Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
12. September 1894 - 4. Dezember 1979

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Briefmarke der ehemaligen DDR (1984) mit dem Portrait von Friedrich Ebert (jr.); unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ebert_junior, aufgerufen am 28.April 2009.

Briefmarke der ehemaligen DDR (1984) mit dem Portrait von Friedrich Ebert (jr.); unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ebert_junior, aufgerufen am 28.April 2009.

Friedrich Ebert junior war der Sohn des 1. Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert. Als SPD-Mitglied war er von 1928 bis 1933 Reichstagsabgeordneter und wurde zusammen mit wichtigen Persönlichkeiten des Deutschen Rundfunks Mitte 1933 von den Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Von dort aus kam er in die Konzentrationslager Papenburg, Börgermoor und Lichtenburg. Nach einem halben Jahr wurde Ebert junior aus der Haft entlassen und stand bis zum Ende des Krieges unter ständiger Polizeiaufsicht. Seine politische Karriere in der DDR als Mitglied der Volkskammer und des ZK der SED überstand alle Änderungswellen der SED.

Von Lisa Dittrich

Friedrich Ebert junior wurde am 12. September 1894 in Bremen geboren. „Ein kleiner ,Umstürzler’ ist angelangt“, schrieben die Eltern Friedrich (senior) und Louise (geborene Rump) in einer kleinen Geburtsanzeige der „Bremer-Bürger-Zeitung1“. Friedrich Ebert junior war das erste Kind der Familie. Ihm folgten die Brüder Georg, Heinrich und Karl sowie eine Schwester, Amalie.
Als der Vater Mitglied des SPD-Parteivorstands wurde, zog die Familie 1905 in die Nähe von Berlin. Sie wohnte zunächst in der Gemeinde Boxhagen-Rummelsburg. In dieser Zeit waren oft bekannte Parteifreunde des Vaters zu Gast, darunter August Bebel, Paul Singer, Hermann Müller und Wilhelm Pfannkuch. Ebert junior wurde früh geprägt von dem politischen Umfeld, in dem er aufwuchs. Sein Vater, der ab 1912 ein Mandat als Reichstagsabgeordneter der SPD bekam, wurde zu einem seiner politischen Vorbilder.
Im Jahre 1909 zog die Familie in die Stadt Berlin, in die Nähe des Treptower Parks. Im gleichen Jahr schloss Ebert seine Schulzeit mit der Mittleren Reife ab und begann eine Lehre als Buchdrucker in der Oranienstraße in Kreuzberg. Kurze Zeit später trat er der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung bei und studierte im Arbeiter-Jugendbildungsverein die Theoretiker Karl Marx, Friedrich Engels, Ferdinand Lassalle, August Bebel und Franz Mehring.
Nach dem Abschluss der Lehre als Buchdrucker im Jahre 1913 trat Friedrich Ebert junior dem Verband der Deutschen Buchdrucker bei und wurde Mitglied der SPD. Im gleichen Jahr erfolgte die Wahl seines Vaters zum Vorsitzenden des SPD-Parteivorstandes. Wegen Meinungsverschiedenheiten auf Grund der herrischen und autoritären Art des Vaters nahm Friedrich 1913 eine Stelle in Nürnberg als Buchdrucker bei der Druckerei und Verlagsanstalt „Fränkische Tagespost“ an. Die Chefredaktion des Blattes hatte Adolf Braun inne, ein Mitglied des SPD-Parteivorstands. Friedrich Ebert junior begann hier seine journalistische Laufbahn und schrieb kleinere kommunalpolitische Artikel2.
Nach Beginn des Ersten Weltkriegs erhielt Ebert am 21. Dezember 1915 in Bayern seinen Einberufungsbefehl und kam an die französische Front. Seine beiden Brüder Heinrich und Georg berief die Militäradministration ebenfalls ein. Sie fielen beide 1917.
Friedrich wurde an die russische Front versetzt, wo er schwer verletzt wurde und wochenlang im Lazarett lag. Im Anschluss erklärte man ihn als kampfunfähig. Er blieb beim Militär und arbeitete fortan als Telefonist und in der Verwaltung. Am 12. Dezember 1918 entließ ihn die Bayerische Vermessungsabteilung 9 ins zivile Leben. Er fuhr sofort zu den Eltern und Geschwistern nach Berlin3.
