Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
27. November 1901 - 6. August 1988

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Willi Pippig 1901 - 1988, (Quelle: BLHA, Rep 35 G KZ Oranienburg 3/26 Bl. 100)

Willi Pippig 1901 - 1988, (Quelle: BLHA, Rep 35 G KZ Oranienburg 3/26 Bl. 100)

Als Dessauer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus geriet Willi Pippig bereits 1933 in die Fänge der örtlichen SA. Sein langer und qualvoller Weg durch zahlreiche Gefangenenlager begann im KZ Oranienburg.

Von Andreas Möller

Willi Pippig wurde am 27. November 1901 in Plauen/Vogtland geboren. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie mit sechs Geschwistern auf. Seine Eltern waren Walter Pippig und Thekla Pippig, geb. Naumann. Er selbst war auch Arbeiter, blieb jedoch ohne Ausbildung. Seine Kinder sind Rosemarie Walk, geb. Pippig und Bernd Pippig.

Bereits mit 23 Jahren trat Pippig der KPD, der Roten Hilfe Dessau sowie dem Rotfrontkämpferbund (RFB) bei und zeigte sich als aktives und engagiertes Mitglied. Beim Rotfrontkämpferbund übte er einige Jahre die Funktion des Hauptkassierers aus1. Im Jahr 1931 wurde Pippig zum technischen Leiter des RFB ernannt. Seine Aufgaben waren dabei im Wesentlichen die Beschaffung und Verwaltung von Pistolen für den bewaffneten Widerstand gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, die Ausbildung der Mitglieder des RFB im Umgang mit den Waffen sowie die Abhaltung technischer Instruktionsstunden und Geländeübungen für den Ernstfall. Weiterhin war er verantwortlich für die Organisation von Aufmärschen und Versammlungen.

Nach der Machtübernahme Hitlers am 31. Januar 1933 verfolgten und verhafteten die Nationalsozialisten in Pippigs Wohnort Dessau zahlreiche KPD-Funktionäre. Die örtliche SA nahm auch Pippig am 5. Juli 1933 fest und verschleppte ihn ins Konzentrationslager Oranienburg. Bereits wenige Tage nach seiner Ankunft in Oranienburg transportierte ihn die SA ins Zuchthaus Coswig. Am 18. September 1934 befanden die Richter des 5. Strafsenats des Kammergerichts Berlin Pippig hinsichtlich der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens für schuldig und verurteilten ihn zu zwei Jahren Gefängnis2. Wegen einer vorangegangenen Straftat, für die er zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, wovon er bereits ein Jahr verbüßt hatte, verlängerte sich Pippigs Gesamthaftzeit auf insgesamt vier Jahre. Die Haftstrafe sollte demnach am 19. Januar 1938 beendet sein3. Am 23. Januar 1937 wurde Pippig dem Strafgefangenenlager I – Börgermoor/Emslandlager überstellt4. Die Wachmänner des Lagers missbrauchten die Häftlinge, um das umliegende Moor zu kultivieren.
Pippig kam nach seiner Haftzeit 1938 ins KZ Buchenwald. Die Zustände, die er hier vorfand, waren äußerst schlecht und menschenverachtend. Die SS teilte ihm die Häftlingsnummer 2620 zu und kennzeichnte ihn als politischen Häftling mit einem roten Winkel an seiner Kleidung. Die Verhältnisse in den Wohn-, Verpflegungs- und Sanitärbereichen waren so schlecht, dass täglich zahlreiche Häftlinge auf Grund von Ruhrepidemien und der Hungersnot ihr Leben lassen mussten. Darüber hinaus quälten die Wachmänner Pippig mit den grausamsten Foltermethoden wie das Baum- oder Pfahlhängen. Die SS-Ärzte missbrauchten die Häftlinge für medizinische Versuche wie zum Beispiel Fleckfieber-Experimente. In der sogenannten Tbc-Station des Krankenbaus wurden die Häftlinge gezwungen, Kohlenstaub zu inhalieren5. Nicht ausgebildetes Personal führte Zahnbehandlungen durch, die weitere Verschlechterungen des Gesundheitszustands zur Folge hatten6. Ein Häftling beschrieb, wie ein SS-Arzt einem lebenden Menschen einen Teil seiner Leber für seine Leberstudie aus dem Leib schnitt. Dieser Häftling verendete qualvoll unter extremsten Schmerzen7. Die Buchenwald-Insassen starben vor Erschöpfung, vor Hunger, vor Kälte. Unwillkürliche Erschießungen und Erhängungen gehörten in Buchenwald zur Tagesordnung. Kein Häftling konnte sich sicher sein, den nächsten Tag zu überleben.

