Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
30. Oktober 1898 - 1./2. Februar 1934

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Eugen Schönhaar. Quelle: Archiv des VVN Baden-Württemberg.

Eugen Schönhaar. Quelle: Archiv des VVN Baden-Württemberg.

Der gelernte Former Eugen Schönhaar wurde bereits als 14-jähriger in der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung aktiv. Politisiert durch das sozialistische Elternhaus und den Widerstand gegen den Ersten Weltkrieg trat er 1919 der KPD bei. Schönhaar übernahm eine zentrale Rolle bei der neu gegründeten Roten Hilfe, für die er auch international tätig war. Später ging er mit der KPD in den Untergrund, wo er für den Druck antifaschistischer Schriften zuständig war. Am 1. Februar 1934 wurde er nach kurzer Haft von der Gestapo erschossen.

Von Oliver Kulikowski

„Es geht durch die Nacht. Die Nacht ist kalt.
Der Fahrer bremst. Sie halten im Wald.
Zehn Mann geheime Staatspolizei.
Vier Kommunisten sitzen dabei.
John Schehr und Genossen1.“

So beginnt ein Gedicht, das der deutsche Dichter Erich Weinert John Schehr, dem Mitglied der illegalen Reichsleitung der KPD, und drei weiteren Männern gewidmet hat, die in der Nacht vom 1. zum 2. Februar 1934 von der Gestapo ermordet wurden. Unter ihnen: Eugen Schönhaar, Kommunist und Widerstandskämpfer.

Eugen Schönhaar wurde am 30. Oktober 1898 im schwäbischen Esslingen als fünftes von 16 Kindern der Eheleute Karl Wilhelm und Maria Pauline Schönhaar (geb. Müller) geboren. Bereits früh kam Schönhaar durch seinen Vater, ein Weißgerber und überzeugter Sozialdemokrat, mit sozialistischen Ideen in Berührung. 1912 begann der damals 14-Jährige eine Lehre zum Feinflaschner und wurde zeitgleich in der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung aktiv. Ab 1915 arbeitete Schönhaar, mittlerweile Vorsitzender der örtlichen Industrie-Gruppe der Gewerkschaft, für die Maschinenwerke Esslingen (ME). Beeinflusst durch die Antikriegspolitik des Spartakusbundes leistete auch Schönhaar Widerstand gegen die Vorbereitung und Durchführung des Ersten Weltkriegs, was er im Oktober 1916 mit einer dreimonatigen Haftstrafe bezahlte: Er hatte auf einem Jugendtag an einem illegalen Antikriegstreffen teilgenommen. Weitere Haftstrafen, unter anderem wegen „Verbotener Versammlung“, sollten folgen2.

Im Jahr 1917 wurde Schönhaar, der als Delegierter der Freien Sozialistischen Jugend Württembergs (FSJW) mittlerweile an bundesweiten Kongressen teilnahm, zum Militärdienst eingezogen, kehrte aber noch im gleichen Jahr verwundet in ein Esslinger Lazarett zurück. Ein Jahr später wurde der mittlerweile 19-Jährige von einem Kriegsgericht offiziell wegen „Fahnenflucht“ verurteilt. Seine neunmonatige Haftstrafe musste er allerdings nicht vollständig absitzen: Befreit durch die Novemberrevolution engagierte der Jungkommunist sich im Arbeiter- und Soldatenrat und beteiligte sich in der Propagandaabteilung sowie an den blutigen Demonstrationen in Stuttgart und Umgebung. Als 1919 kommunistische Arbeiter die Stadt Esslingen übernahmen, stellte ein Militäreinsatz der Stuttgarter Regierung den Status quo wieder her. 16 Menschen mussten sterben. Schönhaar, inzwischen KPD-Mitglied, flüchtete nach München, wo er sich an den Kämpfen der in den letzten Zügen liegenden Münchner Räterepublik beteiligte. Bei Augsburg wurde er verhaftet und nach drei Monaten U-Haft nach Stuttgart ausgeliefert. Grund für die Verhaftung: Der gelernte Former hatte Anfang 1919 seine Arbeit in den Maschinenwerken Esslingen (ME) wieder aufgenommen und sich als Mitglied des Aktionsausschusses der ME führend am Württembergischen Generalstreik beteiligt. Von seiner achtmonatigen Haftstrafe wurden ihm fünf Monate wegen der bereits erlittenen U-Haft erlassen, der aufgeschobenen Reststrafe entzog er sich 1927 durch Flucht. Von der Teilnahme an weiteren Streiks ließ sich Schönhaar indes nicht abhalten: Sowohl beim Generalstreik während des Kapp-Putsches als auch beim Steuerabwehr-Generalstreik der württembergischen Arbeiter spielte er als Mitglied des Aktionsausschusses für das Gebiet Esslingen eine wichtige Rolle3.

