Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
25. Januar 1916 - 22. Dezember 1942

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Hans Coppi. Quelle: GDW.

Hans Coppi. Quelle: GDW.

Hans Coppi wurde bereits als Jugendlicher von der NS-Justiz wegen seiner Betätigung für den illegalen Kommunistischen Jugendverband (KJVD) inhaftiert. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1934 qualifizierte er sich vom Hilfsarbeiter in einem Metallbetrieb zum Techniker. Mit seiner Ehefrau Hilde Coppi engagierte er sich in der Widerstandsorganisation Schulze-Boysen/Harnack (“Rote Kapelle”) für die Beendigung des Zweiten Weltkrieges. Im September 1942 verhaftete ihn die Gestapo erneut. Hans Coppi wurde zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1942 ermordet.

Von Hans Coppi (junior)

Am 25. Januar 1916 in Berlin geboren, wuchs Hans Coppi in einer Arbeiterfamilie im „roten Wedding“ auf. Seine Mutter Frieda Coppi war Hausfrau und besserte als Schneiderin die Familienkasse auf; der Vater Robert Coppi arbeitete als Stubenmaler. Die Eltern schlossen sich 1930/31 der KPD an.

Von 1929 bis 1932 besuchte Hans Coppi die reformpädagogische Schulfarm auf der Insel Scharfenberg im Tegeler See. Mit fünfzehn Jahren trat er dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) bei, beteiligte sich an Demonstrationen und verteilte Flugblätter. Im Gesellschaftsmodell der Sowjetunion sah er eine Alternative zur krisengeschüttelten kapitalistischen Welt. Der Heranwachsende trat für eine soziale und gerechte Welt ohne Ausbeutung, Krieg, Rassenwahn und nationalistischen Fanatismus ein. Dieser Überzeugung blieb er auch nach dem Machtantritt der Nazis treu. Der Terror gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, andere Hitlergegner und gegen Juden bestärkte den Jugendlichen in seiner antifaschistischen Haltung.

Im März 1933 verließ er das Lessing-Gymnasium, zu dem er im November 1932 gewechselt war. Er begann, den inzwischen verbotenen KJVD in Tegel wieder aufzubauen, sammelte Versprengte, versuchte Zuversicht zu verbreiten, organisierte Zettelklebe- und Flugblattaktionen gegen das Naziregime. Seitdem im September 1933 SA und Polizei ihn zu suchen begannen, musste der Siebzehnjährige illegal leben. In dieser Zeit organisierte er mit Schulfreunden aus Scharfenberg und jungen Katholiken aus Tegel eine Zettelklebeaktion gegen die Ende November 1933 stattfindenden Reichstagswahlen.

Am 4. Februar 1934 wurde der achtzehnjährige Hans Coppi in einem illegalen Quartier in Berlin-Neukölln festgenommen. Am 28. Februar 1934 kam er für sechs Wochen in das Konzentrationslager Oranienburg; nach seiner Verurteilung durch das Berliner Kammergericht wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ war er bis Anfang Februar 1935 im Jugendgefängnis Plötzensee inhaftiert. Nach der Entlassung schloss er sich einem Freundeskreis von früheren Scharfenberger Schülern an, zu dem unter anderem Hans Lautenschläger, Hermann Natterodt und Heinrich Scheel gehörten. Sie hielten fest zusammen, halfen sich gegenseitig, diskutierten miteinander, feierten aber auch und suchten Kontakte zu anderen Hitlergegnern, auch aus den illegalen Gewerkschaften. In Flugblättern informierten sie über die geheime Aufrüstung und den Terror des NS-Regimes. Sie gewannen neue Mitstreiter. Gleichzeitig verhalfen sie Gefährdeten zur Flucht aus Deutschland.
Nach vorübergehender Arbeit in der Eisdiele seiner Mutter, nach dem Arbeitsdienst und einer Anstellung als Lieferbote im Jahre 1938 fand Hans Coppi eine Arbeit in einer kleinen Maschinenbaufabrik. Dort qualifizierte er sich bald zum Dreher; in einem Abendkurs bildete er sich zum Techniker weiter.

