Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
27. November 1902 – 28. Juni 1933

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Portrait Max Sens, Bestand Zerbster Heimatmuseum.

Portrait Max Sens, Bestand Zerbster Heimatmuseum.

„Am 28. Juni, am 14. Tag unseres Aufenthaltes, hatten wir den zweiten Toten, den 31jährigen Arbeiter Max Sens aus Zerbst […]. Ich kann bezeugen, daß auch dieser vollkommen gesund gewesene, kräftige Arbeitersportler von Sturmbannführer Krüger und zwei SA-Männern zu Tode geschlagen worden ist. Er verschied durch Herzschlag infolge der durch die zahllosen und wahnsinnigen Schläge am ganzen Körper aufgetretenen Blutstauungen“, schrieb der SPD-Reichstagsabgeordnete und Mithäftling von Max Sens Gerhart Seger in seinem Bericht über das Konzentrationslager Oranienburg1.

Von Katrin Müller

Kindheit, Jugend und Ausbildung
Max Sens wurde am 27. November 1902 in Zerbst in Sachsen-Anhalt geboren. Als Arbeiterkind musste er als Botenjunge und Landarbeiter helfen, den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern. Seine Mutter war Arbeiterin. Der Vater diente 1914 bei der Armee und fiel im Ersten Weltkrieg. Die Unterstützung für die Ehefrauen der Soldaten reichte oft nicht zum Leben aus, deshalb mussten die Frauen, meist unter Mithilfe ihrer Kinder, zusätzlich Geld verdienen. So arbeitete auch Max halbe und ganze Tage in der Landwirtschaft. Außerdem trug er als Botenjunge für eine Zigarrenhandlung Zigarren und andere Tabakwaren aus2.
1916 begann Max Sens eine Lehre als Schlosser bei der Firma Braun in Zerbst. Dort arbeitete er im Schnitt täglich zehn Stunden, hauptsächlich für die Kriegsproduktion. Im Jahr 1919 wurde Max Sens Mitglied im Deutschen Metallarbeiterverband. Ein Jahr später beendete er seine Lehre und ihm wurde anschließend gekündigt, wie vielen jungen Arbeitern in dieser Zeit.

Politische Funktion: sein Engagement bei der KPD und dem RFB in Zerbst
1920 schloss sich Max Sens der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an. Die Ortsgruppe Zerbst bestand zu dieser Zeit nur aus etwa 40 bis 50 Mitgliedern. Sens war maßgeblich an der Herausgabe der Zerbster Ortszeitung der KPD, des „Kiek in Pott“, beteiligt. Gleichzeitig war er Korrespondent der in Magdeburg erscheinenden KPD-Bezirkszeitung „Tribüne“.
Als die Zerbster Sportler, unter ihnen auch Max Sens, wegen ihrer politischen Betätigung aus dem Arbeiterturn- und Sportbund ausgeschlossen wurden, gründeten sie den „Roten Sportbund“. Die Mitglieder waren vor allem bemüht, die sportliche Betätigung zu einer Massenbewegung zu entwickeln.
Sens war außerdem Regisseur und Darsteller in der Theatergruppe der KPD und Leiter der Schalmaienkapelle in Zerbst. Der Aufbau der Kapelle war mühsam. Instrumente waren in der Zeit sehr teuer. Die Mitglieder konnten keine Noten lesen, ausgebildet wurden sie allein von Max Sens. Nach und nach erfreute sich die Zerbster Kapelle allgemeiner Beliebtheit. Sie spielte auf Betriebsfeiern, Kundgebungen und zu gesellschaftlichen Anlässen. Vor allem bei Treffen des Roten Frontkämpferbundes in Leipzig und Berlin traten die Musiker regelmäßig auf. Auch Max Sens war Mitglied des Roten Frontkämpferbundes. Der Bund versuchte Angriffe der Polizei auf die Teilnehmer von Demonstrationen und Provokationen der Nationalsozialisten abzuwehren. Sens war bekannt und beliebt bei seinen Freunden und den Sympathisanten der KPD. Er stellte sich öffentlich gegen die Nationalsozialisten. Am 5. März 1933 setzte eine große Verhaftungswelle ein. Auf der Liste stand auch Max Sens. Er war der Verbindungsmann zur illegalen KPD in Magdeburg.

