Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. Mai 1891 - 20. Februar 1965

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Willy Drügemüller, September 1945. Quelle: BrLHA, Rep. 35G, KZ Oranienburg.

Willy Drügemüller, September 1945. Quelle: BrLHA, Rep. 35G, KZ Oranienburg.

Er war ein Mann des Ausgleichs. Jemand, der versuchte, seine Ansichten durchzusetzen, jedoch nie auf Kosten anderer. Jemand, der auch eigene Prinzipien aufgeben konnte, wenn er merkte, mit den Vorschlägen anderer mehr für die Arbeiter erreichen zu können. Und vor allem war er jemand, der stets zwischen verschiedenen Positionen zu vermitteln suchte. Seine ruhige und besonnene Art ließen ihn auf gewerkschaftlicher wie auf politischer Ebene Karriere machen.

Von Siegfried Mielke und Sebastian Pfotenhauer

Als Willy Karl Drügemüller am 18. Mai 1891 in Berlin zur Welt kam, war ihm solch ein Erfolg nicht in die Wiege gelegt. Immerhin geriet er, der jüngste Sohn von Paul Drügemüller und dessen Frau Emilie, geborene Helling, schnell in Kontakt mit sozialdemokratischen Ansichten. Der Vater, ein SPD-Mitglied, arbeitete erst als Tischlermeister, dann wurde er Gastwirt. Er führte das Tagungslokal des „Leseklubs Lasalle“. Doch davon abgesehen ließ vor allem die eher schleppend verlaufende schulische Ausbildung des jungen Willy Drügemüller nichts von seinem späteren Aufstieg erahnen. Er war – zumindest anfangs – kein guter Pennäler.

Von 1897 bis 1905 lernte er an der achtklassigen Volksschule in Berlin und Schöneberg. Die erste Klasse musste er zweimal besuchen. Schließlich wurde er vorzeitig entlassen. Er entschloss sich zur Maurerausbildung bei einer Berliner Firma, besuchte bis 1908 zusätzlich die Fachschule für das Maurer-, Zimmerer- und Dachdeckergewerbe und zeigte nun auch das Engagement, das ihn künftig auszeichnete. Weil er mit guten Leistungen auffiel, belohnte ihn seine Lehrfirma auf besondere Weise: Beim Bau des mittlerweile legendären „Kaufhaus des Westens“ (KaDeWe) durfte Willy Drügemüller in einem technischen Büro mithelfen. Nach dieser von ihm gerne und stolz wiedergegebenen Erfahrung ging er auf Wanderschaft. „Ich arbeitete, wie ich unterkommen konnte, bald als Maurer, bald als Bauführer“ und kam so nach Belgien, Österreich, Dalmatien, Italien, Rumänien und in die Schweiz1. Bei seinen Tätigkeiten knüpfte Drügemüller erste Kontakte zur Arbeiterbewegung. „Überall gehörte ich der politischen und gewerkschaftlichen Organisation der modernen Arbeiterbewegung an2.“ Wo er aber welchen Organisationen beitrat, dies ließ er in seinen Aufzeichnungen stets unbeantwortet. Damit bleibt offen, ob er die Mitgliedschaften in seinen DDR-Lebensläufen nur erwähnte, um sich den Schein einer seit jeher vorhandenen Identifikation mit den Zielen der Arbeiterklasse zu geben. Er stellte nur fest: Die Mitgliedsbücher seien ihm von den Nationalsozialisten bei Hausdurchsuchungen „gestohlen“ worden3.

Zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges arbeitete Willy Drügemüller als Bauführer in einer Bukarester Firma. Dem Dienst an der Waffe konnte er aber auch dort nicht entgehen. Im darauf folgenden Jahr wurde er als „Landsturm mit Waffe“ zum Militär eingezogen. Dabei halfen ihm seine Rumänisch-Kenntnisse. So kam er 1916 als Soldat zur Dolmetscher-Kompagnie, später zum Wirtschaftsstab in die Abteilung für Baustoffe, in der er als Pionier diente. 1918 wurde er von seiner „Rückzugsformation“ in den Soldaten-Rat gewählt.

