Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
13. Oktober 1887 - 28. Mai 1962

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Multifunktionäre waren in der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterbewegung vor 1933 keine Seltenheit. Es gab vor 1933 in der freien Gewerkschaftsbewegung jedoch kaum einen lokalen oder regionalen Gewerkschaftsfunktionär, für den dieser Begriff so zutreffend war wie für Johann Bauer, die zentrale Integrationsfigur der Luckenwalder Arbeiterbewegung.

Von Siegfried Mielke

Johann (Hans) Moritz Bauer kam als Sohn des selbständigen Schneidermeisters Martin Bauer, geboren 24. Dezember 1863, in Neusses bei Coburg am 13. Oktober 1887 zur Welt. Die Mutter Marie, geborene Rose, versorgte als Hausfrau die kinderreiche Familie. Nach dem Besuch der Volksschule beziehungsweise Bürgerschule in Coburg bis zur Klasse Ia erlernte Johann Bauer von 1902 bis 1905 das Schreinerhandwerk und besuchte während der Lehrzeit „freiwillig1“ in den Abend- und Sonntagvormittagstunden die Fachschule zu Coburg. Nach erfolgreichem Abschluss der Lehre trat Bauer 1905 dem Deutschen Holzarbeiterverband (DHV) bei. Da weder sein Vater noch seine Mutter Mitglied einer Gewerkschaft oder einer Partei der Arbeiterbewegung waren, muss die Anregung, sich gewerkschaftlich und später auch politisch zu engagieren, von außerhalb der Familie gekommen sein. Er selbst nennt als Motiv für seinen Beitritt zur Gewerkschaft in seinem Lebenslauf von 1951: „Es waren wenig Gesellen organisiert, jedoch der Solidaritätsgedanke bewog mich zu diesem Schritt2“. Nach der Lehre arbeitete er noch zwei Jahre als Tischler in der Firma Hoffmeister & Groß in Coburg und ging anschließend auf Wanderschaft, die ihn in zahlreiche süd- und westdeutsche Orte, nach Österreich und in die Schweiz führte. Seine erste Funktion im Deutschen Holzarbeiterverband übernahm Johann Bauer 1907 in Halle als Vertrauensmann. In dieser Funktion wurde er zum ersten Mal gemaßregelt und auf die schwarze Liste der Arbeitgeber gesetzt, so dass er in Halle keine Anstellung bekam. 1908 ging Bauer nach Meißen und arbeitete als Tischler, zuletzt als Vorarbeiter in den Berlin-Meißener Kunstwerkanstalten. In Meißen heiratete er 1910 die Blaumalerin Anna Kießling. Von den vier Kindern des Ehepaares überlebten nur der Sohn Werner und die Tochter Hildegard. Die beiden anderen starben bereits im Kindesalter.
In einer „kurzen Übersicht“ über sein gewerkschaftliches Engagement seit dem Jahre 1905 beschreibt er seine Tätigkeit in Meißen: „Hausbeitragskassierungen, Werkstatt-Vertrauensmann, Mitglied des Ortsvorstandes des DHV und später Vorsitzender bis 1919, Mitglied im [Vorstand des] Gewerkschaftskartell Meißen, Betätigung als Referent für kulturelle und soziale Fragen, Funktionär bei der Arbeiterjugend und im Arbeiterbildungsausschuss3“. Die zuletzt genannten Funktionen übte er als Mitglied der SPD aus, der er 1909 beigetreten war. Einzelheiten über sein gewerkschaftliches Engagement in Meißen konnten nicht ermittelt werden. Hier zeigen sich jedoch Schwerpunkte seiner späteren politischen und gewerkschaftlichen Tätigkeit, sein Interesse für bildungs- und sozialpolitische Fragen und sein Engagement für die Arbeiterjugend. Zusammen mit der Wohnungspolitik sind dies auch die wichtigsten Themen seiner gewerkschaftlichen und politischen Tätigkeit in Luckenwalde, der zentralen Wirkungsstätte von Johann Bauer während der Weimarer Republik. Ausgangspunkt seines gewerkschaftlichen Handelns in dieser brandenburgischen Kleinstadt, die bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 von der SPD und der freien Gewerkschaftsbewegung dominiert wurde, war 1919 die Wahl zum hauptamtlichen Geschäftsführer der Ortsverwaltung des Deutschen Holzarbeiterverbandes in Luckenwalde. 