Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg

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Niedersächsisches Landesarchiv - Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 980, Nr. 37382.

Niedersächsisches Landesarchiv - Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 980, Nr. 37382.

Werner Schäfer war von 1933 bis 1934 Kommandant des KZ Oranienburg. Nach der Schließung des Lagers wurde er Kommandant der Emslandlager in Papenburg. Gegen Schäfer und seine Wachmannschaften gab es bereits in der NS-Zeit etwa 45 Disziplinarverfahren, in denen ihnen die Misshandlung von Gefangenen vorgeworfen wurde. Fakt ist, dass Schäfer sich selbst selten an Häftlingen vergriff, dafür aber seine Wachmänner gegen die Lagerinsassen aufhetzte und deren brutale Methoden zumindest tolerierte1.

Von Katrin Müller

Familiärer Hintergrund, Ausbildung und beruflicher Werdegang:
Werner Schäfer wurde am 18. April 1904 in Straßburg im Elsaß geboren. Sein Vater war Obermusikmeister im alten Heer. Bis 1918 besuchte Schäfer die örtliche Oberrealschule, bis seine Eltern Straßburg verlassen mussten. Bis einschließlich zur Obersekunda ging er anschließend auf Oberrealschulen in Kassel und Berlin, konnte aber danach nicht weiter zur Schule gehen, da seine Eltern durch Krieg und Inflation verarmt waren. So arbeitete er als Erdarbeiter, Eisenbieger und Klavierspieler. Danach machte Schäfer eine kaufmännische Lehre und war bis 1925 bei der Wertheimbank Berlin angestellt. 1926 wurde er Polizeioffiziersanwärter. Vom 7. April 1926 an ging Werner Schäfer ein Jahr lang auf die Polizeischule Großberlin–Brandenburg. Anschließend wurde er Polizeiunterwachtmeister in Berlin. Anfang Mai 1928 musste Schäfer diesen Posten nach eigenen Angaben jedoch aufgrund seiner politischen Nähe zur NSDAP aufgeben. Später stellte ihn die Kreissparkasse Niederbarnim ein und Schäfer wurde am 1. November 1928 Vorsteher der Nebenkasse Klosterfelde. 1932 gab Werner Schäfer auch diese Arbeit auf, weil er nach Berlin versetzt wurde und diese Versetzung als „gewollte Lahmlegung seiner politischen Tätigkeit“ ansah. Schäfer war danach eine Zeit lang arbeitslos und wurde später Fahrer bei der Zeitung und dem NSDAP-Organ „Der Angriff“. Seit dem 30. Oktober 1930 war er verheiratet und Vater eines Kindes2.

Politische Funktionen im NS-Regime:
Von 1920 bis 1925 war Werner Schäfer Fahnenträger im völkischen Kampfverband „Olympia-Berlin“ und bis 1923 „Funktionär“ der NSDAP3.
Dann gründete er die NSDAP-Ortsgruppe Klosterfelde und war von 1930 bis 1932 deren Leiter – in den Jahren 1933 und 1934 gehörte er sogar dem Kreistag Niederbarnim an4. Im März 1932 trat Schäfer schließlich auch in die SA ein, in der er zum Sturmbannführer der Standarte V/207 und am 23. März 1938 dann auch zum Oberführer ernannt wurde5. Seine zuletzt bekannte SA-Einheit war die Pionierstandarte 10. Auch Schäfers Ehefrau stand politisch auf Seiten der Nationalsozialisten und war seit dem 6. April 1935 Mitglied in der „NS-Frauenschaft6“.

