Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
26. Februar 1908 - 5. Juli 1938

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Schutzhaftbefehl von Alfred Purann, Quelle: BLHA, Rep. 35 G KZ Oranienburg, Nr. 3/27.

Schutzhaftbefehl von Alfred Purann, Quelle: BLHA, Rep. 35 G KZ Oranienburg, Nr. 3/27.

Alfred Purann war seit seiner Jugend in der Arbeiterbewegung aktiv. Mitglied einer Partei wurde er jedoch erst 1932. Kurz nach seinem Eintritt in die KPD Zeuthen übernahm er das Amt des Kassierers und war unter anderem zuständig für die Weitergabe und den Verkauf von Mitgliedsmarken. Von August 1933 bis Dezember 1933 war er wegen seiner illegalen Aktivitäten in den KZs Oranienburg und Sonnenburg inhaftiert. Ein Urteil folgte im August 1935. Man verurteilte ihn wegen Hochverrats zu einem Jahr und drei Monaten Haft. Im Juli 1938 verunglückte Alfred Purann mit seinem Motorrad tödlich.

Von Lisa Dittrich

Am 26. Februar 1908 brachte Marianne Margarete Purann im Alter von 25 Jahren ihr erstes und einziges Kind Alfred Johannes Purann zur Welt. Die Familie wohnte in Rauchfangswerder in der Nähe von Zeuthen. Später zogen Mutter und Sohn nach Zeuthen in den Forstweg 29.
Alfred Purann absolvierte eine Lehre als Bootsbauer1. Er war wie seine Mutter Marianne politisch aktiv und in der Roten Hilfe organisiert. Dort übernahm er bereits früh Funktionen als Schriftführer und Kassierer.
1931 wurde Purann erstmalig wegen Verteilung von politischen Flugblättern mit einer Geldstrafe von 50 Reichsmark belegt und galt damit als vorbestraft2. Im Mai 1932 trat er der KPD-Ortsgruppe in Zeuthen bei. Diese stand damals unter der Leitung von Otto Richter und Paul Mehlis. Im November 1932 übernahm Alfred Purann auf Bitte des Leiters Paul Mehlis die Funktion des Kassierers. Diese Tätigkeit führte er ab März 1933 bis Mitte Juli 1933 illegal fort. Er kaufte monatlich KPD-Mitgliedsmarken von Hermann Gleuer aus Schulzendorf und verkaufte diese in der eigenen Ortsgruppe. Laut seiner Aussage vor dem Kammergericht Berlin im Jahre 1935 verteilte Purann Mitgliedsmarken an Otto Richter, Felix Kage, Erich Schöbel, Heinrich Vogt, Max Seidel und Paul Mehlis aus Zeuthen, die alle wie er im Jahre 1933 ins Konzentrationslager Oranienburg eingeliefert wurden. Nach der Verhaftung Anfang August 1933 jedoch leugneten beim Verhör durch die Polizei alle Festgenommenen außer Paul Mehlis, Mitgliedsmarken erhalten zu haben3.
Alfred Purann war insgesamt vier Mal in Haft. Das erste Mal im Mai 1933; das zweite Mal verhaftete die Polizei die Kommunisten Purann, Hoffmann und Seidel am 8. August 1933 in Zeuthen und brachte sie ins Wildauer Rathaus. Zwei Tage später, am 10. August 1933, wurden die „Schutzhaftgefangenen“ in das Konzentrationslager Oranienburg überführt4. Außer den drei bereits genannten Kommunisten nahm die Polizei Anfang August weitere ehemalige KPD-Mitglieder in Zeuthen5 und Umgebung fest. Anfang Oktober 1933 überführte die SA Purann in das Konzentrationslager Sonnenburg6. Am 22. Dezember 1933 entließ man ihn aus der „Schutzhaft7“.
Die Polizei verhaftete Alfred Purann am 2. Mai 1934 zum dritten Mal. Sie behielt ihn für acht Tage, bis zum 10. Mai 1933, in Untersuchungshaft in Moabit8. Infolge der verschiedenen Verdachtsmomente erhob man Anklage gegen ihn. Im August 1935 erfolgte das Urteil vor dem 2. Strafsenat des Kammergerichts Berlin. Er verurteilte Purann, Hoffmann und Gleuer wegen Hochverrats zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis. Die vier Monate und drei Wochen „Schutzhaft“ im Konzentrationslager Oranienburg rechnete das Gericht Purann auf das Strafmaß an. Alfred Purann kam im Zuge des Urteils ein viertes Mal in Haft, diesmal in das Strafgefängnis nach Brandenburg/Havel. Während der Haftzeit arbeitete er in verschiedenen Kommandos, ohne besondere Funktion oder Posten.
Purann erhielt wie seine Mitangeklagten Hoffmann und Gleuer „Gnadenerlass“ und wurde sechs Monate vor Ablauf der Strafe auf Bewährung frei gelassen9. Trotz der erlittenen Haft arbeitete er nach seiner Freilassung weiter illegal gegen das nationalsozialistische Regime. Am 5. Juli 1938 verunglückte Alfred Purann mit seinem Motorrad tödlich10.
Er hinterließ seine Mutter, bei der er bis zu seinem Tod gelebt hatte. 1949 wurden beide, Mutter und Sohn, als Opfer des Faschismus (OdF) anerkannt. Die Mutter, selbst Kommunistin, hatte von den illegalen Tätigkeiten ihres Sohnes gewusst und nach 1933 immer wieder Flugblätter und Material für die KPD versteckt.