1920 wurde Johann Bauer zum Vorsitzenden des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Luckenwalde gewählt und übte dort gleichzeitig die Funktion eines ehrenamtlichen Geschäftsführers des ADGB-Ortsausschusses, in dem 1930 25 Einzelgewerkschaften zusammengeschlossen waren, aus. Nach dem Tode des Arbeitersekretärs Alexander Sailer 1923 leitete er auch das Arbeitersekretariat von Luckenwalde. In diesen Funktionen trug er maßgeblich dazu bei, dass er 1930 in einem Beitrag zu einer Festschrift für Luckenwalde voller Stolz über die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung feststellen konnte: „Was die Gewerkschaftsbewegung in Luckenwalde besonders hervorhebt, ist die verhältnismäßig große Zahl organisierter Arbeiterinnen und Arbeiter. Bei 26.000 Einwohnern rund 10.000 freigewerkschaftlich organisierte Angestellte, Arbeiter und Beamte, das ist ein Erfolg gewerkschaftlicher Agitation und Schulung; Zahlen, die höchst selten erreicht werden. Diese straffe Organisation wirkt sich auf die anderen, von den Gewerkschaften getragenen Organisationen“ aus4; gemeint waren die SPD, der Konsumverein, die Arbeiter-Turn- und Sportbewegung und andere mehr. Als ADGB-Vorsitzender hielt Bauer nach eigener Darstellung „die Verbindungen mit den Ortsverwaltungen [der 25 Einzelgewerkschaften in Luckenwalde] und den sonstigen Gewerkschaftsfunktionären, besonders mit den 350 Betriebsräten und Obleuten5“. Er engagierte sich für deren Weiterbildung auf den Gebieten des Arbeitsrechtes und der Wirtschaftspolitik und beteiligte sich an zahlreichen anderen Aufgaben, unter anderem bei der Durchführung der Wahlen für die sozialpolitischen Körperschaften wie Krankenkassen und Arbeitslosenversicherung. Zudem organisierte Bauer in Abstimmung mit den Einzelgewerkschaften die Einreichung von Vorschlägen für Arbeitsgerichte und die gemeinsamen Kundgebungen zum 1. Mai und zu einem jährlichen Gewerkschaftsfest. 1924 übernahm er – wie bereits erwähnt – auch noch die Leitung des Arbeitersekretariats, die Rechtsauskunftsstelle in Luckenwalde, die auf eine lange Tradition seit 1904 zurückblicken konnte. Den Umfang seiner Tätigkeit als Arbeitersekretär beschreibt er 1930: „Tausende von Auskunftssuchenden aus der Stadt und aus den umliegenden Dörfern sind gekommen, sich Rat und Hilfe zu holen, die unentgeltlich erteilt wird. So kamen im Jahre 1929 3.342 Auskunftssuchende, für welche Schriftsätze angefertigt und Vertretungen vor den verschiedensten Behörden übernommen wurden. Hauptaufgabe des Sekretariats ist es, die Belange der Arbeiterschaft bei der Durchführung von Forderungen an die Sozialversicherungskörperschaften zu unterstützen und zu vertreten6.“
Als erfolgreicher lokaler Gewerkschaftsfunktionär erhielt Bauer auf regionaler Ebene weitere Aufgaben und Funktionen. Er wurde Mitglied im Gauvorstand des Holzarbeiterverbandes in Brandenburg und im Bezirksausschuss des ADGB von Berlin-Brandenburg/Grenzmark. Als die Gewerkschaften Mitte der 20er Jahre begannen, mit eigenen Gewerkschaftsunternehmen den Bau- und Wohnungsmarkt zu beeinflussen, kamen neue Aufgaben auf Johann Bauer zu. Er selbst wurde Initiator, Gründer und Geschäftsführer der Gewerkschaftshaus- und Volksheim GmbH in Luckenwalde und gleichzeitig als Treuhänder des ADGB-Ortsausschusses auch Gesellschafter dieses Unternehmens, das im Unterschied zu anderen Gewerkschafts- und Volkshausunternehmen auch als Bauunternehmen fungierte und in Luckenwalde für den Bau von mehreren Hundert Wohnungen verantwortlich zeichnete. Gebaut wurden die Mehrfamilienhäuser, die ganze Straßenzeilen in Luckenwalde prägten, von der Bauhütte Luckenwalde, die von den freien Gewerkschaften in Luckenwalde gegründet worden und in der Johann Bauer ebenfalls als Treuhänder des ADGB aktiv war. Abgerundet wurde dieses bau- und wohnungspolitische Engagement durch seine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der Märkischen Wohnungsbau GmbH, die als Tochtergesellschaft der Deutschen Wohnungsfürsorgegesellschaft für Arbeiter, Angestellte und Beamte (DEWOG), der Dachgesellschaft der freien Gewerkschaften für den Wohnungsbau, gegründet worden war. Die Märkische Wohnungsbau GmbH, die innerhalb der Holding der DEWOG für Brandenburg und die Grenzmark, zum Teil auch für Sachsen-Anhalt, zuständig