Werner Schäfer bekam nach 1933 als höherer SA-Führer den Auftrag, das Konzentrationslager Oranienburg zu errichten. Vom 21. März 1933 bis zum 1. April 1934 leitete er das Lager als Kommandant7. Anschließend wurde Schäfer „Kommandeur“ der Emslandlager mit Dienstsitz in Papenburg. Die Emslandlager bestanden aus folgenden Lagern: Lager I Börgermoor, Lager II Aschendorfer Moor, Lager III Brual-Rhede, Lager IV Walchum, Lager V Neusustrum, Lager VI Oberlangen und Lager VII Esterwegen8. Am 20. April 1934 wurde Schäfer zum Obersturmbannführer und 1935 zum Standartenführer der SA-Standarte 229 ernannt. Zu dieser Standarte gehörte die in einem besonderen Sturmbann zusammengefasste, nur aus SA-Männern bestehende, Wachtruppe der Strafgefangenenlager Papenburg. 1936 gab Schäfer die Führung der SA-Standarte 229 wegen „Arbeitsüberlastung“ ab, behielt aber die Führung der Wachtruppe, die einen Sturmbann der Gruppe „Nordsee“ bildete9. 1937 erhielt die Wachtruppe, der Schäfer vorstand, die Bezeichnung Standarte Emsland Pi.10, und Schäfer wurde zu deren Oberführer ernannt. Am 26. Mai 1937 folgte dann Schäfers Beförderung zum Oberregierungsrat, und er bekam damit den Beamtenstatus10.

Als Schäfer 1934 Kommandant der Emslandlager wurde, befanden sich dort drei Lager, die die Preussische Justizverwaltung kurz zuvor von der Gestapo übernommen hatte. Inhaftiert waren in den Lagern zu diesem Zeitpunkt etwa 3.000 Gefangene. Bis 1937 erhöhte sich die Zahl der Lager auf sieben, die der Häftlinge auf rund 10.000. Die Wachtruppe bestand ausschließlich aus SA-Leuten. Sowohl der Lagerkommandant als auch sein Vertreter waren auch dazu befugt, „leichte Verstöße der Gefangenen gegen die Lagerordnung zu ahnden11.”
In einer späteren Anklageschrift gegen Schäfer steht unter anderem, dass es Hinweise darauf gab, dass im Lager Emsland auch NSDAP-und SA-Leute einsaßen, weil sie „Alleingänge“ getätigt hatten12.
Von 1934 bis 1938 gab es etwa 45 Disziplinarverfahren gegen Angehörige der Wachtruppe in Papenburg durch die Staatsanwaltschaft Osnabrück. Sie wurden beschuldigt, Gefangene misshandelt zu haben. Allerdings wurden fast alle Verfahren mangels Beweisen eingestellt, obwohl einzelne Gefangene gegen Schäfer und die Wachtruppe ausgesagt hatten. Schäfer sollte daraufhin als höherer SA-Führer und Oberregierungsrat abgesetzt werden, wurde aber stattdessen zum Oberführer befördert13.

Am 25. Mai 1942 wurde Schäfer zum Wehrdienst eingezogen und kam nach der Kapitulation in Internierungshaft14.

Funktion im Konzentrationslager Oranienburg:
Schäfers Karriere im NS begann mit der Leitung des ersten Konzentrationslagers in Preußen. Er war vom 21. März 1933 bis zum 1. April 1934 Kommandant des KZ Oranienburg15.
Als Lagerkommandant wurde Werner Schäfer von den Gefangenen genauso gefürchtet wie die meisten Angehörigen der ihm unterstellten Wachtruppe. Der ehemalige Häftling Gerhart Seger beschrieb Schäfer später in seinem Buch über das KZ Oranienburg:

„Schäfer ist ein durchaus subalterner Mensch. Sein Haß gegen die Sozialdemokraten ist grenzenlos. Er betätigt ihn mit Vorliebe dadurch, daß er wehrlose Gefangene, die nach der Lagerordnung natürlich vor ihm strammstehen müssen, auf unflätige Weise beschimpft. Zu tätlichen Mißhandlungen hat sich Schäfer nicht häufig hinreißen lassen; um so freigebiger war er mit der Verhängung von Disziplinarstrafen, Dunkelarrest, Post- und Besuchssperre und Verschickung auf Strafkommandos. […] Der Kommandant Schäfer ist, daran kann kein Zweifel sein, in vollem Umfange für alles verantwortlich zu machen, was sich an Verbrechen, Mißhandlungen und sonst menschenunwürdiger Behandlung der Gefangenen je in Oranienburg ereignet hat16.”

