Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
20. Januar 1887 - 4. oder 5. Mai 1943

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Von Arnd Groß

Otto Scharfschwerdt wurde am 20. Januar 1887 in Belgard/Pommern als Sohn eines Dachdeckermeisters geboren. Mit Auszeichnung absolvierte er nach 8 Jahren die Bürgerschule. In Plauen erlernte er den Beruf des Kesselschmiedes. In dieser Zeit betätigte er sich sportlich und erkämpfte beim Ringen den Titel eines sächsischen Meisters. In den Jahren von 1904 bis 1907 mußte er in der kaiserlichen Armee seinen Militärdienst ableisten. Danach fand er in Berlin eine Anstellung bei der Reichsbahn. Er arbeitete seit 1908 im Fahrdienst, qualifizierte sich und stieg bis 1922 zum Lokführer auf. Scharfschwerdt lebte in Hohen-Neuendorf, einem kleinen Vorort nördlich von Berlin, im Kreis Niederbarnim. Hier wurde er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (1909) und deren Ortsverbandsvorsitzender. Seit 1912 engagierte er sich im Verein deutscher Lokomotivführer; ab 1920 weitergeführt als Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Zum Ende des Ersten Weltkrieges wurde er in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt und nahm als dessen Delegierter an der Reichskonferenz der Räte im Dezember 1918 in Berlin teil. Im Jahre 1920 wurde Scharfschwerdt in den Vorstand seiner Gewerkschaft gewählt, bald darauf bei der Organisation angestellt. Scharfschwerdt kämpfte aktiv bei den großen Eisenbahnerstreiks der frühen zwanziger Jahre. Entscheidend eingreifen konnte Scharfschwerdt bei der Niederschlagung des Kapp-Putsches: Der Generalstreik der Lokomotivführer, der Eisenbahner und der Post brachte den gesamten öffentlichen Verkehr zum Erliegen. Auf Scharfschwerdts Kopf, wie auch auf die anderen Mitglieder der Streikleitung waren hohe Prämien ausgesetzt worden. Nach wenigen Tagen trat die Regierung Kapp zurück, der Generalstreik war ein voller Erfolg.
Die Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer war zunächst Teil der Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahner, deren 2. Vorsitzender Scharfschwerdt war. Die Reichsgewerkschaft verlor jedoch an Bedeutung und löste sich 1924 ganz auf. Die Lokomotivführer agierten nun eigenständig, ohne Dachorganisation und Scharfschwerdt bewahrte sie stets vor Vereinnahmungen der Einheitsverbände. Neben der gewerkschaftlichen Arbeit engagierte er sich auch immer auf kommunalpolitischer Ebene. Seit 1929 war er Mitglied des Kreistages Niederbarnim; darüber hinaus war er im Vorstand des Reichbanners Schwarz-Rot-Gold vertreten.
Der Machtwechsel in Deutschland brachte einschneidende Veränderungen für Scharfschwerdt und dessen Familie. Der am 27. August 1909 geborene Sohn Otto Julius Emil war wie sein Vater politisch aktiv. Bereits in seiner Jugend übernahm dieser Funktionen in der SAJ und war Mitglied und Jugendleiter im Zentralverband der Angestellten. Nach einer Rede des jungen Scharfschwerdt anläßlich einer Jugendweihefeier nahm die lokale SA Vater und Sohn in die sogenannte Schutzhaft und verschleppte beide in das Konzentrationslager Oranienburg. Während Scharfschwerdt jr. nach zwei Tagen wieder auf freiem Fuß war, wurde Scharfschwerdt sen. fünf Wochen lang in der ehemaligen Brauerei festgehalten.
Nach der Entlassung zielten Otto Scharfschwerdts Bemühungen darauf, die Gewerkschaft der Lokomo­tivführer nicht von den NS-Verbänden vereinnehmen zu lassen. Die Gewerkschaft änderte ihre Organisationsform und firmierte fortan als Verein, der dem Bund technischer Beamter unterstellt war. Widerstand organisierte Scharfschwerdt auf unterschiedlichen Ebenen. So unterhielt er Kontakte zu ehemaligen führenden sozialdemokratischen Gewerkschaftern in Berlin. Er traf sich mit Lokomotivführern und organisierte die Herstellung und den Vertrieb von Druckschriften. Die Verbindungen reichten vom Barnim bis nach Berlin hinein – hier besonders in den Wedding und nach Spandau. Die Organisation „Nordbahn“, benannt nach der regionalen Eisenbahnlinie, vereinte Gewerkschafter, Sozialdemokraten und ehemalige Reichsbanner-Mitglieder. In Berlin trugen dazu hauptsächlich Theodor Haubach und der ehemalige Major der Preußischen Schutzpolizei Karl Heinrich bei. Nach der Festnahme Heinrichs führten der ehemalige Leiter des Arbeitsamtes Birkenwerder Erich Wienig und der ebenfalls beim Arbeitsamt Birkenwerder entlassene Buchdrucker Erich Hahn dessen Arbeit fort. Diese suchten mit anderen Berliner Widerständlern den Kontakt zu der Gruppe um Scharfschwerdt, bzw. waren Teil dieser Gruppe. Scharfschwerdt druckte mit Hahn mehrere Tausend Flugblätter, während Wienig und andere Genossen diese in Berlin und in den Kreisen um die Hauptstadt verteilten. Scharfschwerdts Tätigkeit als Vertreter begünstigte die Tarnung solcher Aktionen. Er zog auch ihm glaubwürdig erscheinende parteilose Personen ins Vertrauen, wie den in Hohen Neuendorf ansässigen Hausarzt Dr. Herrmann.
Zu Beginn des Jahres 1936 kam Scharfschwerdt in Kontakt mit dem ehemaligen Funktionär des Gesamtverbandes der Arbeitnehmer des Personen- und Warenverkehrs Willy Vollnberg, der wiederum ein Kontaktmann zu Paul Levy in der CSR war. Vollnberg wurde nach einer seiner Reisen in die CSR von der Gestapo verhaftet. Bei Ihm fand man eine Wanderkarte mit dem Aufdruck „Otto Scharfschwerdt“. In welcher Weise die Gestapo zu mehr Informationen gelangte, ist nicht bekannt. Sicher ist jedoch, daß Scharfschwerdt nach dieser Verhaftung nicht mehr aus dem Visier der Gestapo rückte und sich der Ring enger um die Gruppe Nordbahn schloß.
Am 20. Januar 1937, seinem 50. Geburtstag, hielt sich Scharfschwerdt in Belgard – dem Wohnort seiner Mutter – auf. Da die Gestapo ihn bei der Verhaftungsaktion nicht zu Hause vorfand, nahm sie zunächst seinen Sohn und dessen Frau fest. Doch noch am selben Tag fiel auch der Vater in die Hände der Gestapo, so wie auch weitere 20 Mitglieder der Widerstandsgruppe, darunter auch Hermann Schlimme und Cäsar Thierfelder. Vor dem Berliner Kammergericht wurde gegen mindestens 45 Personen (Scharfschwerdt und andere) in fünf Prozessen Anklage wegen „Hochverrats“ erhoben. Der Hauptangeklagte Scharfschwerdt erhielt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren Zuchthaus. Seine Mitangeklagten erhielten Zuchthausstrafen, die in ihrer Höhe von zwei bis vier Jahren deutlich unter denen Otto Scharfschwerdts sen. lagen. Dessen Schicksal mag auch als ungleich härter empfunden werden. Noch während der Zeit der Untersuchungshaft verstarb Scharfschwerdts Frau und wurde, ohne das ihm Hafturlaub gewährt wurde, in Birkenwerder beigesetzt. Vergeblich wartete Scharfschwerdt jun. nach Ablauf der sechs Jahre Haft am Tor des Zuchthauses Brandenburg-Görden. Sein Vater war bereits von der Gestapo nach Sachsenhausen verschleppt worden.
Nur einmal noch durfte Scharfschwerdt sen. das Konzentrationslager lebend verlassen: Nachdem sein Haus in Hohen Neuendorf von einer Fliegerbombe getroffen worden war, erlaubte die Gestapo Scharfschwerdt eine einstündige Visite seines Besitzes. Dabei traf er auf Schwiegertochter und Enkelkind. Sein Sohn erreichte zu spät das Anwesen, der Vater war bereits wieder fort. Im berüchtigten Außenlager Klinkerwerk mußte Scharfschwerdt Schwerstarbeiten verrichten. Scharfschwerdt sollte diese Torturen nicht überleben. Er starb am 4. oder 5. Mai 1943. Die Todesursache und die Umstände sind bis heute ungeklärt. Er soll zu den Opfern der Menschenversuche faschistischer Ärzte gehört haben, die an KZ-Häftlingen Flecktyphusimpfungen vornahmen, um zu beobachten, wie diese dann an einer „allgemeinen Typhusepedemie“ zugrunde gingen.

