Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
16. Januar 1908 - 7. Februar 1958

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Hans Eggert. Quelle: Sandvoß, Hans-Rainer: Widerstand in Neukölln, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1990.

Hans Eggert. Quelle: Sandvoß, Hans-Rainer: Widerstand in Neukölln, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1990.

Hans Eggert trat bereits als 17-Jähriger im Jahre 1925 dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei. Über den von den Sozialdemokraten dominierten Kampfbund kam er 1927 zur Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und zur SPD. Nach dem Streit um den „Panzerkreuzer A“ verließ Eggert die SPD und gründete mit weiteren Oppositionellen die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Als diese durch die Nazis verboten wurde, ging Eggert in die Illegalität, wo er als Kurier der im Untergrund arbeitenden Bezirksleitung tätig wurde.

Von Oliver Kulikowski

Hans Helmut Fritz Eggert wurde am 16. Januar 1908 in Berlin-Rummelsburg geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in Rummelsburg und dem Kant-Realgymnasium in Berlin-Karlshorst absolvierte er nach Abschluss der Obersekunda von 1924-1926 eine kaufmännische Lehre. Bis zum Jahr 1931 arbeitete Eggert in verschiedenen Betrieben der Lack- und Farbenbranche und verwandter Branchen als kaufmännischer Angestellter, u.a. in den von freien Gewerkschaften gegründeten Betrieben Malerhütte-Berlin und den Lindcar-Fahrradwerken in Berlin-Lichtenrade. Nach 1931 war Eggert mit wenigen Unterbrechungen erwerbslos, bis er eine Stelle als Schreibkraft im Berliner Bezirkssekretariat der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) annahm. Mit dem Verbot der SAP durch die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 wurde diese in die Illegalität gezwungen. Eggert arbeitete fortan bis zu seiner Verhaftung im November 1933 als Kohlenträger im Geschäft von Kurt Oswald in der Marsiliusstraße in Berlin-Friedrichshain1.

Oswald und Eggert kannten sich noch aus ihrer Zeit im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, dem Eggert bereits 1925 als 17-Jähriger beitrat. Über den von den Sozialdemokraten dominierten Kampfbund kam er 1927 zur SPD und ihrer Jugendorganisation, der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Eggert organisierte sich zudem gewerkschaftlich im Zentralverband der Angestellten (ZdA), übernahm in den Organisationen allerdings keine leitenden Funktionen.
Im September 1931 wurden mehrere SPD-Reichstagsabgeordnete aus der Partei ausgeschlossen, da sie sich in der Diskussion um das Kriegsschiff „Panzerkreuzer A“ gegen die Kompromisspolitik ihrer Partei aussprachen und die Tolerierung der Regierung Brühnings ablehnten. Die Oppositionellen, denen auch Eggert angehörte, beschlossen auf einer Reichskonferenz in Berlin die Gründung der SAP2. Als die SAP nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 verboten wurde, ging sie in die Illegalität. Aus der Schreibkraft des Bezirksbüros, Hans Eggert, wurde der Kurier der im Untergrund arbeitenden Bezirksleitung. Eggert stellte die ständige Verbindung zwischen der Leitung und den fünf Berliner Unterbezirken (Ost-West-Süd-Nord-Mitte) her, er fuhr in das Berliner Umland, organisierte dort Zusammenkünfte von Gleichgesinnten und versorgte diese mit Flugblättern und anderem Material3.
Im November 1933 wurde nach einer Flugblattaktion eine Charlottenburger SAP-Gruppe verhaftet. In den Verhören durch SA und Gestapo wurden die Gefangenen gefoltert, bis Namen preisgegeben wurden. Einer dieser Namen war Hans Eggert. Am 28. November 1933 verhaftete ihn die SA und brachte ihn zur Vernehmung ins SA-Standartenheim in der Maikowskistraße in Berlin-Charlottenburg:

„Ich musste mich schlimmen Verhören unterziehen – Faustschläge ins Gesicht, Magengrube, Unterleib und Herzgegend. Dann wurde ich in das Columbia-Haus, Friesenstraße verschleppt, und die Verhöre wurden mit Faust- und Stockschlägen fortgesetzt4.“

