Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
10. April 1901 - 1985

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Stefan Szende 1936 im Prager Exil. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Stefan Szende 1936 im Prager Exil. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Der aus Ungarn stammende Stefan Szende emigrierte als junger Kommunist nach Wien und 1930 nach Berlin, wo er sich der SAP anschloss. Er arbeitete dort ab 1933 illegal in der Parteiführung, bis er im November des Jahres verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager, unter anderem nach Oranienburg, kam. Er wurde vom Volksgerichtshof zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und verließ 1935 Deutschland. Nach kurzer politischer Tätigkeit in Prag emigrierte er nach Stockholm, wo er sich als Schriftsteller und Vortragsredner hervortat. Er blieb dort auch nach Ende des Krieges.

Von Julia Pietsch

„Die Bruchstücke meines Lebenslaufs berichten nur über das stets gefährdete Dasein eines Exemplars der ‘verlorenen’ Generation aus Zentraleuropa. Ich bin weder Dichter noch Literat, weder Wissenschaftler noch Politiker. Zeitweilig dominierte in meinem Leben trotzdem einer dieser Berufe – oder eine Mischung aus Ihnen. Die Verhältnisse, ‘die waren so’, und sie trugen für den Lauf der Dinge um mich herum mehr bei als mein Mangel an Ausdauer und meine beschränkte Willenskraft bei der Aufstellung und Verfolgung eines Lebensplans1.“

Stefan Szende wurde durch die politischen und historischen Umstände seiner Zeit in ganz besonderer Weise geprägt. In Ungarn inhaftiert, aus Österreich ausgewiesen, durchlebte er in Deutschland Konzentrationslager, Gefängnis und Zuchthaus, emigrierte in die Tschechoslowakei und kam schließlich nach Schweden; er, der junge Intellektuelle jüdischer Herkunft, entwickelte sich zum Kommunisten, Sozialisten und schließlich zum „Sozialdemokraten skandinavischer Prägung2“. Der Lebensweg Szendes führte durch halb Europa und bildet einen Schnittpunkt der unterschiedlichsten Erfahrungen, die Kommunismus, Nationalsozialismus, Antisemitismus und Emigration als gesamteuropäische Phänomene der Zwischen- und Kriegszeit mit sich brachten.

Kindheit und Jugend in Ungarn
Stefan Szende wurde am 10. April 1901 in der westungarischen Stadt Szombathely als István Szende, Sohn des Versicherungsangestellten Max Szende (geb. 1872) und seiner Frau Elisabeth (geb. 1874), geboren3. In der bürgerlichen jüdisch-liberalen Familie wuchs er zusammen mit seinem sechs Jahre älteren Bruder László (Ladislaus) auf und erhielt dort eine solide klassische, jedoch nicht jüdisch-religiöse Bildung4. Er besuchte die Volksschule und anschließend ein katholisches Ordensgymnasium5.

Elisabeth Szende, die als deutsche Muttersprachlerin im ungarischen Teil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie lebte, erzog ihren Sohn zweisprachig und sorgte bereits früh dafür, dass Stefan deutsche klassische Literatur las und mit Büchern vertraut wurde6. Zudem erlernte der Sohn französisch in der Schule. Als Stefan Szende 1919 sein Abitur in Ungarn ablegte, konnte er sowohl eine bürgerlich-klassische Bildung als auch eine besondere politische Sozialisation – nämlich die zum Sozialisten – aufweisen, die beide nicht selten in einem Spannungsverhältnis zueinander standen.

Nach eigenen Angaben waren es das sichtbare Elend der Dienstboten der eigenen Familie, die Lektüre von Émile Zola, Romain Rolland und Friedrich Nietzsche und schließlich das Bewusstsein des sinnlosen Sterbens auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges, die Szende in seiner politischen Entwicklung beeinflussten. Die Gründung einer sozialistischen Studentenvereinigung in der Oberprima seines Gymnasiums und die einer pazifistischen Jugend- und Literaturgruppe, „Diwan“ genannt, folgten so vermutlich weniger den Prämissen ideologischer Überzeugungen als vielmehr der persönlichen Positionierung eines jungen Mannes aus bürgerlich-jüdischem Hause inmitten der vielen Umbrüche des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts7.

Stefan Szende engagierte sich ab 1919 in der Kommunistischen Partei Ungarns, die sich nach der Auflösung der Doppelmonarchie aktiv in die ungarische Politik einbrachte. Szende berichtete in seinen Erinnerungen von der Verteidigung der jungen Räterepublik, die nach einem viermonatigen Intermezzo jedoch bereits gestürzt wurde und einer autoritären, konservativen Regierung wich8. In den Wirren von Revolution und Konterrevolution, nicht zuletzt seines Vorsitzes der sozialistisch-kommunistischen Jugend in Szombathely wegen, beschloss Szendes Familie schließlich, ihn zum Studium nach Wien zu schicken9. So machte der junge Sozialist seine ersten Erfahrungen mit der – politisch begründeten – Emigration.

Wiener und Budapester Jahre
In Wien begann Szende mit der Immatrikulation zum Philosophiestudium seine universitäre Laufbahn, die ein Jahrzehnt dauern sollte; nebenbei machte er erste Versuche, sich schriftstellerisch zu betätigen. Eine kurz nach der Schule angefangene Arbeit als Bankangestellter hatte ihm offenbar nicht zugesagt10. Szende suchte zudem Kontakte zu Kommunisten und Sozialisten und fand diese sowohl privat als auch im universitären Milieu, so beispielsweise bei dem ungarischen marxistischen Philosophen Georg Lukács11. Bereits zwei Jahre nach seiner Emigration jedoch kehrte der junge Student nach Ungarn zurück. Sein Vater starb im selben Jahr, 192112; Szende jedoch zog es nicht in die Heimatstadt Szombathely zu seiner Mutter, sondern nach Budapest, wo bereits sein älterer Bruder László, der gerade sein Architekturstudium abgeschlossen hatte, lebte. Der 20-Jährige belegte an der Universität Kurse in Jura und Staatswissenschaften und schrieb nebenbei Buchbesprechungen und kleinere Essays13. Vor allem aber intensivierte Szende, wie er berichtete, seine Kontakte zu Kommunisten, Dichtern, Schriftstellern und radikalen Professoren. Da es unter der konservativ-autoritären Regierung Ungarns gefährlich war, sich offen zum Kommunismus zu bekennen, traf sich Szende immer häufiger in linkssozialistischen Zirkeln unter dem Deckmantel der Sozialdemokratischen Partei, in denen er sich mit marxistischer Literatur beschäftigte, aber auch selber Vorträge hielt14.

Im Jahre 1924 schloss Stefan Szende, gerade einmal 23, sein zweites Studium ab und promovierte bereits im darauf folgenden Jahr zum Dr. rer. pol15. Er nutzte die nun folgende studienfreie Zeit vermutlich, um sein politisches Engagement auszubauen, allerdings nicht, ohne mit der antikommunistisch eingestellten ungarischen Staatsmacht in Konflikt zu geraten. Im Jahre 1926 wurde er das erste Mal verhaftet – wegen „Beleidigung des Justizministers“ in einem Artikel -, ein zweites Mal wegen „Aufreizung zum Klassenhass“ in einer Vorlesung vor Mitgliedern der Metallarbeitergewerkschaft und wegen „Beleidigung der nationalen Ehre“ in einer von ihm verfassten Schrift gegen die „Klassenjustiz“. Da ihm ein Prozess und eine mehrjährige Zuchthausstrafe drohten, beschloss Szende, aus Ungarn zu fliehen. Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft im Sommer 1928 emigrierte er so ein zweites Mal nach Österreich16.

Diese zweite Emigration bedeutete einen endgültigen Bruch Szendes mit seiner Heimat, in die er, unter Anklage stehend, nicht mehr zurückkehren konnte. Seine Mutter und sein Bruder hatten sich von seiner politischen Tätigkeit klar distanziert und während der Haft von dem Sohn und Bruder abgewandt17. So erreichte Szende 1928 ohne feste familiäre Bindungen Wien, staatenlos – er sollte es 22 Jahre lang bleiben18.

Mit Unterstützung der Roten Hilfe, einer kommunistischen Organisation, fand er in einer Flüchtlingsbaracke Unterkunft. Dort lernte er bald bei seinen Nachbarn die zwei Jahre jüngere Opernsängerin Elisabeth Csillag (geb. 20. September 1903), auch Erszi oder Elise genannt, kennen und lieben. Erszi Csillag war ebenfalls Jüdin und stammte aus Ungarn. Die beiden heirateten bereits im darauf folgenden Jahr, 1929, und bezogen eine Zwei-Zimmer-Wohnung bei einer Witwe in einer Wiener Villensiedlung19, spärlich finanziert durch die Rote Hilfe und die gelegentliche schriftstellerische Tätigkeit Szendes. Bereits nach seiner Ankunft in Wien hatte Szende jedoch sein 1919 angefangenes Philosophiestudium wieder aufgenommen und promovierte vermutlich im Jahre 1930 zum Dr. phil20.

