Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
28. Juli 1909 - ?

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Siegfried Hahmann. Quelle: BLHA, Rep. 401, VdN 683.

Siegfried Hahmann. Quelle: BLHA, Rep. 401, VdN 683.

Siegfried Hahmann war nach eigenen Angaben SPD-Mitglied und Mitglied des Reichsbanners. Er wurde verhaftet, da er 1932 zusammen mit drei anderen Friedrichsthalern einen Hitlerjungen von einem Feld gejagt hatte, das links stehenden Personen gehörte. Damit zogen die vier den besonderen Hass des späteren Lagerkommandanten Schäfer auf sich. Schäfer bestrafte sie im KZ Oranienburg mit 17 Stunden Dauermarsch und zwei von ihnen zusätzlich mit mehr als 30 Tagen Dunkelarrest. Ob Hahmann selbst auch im „Bunker“ war, ist nicht bekannt, aber anzunehmen.

Von Katrin Müller

Soziale Herkunft und Ausbildung:
Siegfried Haamann (er selbst schreibt sich Hahmann) wurde am 28. Juli 1909 in der nördlich von Berlin-Oranienburg liegenden Gemeinde Friedrichsthal geboren. Sein Vater, Rudolf Hahmann, war Maurer, genau wie Siegfried Hahmanns Onkel, Emil Otto Dietrich. Bis 1923 besuchte Siegfried Hahmann die Volksschule, anschließend folgte bis 1927 eine Lehre bei dem Oranienburger Fleischermeister Ernst Buhrz1. Später arbeitete er als Fleischergeselle in der Wurstfabrik der Gebrüder Bach in Oranienburg2.
Im Dezember 1933 heiratete Siegfried Hahmann die ebenfalls aus Friedrichsthal stammende Martha Quandt3.

Politische Funktion:
Siegfried Hahmann gehörte nach eigenen Angaben seit seinem 21. Lebensjahr der SPD an und war zudem Mitglied des Reichsbanners. Das Reichsbanner war ein überparteiliches, in der Praxis von Sozialdemokraten dominiertes Bündnis während der Weimarer Zeit zum Schutz der Republik gegen ihre Feinde an den politischen Rändern. Ansonsten war Hahmann Mitglied im lokalen Turnverein „Fichte“. Seine Ehefrau hingegen schloss sich der Frauenschaft der NSDAP an. Aber auch Hahmann gibt an, selbst von 1933 bis 1936 Uniformträger in der SA gewesen zu sein4.

Verhaftung und Transport nach Oranienburg:
Siegfried Hahmann wurde am 18. Juli 1933 verhaftet und zusammen mit Willi Kujat, geboren am 8. Januar 1911, dem Stuckateur Carl Schumacher, geboren am 23. August 1881, und seinem Onkel Emil Otto Dietrich5, geboren am 19. November 1895, in das KZ Oranienburg gebracht6. Hahmann selbst beschreibt den Grund der Verhaftung wie folgt: „weil ich mit meinem Onkel Emil Dietrich HJ-Angehörige von der Wiese jagte und eine Hose und einen Pullover stahl7.”

Die Inhaber der Fleischwarenfabrik Gebrüder Bach in Oranienburg, in der Siegfried Hahmann zuletzt angestellt war, versuchten ihrerseits die Entlassung Hahmanns aus dem KZ zu erwirken: „Wir bescheinigen hiermit, daß Siegfried Hahmann bei uns als Geselle beschäftigt ist. Über seine Führung können wir uns nur lobenswert aussprechen. Er war stets ein ruhiger fleißiger Arbeiter, und hat er unseres Wissens nach sich nicht politisch betätigt. Wir vermissen in Hahmann einen tüchtigen Gesellen, und würden es sehr begrüßen, wenn er seine Tätigkeit schnellstens wieder aufnehmen würde8.”

