Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
20. November 1908 - 19. März 1982

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Von Sebastian Pfotenhauer

Über seine Zeit im Konzentrationslager Oranienburg hat Eugen Engel nie viel gesprochen. Vielleicht wollte, womöglich konnte er es nicht. Keinem seiner sechs Kinder erzählte Engel je etwas über die Verhaftung am 18. Juni 1933, den Vorwurf, einen Überfall auf Hilfspolizisten geplant zu haben, und die damit verbundene Einlieferung ins Lager zehn Tage später. „Allein meine Mutter, Gerda Engel, hatte mal etwas angedeutet, aber das war alles“, erinnert sich sein Sohn Bernd.
Zum Zeitpunkt von Engels Inhaftierung, am 28. Juni 1933, gab es im Lager Oranienburg nur rund 160 Häftlinge. Die Mehrheit war wie der damals 24-Jährige einfaches Mitglied der Gewerkschaften beziehungsweise der von den Nationalsozialisten verbotenen Parteien. Ihr Alltag war geprägt von schlechten sanitären und hygienischen Verhältnissen, Schikanen und Misshandlungen sowie täglichem Arbeitseinsatz. Hunger musste jedoch niemand leiden.
Eugen Engel wurde nach kurzer Haftdauer am 3. August 1933 vermutlich in die Gefängnisse Freienwalde und Prenzlau überstellt und schließlich im Oktober entlassen – eine in den ersten Jahren des Hitlerregimes durchaus gängige Praxis. Nur 36 Prozent der Häftlinge blieben in Oranienburg länger als ein Vierteljahr. Engel hatte diese einschneidenden Erlebnisse verdrängt, wohl aber nie vergessen. Er hütete diese Erfahrung wie ein Geheimnis. Nur im Antrag auf Aufnahme in die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) gab der aus einer Arbeiterfamilie stammende Engel einen Hinweis auf die schwierige Zeit im KZ und schrieb, dass ihm in Oranienburg von Wachleuten fünf Zähne ausgeschlagen wurden.
Fragt man seine Nachfahren nach den vordergründigsten Eigenschaften des am 20. November 1908 geborenen Küstriners, so fällt die Antwort anfangs spärlich, aber ganz in der Art des Vaters aus. Ein nachdenklicher, ein schweigsamer Mensch soll Eugen Engel gewesen sein. Er habe nicht mehr Worte als unbedingt notwendig verloren, er ließ lieber Taten sprechen. Nach dem Besuch der Volksschule hatte Engel den Beruf des Maschinenschlossers erlernt. Er ging in seiner Arbeit auf: Ob später als Baggerfahrer oder als Dreher, wenn er etwas gemacht habe, dann aufs Hundertstel genau. „Am liebsten hätte er noch am Wochenende gearbeitet“, scherzt Bernd Engel.
Politisch und gewerkschaftlich war Eugen Engels Einsatz anfangs gering. „Ich habe mit der SPD sympathisiert und gehörte dem Deutschen Metallarbeiterverband an“, beschrieb er selbst seine gesellschaftlichen Aktivitäten im Jahre 19331. Zudem war er Mitglied im „Kraftsportklub Rot-Sport Brandenburg“. Nach dem Kriegseinsatz von 1943 bis 1945, der für den Obergefreiten in Schleswig-Holstein in englischer Kriegsgefangenschaft endete, übernahm Engel jedoch politische Funktionen. Einerseits war er zwar nur einfaches FDGB-Mitglied, andererseits trat er Anfang Juni 1947 in die SED ein. Er wurde schließlich Abgeordneter des Bezirkstages Frankfurt/Oder. Sein Antrieb war es, beim Aufbau des Sozialismus zu helfen. Die Partei äußerte sich in einem Aktenvermerk wohlwollend über ihn: Er besitze das Vertrauen seiner Arbeitskollegen, so dass sie sich mit Sorgen und Nöten an ihn wendeten, unter anderem bei der „Beschaffung von Fernsehapparaten und bei Wohnungsangelegenheiten2“. Im November 1959 legte Engel sein Mandat nieder. Er selbst führte gegenüber der SED gesundheitliche Probleme an. Sein Sohn Bernd Engel vermutet jedoch einen anderen Grund: „Er war nicht mehr mit der SED-Politik einverstanden.“ Der Schlosser sei enttäuscht gewesen und wandte sich deshalb von der aktiven Politik ab. Das Parteibuch behielt er jedoch noch bis zu seinem Tod. Eugen Engel starb 73-jährig am 19. März 1982 in Niederfinow.

1 Abschrift der polizeilichen Vernehmung Eugen Engels vom 20.7.1933, BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/6, Bl. 161f. 

2 Akte des Bezirkstagsabgeordneten Eugen Engel, BLHA, Rep. 601, Nr. 297. 

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Quellen:

  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/6, Bl. 161f. (Einschreiben des Landjägereiamtes Greiffenberg an die Polizeiabteilung des Konzentrationslagers Oranienburg vom 28.7.1933 sowie Abschrift der polizeilichen Vernehmung Eugen Engels vom 20.7.1933).
  • BLHA, Rep. 333 1232 (VVN-Antrag).
  • BLHA, Rep. 601, Nr. 297 (Akte des Bezirkstagsabgeordneten Eugen Engel).
  • Kreisarchiv Barnim, EA 3475 (Aufstellung aller Niederfinower Kriegsgefangenen und Zivilpersonen, die zwischen dem 1.1.1947 und 23.6.1947 eingemeindet wurden).
  • Telefoninterview des Verfassers mit Bernd Engel, Sohn von Eugen Engel, am 22.1.2002.

Soziale/Regionale Herkunft: Küstrin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung als Maschinenschlosser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im DMV und FDGB

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: keine

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 18. Juni 1933 - 3. August 1933: Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Ab Juni 1947: SED; bis 1959: Abgeordneter des Bezirkstages Frankfurt/Oder

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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