Obwohl Szende zwei Doktortitel besaß und nebenbei schriftstellerisch aktiv war, stand seine Existenz auf unsicheren Beinen. Schwer zu verkraften war für ihn offenbar vor allem sein Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Ende des Jahres 1929, der im Zuge stalinistischer Säuberungen erfolgte und mit seinem angeblichen – nicht mit der strengen ideologischen Ausrichtung der KP zu vereinbarenden – rechten „Lukácsismus21“ begründet wurde. Szende verlor auf diese Weise einen großen Teil seiner sozialen Kontakte und wurde aus seinem gewohnten Umfeld, seiner politischen Heimat, seinem Freundeskreis, gerissen22. Hinzu kam, dass man ihm im Jahre 1930, nach Abschluss des Studiums, die Aufenthaltsgenehmigung in Österreich nicht weiter verlängerte und Szende sich gezwungen sah, sich nach einer neuen Heimat umzusehen. Er beschloss daher, nach Berlin zu emigrieren23. Seine Frau Erszi begleitete ihn zunächst nicht auf diesem unsicheren Weg; sie war schwanger und zog vorübergehend nach Ungarn, zu ihrer Mutter in Budapest, zurück. Am 26. November 1930, während Stefan Szende versuchte, in Berlin Fuß zu fassen, brachte seine Frau in Budapest die gemeinsame Tochter Barbara Cecilia zur Welt24.

Berliner Jahre – der Weg zur SAP
In Berlin mietete sich Szende in ein kleines Zimmer am Halleschen Tor ein. Schnell geriet er in Geldsorgen und litt unter Hunger, was dadurch verschlimmert wurde, dass er, aus der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen, auf kein Netzwerk von Genossen zurückgreifen konnte, das ihm half. Über die Vermittlung seiner Frau aus Budapest traf er schließlich einen alten jugoslawischen Freund in Berlin, der ihm zu Bekanntschaften verhalf – auch ins sozialistische Milieu. So lernte Stefan Szende Kostja Zetkin, Sohn der berühmten Sozialistin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin, sowie Sonja Vogeler, Tochter des polnischen Kommunisten Julian Marchlewski und Ehefrau von Heinrich Vogeler, Künstler und Sozialist, kennen25. Szende hob diese beiden Bekanntschaften später besonders hervor, wohl auch, weil sie am Anfang seines politischen Neubeginns standen.
Tief beeindruckt war Stefan Szende offenbar von zwei Begegnungen mit Clara Zetkin, die, obwohl er aus ihrer, der Kommunistischen, Partei ausgeschlossen worden war, sehr offen mit ihm sprach. Clara Zetkin war es auch, so berichtete Szende, die ihm empfahl, sich der KPO, der Kommunistischen Partei-Opposition, anzuschließen26. Dieser Abspaltung der KPD, die sich gegen deren „Sozialfaschismusthese“ wandte, nach der die Sozialdemokratie, und nicht die aufsteigenden Nationalsozialisten, zum Hauptfeind der Kommunisten erklärt wurden, trat Szende 1931 bei.
In der KPO engagierte er sich nach eigenen Angaben nicht aktiv, wenngleich Szende die Zeit dort als sehr lehrreich empfand:
„Aus dem weniger als ein Jahr dauernden Gastspiel in der KPO blieben mir umfangreiche Kenntnisse über die deutsche Arbeiterbewegung im allgemeinen und über die deutschen Linksradikalen rechtskommunistischer Prägung im besonderen, auch die oft treffenden Analysen des Faschismus und des Nazismus, sowie die intelligenten Perspektiven über die zukünftige Entwicklung in Deutschland, in Europa und in der Sowjetunion. Das war nicht wenig27.“
Der Eintritt in die KPO scheint Szendes Sensibilisierung für weitere politische Entwicklungen gefördert zu haben.

Im Jahre 1932 trat Stefan Szende mit etwa 1000 Mitgliedern der KPO zur neu gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) über, die die kommunistische Sozialfaschismusthese ebenso wenig teilte wie die KPO und die den Einheitsfrontgedanken verschiedener linker Gruppen gegen den Nationalsozialismus propagierte. Szende lernte den Berliner SAP-Parteivorsitzenden Max Köhler kennen und begann wieder, sich aktiver in die Parteipolitik einzubringen28. Als im März 1933, nach der offiziellen Auflösung der Partei wegen innerer Auseinandersetzungen, ein Teil der Parteimitglieder sich trotz des nationalsozialistischen Verbots für die Fortführung der SAP aussprach, gehörte auch Stefan Szende zu den Befürwortern illegaler Arbeit29. Damit begann für ihn der Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland.

Widerstand und Inhaftierung – Erfahrungen im braunen Berlin
Indem sie anti-nazistische Schriften verfassten, vervielfältigten und verteilten, sich mit marxistischen und sozialistischen Ideen beschäftigten und Pläne für die weitere politische Zukunft Deutschlands aufstellten, betätigten sich die Mitglieder der SAP illegal gegen das nationalsozialistische Deutschland. Szende beteiligte sich maßgeblich an dieser Arbeit30. Die SAP vertrat dabei die Auffassung, dass der Nationalsozialismus keine kurze Periode sei, sondern eine gefährliche und lang anhaltende Bedrohung, der die linken Parteien gemeinsam entgegen treten sollten. Stefan Szende bemerkte später, es seien diese realistischen Prämissen gewesen, die die SAP in der Illegalität weitaus besser bestehen ließen als SPD und KPD31.
Szende stand seiner Partei unter dem – etwas naiv anmutenden – Decknamen „Stefan“ in der illegalen Arbeit zur Verfügung32. Als die Gestapo im August 1933 die erste illegale Reichsleitung der SAP zerschlug und auch Max Köhler als Vorsitzenden der Berliner SAP verhaftete, übernahm Stefan die politische Leitung seiner Partei in Berlin33. Am 22. November 1933 wurde er schließlich selber von der Gestapo verhaftet34. Szende schrieb später, er habe sich lange auf diesen Moment vorbereitet und mit ihm gerechnet; selbst auf Haft und Folter habe er seinen „geistig-seelischen Apparat […] eingestellt und trainiert35“. Was ihm in den Monaten nach seiner Verhaftung widerfuhr, hat ihn dennoch stark schockiert, traumatisiert und an seine Grenzen gebracht.

Mit Stefan Szende hatte die Gestapo nicht nur den politischen Leiter der Berliner SAP, sondern auch einen jüdischen Ausländer verhaftet. Antisemitische Theorien einer „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ waren ein idealer Nährboden für die Behauptung, mit Szende habe man einen exponierten Agenten dieser Verschwörung geschnappt; immer wieder verdächtigte man ihn einer Verbindung zu Trotzki und der Beteiligung an einem groß angelegten Komplott36. Für Szende hatten diese antisemitischen Phantasien der Gestapo und der SA eine besonders erniedrigende Behandlung in den folgenden Monaten zur Folge.
Nach seiner Verhaftung brachte die Gestapo Stefan Szende ins Charlottenburger Maikowski-Haus – ein ehemaliges Gewerkschaftshaus, in dem nun die SA untergebracht war -, wo er vom SA-Sturmführer Kuhn und mehreren SA-Männern „vernommen“ wurde. Ähnlich wie andere SAP-Mitglieder, die am gleichen Tage verhaftet worden waren, wurde Szende schwer misshandelt und dann mit seinen Genossen in einen Kellerraum gesperrt37. Weitere „Vernehmungen“ fanden im Maikowski-Haus durch den SA-Gruppenführer Karl Ernst und Prinz August Wilhelm von Preußen, vierter Sohn des ehemaligen Kaisers, statt. Um ihn als vermeintlichen Kopf der deutschen SAP und angeblichen Verbindungsmann zu Trotzki zu Geständnissen zu bewegen, folterte die SA Szende unzählige Male. Diese traumatischen Erfahrungen brachte er erstmals 1937 in einem „Prinz Auwi verhört“ betitelten Artikel zu Papier38. Darin beschrieb der ehemalige Gefangene die furchtbaren Qualen, die verschiedene Foltermethoden wie das Stoßen eines Stockes in den After oder das Schlagen auf die Hoden bedeuteten. Szende berichtete später von den perfiden Methoden der Gestapo, die mit Hilfe eines Arztes genauestens darauf achtete, dass der Gefolterte nicht starb, sondern „folterungsfähig“ blieb39. Die Qualen überstand Szende nur mit größter Mühe: „Jeder Knüppelschlag, der nicht erwidert werden kann, entwürdigt und ist von Schamgefühl begleitet. […] Das demütigende Gefühl der Scham ist demoralisierend. […] Nur der intellektuelle Widerstand – nicht Haß und erst recht nicht Wut – können vor dem endgültigen Zusammenbruch schützen40.“ Es gelang Szende offenbar zumindest zu einem Teil, der Folter standzuhalten und die SA in die Irre zu führen41.