Verhaftung und Transport nach Oranienburg: nach Hermann Hagendorf war Max Sens der zweite Gefangene des anhaltischen Transports, den die SA in Zimmer 16 zu Tode schlug.
Am 9. März 1933 wurde Max Sens verhaftet. Drei Monate saß er in Einzelhaft im „Schutzhaftgefängnis“ Dessau. Sens vertrat jedoch trotz dieser Schikane weiter seine Meinung. Er kam deshalb am 16. Juni 1933 zusammen mit anderen Häftlingen aus den anhaltischen Gefängnissen ins Konzentrationslager nach Oranienburg. Er wurde in das Verhörzimmer 16 gerufen und von dem Leiter der Abteilung, Obersturmbannführer Krüger, der als kalter und zynischer Mörder bei den Gefangenen bekannt war, grausam misshandelt. Während seiner qualvollen Vernehmung soll Sens kein Wort über die Partei und ihre Organisation gesagt haben. Am 28. Juni 1933 starb er an den Folgen der Torturen angeblich an „Herzversagen“. Auf dem Totenschein, der erst sieben Monate später ausgestellt wurde, um die Tat zu vertuschen, stand wörtlich: „Oranienburg, den 16. Februar 1934. Der Häftling Max Sens aus Zerbst, der auf Grund eines Herzleidens (Miocarditis) von jeglicher Lagerarbeit befreit war, ist am 28. Juni 1933 infolge plötzlichen irreparablen Versagen des Herzens (Mors subita) verstorben. […] Lagerarzt Dr. med. Carl Lazar, prakt. Arzt, Oranienburg, Bernauer Str. 453.”

Der ehemalige Mithäftling von Max Sens, Gerhart Seger, zeichnet dagegen ein anderes Bild: „Am 28. Juni, am 14. Tag unseres Aufenthaltes, hatten wir den zweiten Toten, den 31jährigen Arbeiter Max Sens aus Zerbst. Ich habe ihm in seiner letzten Stunde Wasser gebracht und sonst beigestanden. Die Spuren der Mißhandlungen an seinem Körper, blutunterlaufen, tiefblau und schwarz gefärbte Stellen auf dem Rücken von den Schulterblättern bis zum Gesäß, auf den Oberschenkeln und an den Waden, habe ich gesehen. Ich kann also bezeugen, daß auch dieser vollkommen gesund gewesene, kräftige Arbeitersportler von Sturmbannführer Krüger und zwei SA-Männern, also mit drei Gummiknüppeln zu Tode geschlagen worden ist. Er verschied durch Herzschlag infolge der durch die zahllosen und wahnsinnigen Schläge am ganzen Körper aufgetretenen Blutstauungen4.”

Dass der Tod des Häftlings durch Herzschlag erfolgt und Sens schon lange herzkrank und arbeitsunfähig gewesen sei, versuchten die Nationalsozialisten unbedingt zu erhärten. Der Gestapokommissar Lindemann in Zerbst erhielt die Anweisung, sofort und mit allen Mitteln Aussagen von Zerbster Kommunisten zu erzwingen, die diese angebliche „Herzkrankheit“ von Sens mit ihrer Unterschrift bescheinigen sollten5.

Nach verschiedenen Aussagen soll der Körper von Max Sens blutunterlaufen und blau und schwarz gewesen sein. Einige Mitgefangene hätten noch versucht, sein Leben zu retten, konnten aber kaum noch etwas für ihn tun. Seine Leiche wurde von KPD-Anhängern nach Zerbst gebracht. Die Mitglieder der damals illegalen kommunistischen Ortsgruppe beauftragten ihren Genossen Richard Bläß damit, den toten Max Sens von der Lagerleitung in Oranienburg freizubekommen. Mit einem Lastkraftwagen fuhren die KPD-Mitglieder Bläß und Karl Krüger nach Oranienburg. Eigenartigerweise, vermutlich aus Furcht vor der Öffentlichkeit, wurde ihnen der Leichnam tatsächlich übergeben. Das gab es später nicht noch einmal. SA-Leute hatten bei der Beerdigung den Friedhof umstellt. Der Sarg wurde mit dem Gruß des Roten Frontkämpferbundes in das Grab gelassen6.

