Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
5. April 1909 - 18. August 1937

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Günther Keil. Quelle: Sandvoß, Hans-Rainer: Widerstand in Neukölln, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1990.

Günther Keil. Quelle: Sandvoß, Hans-Rainer: Widerstand in Neukölln, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1990.

Geprägt vom sozialdemokratischen Elternhaus wurde Günther Keil 1925 Mitglied des Jungbanners – der Jugendorganisation des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold – und später der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Nach der Abspaltung eines oppositionellen Flügels entlang der Kontroverse um den „Panzerkreuzer A“ und die Kompromisspolitik der SPD schloss sich Keil der neugegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten arbeitet er im Untergrund als Leiter des Berliner Schutzbundes der SAP und Zuständiger für die Abwicklung der Kurierdienste zwischen Berlin und der Tschechoslowakei, wo die SAP eines ihrer Auslandsbüros hatte.

Von Oliver Kulikowski

„Ich kann nichts mehr ertragen. Sie lassen mich nicht sterben. Sie prügeln. Immer mehr. Das kann ich nicht mehr aushalten1.“

Als der 24-jährige Günther Keil diese Sätze sagte, hatte er mehr als 24 Stunden qualvollen Verhörs und Folter hinter sich. Der Vorwurf gegen ihn und weitere Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP): „Vorbereitung zum Hochverrat2“. Tränen strömten über sein Gesicht. In einer unbewachten Pause hatte er sich im SA-Standartenheim in der Maikowskistraße in Berlin-Charlottenburg mit den Brillengläsern die Pulsadern aufgeschnitten, um so weiteren Qualen zu entkommen. Doch der Selbstmordversuch misslang, die Vernehmung von Keil fand kein Ende und er sagte aus.

Erich Ernst Willi Günther Keil wurde am 5. April 1909 in Berlin-Kreuzberg geboren. Mit seinen Eltern, Paula Keil, geborene Elvers, (1884-1956) und Hermann Keil (1882-1943) zog er 1914 in die Richterstraße 48 nach Berlin-Mariendorf. Günther besuchte die 9. Volksschule, wo er sich durch gute Leistungen auszeichnete, so dass er von der Eckener-Oberrealschule übernommen wurde. Kurze Zeit später verlor sein Vater aufgrund seines Engagements als Betriebsrat seine Arbeit, die Eltern konnten sich den Schulbesuch nicht mehr leisten. Günther Keil verließ die Schule und begann eine Lehre zum kaufmännischen Angestellten3.

Geprägt vom sozialdemokratischen Elternhaus schloss er sich 1925 der Jugendorganisation des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold an, dem Jungbanner. Im Jahre 1928 wurde er Mitglied der SPD. Als sich 1931 der oppositionelle Flügel entlang der Kontroverse um das Kriegsschiff „Panzerkreuzer A“ und die Kompromisspolitik der SPD abspaltete, gründete dieser auf einer Reichskonferenz in Berlin die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), der auch Keil beitrat. In der Folgezeit wurde Keil Vorsitzender der Tempelhofer Ortsgruppe4.

Mit Erlass der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 wurde die SAP verboten und somit in die Illegalität gezwungen. Keil zog, um seine Angehörigen nicht zu gefährden, von Berlin-Mariendorf nach Berlin-Mitte in die Breite Straße 29, wo er bei dem Friseur Böttcher ein möbliertes Zimmer anmietete. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten arbeitete er im Untergrund weiter. Er fungierte als Leiter des Berliner Schutzbundes der SAP und war außerdem für die Abwicklung der Kurierdienste zwischen Berlin und der Tschechoslowakei zuständig, wo die SAP eines ihrer Auslandsbüros hatte. Nach der Verhaftung des Berliner SAP-Vorsitzenden Max Köhler gehörte Keil der neuen Berliner Zentrale unter Stefan Szende an, wiederum als technischer Leiter, der unter anderem den Auftrag hatte, das zerstörte Kuriernetz zwischen der Berliner Leitung und den Berliner Unterbezirken (Nord-Ost-Süd-West-Mitte) wieder aufzubauen5.

Im November 1933 wurde Günther Keil verhaftet. Nach der Folter im SA-Standartenheim in Berlin-Charlottenburg brachte man ihn gemeinsam mit Stefan Szende ins Gestapo-Gefängnis Columbia-Haus in Berlin-Tempelhof. Die Angehörigen von Keil erfuhren erst durch seinen Vermieter von der Verhaftung6. Nachfragen blieben erfolglos, lediglich die entlassenen Frauen noch inhaftierter SAP-Mitglieder sowie ein Paket mit Keils blutiger Wäsche konnten Klarheit schaffen. Seiner politischen Überzeugung blieb Keil in den Verhören treu, wie das Verhörprotokoll der Gestapo zeigt:

„Der Angeklagte tritt dafür ein, dass die Erringung der politischen Macht mit Gewaltanwendung durchzusetzen sei, ‘wenn ein Teil der Bourgeoise sich mit Hilfe der bewaffneten Macht an der Macht festzuklammern sucht’, da dann ‘Notwehr’ vorliege, und die Verfassung außerdem nicht von Arbeitern geschaffen wurde7.“

Im Jahr 1934 wurde Keil erneut verlegt, dieses Mal ins KZ Oranienburg.

Der Prozess gegen Keil und weitere Mitglieder der SAP vom 26. November bis zum 1. Dezember 1934 fand nicht, wie sonst üblich, vor dem Kammergericht, sondern vor dem II. Senat des neu geschaffenen Volksgerichtshofes statt. Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ wurde er zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt8. Hätte die Gestapo herausgefunden, dass Keil nicht nur für den Kurierdienst zuständig war, sondern zudem Leiter des Schutzbundes der SAP gewesen war, wäre die Haftstrafe mit Sicherheit höher ausgefallen. Da Keil bereits ein Jahr in Untersuchungshaft verbracht hatte, wurde er zu Beginn des Jahres 1936 aus der Haft entlassen. Gezeichnet von der Zeit im Gefängnis und KZ starb er am 18. August 1937 in einem Berliner Krankenhaus an den Folgen von Folter und Misshandlungen9.

1 Szende, Stefan: Zwischen Gewalt und Toleranz. Zeugnisse und Reflexionen eines Sozialisten, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a.M./Köln 1975, S. 27. 

2 BArch, NJ 2263, Bd.1 und 2. 

3 Vgl. Schilde, Kurt: Vom Columbia-Haus zum Schulenburgring, Berlin 1987, S. 105. 

4 Vgl. ebd. 

5 Vgl. BArch, NJ 2263, Bd.1 und 2. 

6 Vgl. Schilde: Vom Columbia-Haus zum Schulenburgring, S. 107. 

7 BArch, NJ 2263, Bd.1 und 2. 

8 Vgl. ebd. 

9 Vgl. Schilde: Vom Columbia-Haus zum Schulenburgring, S. 107.
 

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin-Kreuzberg

Ausbildung/Berufstätigkeit: Verkäufer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 1925 Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold (Jungbanner); ab 1928 SPD; ab 1931 SAP, Ortsvorsitzender Berlin-Tempelhof

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Leiter des SAP-Schutzbundes im Untergrund, verantwortlich für Kurierdienste

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Columbia-Haus; KZ Oranienburg; ab 20. März 1934 in U-Haft. Am 1.12.1934 verurteilt zu 1 Jahr 9 Monaten abzüglich 1 Jahr Untersuchungshaft

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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