Am 1. Dezember 1933 wurden die SAP-Gefangenen in das Konzentrationslager Columbia-Haus nach Tempelhof gebracht. Auch dort schikanierte und misshandelte die wachhabende SS sie Nacht für Nacht42. Zur Vernehmung wurde Szende ins Gestapo-Hauptquartier in die Prinz-Albrecht-Straße 8 zum Dezernenten für die SAP, Kommissar von Plotho, gebracht. Dieser brachte sein Missfallen für Szende als jüdischen intellektuellen Ausländer und Sozialisten wiederholt zum Ausdruck und veranlasste, dass dieser im Columbia-Haus weiterhin misshandelt wurde43.

Stefan Szende hatte im KZ in der Columbiastraße jedoch nicht nur mit den täglichen Prügeln zu kämpfen, sondern auch mit den Folgen seiner Folterungen im Maikowski-Haus. Durch die Schläge auf seine Hoden waren diese, wie er beschrieb, Mitte Dezember „zu kiloschweren Klumpen angeschwollen“. Die Entzündungen wurden zunächst gar nicht, dann auf grausame und schmerzhafte Weise mit Silbernitrat behandelt – offenbar war der Arzt glühender Antisemit und sah in Szende ebenfalls ein Mitglied der „jüdischen Weltverschwörung44“.
Zum neuen Jahr durften Szende und seine Genossen nach weitgehend ruhigen Weihnachtstagen45 auch die Prügelstätte des KZ Columbia-Haus verlassen – um die nächste zu betreten. Am 5. Januar 193446 kam der Gefangene in das Konzentrationslager Oranienburg.

In Oranienburg
Die Einlieferung nach Oranienburg beschrieb Stefan Szende ähnlich wie viele seiner Mitgefangenen: Eine „Gleichschaltung“ genannte Szene bestand aus Beschimpfungen und Schlägen beim Appell sowie „raffinierten Folterszenen“ beim Duschen. „Die meisten haben dann Ruhe gehabt, mit Ausnahme der Juden47.“ Szende selbst wurde gleich am ersten Tag auf das berüchtigte „Zimmer 16“ gebracht, wo er dem für seine Misshandlungen bekannten Obersturmführer Hans Stahlkopf zum ersten Mal begegnete48.

Von der Einlieferung nach Oranienburg erfuhr auch Szendes Frau Erszi. Sie war mittlerweile nach Berlin gezogen; ob mit oder ohne die gemeinsame, nun dreijährige Tochter, ist nicht bekannt. Am Tag nach Szendes Überführung nach Oranienburg schrieb sie dem ungarischen Konsulat in Berlin einen Brief mit der Bitte, ihr dabei zu helfen, eine Besuchserlaubnis in Oranienburg zu bekommen – vermutlich rechnete sie bereits mit Schwierigkeiten und wandte sich an eine, wie sie glaubte, einflussreiche Stelle. So erhielt sie die Erlaubnis, ihren Mann, den sie vermutlich seit seiner Verhaftung nicht mehr gesehen hatte, im Konzentrationslager Oranienburg zu besuchen49.
Für Stefan Szende begann der Alltag im Lager mit der Zuteilung zu einem Arbeitskommando. Zusammen mit dem Gefangenen Max Fürst und einem anderen Juden musste er den Dienst im Badehaus übernehmen; die Annahme Stahlkopfs, es handele sich dabei um eine besonders „schmutzige“ Arbeit, teilte Szende nicht – im Gegensatz zur sog. „Judenkompagnie“, die unter miserablen Bedingungen die Aborte säubern musste, war die Arbeit als „Bademeister“ geradezu privilegiert. Sie bestand darin, das warme Wasser für die Häftlinge und die SA-Mannschaften zu verteilen und war nur in der halben Stunde, in der die Arbeitskommandos einrückten und die Häftlinge sich waschen wollten, anstrengend. Die Arbeit verhalf Szende zudem noch zu einer besonderen Stellung den SA-Mannschaften gegenüber: diese mussten ihn um das Einlassen eines warmen Bades oder andere Gefälligkeiten bitten, wie beispielsweise ein junger SA-Mann, der sich Szende erkenntlich zeigte, da dieser ihm für ein Rendezvous die Nägel manikürte50.

Wenn er auch bei der Zuteilung der Arbeit Glück hatte, so teilte Szende ansonsten das Los der anderen Juden in Oranienburg, die zwar nicht ihrer kulturellen Herkunft und Religionszugehörigkeit wegen verhaftet worden waren, aber dennoch gesondert behandelt wurden. Obwohl sie mit den anderen Häftlingen gemeinsam in einer Baracke schliefen, waren die jüdischen Häftlinge in einer gemeinsamen Bettreihe untergebracht. Szende schlief neben dem bekannten Anarchisten Erich Mühsam, mit dem er tagsüber gemeinsam Schach spielte und sich über Kommunismus und Marxismus unterhielt. Er erlebte, dass Mühsam, mehr noch als die anderen Juden, regelmäßig auf Zimmer 16 gebracht und misshandelt wurde51. Szende schrieb, ab Mitte Januar 1934 hätten die Juden in Oranienburg sogar weiße Armbinden tragen müssen, was an die durch die Nationalsozialisten viel später eingeführte Kennzeichnung durch einen Davidstern erinnert52.

Der aus Ungarn stammende Häftling war in Oranienburg regelmäßig Misshandlungen ausgesetzt. Er berichtete, die Juden seien der vollkommenen Willkür Stahlkopfs ausgeliefert gewesen, der nach Szendes Beobachtungen eine geradezu sadistische Freude verspürte, wenn er die Häftlinge quälen ließ. In dem Obersturmführer kristallisierte sich für Stefan Szende in Oranienburg offenbar die ganze Gewalt des NS-Regimes. Später schrieb der ehemalige Häftling mehrere Berichte, in denen er Stahlkopf erwähnte. So erschien 1936 in der „Neuen Weltbühne“ ein Artikel, der mit folgenden Worten begann:
„Stahlkopf – der Name ist ein Stück Geschichte geworden. Für Tausende ist er untrennbar verbunden mit den Greueln, die sie am eigenen Körper erlebt haben im Konzentrationslager Oranienburg. […] Nur wo die blutrünstigen Instinkte des wilden Tieres sich frei entfalten durften, nur im Dritten Reich konnte sich diese Figur Geltung und Macht verschaffen, Macht und uneingeschränkte Amtsgewalt über wehrlose Gefangene53.“

Stahlkopfs Hass auf Juden, den er Szende gegenüber immer wieder unterstrich54, bedeutete für diesen unsagbare Qualen. Als der Häftling darum bat, seine durch vorherige Misshandlungen lädierte linke Seite bei Prügeleien zu schonen, schlug man erst recht auf die andere Seite ein; ein anderes Mal wurde er zusammen mit jüdischen Häftlingen ins Zimmer 16 bestellt, wo sie gezwungen wurden, sich gegenseitig zu verprügeln55. Als besonders verabscheuungswürdige Szene schilderte Szende folgende Begebenheit:
„Er lag auf dem Sofa, in seinen Armen der Hund, über seinem Kopf das Bild des Führers Adolf Hitler. Die drei Häftlinge wurden schwer verprügelt. Stahlkopf hielt die Augen geschlossen. Er kraulte das Fell des Hundes. Sein Gesicht war matt. Nur das Aufklatschen des Knüppels und ein leises Stöhnen vom Sofa. […] Nur das Klatschen des Knüppels, der abwechselnd den einen, dann den anderen, zuletzt den dritten Häftling im Takt traf56.“

Vor allem diese, später mehrfach veröffentlichte, Schilderung Szendes des geradezu die Folter genießenden Stahlkopf lässt auf eine tiefe Abscheu des ehemaligen Häftlings gegenüber dem Sturmführer schließen. Laut Szende war niemand aus der SA-Wachmannschaft in Oranienburg derart unmenschlich und sadistisch, obgleich nicht einmal Stahlkopf selber prügelte, sondern dies anderen überließ.

Wie viele andere Häftlinge beschrieb auch Stefan Szende die qualvollen „Sportübungen“. So erwähnte er das Rennen über die Eskaladierbahn, eine Hindernisbahn, die selbst den kräftigsten Häftlingen einiges abverlangte, für schwächere oder ältere Häftlinge aber eine Art Folter darstellte, als eine „Spezialität“ des Scharführers Petschner, auch „Himmelstoß“ genannt. Obwohl dieser die Häftlinge regelmäßig bis an die Grenzen ihrer körperlichen Möglichkeiten trieb, bezeichnete Szende ihn später als weitaus „menschlicher“ als den Obersturmführer Stahlkopf57. Dieser repräsentierte für ihn die Gestapo im Lager, deren Gewaltbereitschaft und Perfidität eine vollkommen andere Qualität hatten als die „Gemeinheiten“ der SA58.