Diesen Gefahren war Pippig von nun an ausgesetzt. Dennoch wurde er Mitglied der sich aus den Widerstandsgruppen der einzelnen Nationen zusammensetzenden so genannten “illegalen kommunistischen Organisation”, welche später in “Internationales Lagerkomitee” (ILK) umbenannt wurde. Die Erfolge der Sowjetarmee in den Schlachten um Stalingrad und Kursk und die Vormärsche der westlichen Alliierten auf Hitlerdeutschland beflügelten die Mitglieder des Widerstands, die daraufhin verstärkt zwischen den Angehörigen der verschiedenen kommunistischen Parteien Treffen organisierten8. Bei diesen Treffen wurden Aktionen geplant und Aufgaben des Komitees festgelegt. Diese bestanden im Wesentlichen darin, das Leben der Antifaschisten mit allen Mitteln zu schützen, die Kräfte antifaschistischer Kämpfer zusammenzuschließen, sämtliche Kräfte aller Organisationen auf das Kampfziel auszurichten, die Kriegsproduktion zu sabotierten und die bewaffnete Auseinandersetzung mit der SS vorzubereiten9. Die Mitglieder des ILK waren fest entschlossen, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln den Widerstandskampf bis zum Ende fortzuführen.

Ein Mithäftling Willi Pippigs, Bruno Apitz, beschreibt in seinem Roman „Nackt unter Wölfen“, wie ein kleiner jüdischer Junge aus Polen in einem Koffer in das Lager eingeschleust wurde. Ohne zu zögern nahmen sich Pippig und andere Häftlinge des Jungen an und versteckten ihn in der Effektenkammer des Lagers, in der Pippig arbeitete. Als die SS den Jungen entdeckte, mussten Pippig und seine Kameraden unter Todesgefahr immer wieder neue Verstecke für ihn suchen. Der Zusammenhalt und die Entschlossenheit unter den Häftlingen waren so groß, dass die SS den Jungen niemals fand. Eine Vielzahl von Häftlingen wurde deshalb gefoltert. So verschleppte man auch Willi Pippig im Oktober 1944 in das Weimarer Gestapo-Gefängnis und zwang ihn unter Folter, das Versteck des Jungen zu verraten. Doch er blieb standhaft und gab den Schlupfwinkel nicht preis10. Das Überleben des Jungen galt als Symbol für den entschlossenen Widerstandskampf der Häftlingsorganisationen gegen die SS.

In den letzten Tagen vor der Befreiung des Lagers Buchenwald durch die US-Armee verstärkte sich der Widerstand noch einmal. Der Aufforderung der SS, 46 Antifaschisten auszuliefern, um diese anschließend zu liquidieren, kamen die Häftlinge nicht nach. Das ILK beschloss, die 46 Häftlinge vor der SS zu verstecken, was ihm auch gelang. Mit Suchtrupps und Hundestaffeln versuchten die SS und die Lagerfeuerwehr, die Untergetauchten zu finden. Ihre Suchaktionen blieben erfolglos11. Am 8. April 1945 gab die SS den Befehl, das Lager zu evakuieren. Der Lagerälteste sollte dafür sorgen, dass alle Gefangenen auf dem Appellplatz antraten. Auch dieser Befehl wurde ignoriert. Die SS drohte nun, drastische Maßnahmen zu ergreifen, sollten die Häftlinge nicht auf dem Appellplatz antreten. Nachdem auch diesmal keine Regung seitens der Häftlinge auf diese Drohung zu erkennen war, rückten die SS-Leute mit schweren Waffen in das Lager ein und trieben etwa 9600 Gefangene aus dem Lager. Ein Teil der Häftlinge wurde ins KZ Dachau und ins KZ Flossenbürg, ein anderer Teil in die Deutschen Ausrüstungswerke verschleppt12. Der Drang seitens des ILK, den bewaffneten Kampf gegen die Wachmänner zu beginnen, verstärkte sich immer mehr. Doch ihre Feuerkraft war der der SS weit unterlegen. Ein Angriff auf die SS-Männer hätte wahrscheinlich den Verlust des ganzen Lagers zur Folge gehabt. So warteten die Häftlinge weiterhin auf eine günstigere Gelegenheit.

Im Morgengrauen des 11. April 1945, als die alliierten Truppen das wenige Kilometer entfernte Erfurt passierten, bereitete sich das ILK auf die Befreiung des Lagers vor. Mit dem Eintreffen der US-Armee am Nachmittag war das KZ Buchenwald befreit13.

Willi Pippig konnte sich nun endlich nach 12 Jahren Gefangenschaft in Konzentrationslagern und Zuchthäusern als freier Mann fühlen.

Nach dem Ende der Hitlerdiktatur setzte er sein politisches Engagement fort und war tatkräftig als so genannter “Aktivist der ersten Stunde” am Aufbau seiner Heimatstadt beteiligt. Wie viele andere Überlebende half er mit, Dessau von den Trümmern des Krieges zu befreien und aufzubauen14. In den Jahren von 1945 bis 1948 arbeitete Pippig als Angestellter beim Rat der Stadt Dessau. 1953 wurde er zum politischen Leiter der Kampfgruppen-Hundertschaft der Dessauer Handelsorganisation ernannt, die er über viele Jahre mit aufbaute15. Zudem war er als hauptamtlicher Parteisekretär tätig und erhielt auf dem Festakt zum Gedenktag an die Opfer des Faschismus im Jahre 1958 die Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus16.“ Im Dezember 1966 folgten der Vaterländische Verdienstorden in Silber17 und schließlich im Oktober 1981 in Gold18. Für seine Verdienste beim Aufbau der DDR erhielt er am 7. Oktober 1986 mit dem „Karl-Marx-Orden“ die höchste Auszeichnung19.