1934 veröffentlichte Schäfer ein Buch, das „Anti-Braunbuch“, über das KZ Oranienburg, in dem er die „Greueltaten, die die Presse berichtete“, widerlegen wollte17. Außerdem veranlasste er eine Rundfunkreportage über das Lager, in der er Gefangene musizieren und im Chor singen ließ. Dazu gab Schäfer auch ein Interview, in dem er die tatsächlichen Zustände in Oranienburg verharmloste. Gerhart Seger berichtete, dass Schäfer die Reportage mit dem zynischen Satz schloss: „Damit ist unsere Übertragung beendet. Sie hatten einen Einblick in das singende und spielende Konzentrationslager Oranienburg18.”

Schäfer hatte seinerzeit in Oranienburg auch die berüchtigten Strafmaßnahmen, die „Dunkelarrestzellen“ und die „Steinsärge“ eingeführt. Diese Zellen maßen nur ein mal zwei Meter, befanden sich unterirdisch in einem Bunker, hatten keine Fenster, nur drei fingerbreite Luftlöcher und einen Steinboden mit wenig Stroh. Die so genannten „Stehsärge“ waren noch enger. In diese Bunker-Arrestzellen wurden Gefangene vier Wochen und länger eingesperrt, ohne in dieser Zeit je Tageslicht zu sehen19.

Verurteilung und Werdegang nach 1945:
Als ehemaliger NSDAP-Funktionär und SA-Angehöriger wurde Werner Schäfer am 6. Februar 1948 in Oldenburg in Untersuchungshaft genommen. Am 7. Februar 1948 wurde er in das Strafgefängnis Vechta überführt, wo er bis zum 3. Juni einsaß und dann in Oldenburg in Einzelhaft seine Strafe bis zum 29. März 1949 absitzen musste. Anschließend wurde er wegen Haftunfähigkeit aus der Internierungshaft entlassen.
Später wurde Schäfer von der Staatsanwaltschaft Osnabrück erneut, in der Zeit vom 3. August bis zum 19. Dezember 1950, in Untersuchungshaft genommen. Ein ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers in Papenburg hatte Schäfer nachträglich schwer belastet, sodass das Verfahren gegen ihn wieder aufgerollt wurde. Der Zeuge Adolf Rögner berichtete dem Gericht von schweren Misshandlungen der Gefangenen in den Emslandlagern. Beispielsweise soll es „Zielscheibenschießen auf arbeitenden Häftlinge“ gegeben haben. Manche wurden gar gezwungen, „ihr eigenes Grab zu schaufeln20.” Allerdings befand das Gericht die Aussagen von Rögner als nicht wahrheitsgemäß, da sich die von Rögner benannten Zeugen widersprachen. Werner Schäfer konnten somit keine weiteren Vergehen nachgewiesen werden. Die Gr. Strafkammer II des Landesgerichtes Osnabrück fällte im Mordprozess gegen Schäfer am 27. April 1953 demnach folgendes Urteil:
„Der Angeklagte wird unter Freispruch im Übrigen wegen Körperverletzung i.A. in 20 Fällen, davon in 2 Fällen i. TE. m. gefährlicher Körperverletzung zu einer Gesamtgefängnisstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Die Strafe ist durch die Untersuchungs- und Internierungshaft verbüßt21.”
Insgesamt wurde Schäfer in diesen beiden Prozessen in Osnabrück und Oldenburg zu sechs Jahren Haft verurteilt, wobei er keine der Haftstrafen antreten musste, da ihm die Zeit in der U-Haft angerechnet wurde22.