Im Februar 1934, nach mehr als einmonatiger Haft in Oranienburg, wurde Szende mit anderen Genossen in die so genannten „Stehbunker“ gesperrt. Es handelte sich dabei um kleine, im Keller stehende Holzverschläge, die eine Grundfläche von etwa sechzig mal sechzig Zentimetern hatten. Ein dort eingeschlossener Häftling konnte nicht sitzen oder hocken, er war gezwungen, in Dunkelheit und Enge zu stehen oder allenfalls sich zusammenzukrümmen. Szende musste vier Tage und Nächte unter extremen Qualen in einem solchen Verschlag verbringen, ohne ausreichend Nahrung, mit nur fünf Minuten „Ausgang“ am Tag. In zwei Nächten, so schrieb Szende, sei er zusätzlich nachts „über den Hof gejagt“ worden59. Mit den “Stehbunkern” besaß die SA im Lager ein Folterinstrument, das den Gefangenen durch Isolation, Dunkelheit, Enge, körperliche Erschöpfung, Kälte, Schlafentzug und Hunger unsägliche Qualen bereitete. „Das Auge tat weh von der Düsternis, wir fühlten ihr lähmendes Gewicht auf den Lidern. Kalt war es hier und die Fußsohlen brannten. In den Knöcheln wurmte es wie Feuerbohrer, die Knie zitterten vom langen Stehen und wir waren wortlos60 […].“

Wenn Stefan Szende auch nach seiner Entlassung aus der Haft der Nationalsozialisten viele Male über die in Oranienburg und woanders erlittenen Qualen berichtete, so präsentierte sich der Weltöffentlichkeit 1934 ein anderes Bild des Konzentrationslagers, zu dem auch Szende – wenn auch eher unfreiwillig – beitrug. Der Lagerkommandant Schäfer, so berichtete Szende, den die Gefangenen selten zu Gesicht bekamen, habe Mühsam und ihn auserkoren, einer internationalen Kommission aus den USA, die sich von den Bedingungen im Konzentrationslager überzeugen wollte, Rede und Antwort zu stehen. Als Juden und Intellektuelle erschienen die beiden Gefangenen Schäfer offenbar besonders glaubwürdig; er machte ihnen allerdings klar, dass sie für negative Aussagen über das Lager bestraft würden. Szende erinnerte sich, dass die beiden Bettnachbarn sich mit einigen Genossen darauf geeinigt hätten, der Kommission wahrheitsgemäß Auskunft zu geben, jedoch nur auf Fragen zu antworten, und nicht von sich aus die vielen im Lager stattfindenden Grausamkeiten zur Sprache zu bringen. Da die Kommission sich laut Szendes Aussage nicht nach Misshandlungen, sondern nur nach Essen, Unterbringung etc. erkundigte, gelangten Details über den grausamen Lageralltag nicht an die Öffentlichkeit61. Dieser Alltag war für Szende als Ausländer jüdischer Herkunft und Intellektueller geprägt von Gewalt und Folter, obgleich er dies der Kommission nicht mitteilte. Er berichtete später, er sei in elf Wochen in Oranienburg sechzehnmal schwer geprügelt worden, jedes Mal auf Veranlassung Stahlkopfs62. Als er am 20. März 1934 in das Untersuchungsgefängnis Moabit überstellt wurde, war Stefan Szende körperlich und seelisch gezeichnet von den vielen Misshandlungen. Auch wenn die nationalsozialistische Gewalt durch seine Haft immer noch über ihn verfügte, so endeten für Szende dennoch vier Monate unmittelbarer körperlicher Gewalt.

Vor dem Volksgerichtshof: Zuchthaus und Ausweisung
Zusammen mit 13 anderen Gefangenen wurde Stefan Szende in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit gebracht, das der Gefangenentransport am Nachmittag des 20. März 1934 erreichte63. Damit endete für Szende nicht nur die willkürliche Gewalt durch SA und SS, er kehrte durch die Verlegung auch nach Berlin zurück, wo seine Frau im Bezirk Schöneberg wohnte64. Obgleich sie ihn im Gefängnis nicht oft, und nur unter strenger Bewachung, besuchen durfte, da man Szende ziemlich stark von der Öffentlichkeit abschirmte65, wird die Nähe dennoch eine Erleichterung für den Häftling gewesen sein.

Die Gefangenschaft im Untersuchungsgefängnis beschrieb Stefan Szende als „ruhig“. Er hatte Gelegenheit, viel zu lesen, wenn auch überwiegend nur nationalsozialistische Literatur zur Verfügung stand; offenbar lernte er aber zudem Englisch66. Bei den seltenen Besuchen, die Erszi Szende ihrem Mann abstatten durfte – belegt sind Besuche vom 2. Juli, vom 13. Oktober und vom 16. November – brachte sie ihm Bücher mit67. So unterschied sich der Gefängnisaufenthalt für Szende wesentlich von der Gefangenschaft, wie er sie vorher kennen gelernt hatte.
Grund für die Überführung Stefan Szendes nach Berlin war eine bevorstehende Anklage gegen die verhafteten SAP-Genossen vor dem neu geschaffenen Volksgerichtshof. Die Anklageschrift gegen „Köhler und Genossen“ richtete sich insgesamt gegen 24 Angeklagte und wurde Szende im Herbst 1934 mitgeteilt68. Sie lautete auf „Fortführung einer verbotenen Partei“, für Szende jedoch zusätzlich auf „Hochverrat, begangen in Verbindung mit dem Ausland“, was mit der Todesstrafe geahndet werden konnte69. So stellte sich für den Ungarn die Situation weitaus bedrohlicher dar als für die anderen Genossen. Anders als im Konzentrationslager interessierte nun weniger die Tatsache, dass Szende Jude war70 als vielmehr der Umstand, dass er kein Deutscher war und sich dennoch an der illegalen Arbeit in Deutschland beteiligt hatte.

Der Rechtsstaatsprinzipien missachtende, von der Staatsmacht abhängige und die nationalsozialistische Macht somit konsolidierende Volksgerichtshof war 1934 zur Verhandlung von „Hochverratsprozessen“ gegründet worden. Der Pflichtverteidiger, den man dem Ungarn zuwies, war ein NSDAP- und SS-Mitglied, erwies sich laut Szende aber als sachlicher, korrekter Mann, der sich in seiner Arbeit offenbar nicht von Ressentiments leiten ließ. Er erlaubte Szendes Frau Erszi sogar, die Anklageschrift zu lesen und ermöglichte ihr somit, den Inhalt weiterzugeben71. Sie konnte so zu einer breiten Protestaktion beitragen, die vor allem aus dem Ausland organisiert wurde und die sich gegen die Anklage der SAP-Mitglieder wandte. Diese Protestbereitschaft korrelierte mit einer paradoxerweise sehr offenen Prozessführung durch den Volksgerichtshof, der, so vermutete Szende, sich durch betonte Rechtsstaatlichkeit im Anfangsstadium international Legitimation verschaffen wollte72. Eine der Protestaktionen betraf die drohende Todesstrafe für Szende. Die so genannte „Juristenaktion“ war von Willy Brandt, der ebenfalls SAP-Mitglied war und in Norwegen lebte, organisiert worden und bestand in einem Schreiben, das norwegische Juristen unterzeichneten und in dem sie die rechtliche Bedenklichkeit der Anklage gegen Szende unterstrichen – das Gesetz, aufgrund dessen er zum Tode verurteilt werden konnte, war erst knapp ein Jahr nach seiner Verhaftung erlassen worden. Auch wenn das Gericht den Brief nicht anerkennen wollte, so ließ man den entsprechenden Anklagepunkt gegen Szende doch fallen73.

Der Prozess gegen „Köhler und Genossen“ dauerte vom 26. November bis zum 1. Dezember 1934 und fand in der Prinz-Albrecht-Straße 5, nur wenige Meter vom Gestapo-Hauptquartier, in dem auch Szende 1933 bereits „vernommen“ worden war, statt74. Er endete mit fünf Freisprüchen und 19 Verurteilungen wegen „Verbrechens der gemeinschaftlichen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens75“ sowie – und dies konnte als Sensation gewertet werden – mit der Verhaftung des Gestapo-Kommissars von Plotho wegen Missbrauchs der Amtsgewalt: Die Angeklagten hatten die Foltermethoden der Gestapo zur Sprache gebracht und der Volksgerichtshof wollte sich offenbar, unter internationaler Beobachtung stehend, korrekt verhalten – auch wenn man gegen von Plotho später nichts mehr unternahm76. Stefan Szende, ein „sogenannter Intellektueller“, der sich – als zweite Inlandsleitung der SAP – „als Ausländer“ in die „inneren Angelegenheiten“ Deutschlands „eingemischt“ hatte, wurde am 1. Dezember 1934 zu zwei Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der bisherigen Haft verurteilt77. Obwohl dies für Szende bedeutete, dass er nur ein Jahr im Zuchthaus verbringen musste – spätere Volksgerichtshofurteile fielen wesentlich härter aus –, so war mit seiner Verurteilung auch die Ausweisung aus Deutschland nach Verbüßung der Strafe verbunden. Am 1. Dezember 1934 begann somit Stefan Szendes letztes Jahr in Deutschland, das er als Gefangener des Zuchthauses Luckau verbringen sollte.