war, plante zahlreiche Bauvorhaben. Die Durchführung erfolgte in Zusammenarbeit mit den im Verband sozialer Baubetriebe (VsB) zusammengeschlossenen Bauhütten. Um der Märkischen Wohnungsbau GmbH genügend Bauinteressenten zuzuführen, initiierten die ADGB-Gewerkschaften in zahlreichen Städten so genannte Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaften (Gewoba), die der Märkischen Wohnungsbau GmbH Aufträge von einigen Tausend Wohnungen erteilten. Im Zusammenspiel von Bauhütte und Gewerkschaftshaus- und Volksheim GmbH entstanden in Luckenwalde nicht nur mehrere Hundert gewerkschaftseigene Wohnungen, sondern auch zahlreiche Bauten für den Konsumverein, für die Stadt, aber auch für private Bauherren. Wie viele andere private und gewerkschaftliche Bauunternehmen geriet aber auch die Gewerkschaftshaus- und Volksheim GmbH während der Weltwirtschaftskrise in finanzielle Schwierigkeiten, da zahlreiche Mieter nicht mehr ihre Mieten bezahlen oder zahlreiche Wohnungen nicht mehr kostendeckend vermietet werden konnten. Obwohl die Stadt ihren Anteil am Gesellschaftskapital des Unternehmens erhöhte, musste das Unternehmen 1933 Konkurs anmelden. Ein Teil der Wohnungen des nunmehr Volksheim GmbH genannten Unternehmens ging auf die Bauhütte Luckenwalde über, der neben der Stadt größten Gläubigerin des Unternehmens. Die NSDAP-Führer in Luckenwalde versuchten nach 1933 vergeblich, Bauer für die finanziellen Probleme des Unternehmens und die Übertragung seines treuhänderisch gehaltenen Gesellschafteranteils des ADGB auf die Stadt haftbar zu machen.
Neben seinen zahlreichen Gewerkschaftsaktivitäten fand Johann Bauer auch noch die Zeit für eine Reihe politischer Funktionen und Mandate. Sein politischer Aufstieg begann mit dem Wohnortwechsel nach Luckenwalde. Stadtverordneter ab 1924, von 1930 unbesoldeter und seit 1932 besoldeter Stadtrat, ferner von 1925 bis 1933 Mitglied des Preußischen Landtages: Das sind nur die wichtigsten Stationen und Funktionen seiner politischen Laufbahn. Diese politischen Mandate und Funktionen ließen ihn zusammen mit seinen zahlreichen Gewerkschaftsfunktionen zur „unangefochtenen Zentralstelle im Netzwerk“ der Luckenwalder Arbeiterbewegung7 aufsteigen und führten dazu, dass Bauer zu den ersten Politikern gehörte, die bereits vor der Zerschlagung der Gewerkschaften von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.
Als Erstes verlor Johann Bauer als Stadtrat im März 1933 seine Zuständigkeit für die Luckenwalder Volksschulen. Grund hierfür war, wie der Erste Bürgermeister von Luckenwalde ihm am 10. März 1933 mitteilte, eine „an die Regierung Potsdam gerichtete Beschwerde“, in der Johann Bauer „als Dissident und Freidenker8“ als untragbar denunziert wurde. Eine Woche später musste Bauer auch als Stadtrat seine Zuständigkeit für das Wohlfahrtsamt abgeben, erhielt am 17. März jedoch noch die Zuständigkeit für das Stadtbad und die Verkehrskommission übertragen. Zwei Wochen später erfolgte auf Anweisung des Regierungspräsidenten in Potsdam seine Beurlaubung und Anfang April 1933 seine Verhaftung in Schneidemühl. Hier hatte er zusammen mit Carl Vollmerhaus, dem Vorsitzenden des ADGB-Bezirkes Brandenburg, versucht, in Verhandlungen mit dem Regierungspräsidenten die Freigabe der gewerkschaftlichen Einrichtungen zu erreichen, die die SA bereits Ende März besetzt hatte. Der Vorwurf angeblicher Verfehlungen als Geschäftsführer der Gewerkschaftshaus- und Volksheim GmbH erwies sich als ebenso unhaltbar wie der geäußerte Verdacht, Johann Bauer habe sich von Schneidemühl ins Ausland (Polen) absetzen wollen. Nach einigen Wochen Haft in Schneidemühl, im Polizeigefängnis am Alexanderplatz in Berlin und in einer Zelle im Rathaus von Luckenwalde wurde Bauer auf Grund einer Verfügung des Landrates vom 8. Mai 1933 als Schutzhäftling in das KZ Sonnenburg eingewiesen. Hier traf er, wie er in einem Lebenslauf vom 28. April 1950 schreibt, „als 1. SPD-Genosse [...] viele Genossen der KPD“, die er aus seiner parlamentarischen Tätigkeit kannte und mit denen