Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
12. November 1876 - 6. Dezember 1934

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Richard Hauschildt (Quelle: Handbuch für den Preußischen Landtag. Ausgabe für die 1. Wahlperiode (ab 1921), Berlin 1921, S. 465).

Richard Hauschildt (Quelle: Handbuch für den Preußischen Landtag. Ausgabe für die 1. Wahlperiode (ab 1921), Berlin 1921, S. 465).

„Wenn Du, liebe Otti, gelegentlich einmal an mich denkst, bereitest Du mir große Freude. Für jede Zeile und – gelegentlich – einen ganz kleinen Lebensmittelzuschuss (etwas Wurst?, etwas Butter?) bin ich dankbar.“

Der Urheber dieser Zeilen ist Richard Hauschildt. Am 6. Juli 1933 übermittelte der Sozialdemokrat in einem Brief an seine Tochter Ottilie ein erstes Lebenszeichen aus dem Konzentrationslager Oranienburg, in das er am 25. Juni 1933 verschleppt wurde1. Die Bitte um etwas Wurst und Butter lässt erahnen, wie es im KZ um die Versorgung der Häftlinge stand.

Von Günter Bartsch

Dass Hauschildt auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten weit oben stand, überrascht wenig: Die von ihm 1929–33 herausgegebene „Sozialdemokratische Parteikorrespondenz“, eine Art Argumentationshilfe für Referenten und Funktionäre der SPD, nahm im Kampf gegen die Nazis kein Blatt vor den Mund: So wird in der Ausgabe Oktober/Dezember 1932 über „ein paar Nazi-Prominente“ berichtet, beispielsweise darüber, wie die NSDAP mithilfe von Kreditversprechen Ernennungen Hitlers zum Ehrenbürger erreichte2.

Bald darauf bekam Richard Hauschildt die Wut der Nazis zu spüren: Am 24. Juni 1933 wurde er zeitgleich mit Genossen aus seinem Wohnort Strausberg (Georg Kurtze, Karl Werner und Otto Zimmermann) in „Schutzhaft“ genommen. „Die oben genannten Funktionäre werden deshalb in Haft genommen, weil sonst die hiesige S.A. selbst eingreifen wollte. Die Überführung der Obengenannten nach dem Konzentrationslager Oranienburg folgt morgen“, schrieb der von der NSDAP eingesetzte Strausberger Bürgermeister Röhr in seinem Bericht an den Landrat in Bad Freienwalde, der die Verhaftung veranlasst hatte3.

Am 3. August 1933 wurde Hauschildt dank der Bemühungen seiner Frau Frieda aus der KZ-Haft entlassen. Um dies zu erreichen, musste sich die Familie allerdings verpflichten, Strausberg zu verlassen. Notgedrungen zogen das Ehepaar Hauschildt zusammen mit der zweiten Tochter Adelheid nach Kassel, wo die Familie vor 1929 gelebt hatte. Zunächst kamen sie bei Friedas Mutter unter.

Wie es ihm im KZ ergangen war, darüber wollte Hauschildt nicht sprechen. Sein Schwiegersohn Walter Bremer berichtet 1987: „Durch die Folgen der brutalen Lagerhaft war er eingeschüchtert, bedrückt und schweigsam.“ Später habe er über die Qualen Ernst Heilmanns und Alfred Brauns berichtet, von „seinen eigenen Drangsalen“ jedoch nicht gesprochen. Hauschildts Tochter Adelheid, die heute in Wiesbaden lebt, erinnert sich, dass ihr Vater von Schlägen mit Gummiknüppeln erzählt hat.

Am 6. Dezember 1934 nahm sich Richard Hauschildt das Leben. 1950 erinnert sich sein Genosse Willi Goethe. „Das letzte was ich von R.H. weiss, wurde mir von einer Frau erzählt, deren Namen ich jetzt nicht mehr kenne. Sie sagte mir, sie habe R.H. einen Tag vor seinem Tode auf dem Friedhof sitzen sehen und nachdem sie ihn angesprochen habe, habe er geweint und ihr nicht geantwortet4.“
„Er wurde von den Nazis in den Tod getrieben“, schreibt Schwiegersohn Walter Bremer. Wie aus Briefen Hauschildts an seine Tochter Ottilie hervorgeht, wurden der Familie Unterstützungsleistungen vorenthalten und gekürzt. Auch Hauschildts Versuch, sich als Vertreter für Seifenartikel über Wasser zu halten, wurde untergraben. Laut Bremer wurde Kunden, die Hauschildt besucht hatte, von den Nazis gedroht, nicht noch einmal etwas vom „roten Hauschildt“ zu kaufen – andernfalls ginge es ihnen schlecht. Bei Hauschildts folgendem Besuch hätten die Kunden dann gebeten: „Richard, bitte bleib weg, die Nazis haben uns bedroht!“ Sein kleines Wägelchen mit Seifenartikeln sei ihm auf der Straße umgekippt und die Artikel zertreten worden, so Bremer.