Nach der deutschen Niederlage und seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst Weihnachten 1918 zog es Drügemüller ins brandenburgische Niederlehme. Dort heiratete er nicht nur Frida Plenert, Tochter des Bäcker- und Konditormeisters Emil Plenert und dessen Frau Emilie, und wurde Vater zweier Töchter, Ruth und Julia. An diesem Ort begann auch das wirkliche Engagement im politischen wie im gewerkschaftlichen Bereich. Im Alter von 29 Jahren wählten ihn die Parteigenossen zum Sekretär der SPD für den Landkreis Beeskow-Storkow. Zugleich fungierte Drügemüller als Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Teltow-Beeskow. Der Partei war er bereits 1910 beigetreten. Er gehörte dem Magistrat der Stadt Beeskow und bis 1933 auch dem Kreisausschuss sowie dem Kreistag an. Von 1921 bis 1925 war Drügemüller zudem Mitglied des Brandenburgischen Provinzial-Landtages. Von 1924 bis zur Auflösung der SPD im Juni 1933 saß Drügemüller im Preußischen Landtag. „Ich vertrat die Fraktion in mehreren ständigen und auch Untersuchungsausschüssen und wurde mehrfach als Ausschuß-Vorsitzender bzw. Berichterstatter von der Partei heraus gestellt4.“

Doch nicht nur in parteipolitischer Hinsicht konnte Drügemüller einen schnellen Aufstieg verzeichnen. Auch seine gewerkschaftliche Arbeit war innerhalb kurzer Zeit von Erfolg gekrönt und ließ ihn in Leitungsfunktionen vorstoßen. 1922 wurde er zum Ersten Vorsitzenden des Deutschen Baugewerksbundes für den Bezirk Berlin gewählt.

In seiner Partei- und Gewerkschaftstätigkeit fiel Drügemüller durch engagierte Reden auf. Dabei versuchte er nicht, mit scharfen Angriffen auf ihm unliebe Meinungen zu reagieren. Ihm gelang es vielmehr, die Mitglieder mit seinen sachlichen und teilweise auch mit auflockerndem Humor versehenen Ansprachen von seinen Ansichten zu überzeugen. Das Wertvollste war für ihn, Vertrauen zu genießen: „Ohne Vertrauen unserer Kollegen, der im Arbeitsprozeß stehenden und der zu Funktionären berufenen untereinander, geht es einfach nicht. Wir müssen gerade dies Vertrauen festigen, müssen von unseren Kollegen und Funktionären verlangen, daß sie stets zusammenstehen5.“ Von gewissen Prinzipien ließ er sich dabei aber nicht abbringen. So verteidigte er ein ums andere Mal die Akkordarbeit: „Jedes Lohnsystem hat seine Schädlichkeiten, sicher auch die Akkordarbeit, aber die Schädlichkeit liegt nicht nur in den Vertragsbestimmungen, sondern darin, daß die Kollegen nicht verstehen, Maß zu halten und vielfach etwas Schlechtes aus den bestehenden Bestimmungen machen6.“ Drügemüller setzte sich für den Umzug des Vorstandes des Baugewerksbundes von Hamburg nach Berlin ein und forderte immer wieder eine Zusammenarbeit mit anderen Gewerkschaften. Kritisch stand er der Vielzahl von Organisationen für ein und dieselbe Berufsgruppe gegenüber und trat für die Bildung von Industriegewerkschaften ein.

Neben seinem Engagement im Deutschen Baugewerksbund übte Drügemüller sowohl auf lokaler/regionaler Ebene als auch auf Reichsebene wichtige Funktionen in der Bauhüttenbewegung aus. Als Vorsitzender des bedeutenden Bezirksverbandes Berlin des Deutschen Baugewerksbundes fungierte er als Treuhänder für dessen Gesellschafteranteile an der Heiz- und Wasseranlagen GmbH (Hawag) und der Berliner Töpferhütte und vertrat seine Organisation ebenfalls als Mitglied des Aufsichtsrates der Hawag. Als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wohnungsfürsorge Aktien-Gesellschaft für Beamte, Angestellte und Arbeiter (Dewog) gehörte er auch dem Beirat des Verbandes sozialer Baubetriebe, der Dachorganisation der gewerkschaftlich geführten Bauhütten und Baunebenbetriebe an. Das Handbuch der Wirtschafts-, Sozial- und Gewerkschaftspolitik des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (Afa-Bund) nannte 1928 als zentrale Aufgabe und Zielsetzung des 1920 gegründeten Verbandes sozialer Baubetriebe (VsB): „Er ist gegründet zu dem Zwecke, die heute vorhandenen sozialen Baubetriebe im Auftrage der Gewerkschaften kaufmännisch, technisch und wirtschaftlich zu beraten, sie gegenüber den Behörden und wirtschaftlichen Organisationen zu vertreten, nach Möglichkeit neue Betriebe zu gründen und damit allmählich einen immer größer werdenden Teil der deutschen Bauwirtschaft für die Gewerkschaften zu erobern7.“