ihn „eine gute Kameradschaft verband9“. Mit Schreiben des Landrates vom 27. Juni 1933 wurde ihm „die Verlängerung der Inhaftierung bis zum 31. Juli 1933“ und die „sofortige Überführung [...] in das Konzentrationslager in Oranienburg“ mitgeteilt10. Hier gehörte er, wie Gerhart Seger in seinem Buch über das KZ Oranienburg berichtet, zu den Reichstags- und Landtagsabgeordneten, die von der SA gezwungen wurden, in der Stadt Oranienburg die Wahlplakate von der letzten Reichstagswahl zu entfernen. Von Misshandlungen blieb Johann Bauer nach Aussage seines Sohnes Werner, der ihn mehrfach in Oranienburg besuchen konnte, verschont. Die letzten Wochen im KZ Oranienburg verbrachte er im Nebenlager Blumberg, wo er am 27. September 1933 nochmals verhört wurde. Mit Schreiben vom 28. August 1933 teilte ihm der Magistrat seine Entlassung aus den Diensten der Stadt mit und bezog sich auf Paragraph 2 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933. Das Schreiben endete mit der Feststellung: „Ein Anspruch auf Wartegeld, Ruhegeld oder Hinterbliebenen-Versorgung und auf Weiterführung der Amtsbezeichnung steht Ihnen nach den Vorschriften des Gesetzes nicht zu11.“ Das heißt, Johann Bauer stand nach seiner Entlassung aus dem KZ – die Verfügung des Landrats datiert vom 6. Oktober 1933 – ohne Einkommen da. Seine Frau war auf Grund der Verhaftung erkrankt und sein Sohn musste die Oberschule verlassen. In dem Schreiben, in dem der Landrat des Kreises Jüterbog-Luckenwalde die Entlassung von Johann Bauer verfügte, legte er gleichzeitig fest, dass Bauer, „da die Gründe, die zu seiner Inschutzhaftnahme geführt haben, noch fortbestehen, [...] sich wöchentlich zweimal bei der Ortspolizeibehörde in Luckenwalde zu melden“ hatte. Die Entlassung aus der „Schutzhaft“ sollte laut Verfügung des Landrates an die Bedingung geknüpft werden, eine Verpflichtungserklärung – vermutlich des Inhalts, jede gegen das NS-Regime gerichtete politische Tätigkeit zu unterlassen – zu unterschreiben12.
Johann Bauer verließ Luckenwalde und zog zunächst nach Berlin in die Steglitzer Straße und 1934 nach Potsdam, wo er ein Zigarrengeschäft mit „Lotterievertretung13“ betrieb.
Über seine illegalen Aktivitäten ist wenig bekannt. In den zahlreichen kurzen Lebensläufen der Jahre 1946 bis 1952, die sich im Nachlass von Johann Bauer14 befinden, geht er nur kurz auf seine illegalen Aktivitäten ein. So heißt es unter anderem in seinem Lebenslauf vom 2. Juli 1951: „Mit meinen befreundeten Kollegen und Genossen war ich von 1934 bis 1945 eng verbunden. Als Gegner des Nazisystems betrieben wir eine ausgiebige Aufklärungsarbeit. Besonders eng war meine Freundschaft in dieser Zeit mit den Genossen und Kollegen aus früherer Zeit, mit denen ich in der Soz[ialistischen] Arbeiterjugend und Gewerkschaftsjugend“ zusammengearbeitet hatte15. Eidesstattliche Erklärungen u. a. des Oberbürgermeisters von Rathenow Paul Szillat und von Franz Andreß, Stadtrat in Luckenwalde, bestätigen Johann Bauers Kontakte zu illegalen Kreisen während der NS-Zeit. So schreibt Szillat am 11. April 1950: „Nach seiner Haftentlassung aus Sonnenburg und Oranienburg, wo ich mit ihm gemeinsam war, gehörte er zu dem von mir geleiteten illegalen Kreis. Er war der Verbindungsmann nach Luckenwalde und traf sich mit mir neben anderen Genossen in meiner damaligen Wohnung in Berlin-Tempelhof, Kaiserin-Augusta-Str. 30. Seine Zuverlässigkeit und Bereitwilligkeit zur Arbeit unterlag nie einer Schwankung16.“ Nach Angaben in einem undatierten Personalfragebogen – vermutlich von 1948 – wurde Bauer 1944 im Zuge der „Aktion Gitter“ ein zweites Mal verhaftet, nach 14 Tagen jedoch krankheitshalber entlassen.
Nach Kriegsende engagierte sich Johann Bauer sofort beim Wiederaufbau der Stadt und bei der Neugründung von SPD und Gewerkschaften. Er wurde 1945 erster Vorsitzender des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in Potsdam, eine Funktion, die er bis 1947 ehrenamtlich ausübte. Unter seiner Führung wurde der FDGB in Potsdam 1945 eindeutig von sozialdemokratischen Gewerkschaftern dominiert, deren Einfluss jedoch bereits im Jahre 1946 zurückgedrängt wurde. Ab 1947 war Bauer noch als zweiter Vorsitzender des FDGB-Kreisvorstandes von Potsdam aktiv.