Schwierig war auch die Wohnungssuche in Kassel, nicht nur, weil es am Verdienstnachweis mangelte, sondern auch aufgrund von Hauschildts sozialdemokratischer Vergangenheit, an die man sich in Kassel erinnerte:
Hauschildt trat bereits als Schriftsetzer-Lehrling in die SPD ein. Zwischen 1900 und 1905 war er Volontär und Redakteur bei verschiedenen Organen der Arbeiterpresse: der Mainzer Volkszeitung, der Magdeburger Volksstimme, dem Würzburger Volksfreund und dem Offenbacher Abendblatt. 1906 wurde er als Parteisekretär in Kassel angestellt, wo er bis 1924 auch Stadtverordneter war. 1918 leitete er in der Stadt den Arbeiter- und Soldatenrat und nahm im Dezember 1918 und April 1919 an den beiden Rätekongressen in Berlin teil (beim zweiten als dessen Präsident), wurde dann bis 1924 Abgeordneter des Preußischen Landtags. Als Chefredakteur des „Casseler Volksblattes“ war er die Stimme der Arbeiter in Kassel bis 1925. In diesem Jahr sollte er kommissarisch den Posten des Landrates in Bad Hersfeld übernehmen, wurde nach einer Kampagne konservativer Kräfte von dort aber schnell wieder vertrieben und arbeitete fortan in der Redaktion der „Freien Presse“ in Wuppertal-Barmen. Anfang 1929 holte ihn die SPD nach Berlin: Er sollte die „Sozialdemokratische Parteikorrespondenz“ wiederbeleben. In seinem Wohnort Strausberg engagierte er sich kommunalpolitisch, wurde im Dezember 1929 ehrenamtlicher Beigeordneter beim Strausberger Magistrat und damit stellvertretender Bürgermeister.

„Das, liebe Otti, ist das Schicksal von uns ‚Marxisten‘: Wir sind mittel-, existenz- und wohnungslos“, schrieb Hauschildt am 5. Oktober 1933 an seine Tochter. Aus der anfänglichen Hoffnung, sich als Vertreter oder Schriftsteller durchzuschlagen, wurde bald Resignation. Auf seinen Tod reagierten Freunde und Genossen mit Bestürzung. Ottilie Bremer schrieb am 10. Dezember 1934 an ihren Gatten:

„Die Einäscherungsfeier war überwältigend. Das Krematorium war überfüllt. Es war wie eine große Demonstration. Es hatte nur eine kleine Annonce in einer Sonntagszeitung gestanden, aber die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund verbreitet.“

1 Vgl. Akte Richard Hauschildt im Nachlass Fritz Heine, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, Signatur 6. 

2 Vgl. Sozialdemokratische Partei-Korrespodenz Nr.10/12 – Oktober/Dezember 1932, S. 554. 

3 BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6, Bl. 483. 

4 Stadtarchiv Kassel, S1 Nr. 3207: Eidesstattliche Erklärung des Regierungsrates Willi Goethe, 28. Dezember 1950. 

Soziale/Regionale Herkunft: Hamburg

Ausbildung/Berufstätigkeit: gelernter Schriftsetzer; Redakteur sozialdemokratischer Tageszeitungen und Journale; Parteisekretär der SPD Kassel

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD (als Lehrling eingetreten), ab Anfang 1929 Herausgeber Sozialdemokratische Parteikorrespondenz

Politische Mandate/Aktivitäten: Stadtrat Kassel bis 1924; 1918 Leiter des Arbeiter- und Soldatenrates Kassel, Dezember 1918 1. Rätekongress, April 1919 Präsident 2. Rätekongress, 1919-24 Mitglied des Preußischen Landtags, ab Dezember 1929 Beigeordneter Stadt Strausberg (stellvertretender Bürgermeister)

Widerstandsaktivitäten: (nicht bekannt)

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: KZ Oranienburg (25.06.-03.08.1933)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Gedenktafel am früheren Wohnhaus der Familie in der Paul-Singer-Straße in Strausberg; Aufnahme ins SPD-Gedenkbuch "Der Freiheit verpflichtet"

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