober 1933 entließ die SA Hugo Jacoby aus dem KZ Oranienburg. In Dessau geriet er jedoch erneut ins Visier der Nationalsozialisten. Sie griffen ihn auf und verschleppten ihn in das KZ Roßlau. Erneut musste Jacoby Misshandlungen über sich ergehen lassen. Er und viele andere Gefangene wurden im sogenannten „Wimmergang“ gefoltert, während die Mitgefangenen laut singen mussten, um die Schreie zu übertönen. Mitgefangene berichteten, die SA habe Jacoby die Gehhilfen weggenommen und unter Schlägen gezwungen, auf dem Boden zu kriechen10.

Hugo Jacoby starb am 17. August 1935 an den Folgen grausamer Folter.

1 Vgl. Der Soldatenrat der Dessauer Garnison, in: Die Novemberrevolution 1918. Ein geschichtlicher Abriß unter Darstellung der Ereignisse in Dessau, Dessau 1958, S. 46. 

2 Dessauer Zeitung Nr. 44 vom 1. November 1963. 

3 Vgl. Anhalter Anzeiger Nr. 111 vom 13. Mai 1924. 

4 Vgl. Brauns, Nikolaus: Schafft Rote Hilfe! Geschichte und Aktivitäten der proletarischen Hilfsorganisation für politische Gefangene in Deutschland (1919-1938), Bonn 2003. 

5 Vgl. Herlemann, Beatrix: „Wir sind geblieben, was wir immer waren, Sozialdemokraten“. Das Widerstandsverhalten der SPD im Parteibezirk Magdeburg-Anhalt gegen den Nationalsozialismus 1930-1945, Halle/Saale 2001, S. 75. 

6 Vgl. Anhalter Anzeiger Nr. 124 vom 29. Mai 1933. 

7 Anhalter Anzeiger, 1. Beilage zu Nr. 139 vom 16. Juni 1933, in: BArch, Abt. Potsdam, 1509, Reichssippenamt, Film Nr. 74720. 

8 Vgl. Bericht von Max Abraham: Juda verrecke. Ein Rabbiner im Konzentrationslager, in: Diekmann, Irene und Wettig, Klaus: Konzentrationslager Oranienburg, Augenzeugenberichte aus dem Jahre 1933, Potsdam 2003, S. 117 ff. 

9 Ebd., S. 142. 

10 Erinnerungsbericht von Walter Berger, in: Engelmann, Horst: „Sie blieben standhaft“, Dessau 1983, S. 57. 

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Mit freundlicher Unterstützung von Werner Grossert und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt.

Soziale/Regionale Herkunft: nicht bekannt

Ausbildung/Berufstätigkeit: Buchbinder, selbstständig mit einem Buch- und Zeitungsladen

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe Dessau

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Widerstand mit der KPD und der RHD in Dessau

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 5. Juli 1933 - 1. Oktober 1933 KZ Oranienburg, anschließend KZ Roßlau

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: In der Zeit von 1973 bis 1990 wurde eine Straße in Dessau nach Hugo Jacoby benannt

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