Bauer, der im Mai 1945 ernsthaft die Zusammenarbeit mit der KPD angestrebt hatte, beschwerte sich bereits im September 1945 in einem Brief an den SPD-Bezirksvorstand in Potsdam über den „Terror der KPD in Luckenwalde17“. Nach seiner Darstellung gab es in Luckenwalde einige Sozialdemokraten, die sich zunächst der KPD angeschlossen hatten, die „aus Angst, den Russen ausgeliefert zu werden18“ sich nicht trauten, zur SPD zurückzukommen. Vermutlich trugen diese Erfahrungen wesentlich dazu bei, dass Bauer sich nach 1945 viel weniger als vor 1933 parteipolitisch engagierte und sein Hauptaugenmerk auf den Wiederaufbau der Stadt und der Sozialversicherungssysteme in Potsdam legte. Im September vom Magistrat der Stadt zum Obermagistratsrat ernannt, leitete er zunächst das Wohnungsamt der Stadt. In dieser Position kam es jedoch sehr bald zu politischen Differenzen mit seinem kommunistischen Stellvertreter und der KPD. Obwohl die Belegschaft des Wohnungsamtes sich mit großer Mehrheit für den Verbleib von Johann Bauer als Leiter des Wohnungsamtes aussprach, kam es bereits im Oktober 1945 zu seiner Versetzung in das Rechnungsprüfungsamt, das er bis zu seinem freiwilligen Ausscheiden Ende Juni 1946 leitete. Ab 1. Juli 1946 übernahm er als Direktor und später als Kreisgeschäftsführer bis 1952 die Leitung der Sozialversicherungskasse in Potsdam. Obwohl die Betriebsgewerkschaftsleitung der Sozialversicherung der Kreisgeschäftsstelle Potsdam ihn noch am 14. Juli 1951 in einem so genannten „Leistungsbericht“ bescheinigte, „sich stets mit ganzer Kraft unter Zurücksetzung der eigenen Person für den Aufbau der Sozialversicherung im Kreise Potsdam eingesetzt und die ihm gestellten Aufgaben mit großem Geschick gelöst“ zu haben19, eine „klare politische Linie“ zu verfolgen und das notwendige „Einfühlungsvermögen“ hinsichtlich der Umgestaltung der Sozialversicherung gezeigt zu haben, geriet er Anfang 1952 ins Visier seiner kommunistischen Gegenspieler. Der öffentliche Angriff „Wir dulden kein Sektierertum“ am 5. Januar 1952 in der „Volksstimme“, in dem ihm vorgeworfen wurde, „das Verhältnis zur medizinischen Intelligenz“ ernsthaft gestört zu haben20, führte letztlich zu seinem Ausscheiden aus dem Amt. Da half es auch nichts, dass eine Versammlung freipraktizierender Ärzte des Kreises Potsdam sich hinter Johann Bauer stellte und in einer einstimmig angenommenen Resolution „ausdrücklich“ versicherte, dass die in dem Artikel „Wir dulden kein Sektierertum“ geäußerte Befürchtung, durch die von Johann Bauer vorgenommene Entlassung von vier Ärzten wäre „das Vertrauen der Ärzteschaft zur Sozialversicherung erschüttert worden, [...] irrig“ wäre21. Bauer bemängelte in einem Schreiben an den Landesvorstand des FDGB, keine Gelegenheit zur Gegendarstellung und Verteidigung bekommen zu haben, und kritisierte die fehlende innergewerkschaftliche Demokratie. Trotz seiner parteipolitischen Zurückhaltung wurde Johann Bauer 1952 ein spätes Opfer des Kampfes gegen den „Sozialdemokratismus“ in der SED. Es bleibt unklar, ob es blanker Zynismus war oder der Versuch, ein wenig Wiedergutmachung zu leisten, wenn der stellvertretende Geschäftsführer der Sozialversicherung der Landesgeschäftsstelle Brandenburg in seinem Zeugnis für Johann Bauer am 15. April 1952 feststellte, dass Bauer seine „Position als Geschäftsführer geschickt, umsichtig und verantwortungsbewusst versehen“ und „mit unermüdlicher Arbeitskraft und Arbeitsfreude [...] seine dienstlichen Pflichten und Aufgaben manchmal weit über das normale Maß hinaus erfüllt“ hätte22.
Nach dem erzwungenen Rücktritt aus seiner Position als Kreisgeschäftsführer der Sozialversicherung zog sich Johann Bauer ins Privatleben zurück und enthielt sich in den folgenden Jahren jeglicher politischer und gewerkschaftlicher Tätigkeit. Johann Bauer starb am 28. Mai 1962 in Potsdam.