In den kommenden Monaten sah die Familie Ebert den nach dem Sturz des Kaiserreichs für eine demokratische Republik streitenden Vater Friedrich senior nur selten. In der Ansicht, den Staat mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie zu verteidigen, stimmten Sohn und Vater überein4. Am 11. Februar 1919 wurde Friedrich Ebert senior erster Reichspräsident der Weimarer Republik. Friedrich junior, der in Nürnberg seine Leidenschaft für das Schreiben entdeckt hatte, wurde 1919 bei der sozialdemokratischen Parteizeitung „Vorwärts“ in Berlin Redakteur. Hier legte er den Grundstein für seine spätere kommunalpolitische Karriere und übernahm das unter den Redakteuren unbeliebte Ressort „Lokales“.
Am 12. Oktober 1920 heiratete Friedrich Ebert Johanna Vollmann. Sie war die Nichte des im süddeutschen Raum bekannten Parteiveteranen Friedrich Zick aus Fürth. Johanna kannte er aus seiner Zeit in Nürnberg, damals arbeitete sie als Verkäuferin einer Konsumgenossenschaft.
Die Familie Ebert und vor allem der Vater Friedrich Ebert senior litten unter der turbulenten Nachkriegszeit der Republik. Der Sohn verabscheute die gewaltsamen Auseinandersetzungen und Straßenkämpfe, während sein Vater unter dem Zerwürfnis der Partei und der Abspaltung der USPD litt. 1924 trat Friedrich junior der neu gegründeten Organisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei, da er die Republik in Gefahr sah.
Die väterliche Verbitterung im Kampf um die Republik wuchs. Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert senior. Sein Sohn, der das Werk des Vaters schätzte, bemühte sich, sein Erbe weiter zu führen. Bereits im Jahr 1923, als der Reichspräsident bereits vielerorts unbeliebt geworden war, hatte sein Sohn Friedrich eine Schrift „Fritz Ebert. Ein Lebensbild“ herausgegeben, um den Vater in der Öffentlichkeit zu verteidigen.
Mitte des Jahres 1925 fand Friedrich eine neue Anstellung als Redakteur bei der „Brandenburger Zeitung“, die in Brandenburg an der Havel verlegt wurde und unter der Leitung des ehemaligen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Otto Sidow stand. Friedrich und seine Frau Johanna zogen in die Provinzstadt. Ebert wurde bereits wenige Monate später Nachfolger von Otto Sidow und neuer Chefredakteur der Zeitung. Hier entwickelte er sein Interesse für die Kommunalpolitik weiter. Anfang 1927 wählten ihn in die Delegierten beim Unterbezirkstag der dortigen SPD zum Vorsitzenden. Im Mai errang er ein Mandat in der Stadtverordnetenversammlung in Brandenburg/Havel; seine politische Karriere begann.
Friedrich Ebert lebte gerne in der Provinz und war allseits beliebt und bekannt. Er besaß sowohl gute Kontakte zur obersten Parteispitze der SPD im Reich (die er seinem verstorbenen Vater zu verdanken hatte) als auch vor Ort zu den Bürgern der Stadt. Seine Frau Johanna war ebenfalls gesellschaftlich angesehen und engagiert. Am 18. Juli 1927 wurde der erste gemeinsame Sohn Friedrich geboren.
Ebert sah die zunehmende politische Gewalt der extremistischen Flügel der Gesellschaft mit Sorge. Sowohl auf kommunaler als auch auf Reichsebene kam er immer öfter mit den Kommunisten in Streit; der politische Konsens wurde zusehends schwieriger. 1928 setzte die SPD, vermutlich auf Initiative Rudolf Breitscheids, Friedrich Ebert auf die Reichstagswahlliste. Am 20. Mai 1928 wurde seine Partei bei den Wahlen schließlich stärkste Kraft im Reichstag und Ebert, 33 Jahre alt, Reichstagsabgeordneter. Ein Jahr später wählte man ihn zum Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung von Brandenburg/Havel.

