Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. Februar 1900 - 20. Juni 1933

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Hermann Hagendorf. Quelle: PA Ella Wölki.

Hermann Hagendorf. Quelle: PA Ella Wölki.

Hermann Hagendorf sagte zu seiner 5-jährigen Tochter: „Häschen, was sagt man denn nun?“ Sie antwortete ihm: „Rot Front, Vati!“. Daraufhin musste sie mit ansehen, wie ihr Vater von SA-Männern misshandelt und abgeführt wurde. Hermann Hagendorf wurde kurze Zeit nach seiner Verhaftung in das Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Dort schlug ihn die SA innerhalb von vier Tagen mit Stahlruten zu Tode1.

Von Katrin Müller

Hermann Hagendorf wurde am 18. Februar 1900 als Sohn eines Klempners in Coswig im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Er hatte neun Geschwister. Zu dieser Zeit arbeitete sein Vater in der Coswiger Kohlengrube, wo er nur sehr wenig Geld verdiente. Es herrschte deshalb große soziale Not in der Familie. Als Hermann drei Jahre alt war, übersiedelte die Familie ins benachbarte Klieken. Von klein auf mussten die Kinder mitarbeiten, um die große Familie zu ernähren. In Klieken, auf dem Rittergut des Gutsbesitzers von Oppeln-Bronikowski, musste auch Hermann im Alter von zehn Jahren für einen Hungerlohn schwer arbeiten. Nach dem achtjährigen Besuch der Volksschule verrichtete er Arbeiten in einer Kieselgrube. Er konnte keinen Beruf erlernen, da die Eltern das Lehrgeld nicht aufbringen konnten.

1927 heiratete Hermann Hagendorf Frieda Ganzer. Am 14. Mai desselben Jahres wurde seine Tochter Ella geboren. Da Hermann Hagendorf Kommunist war, hatte er Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu bekommen und erhielt auch keine Erwerbslosenunterstützung. So bekam die Familie nur acht Mark Wohlfahrtsunterstützung. Sie war deshalb auf das Geld von Hagendorfs Frau angewiesen. Diese hatte Aufwartestellen bei fremden Leuten, denen sie die Wäsche wusch, und nach Feierabend putzte sie noch Geschäfte in der Stadt2.

Schon als Jugendlicher bekannte sich Hagendorf zu den Zielen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Er wurde zudem Mitglied des Roten Frontkämpferbundes (RFB). In den Jahren 1924/25 gehörten dem RFB in Coswig etwa 50 Personen an. Ein Drittel waren junge Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Hagendorf wurde bald der Leiter der RFB-Ortsgruppe Coswig. Gleichzeitig gehörte er der von den Coswiger Arbeitern gegründeten Kapelle des Roten Frontkämpferbundes an. Diese Kapelle trat in Coswig und den Dörfern der Umgebung auf und warb für die Arbeiterbewegung. Hermann Hagendorf organisierte „Rote Treffs“ auf dem Lande und in den Nachbarstädten und nahm selbst an Treffen des RFB in Leipzig, Berlin und Halle teil. 1927 ging Hagendorf zu einem vierteljährigen Lehrgang des Zentralkomitees der KPD nach Einsiedel (Erzgebirge) zu einer politisch-ideologischen und militärischen Schulung, die von Ernst Thälmann abgehalten wurde.

Die Gefahr des Faschismus wurde Anfang der 1930er Jahre immer drohender. KPD und Roter Frontkämpferbund vervielfachten daher ihre Anstrengungen, besonders unter der Losung: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg, darum wählt Liste 3 – wählt die KPD3!“.

Das erste Mal wurde Hermann Hagendorf von der Coswiger Polizei im Februar 1933 verhaftet. Er kam in die örtliche Strafanstalt. Im Gefängnis bekam er eine Lungenentzündung und wurde entlassen. Seine Frau und seine Tochter begleiteten ihn zum Arzt, es war der 25. März 1933. Auf dem Rückweg kam ihnen in Coswig ein Schutzmann entgegen: Schutzmann Schulze, der Hermann Hagendorf befahl, erneut mit auf die Wache zu kommen. Hagendorfs Frau und Tochter warteten auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Polizeiwache. Nach einer Weile kamen Hagendorf und Schutzmann Schulze wieder heraus, diesmal begleitet von noch einem anderen Schutzmann und Kommissar Krebs, die Hagendorf wieder ins Strafgefängnis nach Coswig zurückbrachten. Hagendorfs Tochter, Ella Wölki, hat den Tag bis heute nicht vergessen: „Mein Vater war unter dem Namen „Häschen“ bekannt, so wie Thälmann unter dem Namen „Teddy“ bekannt war. Vor dem Tor des Gefängnisses rief er mir noch über die Straße zu: was sagt man denn nun? Und ich antwortete ‚Rot Front Vati!’. Ich kannte ja nichts anderes. Da hat ihn Schutzmann Schulze getreten, dass er gleich zum Tor des Gefängnisses hineingefallen ist. Das war das, was ich als 5-jähriges Kind immer, immer, immer vor Augen hatte4.“

