Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
1. September 1898 - 29. November 1956

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Von Albert Krämer

Albert Julius Karl Ernst wurde am 1. September 1898 als einziges Kind der Eheleute Maria und Albert Ernst in Schönebeck (Elbe) geboren. Über seinen schulischen Werdegang konnte nichts festgestellt werden. Nach Auskunft der Gemeindeverwaltung Liebenwalde zog die Familie Ernst 1908 nach Oranienburg, Neuer Platz 15. Von Berufs wegen arbeitete Albert Ernst junior als Bauarbeiter. Im Jahr 1920 ehelichte er Hedwig Rühl. Hedwig und Albert Ernst nahmen nach dem Krieg vorübergehend ein Pflegekind bei sich auf.
Albert Ernst junior war von 1923 bis 1933 Mitglied des SPD-Ortskartells in Oranienburg und gleichzeitig zeitweilig Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB). Ein Zeitungsartikel vom Juli 1932 weist auf Albert Ernsts starkes politisches Engagement hin.
Am 16. Juli 1932 fand anlässlich einer am darauffolgenden Tage stattfindenden „Antikriegs-Delegiertenkonferenz“ eine große Demonstration in Oranienburg statt. Die Berliner Ausgabe der Zeitung „Die Welt am Abend“ berichtete am 18. Juli 1932 über die Konferenz und die Demonstration: „Ein Bauer aus Schwante und der Vorsitzende des ADGB in Oranienburg wurden als Delegierte zu dem Kongreß gewählt. Am Sonnabend hatte als Auftakt eine große Demonstration in den Straßen von Oranienburg stattgefunden. An der Spitze des Zuges marschierte [...], Reichsbanner, zusammen mit dem Vorsitzenden des ADGB-Oranienburg und dem Leiter der kommunistischen Ortsgruppe1.“
Vom 22. März bis 1. April 1933 war Albert Ernst junior im Konzentrationslager Oranienburg inhaftiert. Über die Gründe und Umstände seiner Verhaftung ist nichts bekannt. Daneben geht aus den Unterlagen die Inhaftierung von Albert Ernst senior, dem Vater von Albert Ernst, hervor. Dieser war gemeinsam mit seinem Sohn, vom 26. März bis 1. April 1933, im KZ Oranienburg eingesperrt. Albert Ernst junior musste während seiner Haftzeit in Oranienburg schwere Misshandlungen über sich ergehen lassen.
Ein Polizeibericht vom 8. Dezember 1933 erwähnt den „im hiesigen Konzentrationslager halb tot geprügelten Gewerkschaftsführer Albert Ernst2“. In diesem Bericht wird auch eine erneute Inhaftierung von Ernst junior angedeutet. Ob Albert Ernst tatsächlich nochmals in das Lager Oranienburg kam, ist nicht bekannt.
Am 5. Oktober 1933 trat Albert Ernst junior in die SA ein. Die Gründe für diesen Schritt waren nicht auszumachen. Nachweislich bestand seine Mitgliedschaft in der SA bis Mitte des Jahres 1935. Über eine darüber hinausgehende Mitgliedschaft ließ sich nichts in Erfahrung zu bringen.
Eine Liste des KZ Sachsenhausen vom 10. April 1937 verzeichnet den Namen Albert Ernst als „in Zugang zu bringen3“. Weitergehende Hinweise auf eine erneute Verhaftung von Albert Ernst junior oder Albert Ernst senior waren allerdings nicht zu finden.
Bis Mitte des Jahres 1945 verliert sich die Spur von Ernst junior. Im September 1945 kehrte Albert Ernst aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Oranienburg zurück. Ernst betätigte sich nach seiner Rückkehr erneut gewerkschaftlich und politisch in Oranienburg. Er wurde am 8. Oktober 1947 Mitglied der SED und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er engagierte sich unter anderem als Vertrauensmann in der örtlichen Konsumgenossenschaft und in der Volkskontrolle. Bis 1956 lebte Albert Ernst junior in Oranienburg. Anfang 1956 zog er aus unbekannten Gründen nach Laube, Kreis Hoyerswerda.
Albert Ernst junior verstarb am 29. November 1956 im Alter von 58 Jahren in Hoyerswerda.

1 Die Welt am Abend, 10. Jg., Nr. 166, Berlin, 18. Juli 1932, S. 2. 

2 Polizeibericht, in: BLHA, Rep. 2 A, I Pol., 1166. 

3 Häftlingsliste, in: BLHA, Rep. 35 H, Bl. 32. 

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Quellen:

  • BArch, ZB II, 6233, A. 7 (SA-Ausweis, Nr. 589, Schreiben an die Handelsorganisation HO, Zweigstelle Berlin vom 21.12.1949).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/6 (KZ Karteikarten von Albert Ernst senior und Albert Ernst junior).
  • BLHA, Rep. 35 G, Nr. 4/6 (Korrespondenz Ortspolizei Liebenwalde/KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol., 1166 (Polizeibericht).
  • BLHA, Rep. 35 H, Bl. 32 (Häftlingsliste).
  • Gemeindeverwaltung Liebenwalde, Schreiben an den Verfasser vom 27.6.2002.
  • Stadtarchiv Oranienburg, Schreiben an den Verfasser vom 4.3.2002.
  • Telefonauskunft vom Archiv des Landratsamts Schönebeck (Elbe) am 30.7.2002.
  • Die Welt am Abend, 10. Jg., Nr. 166, Berlin, 18. Juli 1932, S. 2.

Soziale/Regionale Herkunft: Oranienburg

Ausbildung/Berufstätigkeit: Bauarbeiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1923 bis 1933 Mitglied des SPD-Ortskartells in Oranienburg

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 22. März bis 1. April 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 8. Oktober 1947: Mitglied der SED und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes; Vertrauensmann in der örtlichen Konsumgenossenschaft und in der Volkskontrolle in Oranienburg

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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