Stefan Szende verblieb noch wenige Tage nach der Urteilsverkündung im Untersuchungsgefängnis in Moabit, wo ihn seine Frau am 3. Dezember ein letztes Mal besuchte78. Drei Tage später, am 6. Dezember 1934, brachte man den Gefangenen nach Luckau, die letzte Station seiner Odyssee durch reichsdeutsche Haftanstalten. Bei seiner Aufnahme vermerkte man in Szendes Akte unter „besondere Merkmale“ eine „Narbe am Gesäß“ – Zeugnis der Gefangenschaft, die er bereits durchlitten hatte79.

In Luckau wies man dem Häftling die Zelle 1198 zu, eine Einzelzelle, die er sich mit zwei anderen Häftlingen teilen musste. Szende beschrieb diese Haftgemeinschaft später wegen der Enge, der fehlenden Rückzugsmöglichkeit und der Marotten der anderen als quälend: „Das Zusammenleben wurde so nach wenigen Wochen zur Hölle80.“ Im Januar 1935 beantragte der Gefangene, um sich das Leben im Zuchthaus zu erleichtern, ein Schachbrett, Bücher und einen Rasierapparat81.
Besuch von seiner Frau, die im knapp 100 km entfernten Berlin mehrfach umgezogen war82, bekam Szende selten. Bereits Mitte Dezember 1934 hatte sich Erszi Szende bei der Zuchthausleitung nach der Häufigkeit von Besuchen, Briefen und der Möglichkeit, Päckchen zu schicken erkundigt und die Antwort erhalten, sie könne ihren Mann alle drei Monate einmal besuchen83. In den Monaten zwischen den Besuchen bei ihrem Mann reiste sie zu ihrer Mutter nach Ungarn, die an Krebs erkrankt war und sich einer schweren Operation unterziehen musste84. Zu einem Besuch in Luckau brachte sie im November 1935 ihre Schwester Margit mit, die ihren Schwager seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte85.

Für Stefan Szende verlief das Gefangenenleben, abgesehen von den Besuchen seiner Frau, anscheinend vorwiegend ereignislos. Eine der nicht alltäglichen Begebenheiten war das Wiedersehen mit Petschner, dem ehemaligem Truppführer aus Oranienburg. Dieser arbeitete als Hilfswachtmeister in Luckau und erzählte Szende von der Auflösung des KZ Oranienburg durch die SS. Szende erinnerte sich später, dass Petschner ihm außerdem vom Selbstmord des Obersturmführers Stahlkopf berichtet habe, und dass Petschner dies mit den Worten quittierte: „Auch Hunde haben ein Gewissen86“. Diese Information veröffentlichte Stefan Szende 1936 – mit einiger Genugtuung über den Tod seines ehemaligen Peinigers – in einem Artikel. Petschner wurde daraufhin von seinen Vorgesetzten einem Disziplinarverfahren unterzogen, gab aber an, dass er Szende gegenüber den Selbstmord Stahlkopf niemals erwähnt habe87.

Am 6. Dezember 1935 schob man Stefan Szende nach Schöna, an die tschechische Grenze, ab, von wo er mit seiner Frau zusammen im Zug Richtung Prag weiterfuhr. Das ungarische Konsulat hatte ihm einen Reisepass ausgestellt88, eine Reise nach Ungarn kam aber wegen der dort immer noch drohenden Haftstrafe von 1928 für den ehemaligen Häftling nicht in Frage. So verlor Stefan Szende eine weitere Heimat – er konnte weder nach Ungarn, noch nach Österreich, noch nach Deutschland zurück, und in die Tschechoslowakei fuhr er in eine ungewisse Zukunft, sollte dieses Land doch schon bald ebenfalls von der nationalsozialistischen Herrschaft eingeholt werden.

Exil in Prag – Wiederaufnahme der politischen Arbeit
Die SAP-Gruppe, die in Prag arbeitete, war eine recht große Exil-Gruppe der Partei. So konnte sich Stefan Szende in Prag wieder in seinem alten Umfeld betätigen; er übernahm schon kurz nach seiner Ankunft in der Tschechoslowakei die Leitung der SAP in Prag – offenbar galt er in seiner Partei als eine Art Symbolfigur, war er doch in der Gestapo-Haft standhaft geblieben und hatte die nationalsozialistischen Haftanstalten allesamt überstanden89.

Die Parteiarbeit stellte jedoch für die junge Familie Szende keine Einnahmequelle dar, und da Erszi und Stefan als Flüchtlinge nicht arbeiten durften, waren sie auf Hilfskomitees angewiesen. Die große Armut konnte zunächst auch dadurch nicht gelindert werden, dass Szende gelegentlich Artikel an Zeitungen wie das „Prager Tageblatt“, „Der Sozialdemokrat“ oder „Die Neue Weltbühne“ verkaufte und seine Frau als Haushaltsgehilfin, vermutlich illegal, arbeitete90. Dennoch gelang es den beiden schließlich, eine kleine Wohnung im Prager Bezirk Vinohrady zu beziehen91. Das Ehepaar Szende hatte jedoch in Prag nicht nur mit der ökonomischen Unsicherheit zu kämpfen, sondern war durch ihren Flüchtlingsstatus – Szende war zudem staatenlos – auch politisch und rechtlich nicht sicher. Stefan Szende berichtete später, er sei anlässlich des Besuches des rumänischen Königs Carol in Prag als Flüchtling aus Deutschland und Ungarn verhaftet und unter Generalverdacht gestellt worden, er könne ein Attentat planen92. Zudem hatte man ihn ausweisen wollen, dies aber dann zunächst rückgängig gemacht93. Obwohl sich diese Begebenheit nicht nach der Ankunft, sondern deutlich später abspielte, deutete sich für Stefan Szende vermutlich schon recht früh an, dass er nicht allzu lange in der Tschechoslowakei bleiben würde. Dazu trugen sicher auch die innerpolitischen Differenzen bei, die die SAP zunehmend spalteten.
Als Vorsitzender der Prager SAP-Gruppe war Szende an den Debatten, die zu Spannungen zwischen den einzelnen Mitgliedern führten, maßgeblich beteiligt. Auslöser dieser Spannungen war die im Zusammenhang mit den Volksfrontbestrebungen, die die SAP weiterhin vorantrieb, aufgeworfene Frage nach der Haltung der Partei zur Sowjetunion. Vor allem unter dem Eindruck stalinistischer Säuberungen plädierte ein „rechter“ Flügel, dem auch Szende angehörte, dafür, die Unabhängigkeit von der Kommunistischen Partei und der Sowjetunion zu wahren. Szende schrieb einen entsprechenden Artikel im August 1936 und warnte vor einer „Unterschätzung der eigenen Arbeit“ und einer „Überbetonung großer internationaler Pläne94“. Sicher trug auch seine persönliche Erfahrung mit der Kommunistischen Partei dazu bei, dass er sich und die SAP von Stalin distanzieren wollte. So markierten die Diskussionen innerhalb der Prager Partei auch deutlich Szendes Entwicklung weg vom Marxismus95.
Resigniert gab Szende schließlich im Februar 1937 den Parteivorsitz ab, mit der Begründung, er habe „die Diskussionen des Themas ,Einheitsfront’ und ,Einheitsfrage’ satt96.“ Er verdiente zu dieser Zeit bereits ein wenig Geld, indem er Philosophiekurse für „Damen der Gesellschaft“ gab. Das Ehepaar Szende konnte es sich deshalb leisten, zusammen mit der nun sechsjährigen Tochter Barbara in eine Pension außerhalb der Stadt zu ziehen, wo Stefan Szende sicherlich auch Ruhe vor den innerparteilichen Querelen fand97, die er hinter sich ließ.

Da eine Aussicht auf einen längeren Aufenthalt in Prag für die Familie Szende nicht bestand, bemühte sich der Familienvater, eine Einreisegenehmigung nach Schweden zu bekommen. Er hatte dort nicht nur Kontakt zu seinem Parteikollegen August Enderle, in Skandinavien lebte auch Willy Brandt, den Szende im Jahre 1936 erstmals persönlich kennen- und schätzen gelernt hatte, als dieser sich, aus Berlin kommend, ein paar Tage in Prag aufhielt98. Im Oktober 1937 schließlich konnte die Familie Stefan Szendes mit finanzieller Unterstützung des Thomas Mann-Fonds tatsächlich nach Stockholm emigrieren99. Dieser Schritt bedeutete nicht nur eine lang anhaltende Sicherheit, sondern auch einen wichtigen Impuls für die weitere politische Entwicklung Stefan Szendes.

