Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
15. August 1901 - 11. September 1941

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Hans Ammon.
Quelle: VEB Eisengießerei "Hans Ammon" Britz, Wir und unser Werk, Eberswalde o.J.

Hans Ammon. Quelle: VEB Eisengießerei "Hans Ammon" Britz, Wir und unser Werk, Eberswalde o.J.

Von Benedict Ugarte-Chacon

Hans Ammon wurde am 15. August 1901 als Sohn einer Arbeiterfamilie in der Eisenbahnstrasse Nr. 30 in Eberswalde geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Eberswalde, hier besuchte er auch die Volksschule II. Nach dem Ende seiner Schulzeit absolvierte er in den Ardeltwerken eine Ausbildung zum Kernmacher und arbeitete anschließend in verschiedenen örtlichen Betrieben.
Politisch war er schon als Jugendlicher aktiv, so gründete er 1917 zusammen mit Otto Kracheel die Ortsgruppe Eberswalde der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Im Jahr 1918 trat er dem Deutschen Metallarbeiterverband bei, 1921 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).
Zusammen mit seinem politischen Freund Kracheel beteiligte er sich 1920 aktiv an der Niederschlagung des Kapp-Putsches im Kreis Eberswalde.
Nach seiner Heirat mit Elisabeth Corsalli im Jahre 1926 zog er mit ihr zusammen in das Nachbardorf Sommerfelde. Im gleichen Jahr wurde er dort zum Gemeindeschöffen gewählt, diesen Posten bekleidete er bis 1933. Die Aufdeckung diverser Unterschlagungen der Gemeinde und seine publizistischen Äußerungen in der satirischen KPD-Zeitschrift „Astlochkieker“ über den Gemeindevorsteher Mätzkow brachten ihm hier nicht nur Freunde ein.
Im November 1932 begannen die Mitglieder der Eberswalder KPD, sich auf das Verbot ihrer Partei vorzubereiten. An diesen Vorbereitungen war neben Hans Ammon auch seine Frau Elisabeth beteiligt. Zusammen mit ihr und einigen Eberswalder Genossen begann Ammon im Zuge der Zerschlagung der KPD im März 1933 mit seiner illegalen Arbeit. Zunächst trat er zur Tarnung der Büchergilde Gutenberg bei und betätigte sich für sie als Kassierer. Im Zuge dieser Arbeit kam er in Kontakt mit recht vielen Menschen, auch mit in der Artilleriekaserne von Eberswalde stationierten Soldaten.
An seinem 32. Geburtstag, dem 15. August 1933, wurde Ammon wegen „staatsfeindlicher Umtriebe“ verhaftet und nach schwerer Misshandlung durch SA-Männer in das KZ Oranienburg verbracht. Wie ihm erging es auch einigen anderen illegal Tätigen aus seinem Umfeld.
Seine Frau Elisabeth unterstützte ihren Mann und ihre anderen Genossen während dieser Zeit, indem sie belastendes Material vernichtete und die illegalen Verbindungen der Gruppe aufrechterhielt. Ammon wurde im Zuge einer größeren Entlassungsaktion zu Weihnachten 1933 wieder aus der KZ-Haft entlassen. Jedoch fand er als ehemaliger KZ-Häftling zunächst keinen Arbeitsplatz mehr; seine Frau musste in der nun folgenden Zeit für den Lebensunterhalt beider sorgen. Im Jahr 1935 zogen beide zurück nach Eberswalde, und es gelang Ammon, wieder eine Anstellung zu finden.
Sofort nach seiner Entlassung aus dem KZ schloss Ammon sich erneut der illegalen Organisation der KPD an. Gemeinsam mit Fritz Pehlmann, Otto Kracheel und Walter Kohn bildete er schließlich die Leitung der später Ammon-Pehlmann-Gruppe genannten Unterbezirksgruppe der KPD in Eberswalde und übernahm den Posten des Kassierers. Insgesamt umfasste diese Organisation ca. 20 Mitglieder und war wiederum in kleine Gruppen zu je fünf Personen unterteilt. Der Kunstmaler Fritz Pehlmann, der als der Theoretiker der Gruppenleitung galt, unterhielt Verbindungen zur illegalen Bezirksleitung der KPD in Berlin und anderen Berliner Widerstandsgruppen. Über diese Verbindungen beschaffte er Nachrichten und Informationen, die er vornehmlich nachts mit dem Fahrrad abholte und dann in Eberswalde an die Mitglieder seiner Gruppe weitergab. Auch Hans Ammon kam in Kontakt mit den Genossen aus Berlin, in Berlin-Mariendorf beteiligte er sich an der Herstellung von Flugblättern und Druckschriften sowie an deren Verteilung. Zweimal wurde er bei seinen Fahrten nach Berlin von seiner Frau begleitet.
Die Eberswalder Gruppe verfasste, vervielfältigte und verteilte jahrelang Flugblätter sowie diverse Druckschriften, zudem führte sie die Zeitschrift „Astlochkieker“ weiter. Bei einigen Zusammenkünften hörten die Gruppenmitglieder spätestens seit Beginn des Zweiten Weltkrieges die Nachrichten des Moskauer Rundfunks ab und verbreiteten Losungen und Flüsterparolen, welche die in den Eberswalder Rüstungsbetrieben beschäftigten Arbeiter zur Störung der Produktion aufriefen.
Ammon und Kracheel waren zu dieser Zeit in den auf Rüstungsbetrieb umgestellten Ardeltwerken beschäftigt. In einer Meldung des Reichsicherheitshauptamtes Amt IV heißt es später: „Die Genannten, sämtlich in Rüstungsunternehmen beschäftigt, haben [...] in Finow, Eberswalde oder Berlin Zusammenkünfte zum Abhören von Hetzsendern veranstaltet. Darüber hinaus waren ihre Bestrebungen auf die Errichtung einer illegalen kommunistischen Gruppe und die Verbreitung von Zersetzungsmaterial in den Betrieben gerichtet. Einer der Festgenommenen hat die Aktivierung der illegalen Arbeit, insbesondere die Vornahme von Sabotageakten in den Rüstungsbetrieben sowie die Befolgung der Parole ‚langsam arbeiten’ gefordert1.“
Neben dieser Arbeit unterhielt die Gruppe weiterhin Kontakt zu Soldaten und Unteroffizieren der in Eberswalde stationierten Wehrmachtseinheit. Mit deren Hilfe gelang es, ein umfangreiches Waffenlager mit ungefähr 600 Gewehren einzurichten. Im Zuge des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion soll eine militärische Aktion der Gruppe geplant gewesen sein.
Auch wenn im Laufe der Zeit einige Gruppenmitglieder mehrmals inhaftiert wurden – Otto Kracheel wurde beispielsweise 15 Mal verhaftet – gelang es den nationalsozialistischen Behörden zunächst nicht, die gut organisierte Gruppe zu zerschlagen.
Im Jahre 1941 führte Ammon den früheren KPD-Genossen Paul Bogen in die Widerstandsgruppe ein. Dieser denunzierte die Gruppe bei der Gestapo. Zunächst konnte Bogen nur seinen direkten Auftraggeber Ammon belasten; da er jedoch einige Zusammentreffen von Ammon, Pehlmann, Kohn und Kracheel mitbekommen hatte, kam es schließlich am 6. August 1941 zur Verhaftung von 24 vermeintlichen Gruppenmitgliedern. Darunter befanden sich allerdings nicht nur illegale Aktivisten der Ammon-Pehlmann-Gruppe, sondern auch Personen, die sich früher in anderen Zusammenhängen sozialistisch oder kommunistisch betätigt hatten. Neben Hans Ammon wurden auch Otto Kracheel und als einzige Frau Elisabeth Ammon verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis nach Potsdam verbracht. Fritz Pehlmann, der versucht hatte, in Berlin unterzutauchen, nahm man dort am gleichen Tag fest und brachte ihn in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, wo er wenige Tage später erschossen wurde.
Hans Ammon wurde im Gestapo-Gefängnis schwer misshandelt und am 11. September 1941 ermordet. Elisabeth Ammon teilte man mit, ihr Mann sei einer Nierenbeckenvereiterung erlegen.