Am 6. August 1988 verstarb Willi Pippig.

1 Vgl. Fragebogen Kämpfer gegen den Faschismus und Krieg im Bezirk Halle, in: Stadtarchiv Dessau-Roßlau, SED-KL-1. 

2 Vgl. Urteilsschrift des 5. Strafsenats des Kammergerichts Berlin vom 23. Oktober 1934, in: BArch, NJ 4706. 

3 Vgl. Strafregisterauszug Willi Pippig vom 20. Dezember 1937, in: ebd., Bl. 57-61. 

4 Vgl. ebd. 

5 Vgl. Bericht des Häftlings Alfred Knieper, in: David A. Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report, Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, München 1996, S. 252. 

6 Vgl. Bericht des Häftlings Rudi Glaß, ebd., S. 253. 

7 Vgl. Bericht des Häftlings Artur Gadzinki, ebd., S. 266. 

8 Vgl. Das Internationale Lagerkomitee, in: Drobisch, Klaus: Widerstand in Buchenwald, Berlin 1977, S. 77. 

9 Vgl. ebd., S. 78.  

10 Vgl. Dessauer Zeitung vom 26.11.1966: „Ein standhafter Kämpfer“, in: Stadtarchiv Dessau-Roßlau. 

11 Vgl. Drobisch: Widerstand in Buchenwald, S. 148. 

12 Vgl. ebd., S. 150. 

13 Vgl. ebd., S. 156. 

14 Vgl. Dessauer Zeitung vom 10.10.1986: „Sein Name wurde zu einer Legende“, in: Stadtarchiv Dessau-Roßlau. 

15 Vgl. Dessauer Zeitung vom 16.06.1988: „In memoriam: Willi Pippig“, in: Stadtarchiv Stadt Dessau-Roßlau.  

16 Vgl. Liste der 43 Kämpfer gegen den Faschismus, in: Stadtarchiv Dessau-Roßlau, SED-KL-1. 

17 Vgl. Dessauer Zeitung vom 12.12.1966: „Glückwünsche für Vaterländischen Verdienst“, in: Stadtarchiv Dessau-Roßlau. 

18 Vgl. Dessauer Zeitung vom 9.10.1981: „Ihr kampferfülltes Leben Vorbild für junge Generationen“, in: Stadtarchiv Dessau-Roßlau. 

19 Vgl. Fragebogen Kämpfer gegen den Faschismus und Krieg im Bezirk Halle. 

Soziale/Regionale Herkunft: geboren in Plauen/Vogtland; Mutter: Thekla Pippig, geb. Naumann; Vater: Walter Pippig; Ehegattin: Ida Schulz; Kinder: Rosemarie Walk, geb. Pippig und Bernd Pippig; Letzter Wohnort vor der Verhaftung: Heidestraße 39, Dessau

Ausbildung/Berufstätigkeit: Arbeiter; 1945 – 1948 Angestellter beim Rat der Stadt Dessau; Anschließend in der Handelsorganisation tätig; Hauptamtlicher Parteisekretär

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: RGO

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1924 Mitglied der KPD; 1924 Mitglied und Hauptkassierer des Rotfrontkämpferbundes Dessau; 1924 Mitglied der Roten Hilfe Dessau; Seit Oktober 1931 Technischer Leiter des RFB

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: RFB - Organisation von Aufmärschen, Versammlungen, Geländeübungen, Einweisung der Mitglieder in den Schusswaffengebrauch für den bewaffneten Widerstand gegen den aufkommenden Faschismus; Buchenwald - Pippig und andere versteckten erfolgreich im KZ Buchenwald ein jüdisches Kind vor den SS-Männern bis zur Befreiung des Lagers; Mitwirkung bei den kommunistischen Widerstandsgruppen im Lager

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 5. Juli 1933 – 11. Juli 1933 Häftling des KZ Oranienburg; 1933 – 1937 Häftling des Zuchthauses Coswig; 23. Januar 1937 – 1938 Häftling des Strafgefangenenlagers Börgermoor; 1938 – 1945 Häftling des KZ Buchenwald

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1953 Leiter der Kampfgruppen-Hundertschaft der Dessauer Handelsorganisation; Mitglied der SED-Kreisleitung Dessau

Erinnerungskultur/Ehrungen: 1958 Verleihung der Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus“; Oktober 1966 Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens in Silber; Oktober 1981 Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens in Gold; 7. Oktober 1986 Verleihung des Karl-Marx-Ordens

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