Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
12. Mai 1906 – 25. März 1988

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Wahlplakat zum Deutschen Bundestag 1965

Wahlplakat zum Deutschen Bundestag 1965

Hans Ils war eines der Gründungsmitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Am 24. Dezember 1933 wurde er im Rahmen einer größeren Verhaftungsaktion gegen die SAP festgenommen. Er kam in das Konzentrationslager Oranienburg und im Sommer 1934 in Untersuchungshaft.
Am 1. Dezember 1934 wurde er vom 2. Strafsenat des Volksgerichtshofes wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Strafe von zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Von Besim Kadriu

Hans Ils wurde am 12. Mai 1906 in Weißenhorn bei Ulm geboren. Er besuchte die Volksschule und zwei Jahre lang die Gewerbeschule. Die Eltern betrieben ein Gemischtwarengeschäft, welches Hans Ils als der Älteste von drei Söhnen einmal übernehmen sollte. Die Tätigkeit im väterlichen Geschäft sagte ihm wenig zu, und schließlich willigte sein Vater ein, Ils die höhere Schule besuchen zu lassen1.
Im Jahre 1928 legte er in Berlin, wohin seine Eltern 1926 gezogen waren, die Reifeprüfung ab und begann, Jura und Volkswirtschaft zu studieren. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Pressestenograph in einer Berliner Vertretung auswärtiger Blätter. 1928 schloss sich Hans Ils auf der Universität der Sozialistischen Studentenschaft an und trat der Sozialdemokratischen Partei (SPD) bei, in der er bald in engere Berührung mit dem linken Flügel um Seydewitz und Rosenfeld kam. Nachdem diese aus der SPD ausgeschlossen wurden, suchte Ils Kontakt zu den Linken des Sozialistischen Studentenverbandes, dessen Vorsitzender er bis zum Jahre 1933 blieb. Er gab das Organ des Verbandes, die Zeitschrift „Die linke Front“, heraus, die sich mit Fragen des wissenschaftlichen Sozialismus befasste.

1931 war Hans Ils in Berlin eines der Gründungsmitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) und engagierte sich für die Bildung einer Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus. Er beteiligte sich nach 1933 an den Versuchen, den Zusammenhalt der SAP-Mitglieder in der Illegalität zu gewährleisten, Nachrichten und politische Informationen zu verbreiten und unverdächtige Stützpunkte einzurichten. Gleichzeitig war er in der Illegalität Postanlaufstelle für verschiedene Deckadressen der Organisation. Am 24. Dezember 1933 wurde Ils im Rahmen einer größeren Verhaftungsaktion gegen führende SAP-Mitglieder, die im August begonnen hatte, festgenommen. Er kam zunächst ins Columbia-Haus und dann ins Konzentrationslager Oranienburg. Dort war er vom 16. Februar bis zum 20. März 1934 inhaftiert2. Erst am 1. Dezember 1934 wurden 24 der verhafteten SAP-Funktionäre, darunter Hans Ils, Klaus Zweiling, Stefan Szende, Max Köhler, Karl Baier und Gustav Kleinert, vom II. Senat des Volksgerichtshofes verurteilt3. Die meisten Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen, nur drei von ihnen, darunter Ils, je zwei Jahre Zuchthaus4. Die relativ milden Urteile sind u. a. darauf zurückzuführen, dass es gelang, die Anklageschrift ins Ausland zu schmuggeln, auf deren Grundlage die SAP-Exilgruppen dann eine breite internationale Solidaritäts- und Protestkampagne organisierten. Besonders in der französischen Öffentlichkeit erregte der Prozess Aufsehen. So forderten am 29. Oktober 1934 in Paris 300 000 Arbeiter auf einer Großveranstaltung die Freilassung der Angeklagten; französische Schriftsteller wie Romain Rolland, André Gide, André Malraux, Henri Barbusse richteten Protesttelegramme an die deutsche Regierung.