In seiner Funktion als Beiratsmitglied unterstützte er auch die beiden wichtigsten Entwicklungstendenzen der Bauhüttenbewegung in den 1920ern/Anfang 1930er Jahre: erstens die Umwandlung der Gesellschaftsform der Bauhütten von Genossenschaften in Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH). Diese waren nicht nur die Grundlage für eine einfachere Finanzierung, sondern auch die Voraussetzung für zweitens einen fortschreitenden Zentralisierungsprozess, der es dem VsB erlaubte, einen wachsenden Kapitalanteil bei den einzelnen Bauhütten zu erreichen und einen zunehmenden Einfluss auf die Geschäftsführung und Politik der einzelnen Bauhütten und Baunebenbetriebe auszuüben. Die wichtigste Funktion, die Drügemüller in einem Gewerkschaftsunternehmen einnahm, war die eines Vorstandsmitgliedes (zusammen mit Oswald Leuschner) in der Deutschen Wohnungsfürsorge Aktien-Gesellschaft für Beamte, Angestellte und Arbeiter. Die Dewog, die 1924 von den freien Gewerkschaften initiiert und gegründet worden war, hatte die Aufgabe, den Kleinwohnungsbau zu forcieren, die gemeinnützigen Organisationen des Kleinwohnungsbaus (Wohnungsbaugenossenschaften und -gesellschaften) zusammenzufassen und sich für eine stärkere Durchsetzung der Gemeinwirtschaft im Wohnungswesen einzusetzen. Die Dewog entwickelte sich rasch von einem Koordinationsorgan eigenständiger Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften „zu einer reinen Holding8“. Im Laufe dieser Entwicklung gründete die Dewog verschiedene lokale/regionale Wohnungsbaugesellschaften und richtete zugleich Zweigniederlassungen u. a. in Rheinland-Westfalen, Mitteldeutschland und Sachsen ein. Als Drügemüller Ende 1930 den Vorstandsvorsitz einnahm, war das Bemühen des Unternehmens, die Organisation zu konzentrieren, bereits weitgehend abgeschlossen. Bereits 1928 hatte die Dewog „bei allen ihren örtlichen Gesellschaften bis auf eine, feste Kapitalsmajoritäten, zum Teil wurden 75 Prozent des Kapitals übernommen, in zwei Fällen 100 Prozent9“. Gleichzeitig war Drügemüller Vorsitzender des Dewog-Revisionsverbandes der Baugenossenschaften. Zu dessen Mitgliedern gehörten unter anderen die gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaften (Gewobas), die großen freigewerkschaftlichen Wohnungsbaugesellschaften wie die Gehag und die Berliner Gesellschaft zur Förderung des Einfamilienhauses (Einfa), die Dewog und ihre Tochtergesellschaften wie die Märkische Wohnungsbau GmbH, die Mitteldeutsche Wohnungsfürsorge-Gesellschaft mbH (Miwog), die Gemeinnützige Wohnungs- und Heimstättengesellschaft für Arbeiter, Angestellte und Beamte mbH (Gewog) und einige große Siedlungsverbände wie zum Beispiel der Allgemeine Sächsische Siedlerverband mit Sitz in Dresden und der Anhaltische Siedlerverband Dessau und weitere Baugenossenschaften und Wohnungsbaugesellschaften mit gewerkschaftlichem oder sozialdemokratischem Einfluss.

