Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
11. Dezember 1897 - 19. Januar 1972

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Willi Beuster.
Quelle: PA Gertrud Poppe, Biesenthal.

Willi Beuster. Quelle: PA Gertrud Poppe, Biesenthal.

Willi Beuster, Gewerkschafts- und Parteifunktionär der SPD, gehört zu der kleinen Gruppe von Gewerkschafts- und Parteifunktionären und politischen Mandatsträgern, die sowohl im frühen Konzentrationslager Oranienburg als auch im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war.

Von Siegfried Mielke

Willi Beuster wurde am 11. Dezember 1897 in Biesenthal geboren. Seine Eltern waren Landarbeiter. Nach Beendigung der Volksschule begann er eine Lehre als Schlosser, die er mit der Gesellenprüfung erfolgreich beendete. Anschließend arbeitete er in Biesenthal und Umgebung bei verschiedenen Firmen als Schlosser. 1920 heiratete Beuster Anna Kube. Aus der Ehe stammten die beiden Töchter Hilde, verheiratete Loose, geboren 17. Oktober 1921, verstorben 3. Dezember 2000, und Ilse, verheiratete Bimmer, geboren 27. Oktober 1923, gestorben 11. Mai 1990.
Während der Schulzeit seiner Töchter kandidierte Beuster unter anderem 1932 erfolgreich auf der Liste „Schulfortschritt“ für den Elternbeirat der Schule seiner Töchter. Neben seiner Berufstätigkeit engagierte sich Beuster in der SPD und im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV). Nach einer Liste der Gestapo von 1935 über sozialdemokratische Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre gehörte Beuster als ehrenamtlicher Funktionär dem Vorstand der DMV-Ortsverwaltung von Bad Freienwalde/Oberbarnim an1.
Das „Barnimer Tageblatt“ und die „Biesenthaler Zeitung“ enthalten eine Reihe von Hinweisen auf das parteipolitische Engagement von Beuster und seine Aktivitäten in der Stadtverordnetenversammlung seiner Heimatstadt. Das politische Klima scheint bereits 1929 im Biesenthaler Stadtparlament äußerst gespannt gewesen zu sein. Die „Biesenthaler Zeitung“ berichtete 1929 von einem Beschluss des von den bürgerlichen Parteien dominierten Stadtparlaments, Willi Beuster für drei Jahre die Bürgerrechte abzuerkennen; ein Beschluss, der für ihn den Verlust des Stadtverordnetenmandates nach sich gezogen hätte. Grund für dieses Vorgehen der Stadtverordnetenmehrheit war die Weigerung von Beuster, die durch das Ausscheiden eines Stadtverordneten freigewordenen – politisch vermutlich wenig attraktiven – Kommissionsämter wie „Fortbildungsschul-, Forst-, Verschönerungs- und Grundstückskommission, ferner Schuldendeputation und Ortsausschuß für Jugendpflege“ zu übernehmen2. Da Beuster sein Stadtverordnetenmandat nicht verlieren wollte, beugte er sich dem Mehrheitsbeschluss. Zum letzten Mal wurde Willi Beuster im März 1933 in das Biesenthaler Stadtparlament gewählt. Ende März verließen die beiden SPD-Abgeordneten „fluchtartig den Sitzungssaal3“, als die übrigen Stadtverordneten zum Abschluss der Sitzung die erste Strophe des Horst-Wessel-Liedes sangen. Am 26. Juni wurden Beuster und sein SPD-Stadtverordnetenkollege vom Stadtverordnetenvorsteher daran gehindert, an der Sitzung des Stadtparlamentes teilzunehmen. Einen Tag später wurde der Kommunalpolitiker, Gewerkschafts- und Parteifunktionär Willi Beuster verhaftet und vom 27. Juni bis 7. August 1933 im KZ Oranienburg inhaftiert.
Eine zweite Verhaftung und Inhaftierung erfolgte 1944 im Zusammenhang mit der „Aktion Gitter“. Einzelheiten über seine Haft im KZ Sachsenhausen vom 22. August 1944 bis zum 26. September 1944 konnten nicht ermittelt werden. Nach Recherchen von Gertrud Poppe, der Chronistin der Stadt Biesenthal, engagierte sich Beuster im Widerstand gegen das NS-Regime. Belege über diese Widerstandstätigkeit ließen sich jedoch nicht finden.
Nach der Befreiung der Stadt Biesenthal am 22. April 1945 wurde Beuster 1945 sofort politisch tätig, „um ein besseres und sozialistisches Deutschland zu schaffen4“. Beuster übernahm bereits im Mai 1945 den Aufbau des Arbeitsamtes in Biesenthal. In dieser Funktion musste er dafür Sorge tragen, dass „viele Arbeitskräfte für die Besatzungstruppen und auch für die Beseitigung der vielen von den Nazis errichteten Panzersperren und Panzergräben sowie Lauf- und Deckungslöcher bereitgestellt“ wurden5. 1946 wurde Beuster für kurze Zeit Bürgermeister von Biesenthal. Die kurze Amtszeit hängt vermutlich damit zusammen, dass der Sozialdemokrat Beuster nach Aussage seiner Großnichte der Vereinigung von SPD und KPD eher ablehnend gegenüberstand. Nach Niederlegung des Bürgermeisteramtes schuf er sich eine eigene Existenz und gründete die Firma „Willi Beuster Holzschnitt und Handlung“ mit Sitz in Biesenthal, Kleiststraße 4. Dieses Kleinunternehmen gab er mit Vollendung des 60. Lebensjahres (1957) auf. Politisch und gewerkschaftlich trat er in dieser Zeit nicht hervor. Bis zu seinem Tode am 19. Januar 1972 lebte er in Biesenthal.

1 Vgl. BLHA, Rep. 2 A 1 Pol., Nr. 1206, „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112-875/35 vom 1.8.1935). 

2 Biesenthaler Zeitung, 44. Jg., Nr. 36, 12.2.1929. 

3 Ebd., 29.3.1933. 

4 Erinnerungen, PA Gertrud Poppe. 

5 Ebd. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 9.
  • BLHA, Rep. 2 A 1 Pol., Nr. 1206, „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112-875/35 vom 1.8.1935).
  • PA Gertrud Poppe (Kurzbiographie von W. Beuster, Bildmaterial).
  • Barnimer Tageblatt. Organ für die werktätige Bevölkerung, Jg. 4-8, 1929-1933.
  • Biesenthaler Zeitung. Ständiges Publikationsorgan der städtischen und staatlichen Behörden, Jg. 40-48, 1925-1933.
  • Interview mit Frau Aßmann (Großnichte von Willy Beuster).

Soziale/Regionale Herkunft: Biesenthal, die Eltern waren Landarbeiter

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Schlosser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im Vorstand der DMV-Ortsverwaltung von Bad Freienwalde/Oberbarnim

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Biesenthal

Widerstandsaktivitäten: unbekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Juni - 7. August 1933: KZ Oranienburg, 22. August - 26. September 1944: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Mai 1945: Aufbau des Arbeitsamtes in Biesenthal; kurzzeitiger Bürgermeister von Biesenthal

Erinnerungskultur/Ehrungen: keine

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