1939 traf er zufällig einen Freund aus dem früheren KJVD, der ihn zu einem antifaschistischen Diskussionskreis um den Schauspieler und Dramaturgen Wilhelm Schürmann-Horster mitnahm, dem unter anderem Jutta und Viktor Dubinski, die Bildhauerin Ruthild Hahne, die Tänzerin Hanna Berger, der Architekt Friedrich Schauer, die Arbeiter Karl Böhme, Eugen Neutert, Wolfgang Thiess und der Buchdrucker Herbert Grasse angehörten. Nach Diskussionen über politische und künstlerische Fragen begannen sie eine Gruppenstruktur aufzubauen, die den Austausch von Informationen und Verbindungen in die Betriebe ermöglichen sollte.

Über Heinrich Scheel, seinen Scharfenberger Schulfreund, lernte Hans Coppi im Jahre 1940 den Leutnant der Luftwaffe, Harro Schulze-Boysen, kennen. Der Hitlergegner arbeitete im Luftfahrtministerium. Gemeinsam mit dem Regierungsrat im Wirtschaftsministerium, Dr. Arvid Harnack, informierte er seit Anfang 1941 einen Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft über die Angriffspläne gegen die Sowjetunion. Stalin missachtete diese Warnungen. Die sowjetische Botschaft stellte jedoch zwei Funkgeräte zur Verfügung, mit denen in Kriegszeiten der Kontakt aufrechterhalten werden sollte.

Mitte Juni 1941 hatte Hans Coppi die als Lohnbuchhalterin in der Reichsversicherungsanstalt tätige Hilde Rake geheiratet. Kurz zuvor hatte Schulze-Boysen ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, als Funker tätig zu werden, da in wenigen Tagen der Krieg gegen die Sowjetunion beginnen würde. Über das Funkgerät sei es möglich, einen Kontakt zur sowjetischen Seite aufrechtzuerhalten. Obwohl er keine funktechnischen Vorkenntnisse und Erfahrungen besaß, war Hans Coppi sofort bereit, diese gefährliche Aufgabe zu übernehmen. Nur eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion konnte seines Erachtens helfen, den Krieg zu beenden und das Nazi-Regime zu stürzen. Fünf Tage vor dem Einfall deutscher Truppen in die Sowjetunion traf er mit einem Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft zusammen, der ihn in die Funktechnik einwies. Später erlernte er auch das Morsen. Aber trotz vieler Bemühungen verhinderten technische Probleme die Aufnahme des Sendebetriebes.

Gemeinsam mit seiner Frau beteiligte sich Hans Coppi an einer Zettelklebeaktion im Wedding und in Moabit gegen die antisowjetische Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ im Berliner Lustgarten. Mit dieser Aktion, an der in verschiedenen Berliner Stadtteilen über zwanzig Frauen und Männer teilnahmen, zeigten diese, dass die Gegner des Regimes im Inneren noch aktiv waren. Am 18. Mai – es war ein Montag – konnten Berliner, die zur Arbeit eilten, an Hauswänden und Bäumen die Anschläge entdecken: Das NAZI PARADIES. Krieg Hunger Lüge. Gestapo Wie lange noch?

Obwohl das Abhören feindlicher Sender unter Androhung schwerster Strafen verboten war, hörte Hilde Coppi auf Kurzwelle den Moskauer Rundfunk ab. Dort übermittelten gelegentlich deutsche Kriegsgefangene Grüße an ihre Frauen und Eltern. Hilde Coppi und eine Freundin notierten sich deren Namen und Anschriften und gaben sie an Heinrich Scheel weiter, der als Wetterdienstinspektor bei der Luftwaffe in Rangsdorf arbeitete. Während seines Nachtdienstes schrieb dieser auf einer Schreibmaschine und mit Handschuhen Postkarten, auf denen Eltern und Ehefrauen mitgeteilt wurde, dass ihre Söhne oder Männer lebten. Damit wollten sie die Nazi-Propaganda widerlegen, derzufolge „die Russen“ alle Kriegsgefangenen liquidierten.