Entlassen wurde Hahmann daraufhin zunächst nicht. Der Lagerkommandant Werner Schäfer beschrieb in dem von ihm verfassten „Anti-Braunbuch“, in dem er die „Greueltaten, die die Presse berichtete, widerlegen wollte“ ein Verhör mit Hahmann über den Hergang mit dem Hitlerjungen, den die vier Friedrichsthaler von einem Feld verjagt hatten9. In diesem Verhör soll Hahmann ausgesagt haben, dass er und die anderen drei in der Nacht vom 30. zum 31. Juli 1932 angetrunken zu dem Feld gegangen waren und den Jungen, der dort campierte und die Hakenkreuzfahne gehisst hatte, aus dem Zelt zerrten und ihn misshandelten10. Allerdings muss an dieser Stelle berücksichtigt werden, dass es im Lager bei Verhören ziemlich brutal zuging, und den Häftlingen solange gedroht wurde oder sie misshandelt wurden, bis sie das „Gewünschte“ sagten. Nicht selten erfanden die verantwortlichen Nazis auch Dinge dazu oder stellten den Sachverhalt völlig anders dar. Der ebenfalls in Oranienburg inhaftierte Gerhart Seger beschrieb den Vorgang nämlich etwas anders:
„Im Sommer 1932, also lange vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, hatte ein sechzehnjähriger Hitlerjunge auf einem linksstehenden Personen gehörenden Grundstück in Friedrichsthal, auf der Wiese hinter dem Haus ohne Erlaubnis der Besitzer sein Zelt aufgebaut und dazu, natürlich in provokatorischer Absicht, die Hakenkreuzfahne gehisst. Vier Arbeiter sahen das und bestraften den Dummenjungenstreich mit dem Umwerfen des Zeltes und ein paar Ohrfeigen; sonst ist dem Jungen aber nichts weiter passiert11.”

Schon bei ihrer Einlieferung wurden die vier Friedrichsthaler Arbeiter offenbar geschlagen, und dem ältesten von ihnen, Carl Schumacher, hängte die SA ein großes Plakat um den Hals, auf dem der Vorfall mit dem Hitlerjungen in der Version des Lagerkommandanten Schäfer dargestellt wurde. Dabei beließen es Schäfer und die ihm unterstellten SA-Männer, nach der Beobachtung Gerhart Segers, aber nicht:

„Eines Nachts wurden die vier kurz vor Mitternacht aus dem Schlafsaal geholt und gezwungen […], auf dem gepflasterten vorderen Hof des Lagers immer im Kreis herumzumarschieren. Als wir morgens aus den Schlafsälen kamen, marschierten sie schon sechs Stunden lang. Als wir mittags zum Essenholen antraten, marschierten sie noch immer, schon zwölf Stunden lang, ohne Pause, immer im Kreis herum, in der glühenden Sommersonne, mit bloßen Füßen auf dem heißen Pflaster12.”

Nach 17 Stunden durften die vier Friedrichsthaler schließlich erst mit dem Marschieren aufhören. Carl Schumacher13 und Willi Kujat14 wurden anschließend in Dunkelarrestzellen, ohne Fenster und mit nur wenigen schmalen Luftlöchern im „Bunker“ eingesperrt. Ob die anderen beiden Friedrichsthaler Häftlinge, Siegfried Hahmann und Emil Otto Dietrich, auch mit Dunkelarrest bestraft wurden, ist nicht bekannt. Es ist aber anzunehmen.

Später, am 7. September 1933, wurde Hahmann schließlich in das Konzentrationslager Sonnenburg gebracht15, aus dem man ihn erst 193416 entließ.

Werdegang nach der Entlassung aus den KZs Oranienburg und Sonnenburg:
Nach der Entlassung aus dem KZ Sonnenburg arbeitete Hahmann wieder als Fleischer17.
Am 9. November 1942 wurde er als Soldat eingezogen und diente bis 1945 in der Wehrmacht. Er gehörte als Panzergrenadier zuletzt der Truppeneinheit in Krampnitz bei Potsdam an und hatte den Rang eines Gefreiten18.

Siegfried Hahmann war in der ehemaligen DDR Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) in der Ortsgruppe Oranienburg. Außerdem trat er in die ehemalige Sozialistische Einheitspartei Deutschland (SED) ein. Hahmann stellte bei der damaligen DDR-Regierung einen OdF-Antrag auf Entschädigung, da er nach eigenen Angaben durch die Folgen der Haft in den Konzentrationslagern zu 80 Prozent arbeitsunfähig war. Der Antrag wurde aber abgelehnt19.