Obwohl sich die Anschuldigungen Adolf Rögners als zum Teil erfunden herausstellten, traf es aber doch zu, dass Schäfer sowohl im Lager Oranienburg als auch im Lager Papenburg die Misshandlung von Häftlingen zumindest toleriert und teilweise sogar angeordnet hatte. Gerhart Seger berichtete in seinem Buch über das KZ Oranienburg beispielsweise davon, dass Schäfer vier Arbeiter aus der nördlich von Oranienburg liegenden Gemeinde Friedrichsthal bei ihrer Inhaftierung von seinen Männern misshandeln ließ. Dem Ältesten von ihnen hängte die SA zudem ein Plakat um, auf dem sein angebliches Verbrechen in übertriebener Weise dargestellt wurde. Anschließend mussten die vier Gefangenen in der glühenden Sonne im Innenhof des Lagers stundenlang im Kreis marschieren:

„17 Stunden waren sie immer im Kreise herumgelaufen – in der glühenden Hitze des Sommers, und nach den ohnehin schon vorher erlittenen Mißhandlungen – kein Wunder, daß sie vor Schmerzen und Erschöpfung die darauffolgende Nacht nicht liegen, noch viel weniger schlafen konnten23.”

Schäfer wurde in einem Entnazifizierungsverfahren in die Kategorie III eingestuft. Ihm wurden das Wahlrecht und die Wählbarkeit von politischen Körperschaften entzogen, außerdem durfte sich Schäfer seitdem nicht mehr politisch betätigen, auch nicht als Angestellter politischer Organisationen. Nach Kriegsende war Schäfer nach München gezogen und hatte dort ein Reisebüro betrieben24.

Der weitere Lebensweg Werner Schäfers ließ sich nicht ermitteln.

1 Vgl. Seger, Gerhart: Konzentrationslager Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, in: Irene A. Diekmann/Klaus Wettig (Hrsg.): Konzentrationslager Oranienburg. Augenzeugenberichte aus dem Jahre 1933, Potsdam 2003, S. 15-89, hier: S. 38ff.  

2 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv – Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 945, AKZ. 6/1 983, Nr. 1 86, Staatsanwaltschaft Landgericht KLEVE, Ermittlungssache gegen Schäfer wegen Mordes, Bl. 2. 

3 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv – Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 980, Nr. 37382, Entnazifizierungsakte Werner Schäfer, Prüfung der NSDAP-Akten vom 11. August 1949. 

4 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv – Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 945, AKZ. 6/1 983 Nr. 1 86, S. 102 ff. 

5 Vgl. Staatsanwaltschaft Landgericht KLEVE, Ermittlungssache gegen Schäfer wegen Mordes, Bl. 2. 

6 Vgl. Entnazifizierungsakte Werner Schäfer, Prüfung der NSDAP-Akten vom 11. August 1949. 

7 Vgl. ebd. 

8 Vgl. Staatsanwaltschaft Landgericht KLEVE, Ermittlungssache gegen Schäfer wegen Mordes, S.102 ff. 

9 Vgl. ebd., Bl. 2. 

10 Vgl. ebd., Bl. 3. 

11 Ebd. 

12 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv – Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 945, Nr. 64. 

13 Vgl. ebd. 

14 Vgl. ebd. 

15 Vgl. Entnazifizierungsakte Werner Schäfer, Prüfung der NSDAP- Akten vom 11.August 1949. 

16 Vgl. Seger: Konzentrationslager Oranienburg, S. 38. 

17 Vgl. Entnazifizierungsakte Werner Schäfer. 

18 Seger: Konzentrationslager Oranienburg, S. 41. 

19 Vgl. Abraham, Max: Juda verrecke. Ein Rabbiner im Konzentrations-Lager, mit einem Vorwort von K. L. Reiner, in: Irene A. Diekmann/Klaus Wettig (Hrsg.): Konzentrationslager Oranienburg, S. 117-167, hier: S. 137. 

20 Zit. nach Staatsanwaltschaft Landgericht KLEVE, Ermittlungssache gegen Schäfer wegen Mordes. 

21 Vgl. ebd. 

22 Vgl. ebd. 

23 Vgl. Seger: Konzentrationslager Oranienburg, S. 40.  

24 Vgl. Entnazifizierungsakte Werner Schäfer. 

Soziale/Regionale Herkunft:

Ausbildung/Berufstätigkeit:

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung:

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen:

Politische Mandate/Aktivitäten:

Widerstandsaktivitäten:

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen:

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945:

Erinnerungskultur/Ehrungen:

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