Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
24. April 1888 - 24. August 1956

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Von Arnd Groß

Jakob Schlör wurde am 24. April 1888 als fünftes Kind der kleinbäuerlichen Familie Anton und Margarethe Schlör in Holzkirchhausen/Oberfranken geboren. Nach der Volksschule erlernte er den Beruf des Kellners und war von 1902 bis 1904 auf der Berufs- und Fortbildungsschule in Würzburg. In den Jahren 1904 bis 1917 arbeitete er in verschiedenen europäischen Ländern wie England, Frankreich und der Schweiz und in verschiedenen Teilen Deutschlands im gastronomischen Gewerbe.
Schlör trat 1906 in London dem Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Caféangestellten (ZV HRCA) bei. Er gehörte dem Verband in verschiedenen Städten als Vorstandsmitglied an, so 1910 in Mannheim, 1911 in Bad Wildungen, 1912 und 1913 in Paris und 1915/16 in Frankfurt/Main. 1920/21 war er Generalversammlungsdelegierter in Berlin. Die Folgen seiner gewerkschaftlichen Betätigung waren zahlreiche Maßregelungen der Betriebsleitungen und damit verbundene Entlassungen.
Politisch engagierte sich Jakob Schlör zunächst ab 1911 in der Frankfurter SPD. Aus Empörung über die Kriegspolitik der SPD schloß sich Schlör der Liebknecht-Rühle-Gruppe an und nahm im Frühjahr 1915 an der ersten illegalen Konferenz der Opposition in Frankfurt/Main teil. Er besaß Verbindungen zum Spartakus-Bund, zu Bremer Linksradikalen und zur Gruppe Arbeiterpolitik. Wegen Beihilfe zur „Kriegsdienstentziehung“ verurteilte man ihn zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe; inhaftiert war er im Gefängnis Mannheim.
1918 begann für Schlör eine KPD-Karriere: hauptamtlicher Sekretär und Redakteur bei der Mannheimer KP-Zeitung, Bezirkssekretär der KPD für Baden und Pfalz, danach Geschäftsführer der Zentrale der KPD, 1923 Oberleiter Bayern, 1924 Oberleiter der Roten Hilfe (RH) Deutschland für den Bezirk Halle-Merseburg, Magdeburg und Thüringen. Von 1925 bis 1929 war Schlör Generalsekretär der Roten Hilfe. Bei genauerer Betrachtung hatte Schlör mehr als einmal Probleme mit dem Kurs der KPD. Bereits 1921 sympathisierte er mit der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAP), blieb aber in der KPD. Von 1923 bis Anfang 1924 arbeitete er als Org.-Leiter für den Oberbezirk Süd. Da er aber als Anhänger der „Rechten“ galt, war er danach einige Zeit ohne Funktion und übernahm erst nach dieser Zwangspause die Leitung der Roten Hilfe. Nachdem Thälmann Ende 1928 die Parteikader bereinigt hatte, erfolgte die Gründung der KPD – O(pposition). Schlör wurde, wie auch andere „rechte“ Genossen der Roten Hilfe, im Mai 1929 aus der KPD entfernt und trat umgehend in die KPD-O ein. Das Äquivalent der Roten Hilfe war die Internationale Hilfs-Vereinigung, deren Vorsitz Schlör mit dem Übertritt einnahm. Über diese Brüche berichtete Schlör in einem Lebenslauf von 1952 nichts, denn die Mitgliedschaft in der KPD-O war ein Stigma in der SBZ/DDR.
Schlör wurde bis 1945 dreimal verhaftet. Die erste Verhaftung erfolgte auf die Denunziation eines Nachbarn hin, der Schlör des illegalen Waffenbesitzes bezichtigte. Diese Inhaftierung dauerte nur wenige Tage. In der Zeit vom 6. März 1933 bis Ende Mai tauchte Schlör unter und betätigte sich illegal in einer Widerstandsgruppe. In diesem Zusammenhang wurde er am 22. Februar 1934 verhaftet und in das Konzentrationslager Oranienburg, später in das KZ Lichtenburg gebracht. Erst am 15. November 1934 kam es zum Prozeß vor dem Berliner Kammergericht (Prozeß gegen Page u.a.). Da aber die
Belastungszeugen ihre Geständnisse vor Gericht widerriefen, erfolgte für Schlör ein Freispruch aus Mangel an Beweisen.
Drei Jahre nach seiner zweiten Verhaftung nahm ihn die Gestapo wegen des Verdachts, an einer illegalen Gruppe beteiligt zu sein, wieder in Gewahrsam. Jakob Schlör kam für einige Wochen in Untersuchungshaft, wurde dann aber schließlich wieder freigelassen. Erst Mitte der 30er Jahre gelang es Schlör, nach mehrjähriger Erwerbslosigkeit wieder eine Anstellung als Korrektor bei einem Verlag zu finden. Seine illegale Widerstandstätigkeit in der Saefkow-Gruppe ab 1942 blieb unentdeckt.
Nach Kriegsende nahm Schlör seine gewerkschaftliche Betätigung wieder auf. So war er Berliner Vorsitzender der IG Nahrung und Genuß. Gleichzeitig wurde er Referent bzw. Sekretär des Präsidenten der Deutschen Verwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge. Seit 1946 war er Mitglied der SED und 1948 als Hauptreferent in der Personalabteilung im Zentralsekretariat des SED-Parteivorstandes tätig. Ab 1949 war Schlör Hauptgeschäftsführer der Zentralen Leitung der Handelsorganisation der SBZ/DDR. Bei der Überprüfung sämtlicher Parteimitglieder 1950/51 wurde Jakob Schlör – aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der KPD-O – aus der SED ausgeschlossen. Vier Jahre später, 1955, nahm ihn die SED wieder in ihre Reihen auf und bedachte Schlör mit einer kleinen Funktion im Apparat. Jakob Schlör verstarb am 24. August 1956 nach längerer Krankheit in Berlin. Die Partei würdigte ihn nicht mit einem Nachruf im Zentralorgan „Neues Deutschland“.
Trotz seiner zum Teil hohen Positionen in der Gewerkschaft und in der kommunistischen Partei gelang es Schlör, sich der dauerhaften Verfolgung und Inhaftierung zu entziehen. Die Strategie der KPD-O für die Illegalität ermöglichte es in der Zeit bis 1945, unbemerkt ein relativ normales Leben zu führen. Das Abweichen von der KPD-Linie brachte für Schlör in Zeiten der Säuberungen nach
stalinistischer Manier aber immer wieder Einbrüche in der beruflichen und parteilichen Laufbahn.

