Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
23. August 1881 - ?

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Carl Schumacher war bis zu seiner Verhaftung politisch eigentlich nie in Erscheinung getreten. Er hatte 1932 zusammen mit den Arbeitern Siegfried Hahmann, Emil Otto Dietrich und Willi Kujat einen Hitlerjungen von einem Feld gejagt, das links stehenden Personen gehörte. Damit zogen die vier den besonderen Hass des späteren Lagerkommandanten Schäfer auf sich. Schäfer bestrafte sie im KZ Oranienburg mit 17 Stunden Dauermarsch im Hof und Schumacher und Kujat zusätzlich mit mehr als 30 Tagen Dunkelarrest.

Von Katrin Müller

Soziale Herkunft:
Karl Schuhmacher (er selbst schreibt sich Carl Schumacher1) wurde am 23. August 1881 in der nördlich von Berlin-Oranienburg liegenden Gemeinde Friedrichsthal geboren2. Er war Facharbeiter, vermutlich Stuckateur3.

Politische Funktion:
Ob Carl Schumacher einer politischen Partei angehörte, ist nicht bekannt. Allerdings schrieb der frühere Lagerkommandant in Oranienburg, Werner Schäfer, in seinem Anti-Braunbuch, in dem er die „Greueltaten“, die die Presse über das KZ Oranienburg schrieb, „widerlegen“ wollte, dass die anderen drei Friedrichsthaler Arbeiter Mitglieder des Reichsbanners gewesen sein sollen. Sie wurden zusammen mit Schumacher nach Oranienburg gebracht. Schäfer bezieht sich dabei auf die Aussage von einem der drei Häftlingen, Siegfried Hahmann4.
Das Reichsbanner war ein überparteiliches, in der Praxis von Sozialdemokraten dominiertes Bündnis während der Weimarer Zeit zum Schutz der Republik gegen ihre Feinde an den politischen Rändern. Man kann davon ausgehen, dass Schumacher zumindest mit dem Reichsbanner sympathisierte, da seine Friedrichsthaler Bekannten ja auch Mitglieder dieser Organisation waren. Außerdem soll Schumacher zusammen mit Siegfried Hahmann, Willi Kujat und Emil Otto Dietrich Plakate für das Reichsbanner geklebt und Flugblätter verteilt haben5. Das würde auch erklären, warum gerade er und die anderen drei Friedrichsthaler den besonderen Hass des Lagerkommandanten Schäfer auf sich zogen6.

Verhaftung und Transport nach Oranienburg:
Carl Schumacher wurde am 18. Juli 1933 verhaftet und mit Willi Kujat, geboren am 8. Januar 1911, dem Fleischergesellen Siegfried Hahmann, geboren am 28. Juli 1909, und dem Maurer Emil Otto Dietrich, geboren am 19. November 18957, nach Oranienburg gebracht8.

Der Grund der Verhaftung war, dass die vier Arbeiter im Sommer 1932 ein Mitglied der Hitlerjugend von einem Feld gejagt hatten. Der ehemalige Häftling Gerhart Seger beschrieb den Vorfall und zeigte damit einmal mehr, dass die SA ihren „Rachegelüsten“ in Oranienburg freien Lauf ließ:

„Im Sommer 1932, also lange vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, hatte ein sechzehnjähriger Hitlerjunge auf einem linksstehenden Personen gehörenden Grundstück in Friedrichsthal, auf der Wiese hinter dem Haus ohne Erlaubnis der Besitzer sein Zelt aufgebaut und dazu, natürlich in provokatorischer Absicht, die Hakenkreuzfahne gehisst. Vier Arbeiter sahen das und bestraften den Dummenjungenstreich mit dem Umwerfen des Zeltes und ein paar Ohrfeigen; sonst ist dem Jungen aber nichts weiter passiert9.”

Bei ihrer Einlieferung wurden die vier Friedrichsthaler Arbeiter geschlagen, und dem Ältesten von ihnen, also Carl Schumacher, hängte die SA ein großes Plakat um den Hals, auf dem der Vorfall mit dem Hitlerjungen stark übertrieben dargestellt wurde. Dabei beließen es der Lagerkommandant Schäfer und die ihm unterstellten SA-Männer nach der Beobachtung Gerhart Segers aber nicht:

„Eines Nachts wurden die vier kurz vor Mitternacht aus dem Schlafsaal geholt und gezwungen […], auf dem gepflasterten vorderen Hof des Lagers immer im Kreise herumzumarschieren. Als wir morgens aus den Schlafsälen kamen, marschierten sie schon sechs Stunden lang. Als wir mittags zum Essenholen antraten, marschierten sie noch immer, schon zwölf Stunden lang, ohne Pause, immer im Kreis herum, in der glühenden Sommersonne, mit bloßen Füßen auf dem heißen Pflaster10.”