1930 verschärfte sich die politische Radikalisierung in Deutschland. Die Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten sowohl im Reich als auch auf kommunaler Ebene nahmen zu. Der Fraktionsvorsitzende der kommunistischen Partei im Brandenburgischen Stadtparlament, Max Herm, attackierte Friedrich Ebert als „Revisionisten“, „Opportunisten“ und „Sozialfaschisten5“. Ähnliche Zerwürfnisse entstanden auch zwischen Ebert und Walter Ulbricht (KPD). Dieser war 1932 ebenfalls Abgeordneter des Reichstags und beschimpfte Friedrich als „Unternehmerknecht6“. Während Max Herm später ein Genosse Friedrich Eberts in der DDR wurde, blieb das Verhältnis zu Walter Ulbricht auch während der späteren Zusammenarbeit gespannt.
Zu Beginn der 1930er Jahre gewannen die Nationalsozialisten an Stimmen und Mandaten auf Reichsebene und in den Stadtparlamenten. Friedrich Ebert, der sich als Verfechter des Sozialismus mit friedlich-demokratischen Mitteln verstand, geriet in dieser Frage auf politischer Ebene immer wieder mit den Kommunisten aneinander. Nach dem Leipziger Parteitag der SPD im Mai des Jahres 1931 förderte er in seinem Bezirk Brandenburg/Havel den Aufbau der „Eisernen Front“ zum Zwecke der Selbstverteidigung.
Im Jahr 1933 verschlechterte sich Eberts Situation zusehends. Am 28. Februar, nach dem Reichstagsbrand, verboten die Nationalsozialisten die „Brandenburgische Zeitung“, „im Interesse der öffentlichen Sicherheit“, so dass er zunächst sein Einkommen als Chefredakteur verlor. Am 1. März dann durchsuchte die Polizei seine Wohnung. In der ersten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung nach der Wiederwahl am 12. März 1933 schließlich prügelten die Nationalsozialisten Ebert und seine Parteikollegen aus dem Sitzungssaal. Gegen Friedrich Ebert erließ die Regierung Potsdam ein Redeverbot7.
Als am 23. März im Reichstag unter Ausschluss der KPD über das „Ermächtigungsgesetz“ abgestimmt wurde, stimmte Ebert gemeinsam mit seinen Parteikollegen von der SPD dagegen. Die Mehrheit der Abgeordneten beschloss das Gesetz jedoch. Die Machtergreifung Adolf Hitlers war nicht mehr aufzuhalten. Als kurze Zeit später der Reichspräsident den Reichstag auflöste, verlor Friedrich Ebert auch seine Einkommensquelle als Abgeordneter. Die Familie lebte von nun an von ihrem Ersparten.