Seine Positionen in der Bauhüttenbewegung und in der Dewog behielt Drügemüller bis zum Frühjahr 1933. „Im Zuge der am 2. Mai 33 erfolgten unrechtmäßigen Besetzung der Büros des ADGB durch die NSDAP wurden auch die Büroräume der Dewog, die im gleichen Hause lagen, besetzt. Von einer widerrechtlichen Einsperrung wurde zunächst Abstand genommen, doch ich musste mich verpflichten, zur Aufklärung zur Verfügung zu stehen10.“ Seine Entlassung folgte innerhalb kürzester Zeit, auch seine politischen Ämter musste Drügemüller aufgeben. Einer späteren Klage vor dem Landgericht Berlin auf Weiterbeschäftigung bei der Dewog und Weiterzahlung des Gehalts war kein Erfolg beschieden. Doch nicht nur am Arbeitsplatz hatte Drügemüller den faschistischen Terror zu fürchten: Anfang Mai erlebte er zum ersten Mal eine Hausdurchsuchung. „Als ich [...] nach einer Vorstandssitzung des Unterbezirkes der SPD nach Hause kam, war meine Wohnung von SA-Leuten besetzt. Mein Bücherschrank war von allen ,Hetzschriften‘ befreit. Die Bücher wurden in meinen Waschkörben zum nunmehrigen Nazi-Gemeinde-Vorsteher von Niederlehme, Gebert, gebracht11.“ Und es kam noch schlimmer: Am Morgen des 6. Juni 1933 holte ihn ein Landjäger aus seiner Wohnung ab und brachte ihn in das Amtsgerichts-Gefängnis in Königs Wusterhausen. „Der Beamte dort war sehr anständig. Meine Frau konnte mich jederzeit besuchen. Zunächst war ich allein in der Zelle. Später kam mein ehemaliger Parteifreund F. Wunderlich, Krausnick, Unterspreewald, dazu12.“ Auch der ehemalige Gemeinde-Vorsteher von Niederlehme, Emil Lehmann, war zu dieser Zeit in dem Gefängnis inhaftiert. Am 27. Juni 1933 ließen die Nationalsozialisten die drei gemeinsam ins Konzentrationslager Oranienburg bringen. Lehmann erhielt die Häftlingsnummer 415, Wunderlich die 416 und Drügemüller die 417. „Bald danach trafen ein Ernst Heilmann, Franz Künstler, der Oberbürgermeister von Luckenwalde, Salomon, die ,Rundfunkverbrecher‘ wie Alfred Braun13.“ Über die Inhaftierung gab sich der Sozialdemokrat im Nachhinein nicht überrascht. Vor allem seine politischen Funktionen hätten ihn „natürlich scharfen Angriffen der Nazipartei ausgesetzt14“. Und in der Tat: Der damalige Kreisleiter der NSDAP, Otto Schrader, gab Drügemüllers Frau zu verstehen: „Verbrochen hat er nichts, aber er ist uns zu gefährlich15.“ Drügemüller war im Lager anfangs zur Straßenreinigung in der Stadt Oranienburg eingesetzt, eine gezielte Aktion der Lagerleitung zur Demütigung der politischen Gefangenen, die das ehemalige Mitglied des Reichstages, Gerhart Seger, beschreibt: „Am Morgen vor unserem ersten Ausmarsch wurden wir mit Leitern, Schrubbern, Eimern, Lappen, Drahtbürsten und mit Salzsäure ausgerüstet, und die drei Kolonnen zogen, jede von bewaffneten SA-Posten begleitet, los. Tags zuvor hatte man in der Lokalzeitung, dem ‚Oranienburger Generalanzeiger’, angekündigt, dass unsere Säuberungsaktion um 9 Uhr vormittags mit der Aufstellung vor dem Rathaus beginnen werde. Punkt 9 Uhr marschierten wir drei Kolonnen denn auch vor dem Rathaus auf – aber siehe da, aus der so schön geplanten Sensation wurde nichts: Es war kein Volk da! [...] Nicht ein einziger Mensch hatte sich am Rathaus eingefunden, um den Beginn der von den Nazis so vorsorglich angekündigten Aktion beizuwohnen, nicht ein einziger Neugieriger stand da, um uns anzustarren und damit die von den Veranstaltern erhoffte Wirkung herbeizuführen16.“ Weitere Demütigungen folgten: „Eines Tages kam der Gemeinde-Vorsteher von Niederlehme zu ,Besuch‘. Die Folge war, dass die Lagerleitung, voran der Sturmbannführer ,Käse-Krüger‘ – seinen Spitznamen trug er nach dem Geschäft seines Vaters in Trebbin – mir die Ausplünderung meiner Bibliothek ankündigte. Zugleich wurde ich einer Strafarbeits-Kolonne zugeteilt, die täglich nach Germendorf marschieren musste. Ihre Aufgabe war im sumpfigen Waldgelände Bodenerhebungen in Grösse von 1 × 1 × 1 Meter zur späteren Gehölzpflanzung herzurichten. Später wurde ich einer Kolonne für das Nebenlager Blumberg, Niederbarnim, zugeteilt17.“