Erinnerung an Siegfried Hahmann:
Eine direkte Erinnerungskultur an die vier Friedrichsthaler Häftlinge gab es nach bisherigen Erkenntnissen nicht. Allerdings schrieb die von der damaligen SED-Kreisleitung herausgegebene „Neue Oranienburger Zeitung“ auf ihrer Seite „Aus der Heimatgeschichte“ regelmäßig Berichte über das ehemalige Konzentrationslager Oranienburg, die somit sozusagen als Erinnerungskultur fungierten. In einem Artikel vom 13. September 1962 findet sich auch die Szene wieder, in der die Lager-SA die vier Friedrichsthaler so übel misshandelte. Eingehender beschrieben wird hier vor allem das Schicksal von Carl Schumacher, der „mit drei weiteren Leidensgenossen 17 Stunden ohne Unterbrechung, ohne Fußbekleidung auf dem Hof des Lagers hat marschieren müssen und ihm die Haut buchstäblich in blutenden Fetzen von den Füßen hing und anschließend noch 33 Tage im Dunkelarrest verbringen musste20.”

1 Vgl. BLHA, Rep. 401, VdN-Akte Siegfried Hahmann, Nr. 683. 

2 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/12, Bl. 216. 

3 Vgl. VdN-Akte Siegfried Hahmann. 

4 Vgl. ebd. 

5 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1, Bl. 364. 

6 Vgl. ebd., Nr. 3/37, Bl. 50 und Nr. 3/12, Bl. 87. 

7 VdN-Akte Siegfried Hahmann. 

8 BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/12, Bl. 216, Brief von Gebr. Bach Fleischwarenfabrik an den Lagerkommandanten in Oranienburg vom 28. Juli 1933. 

9 Vgl. Seger, Gerhart: Konzentrationslager Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, in: Irene A. Diekmann/Klaus Wettig (Hrsg.): Konzentrationslager Oranienburg. Augenzeugenberichte aus dem Jahre 1933, Potsdam 2003, S. 15-89, hier:, S. 41. 

10 Biereigel, Hans: Mit der S-Bahn in die Hölle. Wahrheiten und Lügen über das erste Nazi-KZ, Berlin, 1994, S. 186 ff., Bestand des Kreismuseums Oberhavel, Auszüge aus: Schäfer, Werner: Konzentrationslager Oranienburg. Das Anti-Braunbuch über das erste deutsche Konzentrationslager. 

11 Seger: Konzentrationslager Oranienburg, S. 39. 

12 Ebd., S. 40. 

13 Vgl. ehem. Institut für Marxismus-Leninismus / Akte I 2/37 Bl. Nr. 0058, jetzt im Bestand des Kreismuseums Oberhavel. 

14 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/19, Bl. 68. 

15 Vgl. ebd., Nr. 3/12, Bl. 87. 

16 Vgl. VdN-Akte Siegfried Hahmann. 

17 Vgl. ebd. 

18 Vgl. ebd. 

19 Vgl. ebd. 

20 Neue Oranienburger Zeitung, Nr. 38. Aus der Heimatgeschichte: Das KZ der Standarte 208, Märkische Volksstimme Potsdam, ehem. SED-Kreisleitung (Hrsg.), 19. September 1962.  

Soziale/Regionale Herkunft: wohnhaft in der nördlich von Oranienburg liegenden Gemeinde Friedrichsthal; Vater, Rudolf Hahmann, war Maurer, genau wie Hahmanns Onkel, Emil Otto Dietrich

Ausbildung/Berufstätigkeit: Besuch der Volksschule bis 1923; bis 1927 dann Lehre in der Oranienburger Fleischerei von Ernst Buhrz; Fleischergeselle bei der Fleischwarenfabrik Gebrüder Bach in Oranienburg

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: unbekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: seit ca. 1930 SPD-Mitglied; Mitglied im Reichsbanner

Politische Mandate/Aktivitäten: unbekannt

Widerstandsaktivitäten: unbekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 18. Juli 1933 – 7. September 1933 KZ Oranienburg; 7. September 1933 – 1934 KZ Sonnenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) in der Ortsgruppe Oranienburg; Eintritt in die ehem. Sozialistische Einheitspartei Deutschland (SED)

Erinnerungskultur/Ehrungen: Artikel in der Neuen Oranienburger Zeitung Nr. 38 vom 19. September 1962

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