Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
29. Juni 1897 - 28. Mai 1947

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Otto Breternitz, Personalfragebogen (1946).
Quelle: BLHA, Rep. 203, PA 6.

Otto Breternitz, Personalfragebogen (1946). Quelle: BLHA, Rep. 203, PA 6.

Otto Breternitz (nach einer Gestapo-Liste von 1935 irrtümlich „Bresternitz“) gehörte zu der kleinen Gruppe engagierter Gewerkschafts­­funktionäre, die wesentlich dazu beitrug, die Verwaltungsstelle Rathenow des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) zur mitgliederstärksten und aktivsten DMV-Organisation in Brandenburg auszubauen. Einige Mitglieder dieser Gruppe nahmen gleichzeitig wichtige Funktionen in der SPD wahr: Otto Breternitz zum Beispiel als Vorsitzender (ab 1930) und Kassierer des SPD-Wahlvereins von Rathenow.

Von Siegfried Mielke

Otto Breternitz wurde am 29. Juni 1897 in Birkigt, Kreis Saalfeld (Thüringen) geboren. Sein Vater Robert Breternitz (geboren 29. Juli 1866) war Landwirt, die Mutter Bertha, geborene Fleck (geboren 29. März 1868), war Hausfrau. Nach Angaben von Otto Breternitz in einem Personalfragebogen vom 8. April 1946 für die Provinzialverwaltung der Mark Brandenburg gehörten seine Eltern weder einer Partei noch einer Gewerkschaft an. Das gilt auch für drei der vier Geschwister. Lediglich der jüngste Bruder Erich Breternitz, ein Schlosser, war SPD- und DMV-Mitglied. Otto Breternitz wuchs in einer eher unpolitischen Familie auf und erhielt von dieser wenig Anregungen, sich politisch und gewerkschaftlich zu organisieren und zu betätigen. Er besuchte von 1903 bis 1911 in Birkigt die Volksschule und begann bei der Firma F. Ad. Richter in Rudolstadt eine Lehre als Feinmechaniker. Nach Auflösung des Betriebes konnte er seine Lehre in Saalfeld bei der Firma Zeiss (Ikon) fortsetzen und fand 1915 bei der Firma Busch AG, einem Unternehmen der optischen Industrie, dem bedeutendsten Wirtschaftszweig in Rathenow, eine Anstellung als Mechaniker. In dieser Firma blieb er mit einer Unterbrechung während seiner Militärzeit (1917/18) bis 1945 beschäftigt. Die Emil Busch AG, deren Großaktionär die Carl Zeiss AG war, produzierte nach Angaben des Handbuches der Deutschen Aktiengesellschaften mit zirka 800 Arbeiterinnen und Arbeitern und etwa 200 technischen und kaufmännischen Angestellten vor allem Brillengläser, wissenschaftliche Instrumente und „Luxusartikel“, wie Operngläser, Feldstecher und dergleichen.
Nach Angaben in seinem Lebenslauf von 1946 trat Breternitz bereits während seiner Lehre (1912) der DMV-Jugend bei und wurde 1917 DMV-Mitglied. Er übernahm „sehr bald Funktionen“ im DMV und in der SPD1. Für den DMV engagierte er sich in der Busch AG vermutlich als Vertrauensmann und wurde spätestens 1924 als Betriebsrat gewählt. In dieser Funktion gehörte er als Mitglied beziehungsweise Beisitzer der Gruppenkommission der Betriebsräte in Rathenow an, die die DMV-Verwaltungsstelle in allen Betriebsrätefragen beriet. 1924 und in den folgenden Jahren wurde er infolge seines Engagements als Betriebsrat und ehrenamtlicher Gewerkschaftsfunktionär mehrfach als Delegierter der Betriebsrätekonferenzen des DMV beziehungsweise der DMV-Bezirkskonferenzen in Brandenburg gewählt. Ab 1927 gehörte er als ehrenamtliches Mitglied der DMV-Ortsverwaltung in Rathenow an. In dieser Funktion wurde er bei den jährlichen Generalversammlungen bis 1933 bestätigt. 1932 übte er im Vorstand der Ortsverwaltung des DMV die Funktion eines Revisors aus. Als engagierter Betriebsrat nahm er, gefördert von der Verwaltungsstelle, an verschiedenen Fortbildungsmaßnahmen in der zentralen DMV-Wirtschaftsschule in Bad Dürrenberg teil, so unter anderem 1928 an einem Fortbildungskurs für Foto-Optik und 1930 an einem Kurs für Rationalisierungsfragen.