Dieses Nebenlager war am 17. September 1933 mit hundert Gefangenen eingerichtet worden, die auf dem Vorwerk eines Rittergutes untergebracht waren. Hier gab es nach Gerhart Seger zumindest einige Arbeitskommandos, die erträglich waren, „erträglich durch vernünftiges Verhalten anständiger SA-Leute“. Aber es gab auch „Arbeitskommandos, auf denen ein politischer Schutzhaftgefangener eben wirklich nichts anderes ist als ein zu Zwangsarbeit verurteilter Zuchthäusler18“.

Anfang November 1933 kam Willy Drügemüller zurück nach Oranienburg und wurde am 11. November abermals in das Amtsgerichts-Gefängnis in Königs Wusterhausen gebracht. Drei Tage vor Weihnachten, am 21. Dezember, endete für ihn die Haftzeit. Drügemüller wurde jedoch bis April 1934 unter Polizeiaufsicht gestellt; dies bedeutete, dass er sich täglich auf dem Revier melden musste. „Bis zu dieser Zeit war mir eine Frist zum Verlassen des Kreises gestellt und mir schließlich der Verzug nach Driesen genehmigt19.“ Er kaufte und übernahm ein Getreide- und Futtermittelgeschäft und arbeitete dort bis 1945 als selbstständiger Kaufmann. Sein Anliegen, eine Pension in der Märkischen Schweiz zu übernehmen, war von der NSDAP-Kreisleitung im Vorfeld abgelehnt worden. Vor den Übergriffen und Repressalien der Nationalsozialisten war der Sozialdemokrat aber auch in Driesen nicht gefeit. Nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler in der Wolfsschanze wurde Drügemüller am 22. August 1944 erneut verhaftet. Doch er hatte Glück und stieß auf Menschlichkeit, wo er es nicht erwartete. „Durch das Entgegenkommen des Polizeileutnants Niemann konnte ich [nach gut einer Woche, S. M./S. P.] entlassen werden, da er von meiner akuten Herzinfarkt-Erkrankung wusste. Ich hatte mich wieder polizeilich zu melden20.“
Hinweise auf eine Teilnahme am Widerstand ließen sich in den Akten nicht finden; nach Angaben von Paul Szillat gehörte Drügemüller aber zu einer Gruppe sozialdemokratischer Funktionäre, die sich regelmäßig traf.
Beim Einzug der Roten Armee in Driesen Ende Januar 1945 verblieb Willy Drügemüller mit seiner Frau in der Stadt. Aber lange konnte er seinen Wohnsitz nicht behalten, am 26. Juni 1945 mussten er und seine Familie Driesen verlassen. Als Grund gab er Ende der 40er Jahre die „Neuordnung der Grenzen“ an21. Spektakulärer schilderte er es 1952: „Als Heimatvertriebener bin ich, wie ich ging und stand, davongejagt22.“ Sein neuer Wohnort hieß Beeskow.

Im Juni 1945 erhielt Willy Drügemüller die Position des Direktors der Kreisgenossenschaft Beeskow. Auf Wunsch des Oberlandratsamtes und der Bezirkskommandantur Bernau trat er am 17. März 1946 in die Verwaltung des Landratsamtes ein. Er verdiente von nun an als Hauptsachbearbeiter für die Landwirtschaft sein Geld.