Carl Schumacher setzte diese Tortur wegen seines vergleichsweise hohen Alters von 51 Jahren besonders stark zu:

„Dem ältesten unter ihnen hing die Haut buchstäblich in blutenden Fetzen von den Füßen. Ein SA-Sanitäter, dem diese Tortur denn doch zu weit ging, holte den alten Mann in die Sanitätsstube, um ihm die Füße zu verbinden – ein Beginnen, das unterbleiben musste, weil sich der Sanitäter einen fürchterlichen Anschnauzer des Lageradjutanten Daniels zuzog. Der qualvolle Marsch ging weiter. Endlich, nachmittags nach fünf Uhr, ließ man die vier aufhören. 17 Stunden waren sie immer im Kreis herumgelaufen – in der glühenden Hitze des Sommers, und nach den ohnehin schon vorher erlittenen Misshandlungen – kein Wunder, dass sie vor Schmerzen und Erschöpfung die darauffolgende Nacht nicht liegen, noch viel weniger schlafen konnten11.”

Carl Schumacher wurde kurz darauf in den „Bunker“ gesperrt, in eine Dunkelarrestzelle ohne Fenster und mit nur wenigen schmalen Luftlöchern versehen. Am 27. August 1933 schrieb Schumacher schließlich ein Gnadengesuch an den Lagerkommandanten in Oranienburg, in dem er darum bat, aus dem Bunker entlassen zu werden, da er zu diesem Zeitpunkt schon 33 Tage dort eingesperrt war und seine „Tat inzwischen bereute12“.

Wie sämtliche Gefangene wurde auch Carl Schumacher später von den Nazis gezwungen, eine Erklärung abzugeben, dass er sich nach der Entlassung nicht gegen den „neuen Staat“ wenden werde13. Erst dann wurde er schließlich am 8. November 1933 durch den Landrat Niederbarnim aus dem KZ Oranienburg entlassen14.

Erinnerung an Carl Schumacher:
Eine direkte Erinnerungskultur an Carl Schumacher oder die anderen Friedrichsthaler Häftlinge Siegfried Hahmann, Willi Kujat und Emil Otto Dietrich gab es nach bisherigen Erkenntnissen nicht. Allerdings schrieb die von der damaligen SED-Kreisleitung herausgegebene Neue Oranienburger Zeitung auf ihrer Seite: „Aus der Heimatgeschichte“ regelmäßig Berichte über das ehemalige Konzentrationslager Oranienburg, die somit sozusagen als Erinnerungskultur fungierten. In einem Artikel vom 13. September 1962 findet sich auch die Szene wieder, in der die Lager-SA die vier Friedrichsthaler so übel misshandelte. Eingehender beschrieben wird hier vor allem das Schicksal von Carl Schumacher, der „mit drei weiteren Leidensgenossen 17 Stunden ohne Unterbrechung, ohne Fußbekleidung auf dem Hof des Lagers hat marschieren müssen und ihm die Haut buchstäblich in blutenden Fetzen von den Füßen hing und anschließend noch 33 Tage im Dunkelarrest verbringen musste15.”

1 Vgl. ehem. Institut für Marxismus-Leninismus / Akte I 2/37 Bl. Nr. 0058, Bestand des Kreismuseums Oberhavel. 

2 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/37, Bl. 50. 

3 Vgl. Adressbuch für Oranienburg 1931/1932, Bestand des Kreismuseums Oberhavel. 

4 Vgl. Biereigel, Hans: Mit der S-Bahn in die Hölle. Wahrheiten und Lügen über das erste Nazi-KZ, Berlin 1994, S. 186 ff., Bestand des Kreismuseums Oberhavel, Auszüge aus: Schäfer, Werner, Konzentrationslager Oranienburg. Das Anti-Braunbuch über das erste deutsche Konzentrationslager. 

5 Vgl. ebd. 

6 Vgl. Seger, Gerhart: Konzentrationslager Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, in: Irene A. Diekmann/Klaus Wettig (Hrsg.): Konzentrationslager Oranienburg. Augenzeugenberichte aus dem Jahre 1933, Potsdam 2003, S. 15-89, hier: S. 38ff, Zitat: „Schäfer ist ein durchaus subalterner Mensch. Sein Hass gegen die Sozialdemokraten ist grenzenlos.“ 

7 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1, Bl. 364. 

8 Vgl. ebd., Nr. 3/37, Bl. 50. 

9 Seger: Konzentrationslager Oranienburg, S. 39.  

10 Ebd, S. 40. 

11 Ebd. 

12 Ehem. Institut für Marxismus-Leninismus / Akte I 2/37 Bl. Nr. 0058, jetzt im Bestand des Kreismuseums Oberhavel. 

13 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/37, Bl. 51. 

14 Vgl. ebd., Bl. 50. 

15 Neue Oranienburger Zeitung, Nr. 38. Aus der Heimatgeschichte: Das KZ der Standarte 208, Märkische Volksstimme Potsdam, ehem. SED-Kreisleitung (Hrsg.), 19. September 1962.  

Soziale/Regionale Herkunft: Facharbeiter, wohnhaft in der nördlich von Oranienburg liegenden Gemeinde Friedrichsthal

Ausbildung/Berufstätigkeit: vermutlich Stuckateur

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: unbekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: unbekannt, zumindest aber Sympathisant des Reichsbanners

Politische Mandate/Aktivitäten: unbekannt

Widerstandsaktivitäten: unbekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 18. Juli 1933 - 9. November 1933 KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: unbekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Artikel in der Neuen Oranienburger Zeitung Nr. 38 vom 19. September 1962

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