Auf den Trümmern der Ardeltwerke wurde bereits 1945 mit Hilfe der Sowjetunion der erste volkseigene Betrieb des Landes Brandenburg errichtet. Im Gedenken an Hans Ammon erhielt er den Namen VEB Eisenwerke „Hans Ammon“.
Elisabeth Ammon verstarb am 25. Juni 1977 in Eberswalde.

1 Reichsicherheitshauptamt Amt IV, Meldung wichtiger staatspolitischer Ereignisse Nr. 1 vom 1. September 1941 in: Margot Pikarski/Elke Warning, Gestapo-Berichte über den antifaschistischen Widerstandskampf der KPD 1939 – 1943, Berlin 1989, S. 86. 

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Quellen:

  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1 (Personenbeschreibung).
  • BLHA, Ast. Rep. 60, VdN 2374 (VdN Fragebogen Otto Kracheel, Bürgschaftserklärung Elisabeth Ammon).
  • SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/118 (Bericht des SED Kreisvorstandes Eberswalde).
  • Standesamt Hohenfinow Nr. 5/26.
  • Standesamt Potsdam 1036/1941.
  • Standesamt Eberswalde 416/1977.
  • BPO des VEB Eisengießerei „Hans Ammon“ Britz, Wir und unser Werk. VEB Eisengießerei „Hans Ammon“ Britz, Eberswalde o. J.
  • Bezirksleitung Frankfurt (Oder) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Bezirkskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung, ...ihr Kampfgenossen all – Lebensbilder revolutionärer Kämpfer aus dem Bezirk Frankfurt (Oder), Frankfurt/Oder 1976 , S. 10f, 36f, 49f.
  • Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED (Hrsg. ), Widerstandskämpfer 1933–1945 – Biographien und Briefe, Band 2, Berlin 1970, S. 535f.
  • Reichsicherheitshauptamt Amt IV, Meldung wichtiger staatspolitischer Ereignisse Nr. 1 vom 1. September 1941 in: Pikarski, Margot/Warning, Elke, Gestapo-Berichte über den antifaschistischen Widerstandskampf der KPD 1939-1943, Berlin 1989, S. 86.

Soziale/Regionale Herkunft: Eberswalde; Sohn einer Arbeiterfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum Kernmacher; Anstellungen in verschiedenen örtlichen Betrieben

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1918: DMV

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1917: Mitbegründer der SAJ-Ortsgruppe Eberswalde, 1921: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Illegale KPD, "Ammon-Pehlmann-Gruppe"

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 15. August 1933 - Weihnachten 1933: KZ Oranienburg; 6. August 1941: Gestapo-Gefägnis Potsdam, am 11. September 1941 ermordet

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Benennung der VEB Eisenwerke "Hans Ammon"

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