Am 1. Juli 1933 nahm die Gestapo Ebert in Brandenburg an der Havel fest. Er wurde zum Verhör in das Polizeipräsidium nach Berlin gebracht8. Am 8.August 1933 lieferte man den ehemaligen Abgeordneten gemeinsam mit seinem vormaligen Amtskollegen Ernst Heilmann und den Rundfunkleuten Hans Flesch, Alfred Braun, Kurt Magnus und Heinrich Giesecke in das Konzentrationslager Oranienburg ein. Hier wurden die neuen Häftlinge einer “besonderen Behandlung” unterzogen. Ein Augenzeuge, der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Gerhart Seger, berichtete: „Die sechs Männer wurden gemeinsam eingeliefert und kurz danach gezwungen, vor der sie umdrängenden SA sich ihrer Kleider zu entledigen. [...] Dann ließ man den sechs Männern den Kopf kahl scheren, wobei man Ebert einen Kranz von Haaren stehen ließ, um ihn besonders lächerlich erscheinen zu lassen9“. Friedrich Ebert war aus mehreren Gründen ein besonderes Ziel von Willkür der SA im Lager. Er war der Sohn des ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, er war zudem selber Sozialdemokrat und hatte als Chefredakteur und Verantwortlicher der „Brandenburger Zeitung“ die Nationalsozialisten häufig scharf kritisiert10.
Während seiner sechs Monate dauernden Haft wurde er in mehrere Lager verschleppt. Zunächst brachte man ihn von Oranienburg nach Papenburg, dann weiter über das KZ Börgermoor im Emsland bis nach Lichtenburg. Seine zweite Frau Maria erinnerte sich später: „Die Methoden der Folterungen und Diffamierungen verstärkten sich von Lager zu Lager11.“ In der Haft fand Friedrich aber auch von Kommunisten bis zu Nationalkonservativen gemeinsame Leidensgenossen und Freunde wie Wolfgang Langhoff und Wilhelm Leuschner.
Ende Dezember 1933 wurde Ebert schließlich aus der Haft entlassen. Da seine Familie über kein festes Einkommen mehr verfügte, zog sie mit Friedrichs Mutter in ein gemeinsames Haus in der Waldstraße nach Berlin- Johannisthal. Johanna litt in dieser Zeit sehr unter dem Abhängigkeitsverhältnis gegenüber der Schwiegermutter und der Diffamierung durch die Öffentlichkeit. Ihr aus Brandenburg/Havel gewohntes gesellschaftliches Leben musste die Familie aufgeben. Friedrich stand nun unter ständiger Polizeiaufsicht und regelmäßiger Meldepflicht. Er bekam während der ganzen Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nie eine dauerhafte, feste Anstellung und geriet darüber oft mit seiner Mutter Louise in Streit. Johanna belastete die häusliche Situation zusehends. Schließlich beging sie am 28. Februar 1938, dem Todestag von Friedrich Eberts Vaters, Selbstmord.
Friedrich hatte seine spätere, zweite Frau, Maria Koch, bereits 1926 anlässlich des Blütenfests in Werder kennengelernt. Marias Schwägerin gehörte zum Freundeskreis der Familie Ebert, hatte bis 1933 aber nur wenig Kontakt zu Friedrich und Johanna. Nach der Haftentlassung von Friedrich Ebert aber fand dieser, psychisch und physisch stark angeschlagen, in Maria eine Freundin, der er sich anvertrauen konnte.
Nach dem Tod von Johanna Ebert löste die Mutter Louise den Haushalt auf. Friedrich musste sich nun mit seinen beiden Söhnen eine eigene Wohnung suchen und zog im Sommer 1938 in die Brunnenstraße nach Berlin-Mitte. Er hatte immer noch kein regelmäßiges Einkommen. Da seine Arbeitgeber wiederholt von den Nationalsozialisten gezwungen wurden, keine „Regimefeinde“ zu beschäftigen, erhielt Ebert nur kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse. Für vier Wochen hatte er eine Anstellung im Büro einer Großgarage, 1936 wurde er Teilhaber einer kleinen Druckerei, dann Tankstellenbesitzer in Johannisthal; im Frühjahr 1939 fand er eine kurzzeitige Anstellung in einer Tiefbaufirma. Während er auf Arbeitssuche war, beaufsichtigte Maria in der Brunnenstraße die Kinder Friedrich und Georg und erledigte den Haushalt. Auf Drängen Eberts zog sie im Oktober 1938 mit in die Wohnung ein12.