Ankunft in Schweden – Entwicklung zum Sozialdemokraten
Über Warschau und Riga gelangte Stefan Szende mit seiner Frau Erszi und der gemeinsamen Tochter Barbara nach Stockholm, wo die Familie mit Hilfe von Parteigenossen sehr schnell eine Zwei-Zimmer-Wohnung fand. Obgleich das Unterstützungskomitee der Gewerkschaften erst nach mehreren Anläufen seine Hilfe zusagte, glichen die Umstände der Ankunft in Schweden offenbar keineswegs den prekären Bedingungen, unter denen Stefan und Erszi Szende in Prag Fuß fassen mussten100. Mit Schweden erreichte Szende ein Land, in dem nach den inneren Desintegrationstendenzen der SAP noch eine der wenigen intakten Exilgruppen existierte, in deren Gruppenleitung er sich engagierte101. Obwohl die Familie schon bald von den Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates skandinavischer Prägung fasziniert war und profitierte – in der Volkshochschule konnten sie beispielsweise kostenlos schwedisch lernen –, hatte auch sie besonders am Anfang Schwierigkeiten mit der neuen Situation. Ein generelles Misstrauen Flüchtlingen gegenüber, der nicht sehr ertragreiche Beruf als Tellerwäscherin, den Erszi Szende als einzigen ausführen durfte, und die Ernüchterung Stefan Szendes, dessen Hoffnungen auf eine akademische Laufbahn in Schweden sich zerschlugen, dürften der Familie zugesetzt haben102. Doch langsam fasste vor allem Stefan Szende in Schweden Fuß: Er schloss sich der Intellektuellengruppe „Clarté“ an und bekam über verschiedene Kontakte die Möglichkeit, einen Kurs über Sozialismus – in schwedisch – für eine Gruppe Lebensmittelarbeiter zu halten, wodurch er seine Sprachkenntnisse schnell verbessern konnte. Zudem begann er, auch schriftstellerisch wieder tätig zu werden.

Ein Genossenschaftsverlag veröffentlichte schließlich Stefan Szendes erstes Buch, „Das Mächtespiel an der Donau“, das über aktuelle weltpolitische, besonders die deutschen außenpolitischen, Verhältnisse informierte. Es begründete Szendes Ruf als Experten der internationalen Politik und machte ihn schnell bekannt. Es folgten regelmäßig Artikel in Tageszeitungen, unter anderem „Dagens Nyheter“, und weitere Bücher, von denen Szende „Europäische Revolution“, das 1943 erschien, als sein Hauptwerk betrachtete103. Stefan Szende selber bezeichnete die meisten seiner Bücher als informativ-pädagogisch104; tatsächlich wirkten seine schriftlichen Beiträge in den verschiedenen Medien vor allem aufklärerisch, was Deutschland und Europa betraf105. Es verwundert nicht, dass Stefan Szende bald auch in der schwedischen Volksbildung aktiv wurde und zu verschiedenen Anlässen Vorträge hielt; eines seiner Bücher, „Wohlstand, Frieden und Sicherheit“ wurde als Unterrichtsmaterial in schwedischen Volksbildungsorganisationen und Volkshochschulen genutzt. Dieses Engagement ging sehr schnell über seine parteipolitische Bindung hinaus: ab 1942 war Stefan Szende im Gewerkschaftsbund aktiv und schrieb regelmäßig in dessen Wochenzeitschrift106; zusätzlich arbeitete er zusammen mit August Enderle im November einen Vorschlag für den Neuaufbau der Gewerkschaften aus und leistete wichtige Beiträge für die Landesgruppe deutscher Gewerkschafter107. Auch für die zionistisch-sozialistische Jugendorganisation Hechaluz hielt Szende, jedoch ohne Mitglied zu sein, Vorträge und engagierte sich so auch in der jüdischen (linkszionistischen) Jugendbildung108.

Doch so sehr Stefan Szendes Augenmerk auf der politischen Entwicklung Europas lag, so sehr seine Vergangenheit nach und nach unter den Impulsen verschwand, die er in Schweden bekam – er wurde auch mit einem anderen europäischen Ereignis, dem Holocaust, konfrontiert und mit dem Schicksal seiner in Ungarn lebenden Familie, mit der er 1928 gebrochen hatte. Im Jahre 1944 veröffentlichte Szende das Buch „Der letzte Jude aus Polen“, dem er als Vorwort voranstellte: „Dieses Buch ist der erste ausführliche Augenzeugenbericht von der Vernichtung der etwa fünf Millionen polnischen und anderer europäischer Juden im deutschen Generalgouvernement109.“ Ob er dies schrieb, bevor oder nachdem seine Familie von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik erfasst wurde, ist nicht bekannt. Szendes Bruder László, seine Frau Alice, geb. Bardos, eine berühmte Sängerin, die beiden Söhne Mihály und György sowie Szendes Mutter Elisabeth, hatten im Heimatort Stefan Szendes, in Szombathely, die Verschärfung der Politik gegen die jüdischen Einwohner erlebt, die in der Einpferchung in ein Ghetto mündete. Während László und der ältere Sohn Mihály zur Zwangsarbeit weggeschickt wurden, wohnte der Rest der Familie Szende seit Mai 1944 unter miserablen Bedingungen im Ghetto von Szombathely. Es ist nicht bekannt, wie Stefan Szende vom Schicksal seiner Familie erfuhr; er meldete sich aber, nach vielen Jahren ohne Kontakt, telegrafisch bei der Schwägerin und der Mutter im Ghetto und versprach ihnen, sich um ein Visum für die Familie zu bemühen, mit dem sie Ungarn verlassen und nach Schweden reisen konnten. Trotz der aufkeimenden Hoffnung konnte Szendes Bemühen seiner Familie nicht helfen; bereits am 4. Juli 1944 begann die Deportation der jüdischen Einwohner von Szombathely nach Auschwitz-Birkenau, wo Alice Szende und Stefan Szendes Mutter sofort in der Gaskammer ermordet wurden; einzig György Szende überlebte das Vernichtungslager. Mihály Szende starb in einem österreichischen Lager; nur Stefan Szendes Bruder László konnte sich Ende des Sommers 1944 mit dem schwedischen Visum aus Ungarn retten; für den Rest der Familie kam diese Hilfe zu spät110. Obgleich Stefan Szende in seinen Erinnerungen diese Erfahrung kaum oder nicht erwähnt, muss sie ihn schwer gezeichnet haben, zumal er den Großteil der Familie, trotz seines Versuchs, nicht retten konnte. Mit „Der letzte Jude aus Polen“ gehörte auch die Beschäftigung mit dem Holocaust eindeutig zum Wirkungsfeld der schriftstellerischen Betätigung Szendes, auch wenn die Beschäftigung mit anderen politischen Themen im Vordergrund stand.
Mit dem näher rückenden Ende des Zweiten Weltkrieges wurden auch der politische Wandel Szendes, der sich über Jahre hinweg vollzogen hatte, und seine Orientierung an konkreten politischen Problemen immer manifester. Die Erfahrungen mit dem schwedischen Wohlfahrtsstaat prägten Szende in seiner Hinwendung zur Sozialdemokratie, die Erinnerung an die von Zwang und Doktrin gezeichnete Kommunistische Partei in seiner kritisch-ablehnenden Haltung dem Marxismus gegenüber. Er schrieb:
„Die unausweichlichen Zwänge der Gesellschaft mögen die Sozialisten […] so gestalten, daß Freiheit, Frieden und Wohlstand, bei Maßgabe der Gerechtigkeit, gesichert werden. Dabei ist es notwendig, die möglichst gerechte Verteilung der Güter anzustreben. Solidarität und freie Entwicklung der individuellen Fähigkeiten, Absetzbarkeit und Verantwortlichkeit der gewählten Vertreter des Volkes und nicht gleichgeschalteter Kollektivismus mögen dabei die Maßstäbe des Verhaltens werden111.“

Die Entwicklung Szendes war in den 1940er Jahren stets begleitet von einem regen Austausch mit seinen Freunden, vor allem Willy Brandt, mit dem er den Kontakt intensivierte. Bereits seit 1942 war Szende aktiv an einem kleinen Kreis von sozialistischen Flüchtlingen beteiligt, in dem über Kriegs- und Nachkriegsprobleme diskutiert wurde. Diese „Internationale Gruppe demokratischer Sozialisten“, auch „Kleine Internationale“ genannt, verständigte sich über Friedensziele und bildete ideologisch eine Schnittmenge der Ideen der skandinavischen Arbeiterbewegung und der kontinentaleuropäischen sozialistischen Tradition112. Stefan Szende optierte hier, als zeitweiliger Einwohner mehrerer Staaten, vor allem für europäische, nicht nationale, Friedensziele113.

