Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
15. September 1877 - 12. Dezember 1953

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Von Arnd Groß

Otto Franke wurde am 15. September 1877 in Rixdorf bei Berlin geboren. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er eine Maschinenbauerlehre und belegte gleichzeitig diverse Abendkurse und Wochenendfortbildungen. Von 1892 an war er Mitglied der SPD und des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV). Er war auch Gründungsmitglied des Zentralverbandes der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands, seit 1901 Bezirksleiter in Berlin, Anfang 1903 Gewerkschafts­sekretär für Groß-Berlin im Zentralverband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter und -arbeiterinnen Deutschlands und ab 1907 im neu gegründeten Deutschen Transportarbeiter-Verband angestellt. Das „Handbuch des Vereins der Arbeiterpresse“ von 1914 nennt Franke als Vorstands­mitglied des Wahlvereins und als Mitglied des Bildungsausschusses von Berlin-Neukölln. Beschäftigt war Franke u.a. als Gießer bei der AEG und als Handelshilfsarbeiter in einer Wäschefabrik. Wegen seiner politischen Betätigung wurde er aber immer wieder entlassen.
Otto Franke kämpfte während des Ersten Weltkrieges gegen die Burgfriedenspolitik der SPD. Zunächst galt Franke als Anhänger des Gewerkschaftsführers Karl Legien, des Vorsitzenden des Drechslerverbandes und Leiters der Generalkommission, wandte sich aber später von ihm ab. Ausschlaggebend dafür war der Tod seines Bruders an der Front 1915. In diesem Zusammenhang kam es zu einer Auseinandersetzung mit dem damaligen Reichskanzler Bethmann-Hollweg in Gegenwart Legiens. In Konfrontation zur Burgfriedenspolitik der SPD orientierte sich Franke am linken Flügel der SPD um Liebknecht und Luxemburg und wurde Leiter des Spartakusbundes für den Raum Groß-Berlin.
Im Umfeld Karl Liebknechts war er Mitorganisator der großen Maidemonstration von 1916. „Der Grund meiner Verhaftung war die große Maidemonstration 1916 auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Diese Maidemonstration gegen den Krieg und das dazu vorbereitete Flugblatt hatte ich mit dem Genossen Karl Liebknecht gemeinsam [vorbereitet und…] ausgearbeitet. In der beschlußfassenden Sitzung des Spartakusbundes, welche zur Maidemonstration Stellung nahm, wurde ich beauftragt, diese Maidemonstration zu leiten. Der „Vorwärts“, das Zentralorgan der SPD, hetzte in einer sehr gehässigen Weise gegen den Spartakusbund, und ich wurde von dieser Redaktion öffentlich denunziert und dem Oberkommando der Deutschen Militärgewalt in den Marken besonders bekanntgegeben und am 1.6.1916 verhaftet, dann mußte ich in Militärgewahrsam im Polizeipräsidium Alexanderplatz sitzen und [im] Militäruntersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis November 19161.“
Nach fünfmonatiger Haft wurde Franke an die Ostfront kommandiert. Nach seiner Desertion lebte er illegal in Berlin, gehörte weiterhin dem Spartakusbund an und wurde ständiger Begleiter Liebknechts. Franke war Teilnehmer am Gründungsparteitag der KPD und der Landesleiter in Ostsachsen. Die KPD entsandte ihn zum Gründungskongreß der Roten Gewerkschafts-Internationale, die ihn zum Sekretär für Westeuropa wählte.
Im Mai 1924 wurde Franke verhaftet, konnte aber in die Sowjetunion fliehen. Ab 1928 war er Mitglied der KPdSU. Aufgrund einer Amnestie durfte er 1928 nach Deutschland zurückkehren.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung versuchte Franke, die illegale Arbeit seines Bezirkes zu organisieren und war Mitorganisator der legendären illegalen Tagung des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals. Am 27. Juni 1933 wurde Franke verhaftet und in die zum Konzentrationslager umfunktionierte ehemalige „Patzenhofer“ Brauerei in Oranienburg gebracht. Hier wurde er das Opfer massiver Folter durch die SA. Am 3. September verschleppte man ihn in das KZ Sonnenburg und nach dessen Schließung am 25. März 1934 in das KZ Lichtenburg. Krankheitshalber – er litt unter einer halbseitigen Lähmung – wurde Otto Franke am 7. Oktober 1936 aus der KZ-Haft entlassen.
Danach wurde er im Autobahnbau eingesetzt. Im November 1937 wurde er erneut verhaftet und in die Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Franke wurde jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt; anscheinend kannte er einen Kriminalbeamten aus der Zeit vor 1933. Er emigrierte im Januar 1938 nach Prag und 1939 nach London. Im Juni 1940 internierte ihn der britische Geheimdienst und entließ ihn 1941 wieder.
1946 kehrte Otto Franke nach Deutschland zurück und betätigte sich in der SED auf Kreis- und Gemeindeebene. Zuletzt arbeitete er als Bibliograph der Parteihochschule in Kleinmachnow. Er starb am 12. Dezember 1953 in Berlin.

1 O. Franke, zit. nach Witzorsky, 1988, S. 62. 

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Quellen:

  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1914, S. 263.
  • Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd. 1, Politik, Wirtschaft, öffentliches Leben, Leitung und Bearbeitung Werner Röder und Herbert A. Strauss, München 1980, S. 189.
  • Witzorsky, Major Gerd: Otto Franke. Biographische Studie, Diplomarbeit, Universität Leipzig, Sektion Geschichte, Leipzig 1988.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Maschinenbauerlehre; Gießer bei der AEG und als Handelshilfsarbeiter in einer Wäschefabrik

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im DMV; Gründungsmitglied des Zentralverbandes der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands; Seit 1901 Bezirksleiter in Berlin; Anfang 1903 Gewerkschafts­sekretär für Groß-Berlin im Zentralverband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter und -arbeiterinnen Deutschlands

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; KPD; Ab 1928 war er Mitglied der KPdSU

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Mitorganisator der legendären illegalen Tagung des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Juni 1933: KZ „Patzenhofer“; Am 3. September 1933: KZ Sonnenburg; 1934 - 7. Oktober 1936: KZ Lichtenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Engagement in der SED auf Kreis- und Gemeindeebene

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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