Erinnerung an Max Sens
In der DDR-Zeit wurde das Grab von Max Sens auf dem Zerbster Heidetorfriedhof gepflegt und zum Denkmal erhoben. Auch heute gibt es dort noch eine Gedenkstätte für Opfer des NS-Terrors und für Widerstandskämpfer. Geehrt werden neben Max Sens dort auch die Zerbster Kommunisten Fritz Brandt, Max Kilz und Otto Hörnicke. Außerdem hieß die III. Polytechnische Oberschule in Zerbst zu DDR-Zeiten Max-Sens-Oberschule. Die Schalmaienkapelle, deren Leiter Sens gewesen war, wurde weitergeführt. Heute gibt es in Zerbst außer der Gedenkstätte auf dem Heidetorfriedhof noch einen Platz, der nach Max Sens benannt wurde7.

1 Seger, Gerhart: Konzentrationslager Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, Karlsbad 1934, S. 18. 

2 Vgl. Bericht des Kommunisten Ernst Albrecht, der Max Sens kannte, abgedruckt in: Zerbster Heimatkalender 17. Jg., Kulturbund der DDR. Ortsgruppe Zerbst und Heimatmuseum der Stadt Zerbst, Zerbst 1976, S. 82ff. 

3 Zit. nach: Zerbster Heimatkalender 1977, S. 31ff. 

4 Seger: Konzentrationslager Oranienburg, S. 18. 

5 Vgl. Zerbster Heimatkalender 1977, S. 32. 

6 Vgl. ebd., S. 33ff. 

7 Vgl. Sozialistische Einheitspartei Deutschland, Kreisleitung Zerbst (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung Zerbst: Ihr Kampf lebt in unseren Taten weiter, Heimatmuseum Zerbst, Zerbst 1981, S. 8ff u. Informationen des Heimatmuseums in Zerbst. 

Soziale/Regionale Herkunft: Zerbst; Max Sens Vater war Soldat und fiel im Ersten Weltkrieg, die Mutter war Arbeiterin. Max Sens musste schon als Kind neben der Schule in der Landwirtschaft und als Botenjunge arbeiten, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern.

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule - 1916 Schlosserlehre bei der Firma Braun in Zerbst - danach arbeitslos

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: seit 1919 Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Roter Frontkämpferbund, Leiter der RFB-Schalmaienkapelle - Redakteur der Ortszeitung Zerbst der KPD, dem „Kiek in Pott“ - Korrespondent der in Magdeburg erscheinenden KPD-Bezirkszeitung „Tribüne“ - Mitglied im „Roten Sportbund“- Regisseur und Darsteller in der Theatergruppe der KPD und Leiter der Schalmaienkapelle in Zerbst

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 9. März 1933 „Schutzhaftgefängnis“ Dessau - KZ Oranienburg: 16. Juni 1933 – 28. Juni 1933

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 9. März 1933 „Schutzhaftgefängnis“ Dessau - KZ Oranienburg: 16. Juni 1933 – 28. Juni 1933

Erinnerungskultur/Ehrungen: In der DDR-Zeit wurde das Grab von Max Sens gepflegt und zum Denkmal erhoben - heute Gedenkstätte auf dem Heidetorfriedhof für Opfer des NS-Terrors und für Widerstandskämpfer. Geehrt werden neben Max Sens dort auch die Zerbster Kommunisten Fritz Brandt, Max Kilz und Otto Hörnicke. - Wiederbelebung der Schalmaienkapelle, deren Leiter Max Sens bis zu seinem Tod war - III. Polytechnische Oberschule in Zerbst hieß zu DDR-Zeiten Max-Sens-Oberschule - Max-Sens-Platz in Zerbst

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