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Quellen:

  • LA Berlin, C Rep 118-01, A 13485.
  • Herbst, Andreas/Stephan, Gerd-Rüdiger/Winkler, Jürgen (Hrsg.), Die SED. Geschichte, Organisation, Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997, S. 1071.
  • Tribüne, 4. Jg., Nr. 95, 24.4.1948.
  • Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Bd. 2, Frankfurt/M. 1969, S. 277f.

Soziale/Regionale Herkunft: Holzkirchhausen/Oberfranken; Kleinbäuerlichen Familie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung als Kellner; 1904 bis 1917 arbeitete er in verschiedenen europäischen Ländern wie England, Frankreich und der Schweiz und in verschiedenen Teilen Deutschlands im gastronomischen Gewerbe

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Vorstandsmitglied des Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Caféangestellten (ZV HRCA) in verschiedenen Städten (1910 in Mannheim, 1911 in Bad Wildungen, 1912 und 1913 in Paris und 1915/16 in Frankfurt/Main)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1911 zunächst SPD; Ab 1918 KPD: Sekretär und Redakteur bei der Mannheimer KP-Zeitung;Bezirkssekretär der KPD für Baden und Pfalz; Geschäftsführer der Zentrale der KPD; 1923 Oberleiter Bayern; 1923 bis Anfang 1924 arbeitete er als Org.-Leiter für den Oberbezirk Süd; Mai 1929 Eintritt in die KPD-O

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Widerstand u. a. in der Saefkow-Gruppe

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 22. Februar 1934 Verhaftung, anschließend KZ Oranienburg; KZ Lichtenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Berliner Vorsitzender der IG Nahrung und Genuß; Referent bzw. Sekretär des Präsidenten der Deutschen Verwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge; Seit 1946 war er Mitglied der SED und 1948 als Hauptreferent in der Personalabteilung im Zentralsekretariat des SED-Parteivorstandes tätig; Ab 1949: Hauptgeschäftsführer der Zentralen Leitung der Handelsorganisation der SBZ/DDR

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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