Neben seinen gewerkschaftlichen Aufgaben und Funktionen engagierte sich Otto Breternitz auch parteipolitisch, nachdem er bereits 1911 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend und 1919 SPD-Mitglied geworden war. Während der Weimarer Republik wurde er mehrfach zum Stadtverordneten von Rathenow gewählt und arbeitete in der Stadtverordnetenversammlung in verschiedenen Kommissionen mit. 1930 übernahm er, wie bereits erwähnt, den Vorsitz des SPD-Wahlvereins von Rathenow.
Nach dem Verbot der SPD wurde Otto Breternitz wegen seiner politischen und gewerkschaftlichen Tätigkeit in „Schutzhaft“ genommen und am 27. Juni 1933 in das KZ Oranienburg eingeliefert, wo er bis zum 14. August 1933 inhaftiert blieb. Nach seiner Entlassung stand er mehrere Monate unter Polizeiaufsicht, konnte aber weiterhin in Rathenow wohnen bleiben. Eine Gestapo-Liste von 1935 nennt als Adresse in Rathenow die Perleberger Straße 182. Im Unterschied zu zahlreichen anderen Unternehmen, die die „Schutzhaft“ nicht selten zum Anlass für eine Entlassung der Inhaftierten nahmen, beschäftigte die Busch AG Otto Breternitz durchgehend von 1933 bis 1945 als Werkmeister in der Versuchs- und Entwicklungsabteilung des Unternehmens. In dem bereits erwähnten Personalfragebogen von 1946 gibt er an, „im Betrieb ständig agitiert“, das heißt, gegen das faschistische System gearbeitet, zu haben3. Am 1. August 1944 wurde Breternitz im Zuge der „Aktion Gitter“ erneut in „Schutzhaft“ genommen und im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Breternitz erhielt die Häftlingsnummer 93163. In welchem Block er untergebracht war und welchen Arbeitskommandos er zugeteilt wurde, konnte nicht ermittelt werden. Seine Entlassung erfolgte am 11. September 1944. Mit ihm wurden am selben Tag auch sein Rathenower DMV-Kollege Otto Seeger und der ehemalige SPD-Funktionär und Leiter des Rathenower Arbeiter-Sportkartells Erich Schnur entlassen (Häftlingsnummer 93138). Gegen Kriegsende gelang es Breternitz, einer Einberufung zum Volkssturm zu entgehen und sich „einer sinnlosen Verteidigung zu entziehen4“.
Bereits am 8. Mai 1945, nach der Besetzung der Stadt, stellte er sich der Sowjetischen Kommandantur zur Verfügung und wurde als Stadtrat eingesetzt. Breternitz gehörte 1945 zu den Sozialdemokraten, die sich für eine enge Zusammenarbeit mit der KPD einsetzten und im Aktionsausschuss von KPD und SPD mitarbeiteten. Am 27. Februar 1946 regte der Präsident der Provinzialverwaltung der Mark Brandenburg in einem Schreiben an den stellvertretenden Chef der Sowjetischen Militäradministration, Generalmajor Scharow, an, „im Interesse der Zusammenarbeit zwischen der KPD und der SPD“ anstelle eines Kommunisten „Herrn Otto Breternitz, Mitglied der SPD als stellv. Landrat des Kreises Westhavelland“ einzusetzen. „Die Bezirksleitungen beider Arbeiterparteien sind mit dem Vorschlag einverstanden5.“ Diesem Vorschlag entsprechend wurde Otto Breternitz am 1. April 1946 als Kreisrat „auf Bescheid der Provinzialverwaltung durch den Herrn Oberlandrat des Oberlandratsamtes Brandenburg eingeführt6“. Diese Funktion konnte er jedoch lediglich bis Januar 1947 ausüben. Wie aus einem späteren Schreiben vom 5. April 1947 des Ministerpräsidenten der Provin­zialregierung der Mark Brandenburg, Karl Steinhoff, an den „ehemaligen Landrat des Kreises Westhavelland“, Otto Breternitz, hervorgeht, lag der Grund der Ablösung in einem Verstoß gegen Anordnungen der Sowjetischen Militäradministration. In dem Schreiben des Ministerpräsidenten heißt es unter anderem: „Obwohl Ihnen mit Schreiben vom 25.10.1946 bekanntgegeben wurde, daß Sie bis zum 15.11.1946 zu melden hatten, welche Getreidemengen auf Grund erfolgter Freistellungen gegen Rück­gabeverpflichtungsschein von den 105 to ausgegeben wurden, haben Sie die genehmigte Freistellung für Ihren Kreis in unverantwortlicher Weise erheblich überschritten, und zwar auf Ihre Anordnung um 150 to. Ich stelle hiermit ausdrücklich fest, daß Sie ungesetzlich gehandelt und dafür die volle Verantwortung zu tragen haben. Deshalb sehe ich mich gezwungen, Ihnen hiermit einen strengen Verweis zu erteilen7.“
Otto Breternitz verstarb wenige Wochen später am 28. Mai 1947. „Der Sterbeort ist nicht bekannt8.“