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Quellen:

  • AS, R 67/18.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg.
  • LA Berlin, C Rep 118, A 10380.
  • Katzoreck, Siegfried: Aus dem Leben des Arbeiterfunktionärs Otto Scharfschwerdt. Veröffentlichungen aus der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung des Kreises Nr. 1, Oranienburg 1972.
  • Kraushaar, Luise, Deutsche Widerstandskämpfer 1933-1945. Biographien und Briefe, Bd. 1 und 2, Berlin 1970.
  • Mielke, Siegfried/Frese, Matthias (Bearb.), Die Gewerkschaften im Widerstand und in der Emigration 1933-1945, Frankfurt/M. 1999 (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, hrsg. von Siegfried Mielke und Hermann Weber, Bd. 5), u. a. S. 157f.
  • Sandvoß, Hans-Rainer: Widerstand 1933-1945. Bd. 6, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1994, S. 50ff.

Soziale/Regionale Herkunft: Belgard/Pommern; Sohn eines Dachdeckermeisters

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung als Kesselschmied; Angestellter bei der Reichsbahn in Berlin

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Vorstandsvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer; 2. Vorsitzender der Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahner

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Ortsverbandsvorsitzender der SPD in Hohen-Neuendorf

Politische Mandate/Aktivitäten: Seit 1929: Mitglied des Kreistages Niederbarnim

Widerstandsaktivitäten: Gruppe Nordbahn

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: KZ Oranienburg; Zuchthaus Brandenburg-Görden; KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Scharfschwerdtstraße in Hohen Neuendorf

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