Nach der Zulassung der politischen Parteien übernahm Drügemüller sofort die Leitung der Sozialdemokraten im Kreis Beeskow-Storkow. Im August 1946 wurde er schließlich zum Landrat des Kreises Osthavelland bestellt und in seiner Funktion später vom Kreistag bestätigt. Auch der Zusammenschluss von SPD und KPD ließ sein politisches Engagement nicht abbrechen. Er blieb Landrat und saß zudem für die SED im Bezirksvorstand in Bernau und bearbeitete dort Genossenschaftsfragen. Das ist umso erstaunlicher, als dass eine Beurteilung aus dem Ministerium des Innern aus dieser Zeit zwar seine eigentliche Arbeit lobte, die parteipolitische Einstellung jedoch bemängelte: „Herr Drügemüller ist einer von den wenigen SPD-Mitgliedern, die z. Zt. der Vereinigung beider Arbeiterparteien eine weniger positive Rolle spielten und jetzt als Landrat eine sehr geschickte Fraktionsarbeit für die ehemalige SPD betreibt. (sic!) [...] D.[rügemüller] ist aufgrund der besonderen Konstellation des Kreisvorstandes der SED ständig im Auge zu behalten, zumal Herr D. nicht als linker Sozialdemokrat anzusehen ist. [...] In politischer Hinsicht nimmt D. stärker als je die Schumacherrichtung23 [ein].“ In diesem Schreiben aus dem Februar 1947 ist die damals gezielte und allgegenwärtige Abwertung und geplante Ablösung von einstigen SPD-Mitgliedern wiederzufinden, egal, wie gut sie ihre Arbeit machten. Zudem scheint unsicher, ob Drügemüller wirklich der Vereinigung der beiden Parteien ablehnend gegenüberstand. In der ebenfalls vorliegenden ersten Fassung der Beurteilung wird von „einer positiven Rolle“ Drügemüllers in diesem Prozess gesprochen. Das Wort „weniger“ ist neben anderen Änderungen nachträglich handschriftlich eingefügt24. Über ein Jahr später wurde schließlich auch die Arbeit als Landrat in Frage gestellt und seine Abberufung eingeleitet. Die SED-Oberen warfen ihm vor, weniger linientreue Ortsbürgermeister in ihrer Tätigkeit und Einschätzung zu unterstützen. In einer Aktennotiz seiner Personalakte heißt es deshalb, Drügemüller habe „nicht die nötige Wachsamkeit gegenüber korrupten Elementen in seinem Kreise aufgebracht25“. Ende 1948 musste er seinen Posten räumen. Immerhin übernahm er die Funktion eines Geschäftsführers des Kommunal-Wirtschaftlichen Unternehmens (KWU). Doch die politischen Differenzen blieben.

Für Willy Drügemüller war es an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Die Verhältnisse in der DDR, die dominante Rolle der ehemaligen KPDler in der SED, die ständige – aus seiner Sicht unberechtigte – Kritik, all das konnte und wollte er nicht mehr ertragen. Er verließ die DDR im Juni 1951 und ging in den Westen. Seine neue Heimat war der Berliner Bezirk Neukölln. Parteipolitisch wie gewerkschaftlich trat er nicht mehr in Erscheinung. Am 20. Februar 1965 starb Willy Drügemüller in Berlin.

1 Lebenslauf im Personalfragebogen vom 20.8.1946, BLHA, Rep. 203, MdI, PA 127. 

2 Kurzer Lebenslauf o. D. (1945), ebd. 

3 Ebd.  

4 Lebenslauf, 20. 8. 1946. 

5 Rede auf dem Dritten ordentlichen Bundestag des Deutschen Baugewerksbundes 1930, S. 184. 

6 Ebd., S. 397. 

7 Die Angestelltenbewegung 1925 bis 1928. Geschichts- und Handbuch der Wirtschafts-, Sozial- und Gewerkschaftspolitik, hrsg. vom AfA-Bund, Berlin 1928, S. 109f. 

8 Linneke, Richard: Fünf Jahre DEWOG-Arbeit, in: Wohnungswirtschaft, 6. Jg., 1929, S. 78. 

9 Geschäftsbericht der Dewog 1928, zit. nach: Wohnungswirtschaft, 1929, S. 113. 

10 Lebenslauf, 27.7.1952, Entschädigungsakte Drügemüller, Landesverwaltungsamt Berlin, Entschädigungsamt, Reg. Nr. 643. 

11 Ebd., Art und Grund der Verfolgung o. D. [1952]. 

12 Ebd.  

13 Ebd., Lebenslauf; siehe auch die Biograpien zu Ernst Heilmann, Franz Künstler und Alfred Braun

14 Ebd. 

15 Ebd., Art und Grund der Verfolgung o. D. [1952]. 

16 Seger, Gerhart: Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, Karlsbad 1934, Nachdruck: Berlin 1979, S. 44. 

17 Ebd. 

18 Ebd., S. 23. 

19 Langer Lebenslauf, Personalfragebogen. 

20 Ebd. 

21 Kurzer Lebenslauf, Personalfragebogen. 

22 Lebenslauf 27.7.1952, Entschädigungsakte Drügemüller. 

23 BLHA, Rep. 203, MdI, PA 127. 

24 Ebd. 

25 Aktennotiz vom 20.11.1948, ebd. 

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Quellen:

