Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

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Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

45/2022: „Säuglinge und Kinder existierten für die Lagerleitung nicht“ - Gedenkstätte und Opferverband erinnern an die Einrichtung des sowjetischen Speziallagers in Sachsenhausen vor 77 Jahren

28. August 2022

Nr.: 45/2022

In der Gedenkstätte Sachsenhausen erinnerten die Gedenkstätte und die Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 e.V. am heutigen Vormittag mit einer Gedenkveranstaltung mit anschließender Kranzniederlegung an die Einrichtung des sowjetischen Speziallagers in Sachsenhausen vor 77 Jahren. Brandenburgs Kulturstaatssekretär Tobis Dünow, die SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag, Evelyn Zupke, Barbara Kirchner-Roger, die im Speziallager zur Welt kam, Stiftungsdirektor Axel Drecoll und der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Joachim Krüger, sprachen zu den rund 100 Anwesenden, unter ihnen ehemalige Häftlinge des Speziallagers und Angehörige.

Bereits am gestrigen Samstag hatte die Gedenkstätte im Rahmen eines Podiumsgesprächs ein Online-Totenbuch vorgestellt, in dem die Namen und Lebensdaten der 11.889 Menschen im Internet recherchiert werden können, die im sowjetischen Speziallager Nr. 7 (später Nr. 1) in Weesow und Sachsenhausen zwischen 1945 und 1950 an Hunger und Krankheiten verstorben sind.

Bei der Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof am ehemaligen Kommandantenhof sagte Kulturstaatssekretär Tobias Dünow: „Je weiter zeitlich entfernt die Geschichte der stalinistischen Speziallager ist, desto wichtiger wird die Weitergabe des Wissens um diesen Ort, an dem der Tod ständiger Begleiter des Lageralltags war. Ich danke der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945 – 1950, dass sie an die Einrichtung des Lagers erinnern. Die Geschichte dieser Speziallager zeigt eindrücklich, was passiert, wenn Menschen Gerichtsverfahren, gerechte Urteile und menschenwürdige Haftbedingungen verweigert werden. Wenn wir eines aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gelernt haben – dann dies: Wie wichtig historische Wahrhaftigkeit und wie schändlich Geschichtsklitterung ist. Und dass die Achtung der Menschenwürde, die Umsetzung der Menschenrechte und die Wahrung des Friedens unverzichtbare Grundlage einer freien und offenen Gesellschaft sind.“

Die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke sagte: „Am heutigen Tag gedenken wir der Opfer des sowjetischen Speziallagers in Sachsenhausen. Wir denken aber auch an all die Familien, Verwandte und Freunde, die geliebte Menschen hier in Sachsenhausen verloren haben. Sie leben bis heute mit diesem schmerzlichen Verlust. Die Opfer des Speziallagers Sachsenhausen und ihre Angehörigen - wir vergessen sie nicht! Ein Besuch hier in Sachsenhausen, im ehemaligen sowjetischen Speziallager, führt uns einen blinden Fleck in unserem Geschichtsbewusstsein vor Augen. Unser Blick auf die Vergangenheit ist meist geprägt vom zweiten Weltkrieg, vom Nationalsozialismus und schließlich von der DDR. Die Zwischenzeit nach Ende des Weltkriegs und Gründung der DDR bleibt meist im Dunkeln. Doch diese Zeit zwischen 1945 und 1949, die Zeit der sowjetischen Besatzungszone, ist mehr als eine Art Nachbeben des zweiten Weltkrieges. Diese Zeit zu verstehen ist wichtig. Die Auseinandersetzung mit der SBZ kann wie ein Schlüssel zum Verständnis von Jahrzehnten Diktatur im Osten Deutschlands sein. Die Einschüchterung einer ganzen Gesellschaft - die Angst als Kitt der Diktatur. Sie fand in dieser Zeit ihren Anfang."

