Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
8. Februar 1896 - 4. September 1944

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Von Marion Goers

Heinrich Bappert wurde am 8. Februar 1896 in Iggelheim in der Pfalz geboren. Über seine soziale Herkunft und seinen beruflichen Werdegang konnten so gut wie keine Daten ermittelt werden. Von Beruf war er Maschinist und Mitglied im Zentralverband der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgenossen Deutschlands. Vermutlich ging er im Februar 1922 nach Berlin. Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist er in den Berliner Adressbüchern lediglich in den Ausgaben für 1923 und 1924 zu finden. Anschließend wohnte er wahrscheinlich im Berliner Umland. Für 1933 ist als Wohnort Ketschendorf (heute ein Ortsteil von Fürstenwalde) in der Nähe von Berlin bekannt.
Im Handbuch des Vereins Arbeiterpresse ist vermerkt, dass Heinrich Bappert die Akademie der Arbeit an der Universität Frankfurt/Main besuchte. Diese 1921 von den Spitzenverbänden der Gewerkschaften und dem preußischen Unterrichtsministerium gegründete Akademie machte es sich zur Aufgabe, Hörern aus Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenkreisen eine systematische und selbständige Hochschulbildung zu ermöglichen. Bappert muss an dem ersten Lehrgang, der in der Zeit vom 2. Mai 1921 bis 15. Februar 1922 stattfand, teilgenommen haben. Der Lehrplan für diesen Jahrgang sah insgesamt über 800 Unterrichtsstunden in den Fachgebieten Volkswirtschaft, Recht, Politik, Arbeit und Soziologie vor. Während des Besuchs der Akademie wurde der Lebensunterhalt der Hörer von den Gewerkschaftsverbänden, die sie delegierten, oder durch Stipendien finanziert. Von den 72 Hörern des ersten Lehrganges waren 65 von den Gewerkschaftsverbänden entsandt worden, davon allein 50 vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Bapperts Gewerkschaft angeschlossen war. Weit über die Hälfte der Hörer waren Angestellte der Gewerkschaftsverbände. Bappert gehörte vermutlich zu diesem Personenkreis, da er unmittelbar nach dem Ende des Lehrgangs im Hauptbüro seiner Gewerkschaft Arbeit fand.
Ende Februar 1922 wurde Bappert Sekretär im Hauptbüro des Zentralverbandes der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgenossen Deutschlands in Berlin. Als beratender Teilnehmer war er sowohl bei der 15. außerordentlichen Generalversammlung des Zentralverbandes 1924 in Breslau als auch bei der 16. ordentlichen Generalversammlung 1927 in Frankfurt/Main. Aus einer von Bappert verfassten Kurzmeldung in der Gewerkschaftszeitung „Deutscher Maschinist und Heizer“ aus dem Jahr 1922 und aus einem überlieferten Redebeitrag Bapperts auf der Generalversammlung von 1924 ergibt sich der Hinweis, dass er sich zumindest in den ersten Jahren seiner Tätigkeit im Hauptbüro intensiv mit der Betriebsräteordnung auseinandersetzte. Wie viele Gewerkschaftsfunktionäre war wahrscheinlich auch Heinrich Bappert parteipolitisch engagiert. So wird er in einem Schreiben des Landrates des brandenburgischen Kreises Beeskow-Storkow an das Konzentrationslager Oranienburg vom 27. Juni 1933 als „Funktionär der SPD“ bezeichnet. (BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/8/2, Bl. 501)
Das Amtsgericht Fürstenwalde beschloss am 22. Juni 1933, gegen Heinrich Bappert und den Landwirt Ernst Wenzel ein Hauptverfahren vor dem Schöffengericht Fürstenwalde zu eröffnen. Unter Hinweis auf die Paragraphen 1 und 16 der „Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933, eine der ersten Notverordnungen Hindenburgs unter Hitler, wurde beiden Angeklagten vorgeworfen, am 28. April 1933 in Langewahl bei Fürstenwalde „eine öffentliche politische Versammlung veranstaltet und geleitet zu haben, ohne sie bei der zuständigen Ortspolizeibehörde angemeldet zu haben“. (BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/1, Bl. 133) Der Ausgang des am 5. Juli 1933 eröffneten Verfahrens ist nicht bekannt. Heinrich Bappert war ab dem 27. Juni 1933 im Konzentrationslager Oranienburg unter der Häftlingsnummer 738 inhaftiert, wohin er aus der „Schutzhaft“ im Amtsgericht Fürstenwalde gebracht worden war. Wie lange er bereits im Amtsgericht Fürstenwalde festgehalten worden war, konnte nicht ermittelt werden. Ebenso bleibt bis dato unbekannt, warum im Beschluss des Amtsgerichtes Fürstenwalde die Berufsbezeichnung „Schriftsteller“ angegeben ist. (Ebd.) Aus dem Konzentrationslager Oranienburg wurde er am 17. Juli 1933 entlassen.
Nach dem Juli 1933 verliert sich vorübergehend die Spur Bapperts. Für die Jahre 1935 bis 1937 ist in den Adressbüchern Berlins ein Heinrich Bappert mit der Berufsbezeichnung Kaufmann verzeichnet. Da der Name Bappert in Nordostdeutschland seinerzeit bereits sehr selten war, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um den ehemaligen Gewerkschaftssekretär Heinrich Bappert handelt. Wahrscheinlich betrieb er ein Kleingewerbe – ein beruflicher Werdegang, den Bappert mit einer Vielzahl politisch Verfolgter teilen musste. Heinrich Bappert war anschließend, wie in der Zeit vor 1933, im Berliner Umland ansässig: Im südlich von Berlin gelegenen Eichwalde (Kreis Teltow) schloss er im Dezember 1941 mit Erna Aßmann die Ehe. Zuletzt wohnte er in dem Berliner Vorort Erkner und arbeitete als Buchhalter. Am 4. September 1944 verstarb Heinrich Bappert im Alter von 48 Jahren im Kreiskrankenhaus in Rüdersdorf bei Berlin.

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Quellen:

  • Adressbücher Berlin 1918-1943.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1, Bl. 60, Nr. 3/1, Bl. 131-136, Nr. 4/1, Nr. 4/6, Bl. 611, Nr. 4/8/2, Bl. 501 (Schutzhaftunterlagen Heinrich Bappert).
  • Deutscher Maschinist und Heizer, 27. Jg., Nr. 20 vom 6.10.1922, S. 79.
  • Gemeindeverwaltung Böhl-Iggelheim, Brief vom 16.4.2002 an die Verfasserin.
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 143.
  • Protokoll der Generalversammlung 1924 des Zentralverbandes der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgenossen Deutschlands, Berlin 1924, S. 63ff. und 155.
  • Protokoll der Generalversammlung 1927 des Zentralverbandes der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgenossen Deutschlands, Berlin 1928, S. 265.
  • Standesamt Rüdersdorf bei Berlin, Sterberegister 304/1944 (Eintrag Heinrich Bappert vom 4.9.1944).
  • Michel, Ernst, Die Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt am Main 1921-1931, Frankfurt/Main. 1931.

Soziale/Regionale Herkunft: Iggelheim in der Pfalz

Ausbildung/Berufstätigkeit: Maschinist; Akademie der Arbeit an der Universität Frankfurt/Main

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Sekretär im Hauptbüro des Zentralverbandes der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgenossen Deutschlands in Berlin

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Juni 1933 - 17. Juli 1933: Oranienburg (Häftlingsnummer 738)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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