  • Amtsgericht Charlottenburg, HRB-Akte 54.446 (Hawag).
  • AS, KZ-Liste OR, S. 21.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/8/2, Bl. 3/5.
  • BLHA, Rep. 203, MdI, PA 127.
  • Landesverwaltungsamt Berlin, Entschädigungsamt, Reg. Nr. 643 (Entschädigungsakte Drügemüller).
  • Die Angestelltenbewegung 1925 bis 1928. Geschichts- und Handbuch der Wirtschafts-, Sozial- und Gewerkschaftspolitik, hrsg. vom AfA-Bund, Berlin 1928.
  • Deutscher Baugewerksbund, Niederschriften über die Verhandlungen des Zweiten ordentlichen Bundestages vom 25. September bis zum 1. Oktober 1927 in Dresden im Trianonsaal sowie über die Verhandlungen der Verbandstage der Berufsverbände im August und September 1927, Hamburg 1928.
  • Deutscher Baugewerksbund, Niederschriften über die Verhandlungen des Dritten ordentlichen Bundestages (Vierter Bundestag) vom 28. September bis zum 3. Oktober 1930 in Frankfurt am Main im „Volksbildungsheim“ sowie über die Verhandlungen der Verbandstage der Berufsverbände im August und September 1930, Berlin 1931.
  • Dewog. Deutsche Wohnungsfürsorge Aktien-Gesellschaft für Beamte, Angestellte und Arbeiter, Geschäftsbericht 1932, Berlin o. J.
  • Ellinger, August: Zehn Jahre Bauhüttenbewegung. Eine kurze Geschichte des Verbandes sozialer Baubetriebe, hrsg. vom Verband sozialer Baubetriebe, Berlin 1930.
  • Handbuch des Preußischen Landtages 1925, S. 251.
  • Linneke, Richard: Fünf Jahre DEWOG-Arbeit, in: Wohnungswirtschaft, 6. Jg., 1929, S. 78.
  • Seger, Gerhart: Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, Karlsbad 1934, Nachdruck: Berlin 1979.
  • Schröder, Wilhelm-Heinz: Sozialdemokratische Parlamentarier in den Deutschen Land- und Reichstagen 1867-1933. Biographien – Chronik – Wahldokumentation. Ein Handbuch, Düsseldorf 1995, S. 417.
  • Schumacher, Martin (Hrsg.): M.d.L. Das Ende der Parlamente 1933 und die Abgeordneten der Landtage und Bürgerschaften der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung und Ausbürgerung 1933-1945. Ein biographischer Index, Düsseldorf 1995, S. 28f.
  • Soziale Bauwirtschaft, 11. Jg., 1931, Nr. 13, S. 207.
  • Verband sozialer Baubetriebe, Geschäftsbericht für das zwölfte Geschäftsjahr vom 1. Juli 1931 bis 30. Juni 1932, Berlin o. J.
  • Wohnungswirtschaft, 6. Jg., 1929, S. 78f.
  • Zehn Jahre Berliner Töpferhütte, Berlin o. J.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn eines Tischlermeisters

Ausbildung/Berufstätigkeit: Maurerausbildung

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1922: Erster Vorsitzender des Deutschen Baugewerksbundes für den Bezirk Berlin; Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wohnungsfürsorge Aktien-Gesellschaft für Beamte, Angestellte und Arbeiter (Dewog); Mitglied im Beirat des Verbandes sozialer Baubetriebe

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Sekretär der SPD für den Landkreis Beeskow-Storkow; Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Teltow-Beeskow

Politische Mandate/Aktivitäten: Bis 1933: Magistrat der Stadt Beeskow und Mitglied im Kreisausschuss sowie im Kreistag; 1921-25: Mitglied des Brandenburgischen Provinzial-Landtages; 1924-33: MdL in Preußen

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 6. Juni 1933: Amtsgerichts-Gefängnis in Königs Wusterhausen; 27. Juni 1933 - 11. November 1933: KZ Oranienburg (Häftlingsnummer 417); 11. November - 21. Dezember 1933: Amtsgerichts-Gefängnis in Königs Wusterhausen; 22. August 1944: Erneute, kurze Verhaftung

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 17. März 1946: Verwaltung des Landratsamtes Bernau; Leitung der SPD im Kreis Beeskow-Storkow

Erinnerungskultur/Ehrungen: keine

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