Barbara Kirchner-Roger schilderte in eindringlichen Worten die Situation der über 100 Säuglinge und Kinder in den Speziallagern: „Wir Kinder existierten für die Lagerleitung nicht, da wir nicht registriert wurden. Und wer nicht existierte, der bekam keine Kleidung, Schuhe, Windeln und vor allem keine Nahrung. Um sie am Leben zu erhalten, mussten die Mütter die Säuglinge von ihrer eigenen Hungerration, Brot und Grützesuppe, miternähren. Milch zum Stillen hatte bei der Unterernährung kaum eine Mutter. Windeln und Kinderkleidung fertigten sie aus der gewaschenen Kleidung Verstorbener und aus Zuckersäcken an. Die Lebensbedingungen der Kinder waren so, dass viele starben, ebenso wie ihre Mütter. Aber die Solidarität unter den Frauen war so groß, dass oft eine Mutter, deren Kind gestorben war, das Kind einer Verstorbenen zu sich nahm und versuchte, es am Leben zu erhalten.“

Stiftungsdirektor Axel Drecoll erklärte: „Wir sind dankbar, dass das Totenbuch des sowjetischen Speziallagers dank der Unterstützung durch die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur seit gestern auch im Internet verfügbar ist. Es ist ein wichtiger Baustein bei der Auseinandersetzung mit den Folgen der NS-Diktatur sowie den Auswirkungen der sowjetischen Besatzungs- und Repressionspraxis. Ungeachtet der Frage nach Schuld und Verantwortung gilt es, den unter unmenschlichen Bedingungen umgekommenen und anonym in Massengräbern verscharrten Menschen ihren Namen wiederzugeben. Seit der Veröffentlichung des gedruckten Totenbuchs 2010 ist kein einziger Verstorbener bekannt geworden, dessen Name im Totenbuch fehlt. Damit hat sich die seinerzeit mit großer Sorgfalt ermittelte Gesamtzahl der Toten des Speziallagers als gesichert erwiesen. Wir hoffen, dass das neue Internet-Angebot zu einer vertieften Beschäftigung mit der Geschichte des Speziallagers beitragen möge.“

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Joachim Krüger ergänzte: „Die Mitglieder der AG Lager Sachsenhausen 1945-1950 e.V. sind sehr zufrieden, dass wir nach längerer Corona-Zwangspause in diesem Jahr in Präsenz unsere Mitgliederversammlung, den Info-Nachmittag über die Digitalisierung des Totenbuchs und die Kranzniederlegung im Gedenken an die Toten des Speziallagers Sachsenhausen gemeinsam mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten durchführen können.“

Im Zuge der Verlegung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 von Weesow (bei Werneuchen) kamen am Abend des 16. August 1945 mehr als 5.000 von der Haft geschwächte Häftlinge nach einem Fußmarsch von rund 40 Kilometern in den Baracken des ehemaligen KZ Sachsenhausen an. Der Jahrestag der Ankunft der ersten Inhaftierten in Sachsenhausen wird von den ehemaligen Häftlingen und ihren Angehörigen seit Anfang der 1990er Jahre als Gedenktag für die Opfer des Speziallagers begangen.

Die sowjetische Besatzungsmacht errichtete in ihrer Zone zehn Speziallager, die sowohl Instrumente der Entnazifizierung als auch der stalinistischen Herrschaftssicherung waren. In den Speziallagern Weesow und Sachsenhausen waren bis zur Auflösung des Lagers im Frühjahr 1950 rund 60.000 Menschen inhaftiert, von denen rund 12.000 an Hunger und Krankheiten starben. Im Lager waren vorwiegend untere Funktionäre des NS-Regimes, aber auch Mitarbeiter aus Verwaltung, Polizei, Justiz und Wirtschaft sowie SS-Personal aus den Konzentrationslagern inhaftiert. Unter den Häftlingen befanden sich außerdem politisch Missliebige und willkürlich Verhaftete sowie von sowjetischen Militärtribunalen Verurteilte - Männer und Frauen, Alte und Junge, NS-Belastete und Unbelastete.
 

Information und Online-Totenbuch: www.sachsenhausen-sbg.de


Das Online-Totenbuch wurde mit Mitteln der Bundestiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und von der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur gefördert.

 

Verantwortlich:
Dr. Horst Seferens | Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit | Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
16515 Oranienburg | Heinrich-Grüber-Platz | T +49 3301 810920 | F +49 3301 810926
seferens@stiftung-bg.de | www.stiftung-sbg.de

 

Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

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