1 Lebenslauf vom 28.2.1951, PA Werner Bauer. 

2 Ebd. 

3 Ebd. 

4 Bauer, Johann: Gewerkschaftsleben in Luckenwalde, in: Deutscher Städtebau. Luckenwalde, hrsg. vom Magistrat der Stadt Luckenwalde, Berlin 1930, S. 53. 

5 Ebd., S. 54. 

6 Ebd. 

7 Tammena, Heiko: „Unser schönes rotes Luckenwalde“. Lager, Milieu und Solidargemeinschaft der sozialistischen Arbeiterbewegung zwischen Ausgrenzung und Verstaatlichung, Münster u. a. 2000, S. 329. 

8 PA Werner Bauer. 

9 Ebd. 

10 Ebd. 

11 Ebd. 

12 BLHA, Pr. Br., Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/1, Bl. 231. 

13 BArch, R 58/3340, Fiche 2 (Verzeichnis der Mitglieder der SPD des Preußischen Landtages). 

14 PA Werner Bauer. 

15 Ebd. 

16 Ebd. 

17 Zit. nach: Tammena: „Unser schönes rotes Luckenwalde“, S. 367. 

18 Ebd. 

19 PA Werner Bauer. 

20 Ebd. 

21 Ebd. 

22 Ebd. 

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Quellen:

