Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Events

Ravensbrück Memorial Museum

Was bedeutet Gedenken? Traditionen, Funktionen und Perspektiven kommemorativer Praktiken nach 1945

11. - 12. 2020

Öffentliches Gedenken ist zunächst einmal eine soziale, performative Praxis, eine Form zeremonialisierter Kommunikation über die Vergangenheit, die von einem dominanten Interesse an normativen Setzungen geleitet ist. Vergangenes wird mit der Kraft des Normativen versehen, um daraus Handlungsprämissen für Gegenwart und Zukunft abzuleiten.

Kommemorative Praktiken waren lange Zeit – und sind es zum Teil heute noch – eingebettet in ein semantisches Feld, das durch Begriffe wie Heilige Stätte, geweihte Erde, Opfer, Märtyrer, Wallfahrt, Prozession besetzt ist. Seit den napoleonischen Kriegen bis hin zu den beiden Weltkriegen, dem Völkermord an den europäischen Juden und den Massenmorden in den Konzentrationslagern, ist der gewaltsame Tod immer wieder mit Hilfe eines sakralisierenden Vokabulars und sakralisierender Praktiken thematisiert worden.

In den ersten Nachkriegsjahrzehnten waren die Gedenkveranstaltungen – nicht nur an Orten ehemaliger Konzentrationslager - stark durch Rückgriffe auf den nationalen Totenkult geprägt. Das Niederlegen von Kränzen, das Tragen und Senken von Fahnen, das gemeinsame Singen und Schweigen, die Verlesung von Namen der Toten oder auch die Translozierung von Asche und Erde und das Setzen von Gedenkzeichen sind kommemorative Praktiken von erstaunlicher Beharrungskraft. Gleichwohl lassen sich gegenwärtig - und möglichweise auch bedingt durch den Abschied der Zeitzeugengeneration - neue Formen öffentlichen Gedenkens beobachten: Engagierte soziale und politische Gruppen, die sich immer auch als Initiativen des Empowerment verstehen, nutzen zunehmend Gedenkstätten zur “Artikulation eigener kollektiver Gedächtnisimperative“ (H. Knoch) und suchen dem „autoritären Maßstab monumentaler Orte“ (J.E. Young) mit Hilfe neuer und kreativer Formensprachen des Gedenkens zu begegnen.

Das Colloquium wird sich in einem ersten Schritt mit den Traditionen kommemorativer Praktiken befassen: Inwieweit waren die Sprachen öffentlichen Totengedenkens durch Rückgriffe auf die christliche und jüdische Religion geprägt? Beide Religionen haben sich theologisch in der Geschichte verortet und sind als Religionen der Erinnerung beschrieben worden. Kann in Hinsicht auf Akte öffentlichen Gedenkens von einer Adaption liturgischer Formen gesprochen werden? Der nationale Totenkult umfasst immer auch die Ehrung von Toten als Helden und Kämpfer. Inwiefern sind für die Entwicklung des Heldenkultes kanonisierte Texte der Antikenrezeption bestimmend? Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang zentrale Begriffe wie der des Ruhmes und der der Mahnung?

Eine zweite Frage richtet sich an Funktionen öffentlichen Gedenkens. Nach George L. Mosse geht es in Akten öffentlichen Gedenken stets darum, „eine an sich unerträgliche Vergangenheit erträglich zu machen“. Öffentliches Gedenken an Orten ehemaliger Konzentrationslager thematisiert die deutsche Verbrechensgeschichte auf eine Weise, die Anschlusshandlungen ermöglichen soll. Aber basieren Akte öffentlichen Gedenkens nicht immer auch auf Ausschlussprinzipien? Was in den Rang einer öffentlichen Erinnerung gehoben wird, sei stets, so A. Assmann, „von den Rändern des Vergessens profiliert“.

Krieg der Erinnerung, Umkämpfte Vergangenheit, Gedächtnistheater, Das umstrittene Gedächtnis, Zweierlei Erinnerung, Gedenken im Zwiespalt – so und ähnlich lauten die Titel von Studien vergangener Jahre, die sich mit Erinnerungskulturen im weitesten Sinn befassen. Auch KZ-Gedenkstätten repräsentieren heute nicht nur eine Erinnerung, sondern sind „Kristallisationspunkte“ (V. Knigge) zahlreicher, durchaus divergierender Narrative. Dieser Umstand steht in einem spannungsreichen Verhältnis zu der Tatsache, dass kommemorative Praktiken gewissermaßen monologisch strukturiert sind und in der Regel nur auf die ‚eigenen‘ Toten fokussieren. Dass es hier – wie jüngst in Ravensbrück -  zu spannungsgeladenen Begegnungen zwischen neonational orientierten Gruppen unter den polnischen Besuchern einerseits und der deutschen Antifa andererseits kommen kann, ist bekannt.

Diskutiert werden soll daher abschließend die Frage, welche Bedeutungen Akte öffentlichen Gedenkens heute transportieren. Sind kommemorative Praktiken heute vermehrt durch identitäts- oder auch symbolpolitische Interessenslagen geprägt als dies in den vergangenen Jahrzehnten der Fall war? Welche Möglichkeiten haben Gedenkstätten als Orte selbstkritischer Verständigung über Geschichte, den holzschnitthaften Narrativen des Gedenkens zu begegnen?

Venue

Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Contact

Contactsperson: Nils Weigt

Back to list