In Coswig saß Hagendorf ein paar Wochen ein. Danach wurde er nach Dessau ins „Schutzhaftgefängnis“ gebracht. In dieser Zeit musste Hagendorfs Frau Frieda mehrmals von Coswig mit dem Zug nach Dessau zum Augenarzt fahren. Am 16. Juni, so berichtet Ella Wölki, war Frieda Hagendorf gerade wieder auf dem Rückweg, als sie sah, wie in Dessau der Bahnhof von der SA abgeriegelt und ein Gleis abgesperrt wurde. Sie ging über die Schienen auf das abgesperrte Gleis, von dem aus mehrere Häftlinge aus Anhalt nach Oranienburg gebracht wurden. „Das war das letzte Mal, dass meine Mutter meinen Vater lebend gesehen hat. Sie glaubte aber nicht, dass er sie gesehen hat, weil sie sich in eine Ecke drücken musste, um nicht von der SA erwischt zu werden5.“

Besuchen durfte die Familie Hermann Hagendorf in Oranienburg nicht. Nach nur vier Tagen, am 20. Juni 1933, wurde Hermann Hagendorf von der SA in Oranienburg ermordet. Auf dem Telegramm an die Familie stand: „verstorben an Nierenentzündung und Harnvergiftung“.

Die jüngste Schwester von Frieda Hagendorf war mit einem SA-Mann verheiratet, der später sogar zur SS ging. Hagendorfs Tochter Ella erinnert sich: „Er hat sich aber immer gut mit meinem Vater verstanden. Sie hatten auch nie politische Auseinandersetzungen. Mein Onkel ist dann also mit meiner Mutter nach Oranienburg gefahren6.“ Er habe mit dem Lagerkommandanten über zwei Stunden verhandelt, der beide dann doch zu dem Leichnam von Hermann Hagendorf brachte. Hagendorf lag schon im Sarg, zugedeckt bis zum Hals. In dem Raum arbeiteten gerade andere Gefangene. Einer von ihnen gab Frieda Hagendorf ein Zeichen, sie solle das Tuch wegziehen.

„Sie hat dann das Laken weggezogen und da hat sie gesehen, wie er ausgesehen hat. Er war vollkommen zerschlagen. Sie haben ihn mit Stahlruten erschlagen und haben ihn dann sofort wieder beschlagnahmt. Meine Mutti musste gleich raus aus dem Lager, aber mein Onkel hat sich nicht abwimmeln lassen. Der hat so lange mit dem Lagerkommandanten verhandelt, bis sie den Sarg mitnehmen konnten. Der Sarg wurde zugemacht, durfte aber nicht wieder geöffnet werden7.“
In der Nacht brachen enge Freunde der Familie zusammen mit dem Friedhofsverwalter, einem Sympathisanten der KPD, in die Leichenhalle ein. Sie machten den Sarg auf und schauten sich Hermann Hagendorf noch einmal genau an. Die Wunden sollen 25 cm lang und so tief gewesen sein, dass man einen Daumen hineinstecken konnte. Am nächsten Tag wurde der Friedhof von SA-Leuten abgesperrt. Es wurde auch kaum jemand zur Beerdigung gelassen, außer Frieda Hagendorf, ihr Vater und ihr Schwager, der geholfen hatte, Hagendorfs Leiche aus Oranienburg zu holen. „Aber ein paar alte Freunde und Genossen hatten sich schon in der Nacht auf dem Friedhof versteckt und sind dann doch mit ans Grab gegangen. Meine Mutter musste trotzdem weiter auf dem Friedhof arbeiten und andere Gräber mit auf- und zuschippen. Das Grab meines Vater liegt in der hintersten Ecke des Friedhofs8.“

Nachdem das RFB-Mitglied Ernst Hörnicke, ein guter Freund von Hermann Hagendorf, aus Oranienburg entlassen wurde, ging er zu Frieda Hagendorf und erzählte ihr, wie ihr Mann ermordet wurde. Hagendorf war als erster des Transports zum Verhör geholt worden. „Er hat damals schon in Coswig gesagt, alles, was ihm die Nazis vorwerfen, nimmt er auf sich. Sonst gehen zehn und so geht nur er allein. Das war seine Einstellung. Er hat die anderen alle geschützt9.“ Er sollte irgendetwas zugeben. Die SA-Leute warfen ihm vor, er oder die Gruppe hätten ein Maschinengewehr. Dann wurde Hagendorf zusammengeschlagen. Nach ihm wurde das Coswiger KPD-Mitglied Erich Meyer hereingerufen. Er war zusammen mit Hagendorf nach Oranienburg gebracht worden. Hermann Hagendorf lag vor dem Tisch, der im Raum stand. Als Meyer hereinkam, machte er einen Schritt über den am Boden Liegenden. Die SA-Leute hätten ihn dann zurückgescheucht und gesagt, er solle nicht darüber steigen, sondern auf den Mann drauf treten. Meyer hatte große Angst, auch so zusammengeschlagen zu werden und tat, was von ihm verlangt wurde. Anschließend gaben die SA-Männer auch ihm eine Stahlrute in die Hand, und Meyer musste auf seinen Parteifreund einschlagen.