  • Adressbuch der Stadt Luckenwalde 1930, Stuttgart, o. J.
  • Adressenverzeichnis des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes 1929 und 1931, Berlin 1929, 1931.
  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 5.
  • BArch, R 58/3340, Fiche 2 (Verzeichnis der Mitglieder der SPD des Preußischen Landtages).
  • Bauer, Johann: Gewerkschaftsleben in Luckenwalde, in: Deutscher Städtebau. Luckenwalde, hrsg. vom Magistrat der Stadt Luckenwalde, Berlin 1930, S. 55ff.
  • BLHA, Pr. Br., Rep. 2 A, I S, Nr. 665.
  • BLHA, Pr. Br., Rep. 2 A, I Pol., Nr. 1206, „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112-875/35 vom 1.8.1935).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/1, Bl. 232.
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 455.
  • PA Werner Bauer, zahlreiche Lebensläufe von Johann Bauer, verschiedene Ausgaben der Volkswacht, Materialien zur Gewerkschaftshaus- und Volksheim GmbH.
  • Seger, Gerhart: Oranienburg, Karlsbad 1934.
  • Volkswacht. Sozialdemokratische Zeitung für Luckenwalde sowie für den Kreis Jüterbog-Luckenwalde, Jg. 1933.
  • Kemper, Klaus: Gewerkschaften und Genossenschaften im Wohnungsbau der Weimarer Republik: Das Beispiel Luckenwalde, Magister­arbeit, FU Berlin, FB Geschichtswissenschaft, Berlin 1995.
  • Schröder, Wilhelm-Heinz: Sozialdemokratische Parlamentarier in den Deutschen Land- und Reichstagen 1867-1933. Biographien – Chronik – Wahldokumentation. Ein Handbuch, Düsseldorf 1995, S. 358.
  • Schumacher, Martin (Hrsg.): M.d.L. Das Ende der Parlamente 1933 und die Abgeordneten der Landtage und Bürgerschaften der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung und Ausbürgerung 1933-1945. Ein biographischer Index, Düsseldorf 1995, S. 7 f.
  • Soziale Bauwirtschaft, 10. Jg., 1930, S. 547.
  • Tammena, Heiko: „Unser schönes rotes Luckenwalde“. Lager, Milieu und Solidargemeinschaft der sozialistischen Arbeiterbewegung zwischen Ausgrenzung und Verstaatlichung, Münster u. a. 2000.
  • [o. A.], Gemeinwirtschaftlicher Kleinwohnungsbau in der Provinz Brandenburg. Aus dem Geschäftsbericht der DEWOG-Gesellschaft.
  • Märkischer Wohnungsbau, in: Die Wohnungswirtschaft, 5. Jg. 1928, S. 113-125.

Soziale/Regionale Herkunft: Neusses bei Coburg; Sohn des selbständigen Schneidermeisters Martin Bauer

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung als Schreiner

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1907: Vertrauensmann des DHV in Halle; Mitglied des Ortsvorstandes des DHV in Meißen und später Vorsitzender bis 1919; 1919: Hauptamtlicher Geschäftsführer der Ortsverwaltung des Deutschen Holzarbeiterverbandes in Luckenwalde; 1920: Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Luckenwalde; Leiter des Arbeitersekretariats des ADGB in Luckenwalde; Gauvorstand des Holzarbeiterverbandes in Brandenburg und Mitglied im Bezirksausschuss des ADGB von Berlin-Brandenburg/Grenzmark

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Funktionär bei der Arbeiterjugend und im Arbeiterbildungsausschuss der SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: Stadtverordneter ab 1924, von 1930 unbesoldeter und seit 1932 besoldeter Stadtrat in Luckenwalde; 1925 bis 1933 Mitglied des Preußischen Landtages

Widerstandsaktivitäten: illegaler Kreis um Paul Szillat

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 8. Mai 1933: KZ Sonnenburg; danach bis 6. Oktober 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945 - 1947: Erster Vorsitzender des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in Potsdam; September 1945: Zum Obermagistratsrat ernannt, leitete zunächst das Wohnungsamt der Stadt; ab 1. Juli 1946 übernahm er als Direktor und später als Kreisgeschäftsführer bis 1952 die Leitung der Sozialversicherungskasse in Potsdam

Erinnerungskultur/Ehrungen: keine

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