Kahlgeschoren, „zahnlückig“ und abgemagert wurde Ils Anfang 1936 aus dem Zuchthaus Brandenburg, wo er seine Strafe verbüßen musste, entlassen und hatte Schwierigkeiten, wieder Anschluss an das normale Leben zu finden. Die Zeit im Zuchthaus, wo er einige Monate in einer Zwölferzelle mit Sträflingen, die wegen der verschiedensten Verbrechen verurteilt waren, zugebracht hatte – vom Raubmörder über den Taschendieb bis zum Zuhälter –, schilderte er als spannende Erfahrung einer fremden Lebenswelt mit eigenen Gesetzen, eigenen Hierarchien und eigener Philosophie. Bis zu seinem Tode 1988 hatte er immer wieder den Albtraum, die Gestapo sei hinter ihm her5. Nicht allein die körperlichen Qualen, auch die totale Wehrlosigkeit gegenüber groben oder raffinierten Methoden der Demütigung, um den Verhörten moralisch zu brechen, führten zu psychischen Verletzungen bei Ils, die schwer oder gar nicht heilten.
Nach der Entlassung aus dem Zuchthaus Brandenburg stand Ils unter Polizeiaufsicht und unterlag einem Verbot, weiter als Pressestenograph zu arbeiten. Die Universität verweigerte ihm zudem die Wiederaufnahme des 1933 unterbrochenen Jurastudiums. Hans Ils nahm nach Beendigung der Zuchthausstrafe wieder Kontakt zu einigen Genossen auf; zu einer organisierten illegalen Tätigkeit kam es aber nicht mehr.

Von 1936 bis 1942 arbeitete er als Buchhalter; bei Beginn des Krieges 1939 heiratete er Gertraude Dieke. Anfang 1943 wurde Hans Ils zur Wehrmacht eingezogen. Er kam in das Strafbataillon 999, das man nach der Ausbildung im Partisanengebiet um Sarny in Ostpolen stationierte. Nach wenigen Monaten hatte er das „Glück“, an einer langwierigen Hepatitis zu erkranken, was zu einem langen Lazarettaufenthalt in Thüringen führte. Danach war er nicht mehr “frontverwendungsfähig” und blieb in der Heimat. In den letzten Monaten vor Kriegsende wurde Hans Ils noch einmal eingezogen und zum Holzfällen in die Wälder um Jüterbog abkommandiert6. Bei Kriegsende kam er in amerikanische Gefangenschaft.

Nach dem Krieg trat Ils 1946 in die SPD ein, arbeitete als Assistent einer Wirtschaftsprüfer-Praxis und nahm ein VWL-Studium an der Humboldt-Universität in Berlin auf, wo er 1948 und 1949 als Diplom-Volkswirt und Dr. rer. pol. abschloss. Das Thema seiner Dissertation lautete „Die landwirtschaftlichen Verwertungsgenossenschaften in der freien und gebundenen Wirtschaft“. Ils hielt eine starke Stellung der Gewerkschaften in der künftigen Wirtschaftsverfassung für unabdingbar als notwendiges Gegengewicht zur Macht der Konzerne und folgte auch in seiner beruflichen Orientierung dieser Prämisse7. Von 1950 bis 1953 war er als Dezernent in der Zentralstelle für Betriebswirtschaft der Deutschen Bundesbahn tätig. 1954 wurde er auf Vorschlag der IG Metall Arbeitsdirektor in einem Stahlkonzern, entsprechend dem neuen Mitbestimmungsgesetz für die Montanindustrie. Die 1950er Jahre waren für Ils und seine Familie eine Zeit der Umzüge: 1952 nach Frankfurt, 1955 nach Georgsmarienhütte bei Osnabrück und 1958 nach Bad Iburg (Teutoburger Wald). Von 1955 bis 1971 war Ils Arbeitsdirektor bei der Klöckner-Werke-AG. Von 1965 bis 1969 erhielt er ein Mandat der Landesliste Niedersachsen für den Deutschen Bundestag (5. Wahlperiode8). Dort betätigte er sich als ordentliches Mitglied des Ausschusses für Sozialpolitik und Stellvertretendes Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Mittelstandsfragen9. Er plädierte bereits Mitte der 1960er Jahre für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und der DDR und lehnte die Notstandsgesetze ab.