„Als Meyer später aus dem KZ entlassen wurde, kam er direkt zu meiner Mutti und hat es ihr gebeichtet. Alle haben ihn verurteilt. Nach 1945, als der Krieg vorbei war, wollte niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben. Da haben sich dann alle wichtig getan. Meyer ist dann verurteilt worden. Bei der Gerichtsverhandlung hat meine Mutter aber für ihn ausgesagt, er habe das doch nur aus großer Angst getan10.“

Hagendorf widmete sich in seinem Leben in erster Linie seiner Partei und vertrat immer seine politische Auffassung. Er hielt seine Familie aber stets aus allem Politischen heraus, um sie zu schützen. Vor allem nach dem Tod von Hermann Hagendorf wurde die Familie im Ort gemieden. Ella Wölki, geborene Hagendorf, und ihre Mutter hatten danach ein schweres Leben. Frieda Hagendorf bekam nur schlecht bezahlte Hilfsarbeiten auf dem Friedhof in Coswig, die Tochter später lange keine Lehrstelle. Auch in der Schule wurde Ella von einigen Lehrern schikaniert: „Ich hatte ein Medaillon mit einem Photo von meinem Vater um den Hals, da hat ein Lehrer versucht, es mir vom Hals zu reißen11.“

Aber auch nach Kriegsende ging es Ella und ihrer Mutter nicht wesentlich besser. Viele, die die beiden zu NS-Zeiten gemieden hatten, spielten sich später in der DDR als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime auf, wie Ella Wölki heute sagt.

Nach Hermann Hagendorf wurde eine Jugendherberge in Coswig benannt, die jedoch Mitte der 90er Jahre abgerissen wurde. Zu DDR-Zeiten gab es in Coswig auch einen Hermann-Hagendorf-Platz mit einer Gedenktafel, der nach der Wende aber in Friedrich-Ebert-Platz umbenannt wurde. Heute gibt es auf dem Friedhof, auf dem Hagendorf begraben liegt, noch eine Stele mit einer Bronze-Büste von ihm. Ein offizieller Gedenkstein auf dem Grab von Hermann Hagendorf hingegen existiert, trotz mehrfachen Versprechens der Stadt Coswig, bis heute nicht12.

1 Vgl. Interview mit Hagendorfs inzwischen 80-jähriger Tochter Ella Wölki, geborene Hagendorf, vom 21. Mai 2008 in Erkner b. Berlin.  

2 Vgl. Ihr Vermächtnis ist uns Verpflichtung, Beiträge zur Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung im Kreis Roßlau, Sozialistische Einheitspartei Deutschland (Hrsg.), Mai 1983, aus dem Privatarchiv von Hermann Hagendorfs Tochter Ella Wölki, S. 3ff. 

3 Interview mit Ella Wölki, geborene Hagendorf. 

4 Zit. nach: Ihr Vermächtnis ist uns Verpflichtung, S. 4ff. 

5 Interview mit Ella Wölki, geborene Hagendorf. 

6 Ebd. 

7 Ebd. 

8 Ebd. 

9 Ebd. 

10 Ebd. 

11 Ebd. 

12 Vgl. ebd. und Informationen der Stadt Coswig und der Friedhofsverwaltung. 

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn eines Klempners, hatte neun Geschwister und musste schon als Kind mithelfen, die Familie zu ernähren. Geboren in Coswig, Sachsen-Anhalt

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule, keine berufliche Ausbildung

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: KPD, RFB

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Ortsgruppeleiter des Roten Frontkämpferbundes in Coswig

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Strafanstalt Coswig im Februar 1933, "Schutzhaftgefängnis" in Dessau am 25. März 1933, KZ Oranienburg vom 16. Juni 1933 bis 20. Juni 1933

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Jugendherberge in Coswig wurde nach Hermann Hagendorf benannt, aber Mitte der 90er Jahre abgerissen; mehrere Nachrufe und Gedenkschriften der Stadt Coswig, besonders zu DDR-Zeiten; zu DDR-Zeiten gab es auch einen Hermann-Hagendorf-Platz, der aber nach der Wende in Friedrich-Ebert-Platz umbenannt wurde; heute gibt es auf dem Friedhof, auf dem Hagendorg begraben ist, noch eine Stele mit einer Bronze-Büste von ihm

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