1 Personalakte Breternitz, BLHA, Rep. 203, MdI, PA 6. 

2 BLHA, Rep. 2 A, I Pol., Nr.1206, „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112 875/35 vom 1.8.1935). 

3 Personalakte Breternitz. 

4 Lebenslauf 1946, ebd. 

5 Ebd. 

6 Ebd. 

7 Ebd. 

8 Schreiben des Archivs Landkreis Havelland an den Verfasser vom 27.8.2002. 

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Quellen:

  • Archiv Landkreis Havelland, Schreiben vom 27.8.2002 an den Verfasser.
  • AS, D 1A/1045, Bl. 089 (Politische Abteilung vom 9.9.1944).
  • AS, JSU 1/100, Bl. 218 (Geld- und Effektenverwalter, Veränderungsmeldung vom 12.9.1944).
  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 14.
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol., Nr. 1206, „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112 875/35 vom 1.8.1935).
  • BLHA, Rep. 203, MdI, PA 6 (Personalakte Breternitz).
  • Geschäftsberichte 1921, 1922, 1924 bis 1930, 1932, hrsg. von der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow, o. O., o. J.
  • Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften, Jg. 1932.
  • Die Arbeiterklasse im Kampf um ihre Befreiung, hrsg. von der Kommission zur Erforschung der Rathenower Arbeiterbewegung, Rathenow o. J.

Soziale/Regionale Herkunft: Birkigt, Kreis Saalfeld (Thüringen); Sein Vater Robert Breternitz (geboren 29. Juli 1866) war Landwirt, die Mutter Bertha, geborene Fleck (geboren 29. März 1868), war Hausfrau

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Feinmechaniker; 1915 - 1945: Angestellter bei der Firma Busch AG

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: ab 1917: DMV; 1924: Betriebsrat; 1927 - 1933: DMV-Ortsverwaltung in Rathenow

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1911: SAJ, ab 1919: SPD; Vorsitz des SPD-Wahlvereins von Rathenow

Politische Mandate/Aktivitäten: Stadtverordneter von Rathenow

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Juni - 14. August 1933: KZ Oranienburg; 1. August - 11. September 1944: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 8. Mai 1945: Stadrat in Rathenow; 1. April 1946 - Januar 1947: Kreisrat

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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