Im Spätsommer 1944 verfasste Stefan Szende gemeinsam mit Irmgard Enderle, Willy Brandt und Ernst Behm die Schrift „Zur Nachkriegspolitik deutscher Sozialisten“, in denen die SAP-Mitglieder ihrer Forderung nach einem demokratisch-sozialistischen Nachkriegsdeutschland Ausdruck verliehen114. Die Schrift wurde vielerorts als Vermächtnis der SAP-Mitglieder gehandelt, die wenige Wochen später zur schwedischen Exilgruppe der SPD übertraten. Mit diesem Schritt wurde aus dem einstigen Kommunisten und Sozialisten Stefan Szende offiziell ein Sozialdemokrat. Seine Entwicklung im schwedischen Exil mag zu dieser Entscheidung ebenso beigetragen haben wie die Idee, mit Blick auf die Nachkriegszeit eine Zersplitterung der sozialistischen Parteien, wie sie 1933 angesichts der Bedrohung durch die Nazis stattgefunden und verheerende Folgen gehabt hatte, zu verhindern und die viel gepredigte „Einheitsfront“ – zwar ohne die kommunistische Partei, oder gerade deswegen – zu verwirklichen115. Am 30. September 1944 wurden Stefan und auch Erszi Szende offizielle Mitglieder der SPD.
Den Anfang vom Ende des Krieges erlebte Stefan Szende während eines Treffens der „Kleinen Internationale“, als die Nachricht vom Selbstmord Adolf Hitlers eintraf116. Die Meldung war gewissermaßen auch der Anfang vom Ende der Exilgemeinschaft, in der Stefan Szende sich über Jahre hinweg weiterentwickelt hatte. Allen Mitgliedern standen verschiedene Möglichkeiten des Neuanfangs und der Beteiligung an der Nachkriegspolitik offen – so auch Stefan Szende.
Mit 44 Jahren beschloss er, für seinen Neuanfang zunächst alles so zu belassen, wie es war.

Wirken in der Nachkriegszeit
Stefan Szende bekam nach Ende des Krieges mehrere lukrative Angebote, etwa als Chefredakteur und Herausgeber einer Zeitung oder möglicher deutscher Minister. Um aber seine Unabhängigkeit zu wahren und seine Familie, vor allem die nun 15-jährge Tochter, nicht aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen, entschloss er sich, Schweden nicht zu verlassen, während beispielsweise sein guter Freund Willy Brandt nach der langen Zeit des Exils nach Deutschland zurückkehrte117. Szende zog es vor, seiner schriftstellerischen und publizistischen Tätigkeit, die er schon seit Jahren ausübte, weiter nachzugehen. 1947 wurde er Chefredakteur der französischen unabhängigen Nachrichtenagentur Agence Européenne de Presse (AEP), 1949 ihr Inhaber. Als ihr skandinavischer Vertreter konnte er weiter in Schweden bleiben118. Im Jahre 1950, nach mehr als zwanzig Jahren der Emigration, erhielt Szende schließlich die schwedische Staatsbürgerschaft und besiegelte so die Bindung an seine neue Heimat119. Neben seiner Mitarbeit in weiteren Bereichen der skandinavischen Presse wurde er letztlich doch auch noch in Deutschland aktiv, als skandinavischer Korrespondent des RIAS, des Westberliner Rundfunks. So war er, wie er betonte, durch seine politische Vergangenheit, seine Freundschaft mit Willy Brandt und die Arbeit beim RIAS zeitlebens mit Berlin verbunden120.

Im Jahre 1968 gab Stefan Szende seinen Posten bei der AEP ab und ging in den Ruhestand, den er in Schweden zusammen mit seiner Ehefrau Erszi verlebte. Ob seine Tochter Barbara, die Medizin studierte, promovierte und heiratete121, auch in Schweden blieb, ist nicht bekannt. Im Jahre 1975 veröffentlichte Szende seine „Zwischen Gewalt und Toleranz“ betitelten Erinnerungen als Buch. Sie enthalten sowohl Schilderungen seiner Erlebnisse als auch theoretische Reflexionen über persönliche und politische Entwicklungen. Seine umfangreiche, von zahllosen Brüchen gekennzeichnete Lebensgeschichte erscheint dort als eine europäische und er als ein überzeugter Europäer, der sich als solcher in den Nachkriegsjahren teilweise verbissen zwischen den beiden antagonistischen Blöcken zu positionieren, vor allem aber vom sowjetischen Block vehement abzugrenzen versuchte. Die Erlebnisse Stefan Szendes oszillieren zwischen den verschiedensten Extremen und mündeten doch, wie es scheint, in einen „Mittelweg“, in ihnen kristallisiert sich eine weite Spannbreite und dennoch nur eine der möglichen Erfahrungen, die ein junger Sozialist nach – und vor – 1933 machen konnte, sie scheinen verschiedene nationale Eigenheiten und dennoch eine einzige europäische Erfahrung zu spiegeln.
Stefan Szende starb im Jahr 1985.

1 Szende, Stefan: Zwischen Gewalt und Toleranz. Zeugnisse und Reflexionen eines Sozialisten. Mit einem Vorwort von Willy Brandt, Frankfurt am Main/Köln 1975, S. 47. 

2 Ebd., Vorwort von Willy Brandt, S. 11. 

3 Vgl. Röder, Werner (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, München 1980, S. 753. 

4 In seinem Lebenslauf aus dem Zuchthaus Luckau wird Szende als religiöser Dissident, nicht getauft, angegeben, vgl. Lebenslauf, in: Personalakte für den Zuchthausgefangenen Stefan Szende, BLHA, Rep. 161, NS-Archiv ZC 20096 A. 07. 

5 Vgl. ebd. und Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 89. 

6 Vgl. ebd., S. 92. 

7 Vgl. ebd., S. 90f und 96f. 

8 Vgl. ebd. S. 93ff. 

9 Vgl. ebd., S. 99. 

10 Vgl. Lebenslauf. 

11 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 100. 

12 Vgl. Röder: Biographisches Handbuch, S. 753. 

13 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 101. 

14 Vgl. ebd., S. 102ff. 

15 Vgl. Szende, Stefan, online unter: http://exil-archiv.de/html/biografien/inhalt/abc/r-z.htm, Zugriff am 9.9.08. 

16 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 104ff. 

17 Vgl. ebd., S. 103. 

18 Vgl. Röder: Biographisches Handbuch, S. 753. 

19 Vgl. ebd. und Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 130. 

20 Zum Zeitpunkt der Promotion gibt es unterschiedliche Angaben, vgl. http://exil-archiv.de (1928) und Röder: Biographisches Handbuch, S. 753 (1930). 

21 Abgeleitet von dem bereits erwähnten ungarischen Philosophen Georg Lukács, der die Dialektik als Methode, jedoch nicht, wie Lenin, als Naturgesetz ansah. Szende behauptet von sich selber, er sei niemals „Lukácsist“ gewesen. 

22 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S.135ff. 

23 Vgl. ebd., S. 138. 

24 Vgl. Röder: Biographisches Handbuch, S. 753 und Lebenslauf. 

25 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 153ff. 

26 Vgl. ebd., S. 160. 

27 Ebd., S. 195. 

28 Vgl. Gerichtsurteil gegen Max Köhler und Genossen, in: Personalakte. 

29 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 216. 

30 Klaus Zweiling schrieb in Szendes Wohnung eine sozialistische Programmschrift, vgl. ebd., S. 216; außerdem hielt Szende offenbar Vorträge über marxistische Wirtschafttheorie, vgl. Gerichtsurteil gegen Max Köhler und Genossen. 

31 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 217. 

32 Vgl. Röder: Biographisches Handbuch, S. 753. 

33 Vgl. Bremer, Jörg: Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Untergrund und Exil 1933-1945, Frankfurt/Main 1978, S. 70ff. 

34 Vgl. Brief des ungarischen Generalkonsulats an das Gestapa vom 9. Januar 1934, BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/39, Bl. 236/237. 

35 Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 52. 

36 Vgl. Sandvoß, Hans-Rainer: Die „andere“ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945, Berlin 2007, S. 189. 

37 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 16f. 

38 Vgl. „Prinz Auwi verhört“, in: Sozialistische Warte, 12. Jahrgang des ISK, 4. Heft, 15. Februar 1937, S. 81-84. 

39 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 50. 

40 Ebd., S. 48. 

41 So „richtete“ man Szende beispielsweise wieder „her“, damit er, ohne dass Spuren der Folter sichtbar waren, zu einem Treffen mit einem von Szende erfundenen Kontaktmann gehen konnte, vgl. ebd., S. 25. 