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1 Vgl. Antrag auf Anerkennung als VdN, in: BLHA, Rep. 401, Nr. 3029. 

2 Vgl. Urteil des AG Königs Wusterhausen vom 12. Dezember 1931 wegen Vergehens gegen §12 der VO vom 28. März 1931 mit 50 RM oder 10 Tagen Gefängnis; in: BArch, NJ 14647, Band 1+3. 

3 Vgl. Kammergerichtsakte, ebd. 

4 Vgl. Brief aus dem KZ Oranienburg an den Teltower Landrat, in: BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/27.  

5 Anfang August kamen insgesamt 10 Zeuthener Bürger in das Konzentrationslager Oranienburg: Willy Bartz, Hermann Hoffmann, Erwin Hohm, Felix Kage, Paul Mehlis, Alfred Purann, Otto Richter, Max Seidel, Erich Schöbel (jr.) und Heinrich Vogt.  

6 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/27.  

7 Ende Dezember 1933 kam es durch den Inspekteur des Geheimen Staatspolizeiamtes, Ministerialrat Diehl, zur Entlassung von insgesamt 5000 Schutzhäftlingen aus Lagern in Brandenburg, vgl. Oranienburger Generalanzeiger vom 20. Dezember 1922, Nummer 297, 74. Jahrgang, S. 3.  

8 Vgl. Kammergerichtsakte und BArch, RY 1/I 2/3, 56.  

9 Vgl. Kammergerichtsakte.  

10 Vgl. Sterbeurkunde, in: BLHA, Rep. 401, Nr. 3029.
 

Soziale/Regionale Herkunft: Einziges Kind von Marianne Margarete Purann (geb. Mees); Vater: Johann Gustav Purann/Rauchfangswerder

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ab 1922 Lehre als Bootsbauer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: keine

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Schriftführer und Kassierer der Roten Hilfe (RHD) in Zeuthen/1932-33 Kassierer der Ortsgruppe der KPD Zeuthen

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Widerstandstätigkeit für die illegale KPD/1938 Unfalltod bei Ausführung illegaler Tätigkeit (Motorradunfall)

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 10. August 1933 – 2. Oktober 1933 KZ Oranienburg / Oktober 1933 – Dezember 1933 KZ Sonnenburg / 2. Mai 1934 – 10.Mai 1934 Untersuchungsgefangener in Moabit / am 8. August 1935 verurteilt vom 2. Strafsenat des Berliner Kammergerichts, Strafmaß 15 Monate / ab August 1935 Strafgefängnis Brandenburg/Havel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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