Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg

Die Kommandantur des KZ Oranienburg gliederte sich in sechs Abteilungen: Kommandant, Adjutant, Vernehmungsabteilung, Gefangenenabteilung, Sanitätsabteilung und Wachabteilung. Aufgabe der Vernehmungsabteilung, später politische Abteilung genannt, war zum einen die Anlage und Führung der Häftlingsakten und zum anderen die Durchführung von Vernehmungen und Verhören. Das Büro der Vernehmungsabteilung befand sich u. a. im Zimmer 16 des Konzentrationslagers. Dort wurden zumeist die Verhöre durchgeführt. Die Leitung der Vernehmungsabteilung hatte Sturmbannführer Krüger inne, später waren Hans Stahlkopf und Horst Wassermann in dieser Funktion verantwortlich. Bis Ende 1933 arbeitete die Vernehmungsabteilung (von Schäfer „Polizeiabteilung IA“ genannt) mit mehreren regulären Landjägern und Polizeibeamten zusammen. Von diesen wurden die SA-Führer in den gängigen Verhörpraxen instruiert. Gleichzeitig arbeitete in der politischen Abteilung Welter Hensel, ein Polizeihauptmeister, der zur Datenspeicherung von den Häftlingen Fingerabdrücke nahm und Fotos machte. Mit dem Ausbau des Geheimen Staatspolizeiamtes in Preußen unter der Leitung von Rudolf Diels institutionalisierte sich allmählich eine feste Zusammenarbeit zwischen der Gestapo einerseits und der politischen Abteilung andererseits

Verhörmethoden: Zu den gängigen Verhörpraxen der Vernehmungsabteilung zählten u.a. das Schlagen mit Fäusten, Stöcken, Stahlrohren, Gummiknüppeln und in Leder gewickelte Stahlseile auf entblößte Körperteile. Dabei wurden gezielt besonders empfindliche Stellen anvisiert und die Finger gebrochen. Wurden Häftlinge aus anderen Lagern eingeliefert, mussten sie aus reiner Schikane die Gründe für ihre Inhaftierung nennen. Sie wurden so lange misshandelt, bis sie die Antwort gaben, die den SA-Männern gefiel. Erwies sich diese als „falsch“ – beispielsweise weil auf dem Schein des vorigen KZ ein anderer Grund angeführt wurde – wurden die Häftlinge weiter gefoltert.

Erich Mühsam: Der Anarchist Erich Mühsam kam über einige andere Konzentrationslager am 2. Februar 1934 in das KZ Oranienburg und zählte dort von Beginn an zu jenen Häftlingen, die besonders unter der Grausamkeit der Lagerführer zu leiden hatten, da sie nicht nur politische Opponenten des NS, sondern zudem jüdischer Herkunft waren. Bei „Verhören“ im Zimmer 16 wurde er regelmäßig gefoltert. Nach der Übernahme des KZ durch SS am 6. Juli 1934 war Mühsam sich bewusst, dass er nicht mehr lange leben würde. Die Verantwortlichen der Lagerleitung legten ihm nahe, innerhalb von 3 Tagen Selbstmord zu begehen. Mühsam erzählte dies seinen Mithäftlingen, um mit ihnen über einen möglichen Ausweg aus seiner bevorstehenden Ermordung zu beraten. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli wurde er von der SS ermordet, sein Selbstmord wurde schlecht inszeniert. Seine Mithäftlinge entdeckten ihn morgens an einem Seil in der Latrine aufgehängt.

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* Mit dankenswerter Genehmigung durch die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten entnommen aus: Gegen das Vergessen. Häftlingsalltag im KZ Sachsenhausen 1936-1945, CD-ROM, Systema 2004.