Am 28. August 1939 wurde Friedrich Ebert zur Artillerie einberufen. Am 1. September 1939 folgte der Einmarsch der Wehrmacht in Polen. Ebert stieß mit seiner Truppe bis nach Torun in Polen vor und wurde dann an die Westfront verlegt. Im April 1940 erhielt er einen kurzen Fronturlaub und heiratete am 18. April 1940 Maria Koch. Vier Wochen später wurde Friedrich Ebert, wie alle Soldaten des Jahrgangs 1894, aus dem aktiven Militärdienst entlassen und meldete sich beim zuständigen Wehrkreiskommando in Berlin und beim Arbeitsamt zurück.
Das Angebot, im Protektorat in Polen zu arbeiten, lehnte er aus ideologischen Gründen ebenso ab wie eine Anstellung im Reichsverlagsamt. Er wurde dennoch dienstverpflichtet, dort zu arbeiten. Ebert musste für das Winterhilfswerk Spenden zur Versorgung der Front sammeln, was er sehr ungern tat. Hier knüpfte er Kontakte zu dem Widerstandskämpfer Robert Uhrig und führte lange Gespräche mit ihm. Auch der Historiker Heinrich Scheel und der Bildhauer Fritz Cremer, die zum Widerstandskreis „Rote Kapelle“ gehörten, wurden Eberts Freunde.
1942 stieg die Zahl der Bombenabwürfe auf Berlin und die Regierung schickte die Kinder aufs Land. Auch die beiden Söhne Eberts, Friedrich und Georg, wurden evakuiert und nach Zakopane in Polen verschickt. Der Vater versuchte per Briefwechsel, Kontakt zu halten und den Söhnen Mut zu machen.
Maria Ebert berichtete später: „Am 22. und 23. November 1943 wird Berlin so stark bombardiert, daß ganze Stadtviertel zerstört wurden. Dabei verloren auch wir unsere Wohnung und unsere ganze Habe. Retten konnte mein Mann aus dem brennenden Haus nur noch seine Kanarienvögel. Er besaß damals einen Zuchtkäfig mit sechs Boxen13.“ Nach mehreren Nächten in Luftschutzkellern fand das Paar Unterschlupf bei einem alten Parteigenossen und Freund des Vaters, Fritz Peine, in einer Gartenlaube in Karow.
Im Dezember 1943 kam der älteste Sohn Friedrich unverhofft aus Zakopane zurück. Damals 16-jährig, musste er sich wenige Tage später als Flakhelfer in Berlin-Charlottenburg melden. Mit 17 Jahren folgte dann die Einberufung zum Wehrdienst.
Ende Januar 1945 erhielt Friedrich Ebert die Einberufung zum Volkssturm. Der zuständige Militärarzt stufte ihn jedoch als „untauglich“ ein. Von seinem Sohn Georg fehlte bereits seit längerem jede Nachricht; sein Sohn Friedrich wurde an die Westfront verlegt.
Als Ende April die Rote Armee in Berlin einmarschierte, fühlte Friedrich Ebert, „wie er nun lebenslang nie zu betonen vergaß, die Befreiung von einem Leben tiefster Erniedrigung14“. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Nachdem die sowjetische Militäradministration am 10. Juni in Deutschland wieder antifaschistische Parteien und Organisationen zugelassen hatte, trafen sich bei Fritz Peine Sozialdemokraten aus Karow zu einer ersten Mitgliederversammlung. Friedrich Ebert nahm ebenfalls daran teil, war aber von den Genossen enttäuscht. Er schrieb später: „Mit großen Erwartungen ging ich dort hin. [...] Diese Versammlung verlief für mich so enttäuschend, daß ich damals in mein Notiztagebuch eintrug: Sie tun so, als wäre nichts gewesen, und denken, im alten Trott weitermachen zu können15.“
Ebert gelangte durch die Erfahrungen der nationalsozialistischen Herrschaft und seine Zeit im Konzentrationslager zu der Überzeugung, dass die Einheit der Arbeiterschaft zur Sicherung des Friedens und der Demokratie notwendig sei. Gleichzeitig war er Verfechter der Einheit Deutschlands und kämpfte bis zur endgültigen Teilung auf verschiedenen Parteitagen und Treffen mit westdeutschen Politikern für dieses Ziel.
Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete man die erste provisorische Parteizentrale der SPD im ehemaligen Gebäude der Deutschen Bank in der Behrenstrasse in Berlin-Mitte ein. Friedrich Ebert war Anfang Juli 1945 einer der ersten, die sich dort einfanden. Sein Mitgliedsausweis trug die Nummer 31. Er traf sich dort mit dem Kommunisten und ehemaligen KZ-Häftling Willy Sägebrecht zu Gesprächen über eine gemeinsame Zukunft von SPD und KPD. Im September 1945 wurde von beiden Parteien, gegen den Widerstand zahlreicher SPD-Mitglieder, ein Arbeitsausschuss für die Zusammenführung eingerichtet.
Nachdem der Brandenburger Bezirksvorstand der SPD nach Potsdam umgesiedelt worden war, zog die Familie Ebert am 9. Dezember 1945 nach Potsdam-Babelsberg. Friedrich hatte dort die Leitung des Wiederaufbaus der SPD übernommen. Am 6. April 1946 fanden in der Provinz Brandenburg letztmalig getrennte Parteitage von SPD und KPD statt. Am Tag darauf folgte der Vereinigungsparteitag zur SED. Friedrich Ebert und Willy Sägebrecht übernahmen paritätisch den Landesvorsitz. Ende April wählte der Parteitag Ebert zum Mitglied des neuen Parteivorstandes der SED; von 1947 bis 1950 gehörte er als Mitglied dem Zentralsekretariat an und seit 1949 dem Politbüro des ZK der SED. Ende 1947 führte Ebert auf einer Kundgebung in Bremen aus: „Ich weiß in vollem Umfange den Wert der Tradition auch in der Arbeiterbewegung zu schätzen, und ich darf hier ganz offen erklären, daß ich nicht leichten Herzens den ehrwürdigen Namen der Sozialdemokratischen Partei und die uns liebgewordene Organisationsform aufgegeben habe16.“
Am 30. November 1948 wurde im Ostteil Berlins ein neuer Magistrat gebildet und Ebert zum Oberbürgermeister Ost-Berlins gewählt. Er gab seine Ämter in Brandenburg auf und zog nach Berlin-Niederschönhausen17. Es gehörte zu seinen ersten Aufgaben, die Vermögenswerte von Nationalsozialisten und später von Unternehmen wie der Deutschen Bank, der Commerzbank, von Versicherungsunternehmen, Baugesellschaften und anderen Unternehmen in Volkseigentum zu überführen.
Friedrich Ebert machte in der DDR weiter politische Karriere, blieb aber dabei immer volksnah und kommunalpolitisch engagiert. Auf der Versammlung des Demokratischen Blocks von Groß-Berlin charakterisierte er im Januar 1949 seine Sicht des Verhältnisses von Volk und Staat folgendermaßen: „Die demokratische Verwaltung muß frei sein von jenen Bürokraten, die lediglich auf Anordnung arbeiten, weil sie jede Verantwortung scheuen. […] Zur Demokratisierung der Verwaltung gehört die Mitarbeit der Bevölkerung18.“
Ebert war von Anbeginn in der Volkskammer vertreten, zwischen 1950 und 1963 sowie ab 1971 sogar als ihr stellvertretender Präsident. Von 1950 bis 1958 übernahm er die Präsidentschaft der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und engagierte sich zwischen 1957 und 1964 als Präsident des Städte- und Gemeindetages der DDR. Ab 1960 gehörte er als Mitglied dem Staatsrat der DDR an.
Nach 18 Jahren als Oberbürgermeister von Ost-Berlin kandidierte er Mitte 1967 nicht mehr für dieses Amt Am 5. Juli 1967 ernannte ihn der Magistrat von Ost-Berlin zum Ehrenbürger Berlins. Nach der Wiedervereinigung wurde ihm diese Ehre 1992 posthum vom Berliner Senat wieder aberkannt.
Am 4. Dezember 1979 starb Friedrich Ebert 85-jährig an Herzversagen. Seine Urne wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg beigesetzt. Friedrich Ebert war Träger des Karl-Marx-Ordens, des Vaterländischen Verdienstordens und des Großen Sterns der Völkerfreundschaft.