1971 wurde Ils mit 65 Jahren pensioniert. Ein Jahr später siedelte er nach Freiburg über. Ils, der in Osnabrück langjähriger SPD-Kreisverbandsvorsitzender gewesen war, übernahm auch im SPD-Ortsverein Freiburg den Kassiererposten. In den 1970er und 1980er Jahren arbeitete Ils an privaten Studien, vervollkommnete seine russischen Sprachkenntnisse uns war Mitbegründer der Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft Südbaden. Er hielt Referate über Notwendigkeit und Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Sowjetunion und engagierte sich für die Ostpolitik der SPD10. Hans Ils starb am 25. März 1988 in Freiburg.

1 Vgl. Lebenslauf von Hans Ils in: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 19706. 

2 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 5, Bl. 27. 

3 Vgl. Grebing, Helga (Hrsg.): Lehrstücke in Solidarität. Briefe und Biographien deutscher Sozialisten 1945-1949, Stuttgart 1983, S. 340. 

4 Vgl. Ils, Gertraude: Jahrgang 1909. Erinnerungen, Sonderdruck 1997. S. 137. 

5 Vgl. ebd. S. 138. 

6 Vgl. ebd. S. 139. 

7 Vgl. ebd. S. 143. 

8 Vgl. Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949-2002, S. 376. 

9 Vgl. Amtliches Handbuch des Deutschen Bundestages, 5. Wahlperiode 1965-1969, S. 211. 

10 Vgl. Ils: Jahrgang 1909. S. 186f. 

Soziale/Regionale Herkunft: Weißenhorn bei Ulm; Sohn eines Gemischtwarenhändlers; Vater: Eugen Ils; Mutter: Martha Ils, geborene Carl.

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1913 – 1928 Volksschule, Gewerbeschule, Oberrealschule, Abitur 1928; 1928 – 1933 Universität Berlin, Studium der Rechts- und Staatswissenschaft. Februar 1933 wegen sozialistischer Betätigung relegiert. 1946 Wiederaufnahme des Studiums. 24.2.1948 Diplomexamen für Volkswirte „Mit Auszeichnung“. 9.1.1949 Promotion zum Dr. rer. pol. mit „Gut“. 1.6.1928 – 23.12.1933 Pressestenograf im Nachrichtenbüro Dr. Richard Bahr. 10.9.1936 – 1.11.1942 Kaufm. Angestellter in der Firma Fritz Keller; 23.2.1943 – 1.10.1945 Kriegsdienst und Gefangenschaft; 1.11.1945 – 30.6.1950 Assistent des Wirtschaftsprüfers W.H. de Heer, Berlin; 1.11.1950 – 30.6.1953 Dezernent des Wirtschaftsprüfers Adolf Dieke, Hannover.

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1928 - 1933 Zentralverband der Angestellten

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1928 Eintritt in die SPD und Sozialistische Studentenschaft; 1931 Eintritt in SAP, Vorsitzender des Sozialistischen Studentenverbandes; 1.11.1945 Eintritt in die SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1965 - 1969 MdB

Widerstandsaktivitäten: Illegale Organisation der SAP 1933

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 24.12.1933 Verhaftung durch die Gestapo; 16.2.1934 – 20.3.1934 KZ Oranienburg; 1.12.1934 Vom Volksgerichtshof Berlin zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, Haftanstalt Brandenburg-Görden

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1.5.1949 HBV, Gewerkschaft der Eisenbahner, IG Metall; 1950 – 1955 Aufsichtsratsmitglied der AG für Berg- und Hüttenbetriebe und Salzgitter Maschinen AG; 1.7.1953 – 31.10.1954 Leiter der Wirtschaftsabteilung in der Hauptverwaltung der IG Metall; 1.11.1954 – 1971 Arbeitsdirektor der Klöckner–Werke AG; 1965 – 1969 Mitglied des Deutschen Bundestages (5. Wahlperiode)

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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