Hans Coppi kümmerte sich seit Mitte August 1942 um den aus Moskau eingetroffenen Fallschirmspringer Albert Hößler. Aus der Wohnung von Erika von Brockdorff gelang Hößler im Beisein von Hans Coppi Anfang September ein erster Funkkontakt nach Moskau. Am 10. September 1942 wurde Hans Coppi in die Wehrmacht einberufen. Nur zwei Tage später, am 12. September 1942, wurde er in Schrimm bei Posen festgenommen. Seine Haft verbrachte er im „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, wo man ihn „verschärften Verhören“ unterzog. Auch seine Ehefrau Hilde Coppi wurde verhaftet. Sie war zu diesem Zeitpunkt schwanger. Ihr Sohn (Hans Coppi, junior) kam am 27. November 1942 im Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße zur Welt. Im Prozess vor dem Reichskriegsgericht gegen Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack und weitere Mitstreiter wurde Hans Coppi zum Tode verurteilt und am Abend des 22. Dezember 1942 in der Hinrichtungsstätte Plötzensee ermordet.

Am 20. Januar 1943 wurde auch Hilde Coppi zum Tode verurteilt. Ein daraufhin beantragtes Gnadengesuch wurde im Juli 1943 abgelehnt. Am 5. August 1943 wurde Hilde Coppi in Berlin-Plötzensee durch das Fallbeil enthauptet.

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Quellen:

  • Privatarchiv Hans Coppi (junior), Berlin.
  • Coppi junior, Hans/Danyel, Jürgen/Tuchel, Johannes (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen Hitler. Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1992.
  • Lautenschläger, Hans: An der Seite Hans Coppis. Erinnerungen des Genossen Hans Lautenschläger über den Kampf der Schulze-Boysen/Harnack-Organisation, Berlin 1980.
  • Perrault, Gilles: Auf den Spuren der Roten Kapelle, Wien/München 1994.
  • Roth, Karl-Heinz/Ebbinghaus, Angelika: Rote Kapellen, Kreisauer Kreise, Schwarze Kapellen: Neue Sichtweisen auf den deutschen Widerstand gegen die NS-Diktatur, Hamburg 2004.
  • Scheel, Heinrich: Vor den Schranken des Reichskriegsgerichts. Mein Weg in den Widerstand, Berlin 1993.
  • Verlorenes Leben. Hans Coppi und der letzte Agent der „Roten Kapelle“. Eine Dokumentation von Inga Wolfram, Helge Trimpert und Hans Coppi (jun.), 1996, 60 Min.

Soziale/Regionale Herkunft: Berliner Arbeitermilieu

Ausbildung/Berufstätigkeit: Gelegenheitsarbeiter, angelernter Metallarbeiter, anschl. Lehre als Dreher, Qualifizierung zum Techniker

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: keine

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 1931: Mitgliedschaft im KJVD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: 1933/34: illegaler KJVD, 1940-42: "Rote Kapelle"

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 4. Februar 1934: Festnahme; anschl. "Schutzhaft"; 28. Februar 1934 bis April 1934: KZ Oranienburg; anschl. Verurteilung und Inhaftierung im Jugendgefängnis Berlin-Plötzensee bis Februar 1935; 12. September 1942: Einlieferung in das "Hausgefängnis" der Gestapo Berlin; anschließend U-Haft in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee bis zur Ermordung am 22. Dezember 1942

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Gedenktafel auf der Insel Scharfenberg (Berlin-Tegel) erinnert an Hans Coppi und den Widerstandskämpfer Hanno Günther; in Berlin-Reinickendorf in der Seidelstraße 23 sind Tafeln für Hans Coppi und seine Ehefrau Hilde angebracht; Hans-und-Hilde-Coppi-Gymnasium in Berlin-Karlshorst ist nach ihm und seiner Ehefrau benannt; Peter Weiss setzte in seinem Roman 'Die Ästhetik des Widerstands' Hans und Hilde Coppi ein literarisches Denkmal; Coppistraße und Coppiplatz im Leipziger Stadtteil Gohlis erinnern an Hans und Hilde Coppi

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