Die 1920er Jahre brachten für Schönhaar einiges an Veränderungen mit sich: inzwischen 22 Jahre alt, ließ er die schwäbische Provinz hinter sich. Es zog ihn in die Metropolen Berlin und Moskau, sein Aufstieg in der internationalen kommunistischen Bewegung begann. Der Reichskongress der Kommunistischen Jugend Deutschlands (KJD) wählte ihn in ihre Zentrale, zudem wurde er Redakteur ihres Zentralorgans „Die Junge Garde“. Nicht einmal ein Jahr später, beim 2. Kongress der Kommunistischen Jugendinternationalen (KJI) 1922 in Moskau, wurde er in das Exekutivkomitee der Organisation gewählt, die er von da an in ihrem Berliner Büro vertrat. Im Dezember 1923 erhielt der Jugendfunktionär eine neue Aufgabe: Nachdem er einige Zeit in einem Moskauer Betrieb gearbeitet hatte, wurde er von der neu gegründeten Internationalen Roten Hilfe (IRH) mit der Organisierung des Schutzes, der Unterbringung und Betreuung von politischen Flüchtlingen aus Ost- und Mitteleuropa betraut4. Als Leiter des Mitteleuropäischen Büros (MEB) in Berlin erstreckte sich sein Verantwortungsbereich über Deutschland, Österreich und die Schweiz, Dänemark, Holland, Norwegen, Schweden, Ungarn und die Tschechoslowakei und ab 1925 auch über Teile des Balkans. Das Ziel: der Aufbau nationaler Sektionen der Roten Hilfe, die internationale Koordination der Propaganda- und Verlagstätigkeiten sowie Aktionen gegen den antikommunistisch und antisemitisch geprägten „weißen Terror“ von „Bürgerlichen“ und Monarchisten5. Schönhaar führte zudem die Kampagne gegen die Hinrichtung der unschuldig verurteilten amerikanischen Anarchisten Sacco und Vanzetti an, die als die bis dahin populärste Kampagne der IRH gilt. Zwischen Mai 1924 und September 1926 übernahm das MEB „fast die gesamte Verlagstätigkeit für die außerrussischen Sektionen“. Unterstützung erhielt Schönhaar dabei nicht nur von seiner Frau Odette, die für einige Zeit als Sekretärin im Mitteleuropäischen Büro der Roten Hilfe arbeitete, sondern auch aus der schwäbischen Heimat, durch den Esslinger Drucker Fritz Rieckert, dessen Wohnung auch als Deckadresse des MEB diente6.

Nachdem am 20. November 1924 in Stuttgart-Hedelfingen Schönhaars Sohn Carlo das Licht der Welt erblickte, zog es auch Schönhaar zurück nach Süddeutschland, wenn auch nicht für lange: Ende Dezember bis Anfang Februar verbrachte der Reisekader bei Frau und Sohn in Esslingen, bevor ihn seine Funktion in der Emigrantenvermittlung der Roten Hilfe wieder auf Reisen nach Österreich, in die Schweiz und die Tschechoslowakei verschlug. Da die Unterbringung und Vermittlung verfolgter Kommunisten und Kommunistinnen durch die Rote Hilfe zum Schutz der Opfer konspirativ erfolgen musste, war die Arbeit Schönhaars und seiner Mitarbeiter stets gefährdet. Nach dreieinhalb Jahren erfolgreicher Arbeit des MEB erhielt die Berliner Polizei ein anonymes Schreiben, durch das eines der getarnten Büros aufflog. Das Büro wurde beschlagnahmt, Schönhaars Wohnung in Berlin-Neukölln durchsucht und Schönhaar, der sich währenddessen mit seiner Familie an der Ostsee aufhielt, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zur Fahndung ausgeschrieben und steckbrieflich gesucht:

„Dissident, 28 Jahre alt, 1,72 groß, Haare blond, Stirn gewöhnlich, Augenbrauen blond mittelstark, Augen blau, Nase und Mund gewöhnlich, ohne Bart, Kinn gewöhnlich, Gesichtsbildung oval, gebräunte Gesichtsfarbe, untersetzte Gestalt7.“

Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, arbeitete Schönhaar ab Juli 1927 wieder beim Exekutivkomitee der Roten Hilfe in Moskau. Ein Jahr später reiste er für neun Monate in die USA, um die dortige Rote Hilfe-Sektion bei ihrem Ausbau zu unterstützen. Nach einer Amnestie Mitte Juli 1928 stellte das Reichsgericht auf Antrag das Verfahren wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ am 30. Juli 1928 ein und hob den Haftbefehl gegen Schönhaar auf. Im März 1929 kehrte dieser nach Deutschland zurück und arbeitete von da an als Mitarbeiter des Sekretariats des Zentralkomitees der KPD in Berlin. Die Rückkehr nach Deutschland bedeutete für Schönhaar auch ein Wiedersehen mit seiner Frau Odette und seinem Sohn Carlo. Das Familienglück war allerdings nur von kurzer Dauer. Nach der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten zog Odette mit dem neunjährigen Carlo zu ihren Eltern nach Lausanne, Eugen setzte seine Arbeit für die KPD im Untergrund fort. Bereits seit August 1932 war er verantwortlich für die Vorbereitung des illegalen Drucks antifaschistischer Schriften und den Aufbau und die Vernetzung von Druckereien in ganz Deutschland. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 schloss die Polizei das Berliner Zentralbüro der Roten Hilfe, ab Mitte März wurde die Organisation für illegal erklärt und jede weitere Betätigung unter schärfste Zuchthausstrafe gestellt. Da auch die KPD im Rahmen der Reichstagsbrandverordnung de facto für gesetzeswidrig erklärt wurde, organisierte Schönhaar unter Verwendung verschiedener Decknamen (bspw. Eugen und Ewald Rackwitz, Rudi Rahn) den illegalen Druck kommunistischer Flugschriften, Zeitschriften und Broschüren. Bis zum Jahre 1935 sollten hunderttausende die Druckerpresse verlassen, an deren Vorbereitung Schönhaar Teil hatte8.
Am 11. November 1933 wurde Schönhaar in Berlin verhaftet. Durch die in konspirativer Arbeit ungeübten Aktivisten und die begrenzten Möglichkeiten und Lokalitäten im Untergrund (bspw. mangelnde Tarnadressen oder Druckwerkstätten) erfolgten zu dieser Zeit zahlreiche Verhaftungen. Aus Personalmangel mussten viele gerade aus Schutz- oder Untersuchungshaft Entlassene Aufgaben in der Illegalität übernehmen, obwohl sie unter polizeilicher Beobachtung standen. Der Großteil der verhafteten Funktionäre fiel aber den Denunzierungen von Spitzeln sowie Aussagen verhafteter Genossen, die unter Folter erzwungen wurden, zum Opfer. Vom Berliner Gestapo-Gefängnis Columbia-Haus wurde Schönhaar ins KZ Oranienburg gebracht. Knapp zwei Monate nach seiner Verhaftung, am 19. Januar 1934, forderte die Gestapo ihn erneut zur Vernehmung ins Columbia-Haus an. Nach quälenden Verhören wurde er genau wie Rudolf Schwarz, Erich Steinfurth und der Nachfolger Ernst Thälmanns als Leiter der im Untergrund arbeitenden KPD, John Schehr, in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1934 von der Gestapo „auf der Flucht erschossen“. Laut offiziellen Angaben geschah dies beim Rücktransport von der Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht-Strasse zum Gefängnis Columbiahaus am so genannten Kilometerberg in Berlin-Wannsee, der allerdings fernab der Strecke zwischen den beiden Gestapohäusern liegt. Ungeklärt ist bis heute, ob der Mord an den vier Kommunisten erst am Kilometerberg oder bereits im Columbiahaus geschah. Es wird vermutet, dass die Gestapo mit der Ermordung Schönhaars, Schehrs, Schwarz` und Steinfurths Rache für die zuvor erfolgte Erschießung des Spitzels Alfred Kattner durch den Nachrichtendienst der KPD nehmen wollte. Kattner hatte in der Parteizentrale der KPD im Karl-Liebknecht-Haus gearbeitet und galt als wichtigster Kronzeuge im Prozess gegen Thälmann, bevor er am 1. Februar 1934 liquidiert wurde9.
Nach der Ermordung Eugen Schönhaars wurde seiner Witwe Odette die Aufenthaltsgenehmigung für die Schweiz entzogen. Um der drohenden Abschiebung nach Deutschland zu entgehen, floh sie mit Sohn Carlo nach Frankreich in die Illegalität. Als die Nationalsozialisten 1940 den Norden Frankreichs besetzten, schloss sich der siebzehnjährige Carlo kurze Zeit später der Résistance an. Im März 1942 wurde er verhaftet und in einem Schauprozess von der deutschen Wehrmacht in Paris zum Tode verurteilt. Gemeinsam mit 14 anderen Mitgliedern der „Bataillone der Jugend“ wurde er am 17. April 1942 auf dem Mont Valérien in Paris erschossen. Seine Mutter erfuhr im KZ Ravensbrück vom Tod des Sohnes. Odette Schönhaar war einen Tag nach der Verhaftung Carlos ebenfalls festgenommen worden, da auch sie sich der französischen Widerstandsbewegung angeschlossen hatte. Nach 17 Tagen im Pariser Gefängnis „La Santé“ und sechs Monaten Gestapohaft in Berlin wurde sie ins KZ Ravensbrück deportiert wo sie bis zur Befreiung durch die Rote Armee im April 1945 inhaftiert war. Nach dem Krieg kehrte Odette nach Frankreich zurück und arbeitete für die Humanité, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Frankreichs10.
Zum 20. Jahrestag ihrer Ermordung wurden am 3. Februar 1954 die sterblichen Überreste von Eugen Schönhaar, John Schehr, Rudolf Schwarz und Erich Steinfurth in die Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde überführt, wo bis heute eine Gedenktafel an sie erinnert.