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1 Zit. nach Podewin, Norbert: Ebert und Ebert, Berlin 1990, S.330. Norbert Podewin, Jahrgang 1935, arbeitete zwischen 1970 und 1975 als außenpolitischer Referent Friedrich Eberts.  

2 Vgl. Maur, Hans: Karower Persönlichkeiten- Abgeordnete des Deutschen Reichstags, Berlin 2003, S.58.  

3 Vgl. Podewin: Ebert und Ebert, S.336ff.  

4 Vgl. ebd., S.348.  

5 Vgl. ebd., S.373.  

6 Vgl. ebd., S.379.  

7 Vgl. BLHA, Rep. 2 A, I Pol, Nr. 1050. 

8 Nachdem der Familie die Dienstwohnung in Brandenburg/Havel gekündigt worden war, floh seine Frau Johanna mit den Kindern Friedrich und Georg zu ihren Eltern nach Nürnberg. 

9 Seger, Gerhart: Oranienburg, Karlsbad 1934, S.41.  

10 Vgl. Wörmann, Heinrich-Wilhelm: Widerstand in Köpenick und Treptow, Berlin 1995, S. 47f.  

11 Erinnerungsbericht Maria Ebert, in: BArch, Sgn.: Sgy30-1993.  

12 Vgl. ebd.  

13 Ebd.  

14 Podewin: Ebert und Ebert, S.407.  

15 Zit. nach: Maur: Karower Persönlichkeiten, S.67.  

16 Ebert, Friedrich: Einheit der Arbeiterklasse – Unterpfand des Sieges, Berlin 1959, S.72.  

17 Vgl. ebd. S.96.  

18 Ebd. S.110/111.
 

Soziale/Regionale Herkunft: Erstes Kind des 1. Reichspräsidenten der Weimarer Republik Friedrich Ebert und seiner ersten Ehefrau Louise (geborene Rump)/ geboren in Bremen

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1909 - 1913 Lehre als Buchdrucker/ 1925-1933 Chefredakteur der „Brandenburger Zeitung“ in Brandenburg/Havel

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1913 Eintritt in den Verband der Deutschen Buchdrucker

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 1910 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend/ ab 1913 Mitglied der SPD/ ab 1924 Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold

Politische Mandate/Aktivitäten: 1928 - 1933 Reichstagsabgeordneter (SPD)/ ab 1929 Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung Brandenburg/Havel; 1933 wird er durch die Nationalsozialisten dieses Amtes enthoben

Widerstandsaktivitäten: Kein aktiver Widerstand, aber in Kontakt mit Personen aus Widerstandsgruppen, z.B. Wolfgang Langhoff (Kommunist), Robert Uhrig (Kommunist), Heinrich Scheel (Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“), Fritz Cremer (Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“)

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 1. Juli 1933 Verhaftung/ 8. August 1933 Einlieferung ins KZ Oranienburg/ KZ Papenburg/ KZ Börgermoor/ KZ Lichtenburg/ Ende Dezember 1933 Entlassung

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945 Landesvorsitzender der SPD Brandenburg/ 1949 - 1979 Volkskammerabgeordneter (der DDR), zeitweise als Präsident und Stellvertreter des Präsidenten/ 1948 - 1967 Oberbürgermeister von Ost-Berlin/ 1946 Mitglied des Parteivorstandes der SED/ ab 1946 Vorsitzender der Wahlkommission/ab 1946 Präsident des Brandenburgischen Landtags/ 1948-1958 Präsident der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft"/ 1949 Mitglied des Politbüros des ZK der SED/ ab 1957 1. Präsident des "Deutschen Städte- und Gemeindetags" (der DDR)/ ab 1960: Mitglied des Staatsrats der DDR, ab 1971 deren stellvertretender Vorsitzender

Erinnerungskultur/Ehrungen: 1967 Erhalt der Ehrenbürgerwürde von Großberlin/ 1992 Aberkennung der Ehrenbürgerwürde durch den Berliner Senat

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