Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
24. Juli 1888 - 18. Mai 1955

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Von Siegfried Mielke

Peter Ames wurde am 24. Juli 1888 im pfälzischen Zeltingen/Bernkastel geboren. Angaben über seine soziale Herkunft ließen sich nicht ermitteln. Peter Ames erlernte den Beruf des Elektrikers. 1910 zog er – vermutlich aus beruflichen Gründen – nach Kiel. Neben der beruflichen und gewerkschaftlichen Tätigkeit, über die es keine Quellen gibt, engagierte sich Peter Ames parteipolitisch. Die „Republik“, die Tageszeitung der USPD für Schleswig-Holstein, erwähnt ihn anlässlich der Feier vom 1. Mai 1921 als Redner und Vorsitzenden der USPD-Ortsgruppe von Kiel, und im Protokoll des Parteitages der USPD vom Januar 1922 wird er als Parteitagsdelegierter genannt.

Nach dem Zusammenschluss der Rest-USPD mit der SPD wurde Ames wieder SPD-Mitglied. 1928 bewarb sich Ames erfolgreich um die Stelle des Zweiten Bevollmächtigten des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) in Rathenow. Am 8. Juli 1928 wählte ihn die Generalversammlung der DMV-Verwaltungsstelle in einer Kampfabstimmung – unter anderem gegen den Rathenower Mitbewerber Otto Seeger – in diese Position, in der er bis 1933 in den jährlichen Generalversammlungen bestätigt wurde.

Zusammen mit dem Ersten Bevollmächtigten des DMV Paul Lehmann leitete Peter Ames das Arbeitersekretariat der Gewerkschaften des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Rathenow, das von der Verwaltungsstelle des DMV, der dominierenden Einzelgewerkschaft vor Ort, mitverwaltet wurde. Nach einer Aufstellung des ADGB-Ortsausschusses von Rathenow (1929) wurden von dem Arbeitersekretariat insbesondere Auskünfte in Fragen der Arbeitslosen-, Invaliden- und Unfallversicherung, ferner in Versorgungsangelegenheiten erteilt; darüber hinaus auch bei bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten und in Fragen des Arbeitsrechtes1. Als Zweiter Bevollmächtigter war Peter Ames mit Tariffragen befasst und organisierte örtliche Schulungskurse der Verwaltungsstelle unter anderem zu den Themen Sozialversicherung und Gewerbehygiene. Außerdem nahm er, unterstützt von der DMV-Verwaltungsstelle, an Fortbildungskursen in der Wirtschaftsschule des DMV in Bad Dürrenberg teil, unter anderem an einem Kurs für Prozessvertreter. Darüber hinaus engagierte sich Ames als stellvertretendes Mitglied des Verwaltungsausschusses beim Arbeitsamt in Rathenow.

Ende Juni 1933, vermutlich am 28., wurde Peter Ames verhaftet und mit zahlreichen anderen DMV-Funktionären ins KZ Oranienburg als „Schutzhäftling“ eingeliefert. Während die übrigen DMV-Funktionäre am 14. August 1933 entlassen wurden, blieb Peter Ames aus unbekannten Gründen einige Tage länger im KZ inhaftiert. Nach Darstellung des kommunistischen Mithäftlings Max Otto soll Peter Ames sich kritisch über einige DMV-Funktionäre geäußert und als Grund angegeben haben: „Scheinbar bin ich ihnen [den Nazis, S. M.] gefährlicher als Szillat“ – Dieser war 1933 Oberbürgermeister von Brandenburg und bis 1928 Erster Bevollmächtigter des DMV2.

Nach 1945 beteiligte sich Ames am Gewerkschaftsaufbau in Rathenow und Umgebung und wurde Erster Vorsitzender des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) im Landkreis Westhavelland. Im Februar 1946 nahm er als Delegierter an der Gründungsversammlung des FDGB für die Sowjetische Besatzungszone in Berlin teil und wurde als Vertreter des FDGB-Brandenburg in den Wahlausschuss gewählt. Kurz vorher war er jedoch bereits als Vorsitzender des FDGB-Westhavelland abgelöst worden. Die erste Kreisdelegiertenversammlung Westhavelland des FDGB wählte am
20. Januar 1946 Gustav Wieprecht zum Ersten Vorsitzenden. Da dieser vor 1933 ebenso wie Ames SPD-Mitglied war, ist zu vermuten, dass Ames nicht ein frühes Opfer einer Kampagne gegen „Sozialdemokratismus“ wurde. Nach Aussage von Erich Schnur – Sohn des Vorsitzenden des Rathenower Arbeiter-Sportkartells in Rathenow, Erich Schnur sen. – zog sich Ames aus der Gewerkschaftsarbeit zurück und wurde Technischer Leiter des Kreiskrankenhauses in Rathenow. Das letzte Lebenszeichen von Peter Ames ist eine Zeugenaussage zu Gunsten von Willy Drügemüller in dessen Wiedergutmachungsverfahren vor dem Entschädigungsamt Berlin im Jahre 1954. Peter Ames starb am 18. Mai 1955 in Rathenow im Alter von 75 Jahren.

1 Vgl. Geschäftsbericht 1929, hrsg. vom ADGB-Ortsausschuß Rathenow, o. O., o. J. 

2 Zit. nach: Vorwärts und nicht vergessen. Ein Beitrag zur Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung von 1933 bis 1945, Brandenburg/Havel 1960, S. 42 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 2.
  • Geschäftsbericht 1929, hrsg. vom ADGB-Ortsausschuß Rathenow, o. O., o. J.
  • Geschäftsberichte 1928 bis 1930, 1932, hrsg. von der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow, o. O., o. J.
  • Landesverwaltungsamt Berlin, Wiedergutmachungsakte Willy Drügemüller, AZ 06431.
  • Protokoll der ersten allgemeinen Delegiertenkonferenz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes für das sowjetisch besetzte deutsche Gebiet, 9.-11. Februar 1946, Berlin, hrsg. vom Vorstand des FDGB, Berlin 1946.
  • Republik, Tageszeitung der USPD für Schleswig-Holstein vom 29.4.1921 und 2.5.1921.
  • Interview des Verfassers mit Erich Schnur, Sohn des KZ-Häftlings Erich Schnur sen., am 15.3.2002.
  • StA Kiel, Schreiben vom 19. 2. 2002 an den Verfasser.
  • USPD. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages in Leipzig vom 8. bis 12. Januar 1922, Leipzig [1922], S. 262.
  • Verbandsgemeindeverwaltung Bernkastel-Kues, Standesamt, Schreiben vom 20.3.2002 (Frau Brinkmann an den Verfasser).
  • Baller, Kurt, Chronik der Gewerkschaftsbewegung in der Provinz und im Land Brandenburg 1945-1952, hrsg. vom Bezirksvorstand Potsdam des FDGB, Potsdam 1986.
  • Vorwärts und nicht vergessen. Ein Beitrag zur Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung von 1933 bis 1945, Brandenburg/Havel 1960, S. 42.

Soziale/Regionale Herkunft: Zeltingen/Bernkastel (Pfalz)

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Elektriker

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Zweiter Bevollmächtigter des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) in Rathenow

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: USPD; SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Juni 1933: Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Erster Vorsitzender des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) im Landkreis Westhavelland

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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