1 Zit. nach: http://www.linkspartei-pds-teltow.de/web/download/000076/files/JohnSchehr.pdf, abgerufen am 8.9.2008. 

2 Vgl. Lebenslauf Eugen Schönhaar in: Pospiech, Friedrich: Eugen Schönhaar und Sohn Carlo, Esslingen am Neckar 2001. 

3 Vgl. ebd. 

4 Vgl. Brauns, Nikolaus: Der Mann im Hintergrund, in: Schilde, Kurt und Hering, Sabine: Die Rote Hilfe, Wiesbaden 2003, S. 205. 

5 Vgl. Brauns, Nikolaus: Schafft Rote Hilfe!, Bonn 2003, Seite 219ff. 

6 Vgl. Pospiech: Eugen Schönhaar und Sohn Carlo. 

7 Ebd. 

8 Vgl. Lebenslauf Eugen Schönhaar, in: Pospiech: Eugen Schönhaar und Sohn Carlo. 

9 Vgl. ebd. 

10 Vgl. Entschädigungsantrag Odette Schönhaar, in: D293, Archiv des VVN Baden-Württemberg.
 

Soziale/Regionale Herkunft: Vater Karl Wilhelm Schönhaar, Weißgerber, Sozialdemokrat; Mutter Maria Pauline geb. Müller; Esslingen

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule, Ausbildung zum Feinflaschner und Kernmacher, Arbeit in der Maschinenfabrik Esslingen (ME)

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied des Aktionsausschusses (AA) der ME während Württ. Generalstreik 1919; Mitglied des AA des Gebietes Esslingen und Vorsitzender des AA der ME beim Generalstreik während des Kapp-Putschs 1920; Leitendes Mitglied des Esslinger Bezirks-AA beim Steuerabwehr-Generalstreik der württ. Arbeiter

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1919 KPD, Ortsgruppenvorsitzender der Freien Sozialistischen Jugend Deutschlands (FSJD); 1920 Mitglied des Zentralkomitees des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands (KJD); 1923 Leiter der Mitteleuropäischen Vertretung (MEV) der Roten Hilfe

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Verantwortlich für Vorbereitung und Organisation des illegalen Drucks antifaschistischer Schriften; Aufbau und Vernetzung von Druckereien in ganz Deutschland

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 1916: Haft, 1917: Gefängnis; 1918: 9 Monate Haft wg. Fahnenflucht, 1919: Haft in Augsburg und Stuttgart; Nov. 1933: Columbia-Haus, KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Urnengrab mit Gedenktafel in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde; Eugen-Schönhaar-Straße in Berlin-Prenzlauer Berg; früher: Oberschule „Eugen Schönhaar“, Berlin (DDR), Einheit „Eugen Schönhaar“ der NVA Prenzlau

Impressum