42 Vgl. ebd., S. 27ff. 

43 Vgl. ebd., S. 30. 

44 Vgl. ebd., S. 31f. 

45 Szende berichtete, dass er kurz vor Silvester vom Wachmann „Arno“ erfahren habe, dass dieser den damaligen Vorsitzenden der KPD, John Schehr, ermordet habe. Dies widerspricht der offiziellen (DDR-) Geschichtsschreibung, nach der Schehr erst im Februar 1934 in Berlin „auf der Flucht erschossen“ wurde; vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 32. 

46 Vgl. Entlassungsschein für Stefan Szende, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/39, Bl. 232. 

47 Szende, Stefan: Mit Mühsam in Oranienburg, in: europäische ideen 5/6, S. 7f. 

48 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 34f.  

49 Vgl. Brief des ungarisches Generalkonsulat an das Gestapa. 

50 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 35f. 

51 Vgl. ebd., S. 43f sowie Szende: Mit Mühsam in Oranienburg. 

52 Vgl. ders.: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 38f. 

53 Szende, Stefan: Obersturmführer Stahlkopf, in: Neue Weltbühne, Prag 1936/3, S. 64-66, hier: S. 64. 

54 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 40. 

55 Vgl. ebd., S.41. 

56 Ebd. 

57 Vgl. ebd., S. 37 und 84 sowie Szende: Obersturmführer Stahlkopf, S. 64. 

58 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 46. 

59 Ebd., S. 42. 

60 Szende, Stefan: Erde, in: Freies Deutschland, Jahrgang 2, Nr. 5 (Februar 1938), S. 4. 

61 Vgl. Szende: Mit Mühsam in Oranienburg, S. 8f. 

62 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 65. 

63 Vgl. Brief des Gestapa an das KZ Oranienburg vom 19. März 1934, BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/5, Bl. 299. 

64 Für diese Zeit sind unterschiedliche Schöneberger Adressen bekannt, die für Szende offenbar Bezugspunkte waren; seine eigene Adresse wird mit Frankenstraße 9 bei Lilienthal angegeben, die von Erszi mit Potsdamer Straße 27 bei Bradt; zusätzlich wird einmal eine „Verwandte“, Frau Friedenau in der Rubensstr. 5 erwähnt; vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/5, Bl. 30, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/39, Bl. 232 sowie Personalakte. 

65 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 56. 

66 In den Gefängnisakten ist verzeichnet, dass sich auch eine englische Grammatik unter den Büchern befand, die er in seiner Zelle bekam, vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/3, Bl. 507. 

67 Vgl. Personalakte. 

68 Vgl. Gerichtsurteil gegen Max Köhler und Genossen, in: Personalakte sowie Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 55. 

69 Vgl. ebd., S. 56. 

70 In keiner Gefängnis-, Gerichts- oder Zuchthausakte ist Szendes jüdische Herkunft vermerkt; auch er selbst schildert nach der KZ-Haft keine antisemitische Äußerung gegen ihn von Seiten der Staatsmacht. 

71 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 57. 

72 Vgl. ebd., S. 58f und S. 66. 

73 Vgl. ebd., S. 60f sowie Brandt, Willy: Links und frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982, S. 105. 

74 Vgl. Ladung vor den Volksgerichtshof vom 11. Oktober 1934, in: Personalakte. 

75 Vgl. Gerichturteil gegen Max Köhler und Genossen. 

76 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 66. 

77 Vgl. Gerichtsurteil gegen Max Köhler und Genossen. 

78 Vgl. Personalakte. 

79 Vgl. ebd. 

80 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 68ff. 

81 Vgl. Anträge und Beschwerden, Blatt F, in: Personalakte. 

82 Während Erszi Szende im Dezember 1934 noch in der Hauptstraße 108 bei Köllner in Schöneberg wohnte, lautete ihre Adresse im Februar 1935 Motzstr. 47 bei Jurtschke, ebenfalls in Schöneberg. 

83 Vgl. Schriftwechsel zwischen Erszi Szende und der Haftanstalt Luckau vom 17. Dezember 1934, in: Personalakte. 

84 Vgl. Brief von Erszi Szende an die Haftanstalt Luckau vom 5. Februar 1935, in: Personalakte. 

85 Vgl. Brief von Erszi Szende an das Zuchthaus Luckau vom 31. Oktober 1935, ebd. 

86 Szende: Obersturmführer Stahlkopf, S. 65. 

87 Vgl. Erklärung Petschners vom 22. Februar 1936, in: Personalakte. 

88 Vgl. Brief von Erszi Szende an das Zuchthaus Luckau vom 2. Dezember 1935, ebd. 

89 Vgl. Foitzik, Jan: Zwischen den Fronten. Zur Politik, Organisation und Funktion linker politischer Kleinorganisationen im Widerstand 1933 – 1939/40 unter besonderer Berücksichtigung des Exils, Bonn 1986, S. 116f. 

90 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 299ff. 

91 Vgl. ebd., S. 202. 

92 Vgl. ebd., S. 213f. 

93 Vgl. Jacoby, Henry: Davongekommen. 10 Jahre Exil 1936-1946. Prag – Paris – Montauban – New York – Washington. Erlebnisse und Begegnungen, Frankfurt/Main, S. 17-21. 

94 Marxistische Tribüne. Diskussionsblätter der SAP, August 1936, S. 43. 

95 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 224. 

96 Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 203. 

97 Vgl. ebd. 

98 Vgl. ebd., S. 10 sowie Brandt: Links und frei, S. 107. 

99 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 214. 

100 Vgl. ebd., S. 225ff. 

101 Vgl. Foitzik: Zwischen den Fronten, S. 328. 

102 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 227ff. 

103 Vgl. ebd., S. 236. 

104 Vgl. ebd., S. 263f. 

105 Vgl. Müssener, Helmut: Exilliteratur 1933-1945, S. 223f. 

106 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 236f.  

107 Vgl. Lorenz, Einhart: Mehr als Willy Brandt. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) im skandinavischen Exil, Frankfurt am Main/Berlin 1997, S. 208. 

108 Vgl. Müssener, Helmut: Exil in Schweden. Politische und kulturelle Emigration nach 1933, München 1974, S. 244. 

109 Vgl. Szende, Stefan: Der letzte Jude aus Polen, Zürich 1945, S. 5 (erstmals 1944 in schwedisch erschienen). 

110 Die letzten Lebensmonate der Familie Szende hat der ungarische Wissenschaftler Attila Katona anhand der Briefe von Alice und László Szende aus dem bzw. in das Ghetto rekonstruiert, vgl. Katona, Attila: „…seid stark, wir sind es“ – Zwänge, Hoffnungen und Möglichkeiten im Ghetto von Szombathely im Spiegel der Briefe einer jüdischen Familie, online unter: http://81.223.26.229:8080/Plone-EdQ/holocaust-symposium (Zugriff am 9.9.08). 

111 Szende, Stefan: Freiheitssehnsucht, Gesellschaftszwang und Eigentumsbegriff, in: Sozialismus und/oder Freiheit, S. 17-20, hier: S. 20. 

112 Vgl. Lorenz: Mehr als Willy Brandt, S. 206. 

113 Vgl. Müssener: Exil in Schweden, S. 245f. 

114 Vgl. ebd., S. 243. 

115 Vgl. ebd., S. 170f. 

116 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 262. 

117 Vgl. ebd., S. 266f. 

118 Vgl. ebd., S. 271 

119 Vgl. Röder: Biographisches Handbuch, S. 753. 

120 Vgl. Szende: Zwischen Gewalt und Toleranz, S. 271. 

121 Vgl. Röder: Biographisches Handbuch, S. 753. 

Soziale/Regionale Herkunft: Aufgewachsen in Ungarn in einer bürgerlichen jüdisch-liberalen Familie als Sohn von Max und Elisabeth Szende

Ausbildung/Berufstätigkeit: Studium der Staatswissenschaften und Jura mit Promotion zum Dr. rer. pol., Studium der Philosophie mit Promotion zum Dr. phil., Politiker, Schriftsteller und Leiter einer Nachrichtenagentur

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Landesgruppe deutscher Gewerkschafter (LdG) in Schweden

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Ab 1919 Kommunistische Partei Ungarns, 1929 ausgeschlossen; 1931 – 1932 KPO; 1932 – 1945 SAP, Mitglied der illegalen deutschen Inlandsleitung, Leiter des Prager Exilbüros; ab 1945 SoPaDe/SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Leiter der illegalen Berliner SAP 1933; Leiter des Exilbüros der SAP in Prag 1935 – 1937; Mitglied der schwedischen SAP-Exilgruppe und der „Kleinen Internationale“

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Maikowski-Haus: 22. November 1933 – 1. Dezember 1933; KZ Columbia-Haus: 1. Dezember 1933 – 5. Januar 1934; KZ Oranienburg: 5. Januar 1934 – 20. März 1934; Untersuchungsgefängnis Moabit: 20. März 1934 – 6. Dezember 1934; Zuchthaus Luckau: 6. Dezember 1934 – 6. Dezember 1935

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mitglied der SPD

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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