Im Januar 1934 wurde Eggert ins KZ Oranienburg verlegt, von wo er zwei Monate später, am 20. März 1934, ins Untersuchungsgefängnis nach Berlin-Moabit gebracht wurde. Vor dem Berliner Kammergericht fand am 26. November des gleichen Jahres der Prozess gegen ihn und weitere Angeklagte aus der SAP statt, denen „Vorbereitung zum Hochverrat“ vorgeworfen wurde. Eggert wurde schuldig gesprochen, sich an der „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ beteiligt zu haben und vom Gericht zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Da er bereits fast zehn Monate in Untersuchungshaft verbracht hatte, wurde die Haftzeit entsprechend reduziert. Die restliche Strafe saß er in Einzelhaft im Gefängnis Tegel ab, bis er am 1. März 1935 entlassen wurde5.

Nach seiner Entlassung hatte Eggert aufgrund seiner Vorgeschichte Schwierigkeiten, eine Anstellung zu finden. Erst im April 1936 bekam er eine Stelle bei einer, zu dieser Zeit noch, jüdischen Firma. Zu seinen ehemaligen Genossen brach Eggert jeden Kontakt ab, da er nach eigenen Angaben fürchtete, beschattet zu werden6. Im Jahr 1940 stellte er ein Gnadengesuch auf „Wiederzuerkennung der Wehrwürdigkeit“ beim Amt für Gnadensachen der NSDAP, das jedoch abgelehnt wurde, obwohl er vom zuständigen Ortsgruppenleiter als „gut“ beurteilt und sein „Gesinnungswechsel“ ebenfalls positiv bewertet wurde7. Ein Jahr später wurde Eggert dennoch eingezogen und beteiligte sich am Krieg gegen die Sowjetunion. Aufgrund eines Herzfehlers kehrte er allerdings nach kurzer Zeit nach Deutschland zurück und hielt sich bis Kriegsende im „Heimatkriegsgebiet“ auf.

Am 3. November 1942 brachte Eggerts Frau Liesbeth Berta, die er November 1936 geheiratet hatte, den gemeinsamen Sohn Rainer Michael zur Welt. Dieser bekam seinen Vater in den ersten Lebensjahren allerdings eher selten zu Gesicht: Nach Kriegsende geriet Hans Eggert bei Linz in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er wurde nach Westdeutschland entlassen, wo er bis November 1945 bei ehemaligen Soldatenkollegen auf dem Land arbeitete, bevor er nach Ost-Berlin zurückkehren konnte. Im Juli 1946 floh er aus dem Ostsektor der Stadt und wurde im Westen als politischer Flüchtling anerkannt. Im gleichen Jahr trat Eggert wieder in die SPD ein, für die er im Berliner Bezirk Kreuzberg tätig wurde8. Er fand eine Stelle als kaufmännischer Angestellter beim Sender Freies Berlin (SFB), für den er bis zu seinem Tod tätig war. Hans Eggert starb am 7. Februar 1958 an Krebs.

1 Vgl. Lebenslauf Hans Eggert, in: Entschädigungsakte Hans Eggert, LABO, Reg. Nr. 1001. 

2 Vgl. Sandvoß, Hans-Rainer: Widerstand in Neukölln, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1990, S. 97 f. 

3 Vgl. BArch, NJ 5303. 

4 Zit. nach: Sandvoß: Widerstand in Neukölln, S. 106. 

5 Vgl. BArch, NJ 141, Bd. 1. 

6 Vgl. Lebenslauf Hans Eggert. 

7 Vgl. BArch, NJ 16089. 

8 Vgl. Lebenslauf Hans Eggert.
 

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin-Boxhagen

Ausbildung/Berufstätigkeit: Kaufmann, spätere Tätigkeit Expedient, Sachbearbeiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im Zentralverband der Angestellten (ZdA)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Reichsbanner, SAJ, bis 1931 SPD, 1931-1933 SAP als Jugendreferent, Gruppenleiter

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Arbeit im Untergrund für die SAP als Kurier

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Verhaftet am 28.11.1933 und Verhör im Columbia-Haus, 5.1.1934 – 20.3.34 KZ Oranienburg, 20.3.34 – 26.9.34 Untersuchungsgefängnis Moabit, 26.9.34 – 26.2.35 Strafgefängnis Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Wiedereintritt in SPD, regionalpolitisch in Berlin-Kreuzberg tätig

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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